26.05.1975

„An Krieg glaubt man erst, wenn Bomben fallen“

SPIEGEL: Herr Minister, Sie sagten unlängst, in den 199 Jahren seiner Geschichte habe Amerika niemals einen Freund fallenlassen. Glauben Sie das noch immer nach dem Desaster in Indochina?
PERES: Ja, ich habe meine Meinung nicht geändert. Vergessen Sie nicht: Die Amerikaner verloren in Vietnam 56 000 Soldaten, setzten 140 Milliarden Dollar ein, aber mangelnde einheimische Einsatzbereitschaft kann selbst von einer Supermacht nicht ersetzt werden.
SPIEGEL: Jerusalem ist nicht Saigon -- das wollen Sie sagen?
PERES: Ja. Wenn die amerikanische Hilfe und die südvietnamesische Kraft so übereingestimmt hätten wie der russisch-nordvietnamesische Cocktail, dann hätte Südvietnam wahrscheinlich überlebt. Eine Supermacht kann einem anderen Staat nur helfen, aber nicht sein nationales Bewußtsein, seinen fehlenden Charakter und fehlende Entschlossenheit ersetzen.
SPIEGEL: Gut. Die Israelis sind bereit zu kämpfen, große Teile des südvietnamesischen Volkes waren es nicht. Dennoch: Seit einigen Wochen erhält Israel aus den USA weder Waffen- noch Finanzhilfe. Zwischen beiden Staaten hat sich etwas geändert, das ist wohl unbestreitbar.
PERES: Aber es ist nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal sein. Wir leben in einer Welt verschachtelter Beziehungen und nicht starrer Tatsachen. Für eine selbstbewußte Nation werden von Zeit zu Zeit Auseinandersetzungen mit der Supermacht unvermeidbar. Ich bin aber überzeugt, unsere Beziehungen zu Amerika werden bald wieder repariert sein, trotz der gegenwärtigen Schwierigkeiten und vielleicht sogar Krise.
SPIEGEL: Ist die These noch zutreffend, ein starkes Israel entspräche auch amerikanischen Interessen. oder bereitet der jüdische Staat den Amerikanern inzwischen mehr Kopfschmerzen als den Russen?
PERES: Sogar in der besten Ehe gibt es neben Liebe manchmal Krach. Wir bereiten den Amerikanern sicher manche Kopfschmerzen und sie uns ebenfalls. Das ist unvermeidbar. Aber was bedeutet eigentlich ein starkes Israel?
SPIEGEL: Ja. was bedeutet es?
PERES: Es bedeutet nicht lediglich soundso viele Tanks, Flugzeuge oder Raketen. Israels Stärke wird nicht weniger von Selbstvertrauen und Festigkeit der Nation geprägt. Vier Faktoren determinieren staatliche Standfestigkeit: erstens der nationale Wille und Charakter des Volkes; zweitens die Größe des Territoriums sowie die Möglichkeit, es zu verteidigen; drittens für den Fall eines Krieges eine schlagkräftige Armee; viertens die Bedrohung durch eine Supermacht muß von einer anderen Supermacht neutralisiert werden. Wenn man wirklich unabhängig bleiben will und hat die Sowjet-Union als Gegner. aber keinen gleich starken Alliierten, dann ist man in einer sehr brenzligen Lage -- denken Sie zum Beispiel an Finnland.
SPIEGEL: Um bestehen zu können. sind aber manchmal alle vier Voraussetzungen erforderlich.
PERES: Gewiß, und das kann zu Unstimmigkeiten mit Freunden führen. aber, wie es ein ehemaliger USA-Botschafter in Jerusalem sagte: "Israel ist vielleicht das kleinste Pferd in unserem Stall, trabt aber zuversichtlich auf allen vier Beinen."
SPIEGEL: Das Bild mit dem Pferd ist gut, aber Supermächte denken doch realpolitisch. Ist nicht vorstellbar, daß Israels Existenz den Russen inzwischen mehr nützt als den Amerikanern. denn nur deshalb konnte doch Moskau im arabischen Raum Fuß fassen.
