26.05.1975

KOREABis zum letzten Mann

Die Erfolge der Kommunisten in Kambodscha und Vietnam haben Nordkoreas Kim Il-sung angestachelt, die gewaltsame Wiedervereinigung Koreas zu versuchen.
Rote Teppiche waren ausgerollt, Zehntausende begrüßten schreiend und fähnchenschwingend den Gast: der Empfang galt einem Sieger.
Gerührt und dankbar nahm Prinz Sihanouk, jahrelang geduldeter und oft gedemütigter Staatsgast im Pekinger Exil, erstmals nach der Eroberung von PnomPenh sein Bad in der Menge. Doch nicht Kambodschas Rote Khmer hießen ihn willkommen, sondern Nordkoreas Staats- und Parteichef Kim Ilsung, auf dem Bahnhof von Pjöngjang.
Der Abstecher des Prinzen kam nicht von ungefähr: Das militant-kommunistische Nordkorea, seit einem Vierteljahrhundert bemüht, seine Herrschaft auch auf das kapitalistische Südkorea auszudehnen, hat wie kein anderes Land der Welt den Sieg der Roten in Kambodscha und Südvietnam als gutes Omen gefeiert.
Noch bevor in Indochina die Roten gesiegt hatten, war Kim Il-sung nach Peking gereist -- zum ersten Staatsbesuch nach 14 Jahren. Er sprach lange -als erster Ausländer nach dem Bayern Franz Josef Strauß -- mit dem greisen Mao Tse-tung und durfte Premier Tschou En-lai im Krankenhaus besuchen.
Beim Festbankett in der "Halle des Volkes" machte Kim den Gastgebern klar: Das faschistische Regime in Südkorea führe "unweigerlich zu einer Explosion", und die sollten "wir für die Ziele unserer Revolution ausnutzen, das Land vereinen und der Revolution in der ganzen Nation zum Sieg verhelfen". Es war am Tag, da die Roten Khmer in PnomPenh einrückten.
Noch schärfer klang es im heimatlichen Pjöngjang, wo das Mitglied des politischen Ausschusses des ZK, Genosse Generaloberst Yi Yong-mu, auf einer Massenkundgebung drohte: Park Chung Hee, der Chef der Südrepublik. werde begraben wie Lon Nol und Thieu. Der General weiter:
Falls eine Revolution in Südkorea ausbricht, kann das Volk in der nördlichen Hälfte der Republik nicht mit verschränkten Armen zusehen.
Zur Bekräftigung des Kriegs-Programms ließ sich der nordkoreanische Dampfer "Mangyongbong" auf ein Scharmützel mit einem amerikanischen Aufklärungs-Flugzeug ein. Radio Pjöngjang heizte die Stimmung an: "Die Schufte werden niemals in der Lage sein, sich der Verantwortung für die sich daraus ergebenden Folgen zu entziehen."
Doch die USA, Schutzmacht Südkoreas, sahen sich durch das Kriegsgeschrei aus dem Norden rauh daran erinnert, daß es für Amerika in Asien nach dem Debakel in Indochina noch weitere Schauplätze potentieller Krisen gibt. Präsident Ford erklärte, zwischen Amerika und Südkorea beständen "klare Verträge" über eine militärische Hilfe, und die werde Amerika auch halten. Außenminister Kissinger warnte Nordkorea davor, das Engagement der USA in Südkorea auf die Probe zu stellen.
Konkreter wurde Verteidigungsminister James Schlesinger in einem Interview, das sein Hausblatt, das US-Magazin "U.S. News & World Report", vorletzten Sonntag veröffentlichte: Die US-Truppen würden im Falle einer Invasion Südkoreas härter zurückschlagen. als sie es während des Vietnamkrieges getan hätten; man müsse, kritisierte er die US-Strategie in Indochina, "das Zentrum der Macht des Gegners angreifen anstatt die Schläge des Gegners einfach zu erwidern".
