26.05.1975

KAMBODSCHAWieder Epauletten

Amerikas Superschlag gegen das kleine Kambodscha erweist sich, über eine Woche nach Befreiung der „Mayaguez“, mehr und mehr als ein Fehlschlag.
Es geschah in der Woche vor Pfingsten, als Amerika der Welt bewies, wie stark es noch immer ist: Die Supermacht schickte Zerstörer, Flugzeugträger und Mannes gegen Kambodscha, ließ Kampfgas und Bomben werfen. und siehe da: David Kambodscha. der sich im Golf von Siam an dem US-Schnaps- und Waffen-Container "Mayaguez" samt seiner Mannschaft vergriffen hatte, überließ Goliath Amerika den Sieg. "Verdammt noch mal", stöhnte erleichtert ein Mitarbeiter des US-Präsidenten Gerald Ford, "das gibt uns die Epauletten wieder."
65 Stunden -- mit Unterbrechung hatte es den Nationalen Sicherheitsrat im Weißen Haus gekostet, die Affäre "Mayaguez" vom Tisch zu kriegen. Dann konnte Präsident Ford Gott danken und der Nation mitteilen: "Es lief perfekt. Es lief nachgerade großartig"
* In Singapur, nach ihrer Freilassung
Doch was vor Pfingsten noch von vielen als entschlossene Tat eines endlich sich profilierenden Staatsmannes gefeiert wurde, schmolz in der Woche nach den Feiertagen erheblich zusammen -- zum blindwütigen Kraftakt eines blessierten Elefanten, der sich schließlich auch noch wegen Verletzung der thailändischen Souveränität entschuldigen mußte,
Nach und nach kam heraus, daß Amerika die gewaltsame Lösung geradezu gesucht hatte:
* Gerald Ford sprach bereits von einem "Akt der Piraterie", als keineswegs geklärt war, ob die "Mayaguez" nicht möglicherweise die Hoheitsgewässer Kambodschas verletzt hatte.
* Schon anderthalb Tage nach dem Zwischenfall setzte Washington Truppen in Marsch.
* 38 US-Soldaten. so wurde erst Mitte vergangener Woche bekannt, fanden den Tod, über 50 wurden verletzt Lim 39 US-Seeleute gewaltsam zu befreien, die man wahrscheinlich sowieso zurückbekommen hätte.
Auch die Strafexpedition selbst war fehlerhaft genug verlaufen: Nach der "Mayaguez"-Entführung hatten amerikanische Späher zunächst erhebliche Schwierigkeiten, Schiff und Mannschaft überhaupt zu lokalisieren. Verschieden lautende Geheimdienstberichte führten zu verhängnisvollen falschen Annahmen.
So konnte es passieren, daß amerikanische Flugzeuge das Fischerboot. auf dem die "Mayaguez"-Besatzung von der Insel Koh Tang nach Sihanoukville ans Festland verfrachtet wurde, durch Bombenwürfe mehrmals fast zum Kentern brachten und mit Kampfgas erreichten, daß "jeder kotzte" (Kapitän Miller).
So konnte es auch passieren. daß am Mittwoch, dem 14. Mai. als Kapitän Miller mit seiner Crew schon längst auf die Insel Koh Rong weiterverschifft worden war und dort mit Vertretern der Roten Khmer Verhandlungen um Freilassung führte, in Washington der Entschluß fiel, Mannes mit acht Helikoptern auf der Insel Koh Tang landen zu lassen, in der Annahme. daß die Besatzung nach wie vor dort sei. Drei der Hubschrauber wurden bei der Landung abgeschossen -- völlig unerwartet. denn die Mannes hatten Geheimdienstberichten geglaubt, nach denen sie mit dem Widerstand von etwa 20 ältlichen Einheimischen zu rechnen hätten.
Zur selben Zeit enterten mit M-16-Gewehren und Tränengasbomben bewehrte Mannes-Kollegen vom Zerstörer " Hanold E. Holt" aus die führungslos im siamesischen Golf dümpelnde "Mayaguez" in der Hoffnung, dort die kambodschanischen "Piraten" anzutreffen -- alles, was sie vorfanden, waren ein paar Schalen Reis (warm) und Tee (heiß).
Keines der US-Aufklärungsflugzeuge in diesem Gebiet (es war dort der frühe Donnerstagmorgen, in Washington später Mittwochabend) hatte ein kleines Fischerboot bemerkt, das mit 39 Männern und an Bambusmasten gehißter weißer Unterwäsche zu dem in der Nähe der Insel Koh Rong operierenden US-Zerstörer "Henry B. Wilson" auf Kurs ging -- die freigelassenen "Mayaguez"-Seemänner.
Es war 22.53 Uhr Washington-Zeit, als die "Henry B. Wilson" ihre Entdeckung meldete. Doch noch um 22.57 Uhr bombardierten die USA einen kambodschanischen Festland-Flughafen.
Es war 23.14 Uhr, als Präsident Ford erfuhr, alle Besatzungsmitglieder der "Mayaguez" seien in Sicherheit. Doch noch um 23.50 Uhr bombardierte die USA eine Festland-Raffinerie in Kambodscha.
Die Aktion "Mayaguez", so urteilte Peking, habe den Amerikanern lediglich dazu gedient, eine "Niederlage als Sieg zu präsentieren". Erstmals seit vielen Jahren nannten die Chinesen die USA wieder beim Namen "Papiertiger".

DER SPIEGEL 22/1975
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