PERES: Ich wünschte, daß die Supermächte sich ausschließlich von realpolitischen Überlegungen leiten ließen. Aber ich bezweifle es. Denn welche realpolitischen Ziele konnten die Russen nach Ägypten locken? Sie investierten dort zehn oder sogar zwölf Milliarden Dollar. Und was haben sie davon? Man kann wirklich schwer behaupten, daß Ägypten der Sowjet-Union besonders freundschaftlich gesinnt wäre. Es hat keine kommunistische Partei zugelassen und seinen Flirt mit Amerika nie gestoppt. Ganz im Gegenteil.
SPIEGEL: Warum, glauben Sie, schickt aber Amerika jetzt auch den Jordaniern Waffen, obwohl es seine Nahost-Politik zur Zeit grundsätzlich überprüft?
PERES: Ich glaube, die USA möchten Israel mit ihren Möglichkeiten beeindrucken.
"Manchmal mußten wir uns Amerika fügen."
SPIEGEL: Wird es ihnen gelingen?
PERES: In den 27 Jahren seiner staatlichen Existenz erlebte Israel Gipfel amerikanischer Freundschaft, aber auch Mißklänge. Unmittelbar vor der Staatsgründung warnte uns der damalige Außenminister Marshall. Israels Unabhängigkeit zu erklären. Es war sogar eine sehr ernste Warnung. Wir hörten nicht auf ihn, und Präsident Truman sah sich als erster Staatschef veranlaßt, uns anzuerkennen. Später wollte Dulles Jordanien einen Korridor zum Meer durch Israels Negev-Wüste einrichten. Wir sagten nein, und so blieb es. Dann kam Rogers mit seinem Plan. und wieder sagten wir nein.
SPIEGEL: In allen Fällen haben Sie also den Amerikanern Ihre Meinung aufgezwungen?
PERES: Nein, das stimmt nicht. Amerika hat nicht immer unsere Ansichten akzeptiert, sondern manchmal mußten wir uns fügen.
SPIEGEL: Zum Beispiel nach dem Suez-Krieg von 1956, als Sie den eroberten Sinai an Ägypten zurückgeben mußten.
PERES: Genau. Oder auch 1970, als wir mehr oder weniger die Uno-Resolution 242 als Verhandlungsbasis hinnahmen. Zwischenstaatliche Beziehungen sind nie einfach,
SPIEGEL: Aber jetzt gehen die Amerikaner doch sogar so weit, Jordanien Hawk-Raketen und auch Saudi-Arabien Waffen zu liefern. Das militärische Gleichgewicht könnte sich dadurch zu Israels Ungunsten verändern. Sorgt Sie das nicht besonders?
PERES: Wir machen uns sehr ernste Sorgen. Das ist wahr. Aber schauen Sie zurück: Schließlich startete Israel in einer hoffnungslosen Situation. Wir standen in einem Krieg, bevor wir eine Armee besaßen, Dennoch behaupteten wir uns. Von dem Gleichgewicht der Kräfte, von dem wir heute sprechen, konnte damals keine Rede sein.
SPIEGEL: Wie war es denn im Oktoberkrieg von 1973? Warum stimmte Israel damals eigentlich der von Washington verlangten Feuereinstellung zu, obschon der Kriegsverlauf sich zu seinen Gunsten gewendet hatte. Da unterwarfen Sie sieh doch amerikanischem Druck?
PERES: Unsere Politik war es nicht. eine Waffenruhe zu suchen, aber eine Einstellung der Feindseligkeiten zu akzeptieren, denn irgendwie mußte der Krieg ja beendet werden. Außerdem hofften wir damals, daß eine Befriedigung möglich sein würde. Kossygin flog nach Ägypten und fand die Lage alarmierend, die Syrer waren in schrecklicher Verfassung. Schließlich gab es etwas, ich würde nicht direkt Druck sagen, aber etwas, was einem Druck der Amerikaner und Russen sehr nahe kam, den Krieg zu beenden.
SPIEGEL: Die amerikanische Luftbrücke begann damals sehr spät. War es, weil Verteidigungsminister Schlesingen zögerte oder weil Kissingens Ansieht galt, ein geschwächtes Israel erhöhe die Friedenschancen? Bekräftigt Kissingers jetzige Haltung gegenüber Israel nicht die letzte Vermutung?
