26.05.1975

USAAm Boden

Amerikas gedemütigter Kissinger richtete harte Worte an Moskau -- und führte dennoch mit Moskaus Gromyko „herzliche Gespräche.
Es war ein Festival der Gefühle. Als
ihm auf deutschem Boden eine amerikanische Ehrengarde in Blau die Nationalhymne seiner zweiten Heimat spielte, zeigte Henry Kissinger deutliche Zeichen von Rührung.
Dann wiederum rührte, vor dem West-Berliner Abgeordnetenhaus, der amerikanische Außenminister seine Landsleute von einst: "Wir sind sicher, daß Berlin nicht nur als eine große Stadt, sondern als ein bedeutsames Symbol für den Freiheitskampf der Menschheit in die Geschichte eingehen wird" -- mit verbalem Übereinsatz versuchte Amerikas Regierung, den Scherbenhaufen ihrer Außenpolitik abzutragen.
Eine gründliche und realistische Bestandsaufnahme hatten weitsichtige Amerikaner der Regierung nach dem Debakel in Indochina angeraten. Doch der fielen nur Drohungen und Treueschwüre ein.
"Es besteht hier beträchtliche Übereinstimmung", erläuterte ein hoher Regierungsbeamter Kissingers Programm, "daß es gar nicht schlecht wäre, wenn die andere Seite bei dem Versuch, uns mit Füßen zu treten, während wir am Boden liegen, einen oder zwei Schritte zu weit ginge. Dann hätten wir eine Gelegenheit zurückzutreten -- und zwar heftig."
Die erste Gelegenheit zurückzutreten kam, als kambodschanische Kanonenboote den US-Frachter "Mayaguez" aufbrachten (siehe Seite 110). Während das Pentagon gerade soviel Gegenmaßnahmen empfahl, wie für den Fall angemessen schien, bestand Kissinger darauf, die USA müßten aus politischen Gründen mehr Macht entfalten. als militärisch erforderlich war.
Nicht zuletzt mit Blick auf Kissingers bevorstehende Gespräche mit Moskaus Gromyko, so schien es, hatte Amerika im Falle "Mayaguez" so hart zugeschlagen: Kissinger gab sich enttäuscht von der Unfähigkeit oder Unwilligkeit der Sowjets, ihre Verbündeten -- seien es nun Rote Khmer, Nordvietnamesen oder portugiesische Kommunisten -- zu kontrollieren. Es sei "eine schwere Hypothek für die Entspannung", wenn Moskau die amerikanischen Schwächen ausnutze.
Aber Moskau hatte gar keine Anzeichen dafür gegeben, daß es die Entspannung auf diese Weise zu gefährden dächte, sondern Washington während des ganzen Indochina-Debakels sogar fast demonstrativ geschont.
So blieb denn der Verdacht, daß Kissingers harte Worte gar nicht an Moskau gerichtet, sondern für den Hausgebrauch bestimmt waren -- zur Besänftigung der US-Rechten, die Gerald Ford, zumindest bis zur "Mayaguez"-Krise, für zu nachgiebig hielten.
Als Kissinger dann Anfang voriger Woche in Wien den Sowjet-Kollegen Gromyko zum ersten Gespräch seit dem Fall von Kambodscha und Vietnam traf, stellte sich sogleich heraus, daß Moskau offenkundig nach wie vor entschlossen ist, den "Détente genannten Prozeß" (Kissinger) fortzusetzen: li, der kontroversen Frage, wie bei den Gesprächen über die strategische Abrüstung (Salt) einzelne Raketen zu zählen seien, zeichnete sich ein Kompromiß ab. Und, wichtiger noch, die Sowjets waren damit einverstanden, die von ihnen geforderte Fortsetzung der Genfer Nahost-Konferenz noch einmal zu vertagen -- bis zum Abschluß der Verhandlungen, die Gerald Ford nächsten Monat mit Ägyptens Sadat in Salzburg und mit Israels Rabin in Washington führen wird. Kissinger zufrieden: "Die Gespräche waren konstruktiv und verliefen in einer herzlichen und freundlichen Atmosphäre."
Dann jettete er weiter nach Bonn (siehe Seite 21) und Berlin, um dort eine Sicherheit zu bekräftigen, die niemand in Frage gestellt hatte.
Diese Woche bereits kommt Kissinger wieder nach Europa, zusammen mit seinem Chef. Die Idee, einen Nato-Gipfel abzuhalten, stammte aus London. Inzwischen aber, so urteilten Nato-Diplomaten, brauchen Ford und Kissinger das Treffen -- weniger, um die unsicheren Bündnis-Mitglieder Türkei, Griechenland und Portugal wieder einzufangen, sondern abermals für den Hausgebrauch.

DER SPIEGEL 22/1975
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