Das Problem des geteilten Korea, das wissen in Amerika Falken wie Tauben, ist indes mit der Androhung von Militärgewalt nicht gelöst. Seit der Trennung durch den 38. Breitengrad haben sich die beiden fast gleich großen Teile extrem gegensätzlich entwickelt: der Norden zur Diktatur des Despoten Kim Il-sung ("Sonne der Nation"). dem der Kommunismus nur noch als Fassade seines persönlichen Machtrausches dient -- der Süden, ideales Spielfeld kapitalistischer Ausbeuter, zum rücksichtslosen Polizeistaat des Putschgenerals Park Chung Hee ("Glänzende Aufrichtigkeit").
Begründet werden Terror und Unterdrückung jeweils mit der Gefahr, die jedem der Landesteile angeblich von der anderen Hälfte droht: Anti-Kommunismus im Süden und Anti-Imperialismus im Norden sorgten dafür, daß die Konfrontation in Korea auch nach der Waffenruhe nie aufhörte. Der unter dem Druck der Schutzmächte USA, UdSSR und China lustlos begonnene Versuch eines politischen Arrangements im Entspannungsjahr 1972 scheiterte an der Obstruktion beider Seiten.
Im Norden stehen heute eine 500 000-Mann-Armee, 1,26 Millionen ausgebildete Milizionäre und 300 000 Reservisten bereit, den Marsch nach dem Süden zu wagen. Süd-Präsident Park unterhält eine 625 000-Mann-Streitkraft und rund zwei Millionen Volksmilizionäre. Wichtigster Garant seiner Sicherheit aber sind 40 000 US-Soldaten, die den trügerischen Frieden sogar mit Atomsprengköpfen bewachen.
Kim ließ kilometerlange Tunnel von Nord nach Süd graben, um den erhofften Volksaufstand gegen Park notfalls mit Hilfe von 50 000 eingeschleusten Partisanen anzuzetteln. Park revanchierte sich mit einem -- mißglückten -- Attentat auf Kim durch Agenten seines Geheimdienstes KCIA und ließ Dutzende von Gegnern als angebliche Kommunisten hinrichten.
Auf die jüngsten Drohungen aus Pjöngjang antwortete er mit der Liquidierung der bescheidenen Reste von Demokratie in seinem Land. Nach einem neuen Notstandsgesetz ist jede Versammlung und Demonstration verboten, der Staat kann ohne Gerichtsbeschluß jede Zeitung, jedes Buch verbieten und jedermann aus seiner Stellung entlassen. Ohne Genehmigung darf kein Südkoreaner mehr auswandern.
Für den schlimmsten Fall, daß Kim wirklich angreift, will Park seine Hauptstadt Seoul anders als Thieu Saigon -- "bis zum letzten Mann verteidigen. ich selbst werde gemeinsam mit den 6,5 Millionen Bürgern Seouls bis zum letzten Atemzug kämpfen".
China bemüht sich indessen, die Genossen zu bremsen. Noch bevor Staatsgast Kim wieder aus Peking abgereist war, verordnete die chinesische Nachrichtenagentur "Hsinhua". die Wiedervereinigung Koreas müsse eine "unabhängige und friedliche" sein, ohne Einmischung äußerer Kräfte".
Auch die andere kommunistische Großmacht, auf deren Hilfe oder zumindest stillschweigende Duldung Kirn bei einem Abenteuer gegen den Süden angewiesen wäre, setzt angesichts der neuen Lage in Indochina lieber auf Zeitgewinn. So schickte Moskau das verbündete Indien vor, mit Südkoreas Außenminister den Plan gemeinsamer Industrie-Projekte zu besprechen. Kim steckte verbal ein wenig zurück. Seine Armee, so der Diktator in einem Interview mit der Tokioter Zeitung "Yomiuri Shimbun", sei zur Zeit gar nicht einsatzbereit: Die Soldaten arbeiten "draußen auf den Reisfeldern".

DER SPIEGEL 22/1975
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KOREA:
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