PERES: Ich möchte kein Geschichtsurteil fällen. Das ist nicht meine Aufgabe, ich habe sowieso genug Sorgen in der Gegenwart. Folgendes aber möchte ich sagen: Die Amerikaner und auch Kissinger haben uns geholfen. Es ist mein Eindruck, daß Amerika nur eine Politik verfolgt und nicht zwei verschiedene Kurse.
SPIEGEL: Und diese Politik war, Israel erst so spät entscheidend zu unterstützen?
PERES: Dazu möchte ich nichts mehr sagen.
SPIEGEL: Damals herrschte der Eindruck, daß Israel den Gegner unterschätzt hatte, was nach drei gewonnenen Waffengängen vielleicht verständlich war. Gab es in Israel so etwas wie die Arroganz der Macht?
PERES: Man kann das auch anders sehen. Alle demokratischen Staaten einschließlich Israel, haben eine Art psychologischer Sperre: Bevor nicht Bomben fallen, glauben die Völker an keinen Krieg. Meiner Meinung nach hatten wir zumindest ein bis zwei Tage vor Kriegsbeginn genügend Hinweise auf die drohende Gefahr. Aber irgendwie wollte es niemand wahrhaben.
SPIEGEL: Und die Abwehrberichte?
PERES: Abwehrberichte -- damit enthülle ich kein großes Geheimnis -- sind nie völlig eindeutig, sondern können unterschiedlich interpretiert werden. Aber selbst wenn ausreichend Warnberichte vorlägen. und ich zum Beispiel würde die Nation. das Parlament informieren, gäbe es sicher andere. die protestieren würden. ich sei ein Pessimist, ein Kriegstreiber, ein nervöser Kerl.
SPIEGEL: Im Endstadium der Kampfhandlungen hielt Israel einen großen Brückenkopf westlich des Suezkanals in Afrika, und es schien, daß seine Truppen nach Kairo vorstoßen könnten. Ägyptens Präsident Sadat hingegen behauptet, die Israelis auf dem Kanal-Westufer hätten sich in einer ähnlich prekären Lage befunden wie die eingekesselte ägyptische 3. Armee auf dem Ostufer. Wie war es?
PERES: Einen Moment bitte (holt ein Dokument aus den Nebenraum). Hier habe ich eine Rede, in der Sadat ein Telegramm erwähnt, das er am 19. Oktober 1973, also fünf Tage vor Kriegsende, an Syriens Assad gerichtet hatte. Sadat sagte: "Ich kabelte Präsident Assad, um ihn zu informieren, daß ich nicht die historische Verantwortung für die Zerstörung des ägyptischen Volkes und die Liquidierung seiner Streitkräfte tragen wolle. Deshalb habe ich einem Waffenstillstand zugestimmt." Man sollte wohl eher dieser Mitteilung Glauben schenken als späteren Äußerungen Sadats.
SPIEGEL: Hätten Sie im Jom-Kippur-Krieg anders gehandelt als der damalige Verteidigungsminister Dajan?
PERES: Ich kann nur sagen. daß ich meinen Vorgänger damals bewunderte und nicht beneidete und meine Meinung seither nicht geändert habe.
SPIEGEL: Inzwischen hat Israel Kissingers Vorschlag für einen weiteren Truppenrückzug abgelehnt -- woran selbst Ex-Außenminister Eban Kritik übte. Stimmt seine Behauptung nicht, ein ungünstiges Arrangement mit Ägypten sei besser als eine Krise mit Washington? Jetzt kommt es vielleicht über die Genfer Nahost-Konferenz zu einem Friedensdiktat der Supermächte.
PERES: In diesem Punkt würde ich Eban zustimmen, doch standen wir nach meiner Ansicht nicht vor dieser Wahl. Was uns erwartete, war ein schlechtes Abkommen mit Ägypten und eine Krise mit Amerika. Vor die Alternative gestellt, eine Krise mit schlechtem Abkommen zu wählen oder eine Krise ohne schlechtes Abkommen. entscheide ich mich für letztere Lösung. Denn auch dem schlechten Abkommen wäre später eine Krise gefolgt. So laßt uns erst die Krise durchstehen und dann ein Abkommen erzielen.
SPIEGEL: Trifft es zu. daß Sie während der Schritt-für-Schritt-Verhandlungen mehrmals mit Rücktritt drohten, falls die israelische Regierung Kissingers Forderungen nach verstärkter Flexibilität nachgeben würde?
PERES: Ich kann auf Details der Gespräche nicht eingehen. Im letzten Stadium herrschte jedenfalls Übereinstimmung im israelischen Verhandlungsteam Offensichtlich empfand Kissinger. daß die Verhandlungen an unserer Starrköpfigkeit gescheitert seien, an unserer Weigerung. die Bergpässe im Sinai zu räumen. Wir bestreiten das. Unter gewissen Umständen. das heißt bei einem ägyptischen Verzicht auf den Kriegszustand. hätten wir diese Bergpässe aufgegeben. Aber die Ägypter waren intransigent und boten völlig unbefriedigende Alternativen. "Erdöl wird kein Hindernis für den Frieden sein."
SPIEGEL: Verstehen Sie nicht, daß Ägypten den Kriegszustand nicht annullieren will, solange ein Teil seines Gebiets noch vom Feind besetzt bleibt?
PERES: Nein, das verstehe ich nicht. Eine Verteidigungslinie, die viel Geld kostet, kann nicht jeden Sonntag oder Montag verschoben werden. Und weiter verstehe ich die Ägypter nicht, denn sie müßten sich erinnern, daß wir den Sinai schon zweimal geräumt haben: 1948 befahl Ben-Gurion. das El-Arisch-Gebiet zu evakuieren, und 1957 zogen wir uns aus der gesamten Halbinsel zurück. nur gegen die Zusage einer freien Schiffahrt durch die Meerespassage von Tiran. Doch das Versprechen wurde gebrochen. Wir wollen keinen dritten Rückzug aus dem Sinai. unter Umständen, die uns zu einer vierten Rückkehr in den Sinai zwingen könnte.
SPIEGEL: Neben den Sinai-Pässen waren Sie auch bereit, die Erdölfelder bei Abu Rhodeis zu räumen. Läßt Israels Erdölversorgung das zu?
PERES: Wir sind nicht in den Krieg gezogen, um Abu Rhodeis zu erobern. Das war ein Bonus. Erdöl wird kein Hindernis für den Frieden sein.
SPIEGEL: Sie beziehen viel Öl aus dem Iran und haben wenig Reserven im eigenen Lande. Wie lange kämen Sie ohne Lieferungen des Schahs aus?
PERES: Sicher muß Israel einen großen Teil seines Öls importieren. dabei spielt keine Rolle, aus welchen Ländern. Anderen Staaten geht es schließlich genauso.
SPIEGEL: Im Jom-Kippur-Krieg wurde Erdöl erstmals ein politisch-militärisches Instrument, das zugleich die Haltung der Weltöffentlichkeit in der Israel-Frage beeinflußte
PERES: Vielleicht werden wir jetzt von der westlichen Presse weniger als früher gelobt. Ich hoffe, Sie betrachten meine Überzeugung nicht als Beleidigung, daß ein Staat nicht in Leitartikeln, sondern in Geschichtsbüchern beurteilt wird. Wir sind kein Handelshaus, das sich jeden Morgen Sorge macht, ob seine Seife verkauft wird oder nicht.
SPIEGEL: In einer Zeit, da hochgezüchtete Raketen jedes Ziel in Israel treffen können, erscheinen aber Gebiete doch von fragwürdigem Wert.
PERES: Mittelstreckenraketen, die eine Reichweite von 100 oder 200 Kilometern haben, befinden sich in Händen von Regierungen, die sehr militaristisch denken. Natürlich würde ich gern Israels wichtigste Bevölkerungszentren durch dazwischenliegende Gebiete gegen solche Raketen abschirmen. Noch akuter ist die Gefahr bei Raketen wie der sowjetischen Strela, mit der man aus fünf Kilometer Entfernung ein Flugzeug abschießen kann. Deshalb möchte ich keine Grenzen, die etwa nur wenige Kilometer von unserem Flughafen in Lod entfernt verlaufen. Jeder einzelne Terrorist könnte dort landende Flugzeuge herunterholen.
SPIEGEL: Die Erdöl-Milliarden und die sowjetische wie auch westliche Bereitschaft, Waffen zu liefern, ermöglichen den arabischen Staaten eine fast unbegrenzte Aufrüstung. Kann Israel da mithalten und langfristig das von Ihnen als akzeptabel betrachtete 1:3-Verhältnis bei der Rüstung wahren?
PERES: Meine Antwort ist ja. Und wenn ich an die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre denke, bin ich noch optimistischer. Denn für mich ist militärische Stärke kein abstrakter Begriff. Es gibt einen Zusammenhang zwischen nationalem und militärischem Fortschritt. Ich glaube, daß die militärischen Absichten der Araber parallel zu ihrer Entwicklung nachlassen werden. "Die Geschichte ist ein Friedhof einst mächtiger Nationen."
SPIEGEL: Von den europäischen Staaten etwa des 19. Jahrhunderts konnte man das nicht sagen: Sie waren hochentwickelt und trotzdem hoch aggressiv.
PERES: Dennoch -- das Gefälle zwischen der militärischen Macht und sozialer Struktur ist im Nahen Osten evident. Viele arabische Länder haben gegenwärtig an Stelle von Regierungen nur Armee-Hauptquartiere. Die Streitkräfte sind der am weitesten entwickelte Teil der Nation.
SPIEGEL: Friedrich den Großen zitierend. meinten Sie einmal: "In der arabischen Welt haben nicht die Staaten Armeen. sondern haben die Armeen Staaten"* Für Ägypten trifft das sicher nicht zu.
PERES: Jedenfalls ist das zu überwinden. Und das läßt mich hoffen. In der heutigen Welt zeigen die mächtig-
* Das Ursprungszitat ist eine Äußerung Mirabeaus über das friderizianische Preußen.
sten Staaten die geringste Kriegslust. Hingegen sind die schwächsten Nationen zugleich die kriegerischsten. Denken Sie zum Beispiel an den fast allmächtigen, doch wohl eher friedfertigen Breschnew und den superschwachen, aber um so aggressiveren Idi Amin. Oder vergleichen Sie Präsident Ford mit Libyens Staatschef Gaddafi.
SPIEGEL: Aber im Gegensatz zu Amin besitzt Gaddafi Erdöl, ergo Geld.
PERES: Doch Geld ist nicht alles. Die Geschichte ist ein Friedhof von Nationen, die mächtig waren und die Zeit auf ihrer Seite wähnten. Was blieb von den Weltreichen der Griechen und Römer, Engländer und Franzosen? Sie hatten alles und gingen dennoch unter.
SPIEGEL: Lange galt die These die Zeit arbeite für Israel, der jüdische Staat baue seinen technologischen Vorsprung schneller aus, als die Araber ihn aufholen könnten. Hat der letzte Krieg diese Überzeugung nicht widerlegt?
PERES: Wohl nicht. Wir haben eine objektive, unabhängige militärische Institution mit einer Untersuchung dieses Themas beauftragt .
SPIEGEL: Und zwar?
PERES: Das möchte ich nicht sagen, doch ist sie weder jüdisch noch israelisch. Nach sorgfältiger Überprüfung der Kampfhandlungen im Oktober-Krieg gelangte sie zu verblüffenden Ergebnissen. In den Luftkämpfen war das Verlustverhältnis zwischen Israelis und Arabern 1:80. in den Panzerschlachten 1:5.
SPIEGEL: Also weiterhin die technologische Kluft?
PERES: Keineswegs. Die Araber verfügten über gleichwertige Waffen. Entscheidend scheinen mir Motivation, Ausbildung, Verstand und Hingabe. Ich hoffe wahrlich, daß auch die Araber diese Fähigkeiten erwerben. Und warum sollten sie das nicht? Wenn sie das erreichen, werden sie denkende Soldaten in einer denkenden Nation, das heißt gegen den Krieg sein. Das ist meine Überzeugung.
SPIEGEL: Aber 1973 waren die Araber doch schon viel besser als 1967.
PERES: Ich weiß nicht recht. Ihre Leistung war in zwei Punkten bemerkenswert. Erstens überraschten sie uns, und zweitens hatten wir ihre neuen Techniken nicht genügend beachtet. Das ist korrigierbar, und wir werden es korrigieren.
SPIEGEL: Die Araber können es sich leisten, einen oder mehrere Kriege zu verlieren, Israel aber nicht.
PERES: Damit erwähnen Sie eine wesentliche Differenz zwischen Israelis und Arabern. Israel ist sehr über die Opfer des Krieges betroffen, weniger über seine Ergebnisse. Die Araber hingegen werden weniger durch ihre Verluste getroffen, dafür sind sie mehr am Resultat des Krieges interessiert.
SPIEGEL: Wie will der israelische Kleinstaat wirtschaftliches Wachstum, sozialen Fortschritt und Stabilität ansteuern, wenn seine Männer weiterhin einen dreijährigen Militärdienst absolvieren und jährlich bis zu 60 Tage in der Reserve dienen, das heißt sieben bis acht Jahre ihres Lebens in Uniform verbringen?
PERES: Und was passiert in Ländern, die keine Kriege führen? Haben die Reserven, sind die wirtschaftlich besser dran? Wenn ich die Wahl hätte, würde ich vielleicht vorziehen. daß die Leute sieben oder acht Jahre als Hippies statt als Soldaten verleben. Leider gibt es keine solche Alternative.
SPIEGEL: Neue Perspektiven eröffnet vielleicht die bevorstehende Wiederinbetriebnahme des Suezkanals. Sehen Sh. darin Sadats Wunsch manifestiert, mit Israel (loch zu einem Modus vivendi zu gelangen?
PERES: Zweifellos ist die Kanalöffnung ein gutes Omen, in erster Linie für Ägypten selbst. Doch ein Staatschef wie Sadat wahrt sich zwei Optionen: Er kann sich auf die wirklichen Probleme Ägyptens konzentrieren, die nichts mit Israel zu tun haben. Er kann aber auch vorrangig jene arabische Tradition pflegen, die Kriegstreiberei gegen Israel heißt. Auf jeden Fall ist Sadat für uns kein unbeschriebenes Blatt. Er hat schon einen Krieg gegen Israel begonnen und könnte es wieder tun.
SPIEGEL: Will Israel nach der Kanalöffnung seinerseits durch eine Geste zur Entspannung beitragen?
PERES: Israel hat schon betont, daß es die freie Schiffahrt auf diesem Wasserweg unter keinen Umständen behindern wird. Ich glaube außerdem, daß zur Zeit der Kanalöffnung erneute Bemühungen um ein Teilabkommen einsetzen werden, bei denen Israel seine friedlichen Absichten beweisen wird. "Unsere Weltanschauung bleibt eine Philosophie des Friedens."
SPIEGEL: Wie aber würde Israel reagieren. falls Ägypten seine Truppen auf dem Ostufer des Suezkanals verstärkt, unter dem Vorwand, für den Schutz der Schiffahrt sorgen zu müssen. Wäre das ein Casus belli?
PERES: Zweifellos wäre es ein Verstoß gegen das Entflechtungsabkommen, das weiterhin in Kraft ist, wir wurden es als Vertragsbruch betrachten. Ob wir dann schießen wurden oder nicht, kann ich Ihnen natürlich nicht sagen Militärische Drohungen fördern nie das Verhandlungsklima. Und ich halte nichts vom Säbelrasseln.
SPIEGEL: Sie wissen sicher, daß Sie in der Welt als Falke gelten. Angeblich sagte Kissinger einmal, er gehe nach Jerusalem, um Premier Rabin vor Verteidigungsminister Peres zu retten. Was sagen Sie zu dieser Einstufung?
PERES: Das ist eine Dramatisierung, die der Presse passen mag. ich betrachte mich nicht als Vogel, weder als Falke noch als Taube, sondern als einen israelischen Bürger in einer besonders komplizierten Lage. Ich gehöre einem Volke an, das in seiner Geschichte oft von Illusionen verlockt wurde und dafür teuer bezahlen mußte. Dennoch bleibt unsere Weltanschauung eine Philosophie des Friedens. Wenn ein Hafen des Friedens in Sicht kommt, möchte ich unter den Seeleuten sein, die das Schiff ans sichere Ufer bringen.
SPIEGEL: Herr Minister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 22/1975
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