26.05.1975

Tore wie im Westen

Noch nie gewann eine Fußball-Nationalmannschaft der UdSSR die Weltoder Europameisterschaft. Jetzt soll eine Klubelf den Europatitel holen.
Kurz vor Spielende im Fußballstadion von Odessa zeigte Zuschauer Walerij Lobanowski auf den Mittelstürmer: "Den will ich haben." Der neben ihm sitzende Sportminister nickte zustimmend. Bald darauf schoß Anatolij Schepel seine Tore für den von Lobanowski trainierten Verein Dynamo Kiew. Was Dynamo Kiew haben will, kriegt es auch.
Trotz mehr als drei Millionen Fußhaltern in mehr als 100 000 sowjetischen Sportgemeinschaften waren internationale Erfolge im Volkssport Fußball selten. Deshalb zählt für die verunsicherten Sportpolitruks nur noch eine Mannschaft: Dynamo Kiew. In der vorletzten Woche gewannen die "Staatsschauspieler". wie sie von den neidischen und ohnmächtigen Rivalen in der obersten Fußballklasse der UdSSR genannt werden, als erste Sowjet-Mannschaft den Europapokal der Pokalsieger. In Basel siegte Kiew 3:0 im Endspiel gegen Ferencvaros Budapest. "Die beste Elf, die der sowjetische Fußball je besaß", schwärmte Frankreichs "L'Equipe" über die erste russische Mannschaft, die auch über "gewisse Phantasie" verfüge.
Vier Tage darauf traten die Kicker abermals an -- als Nationalmannschaft gegen Irland. Das Vorspiel in Dublin hatte eine mit Spielern aus mehreren Moskauer Klubs und Dynamo Kiew gemixte Sowjet-Nationalmannschaft 0:3 verloren und damit die Gefahr heraufbeschworen, bei der Europameisterschaft schon in der Vorrunde zu scheitern.
Lobanowski aus Kiew holte zwar vier Spieler anderer Klubs in den Nationalkader. stellte aber im nächsten Länderspiel nur seine Leute auf. "Ich kann noch nicht überblicken. ob der eine oder andere in unser eingespieltes Team paßt", erklärte er. Dynamo Kiew, wo neben Ukrainern nur drei Russen und ein Armenier Stammspieler sind, siegte 3:0 gegen die Türkei. Gegen Irland glückte mit 2:1 die Revanche.
Der goldene Schnitt hatte allerdings auch viele sozialistische Errungenschaften des Sowjetfußballs beseitigt. Dafür flossen Erkenntnisse des westeuropäischen und des südamerikanischen Fußballs ein: Förderung von Stars und Individualisten. "Lobanowski überwand das Kollektiv", lobte die bundesdeutsche "Fußballwoche". Das "Spiel, das Kiew pflegt, braucht Individualisten". Nach 1945 hatte der Ostblock das Moskauer Fußballsystem, die Kollektivbildung, übernommen. Der staatlich geförderte Meisterklub Dynamo Moskau kehrte unbesiegt von einer Westeuropa-Tournee heim. "Das ist ein Sieg unserer Fußballschule", tönte "Krassnij Sport", .die auf dem Kollektivismus, auf Planung und auf dem unbeugsamen Siegeswillen begründet ist, also auf den charakteristischen Eigenschaften des Sowjetmenschen:"
Doch das starre Drill-System hielt nicht lange vor. Denn weit erfolgreicher spielte Ungarns aus Stars zusammengesetzte Elf. Dagegen gelangte die UdSSR-Equipe bei Weltmeisterschaften niemals ins Finale. Sogar in Olympischen Fußballturnieren, in denen die Westeuropäer und Südamerikaner statt ihrer Profis drittklassige Amateure gegen die Staatsamateure aus Moskau zu Felde schicken mußten, glückte den Sowjets nur ein Sieg. 1972 in München mußte sich die UdSSR mit der DDR die Bronzemedaille teilen.
Auch im Europacup drang lediglich Dynamo Moskau einmal, 1972, ins Endspiel vor, und verlor gegen die Glasgow Rangers 2:3. Zu dieser Zeit spielte an einem ganz anderen Ende der Sowjet-Union, im armenischen Eriwan, der Klub Ararat den besten Fußball. Dort hatte Trainer Nikita Simonjan insgeheim Drill und Kollektiv gegen individuellere Methoden ausgetauscht. "Man kann Spieler nicht über einen Kamm scheren", urteilte Simonjan. "Jeder ist ein Individualist."
Ebenso lehnte er die wohl merkwürdigste Verbandsidee, die Abschaffung des Unentschiedens in der Saison 1973, ab. Die Funktionäre wollten 0:0-Spiele ausmerzen, die sie für einen Zuschauer-Schwund von 1,2 Millionen verantwortlich machten. Stand ein Spiel nach 90 Minuten unentschieden, traten die Mannschaften zum Elfmeterschießen an. Folge: Die meisten Spieler schonten sich während des Spiels und konzentrierten sich auf das Elfmeterschießen.
So entstanden kuriose Handball-Ergebnisse. In den Kabinen weinten entnervte Torhüter. "Die berühmte Schule sowjetischer Torwartkunst wird bald nur noch geschichtliche Erinnerung sein", kritisierte Simonjan die Torwart-Hinrichtungen.
Auf den Spuren Simonjans, der früher selbst 154 Tore geschossen hat und bis heute erfolgreichster Schütze der Nationalliga geblieben ist, arbeitete Lobanowski weiter, den man von Dnjepropetrowsk nach Kiew versetzt hatte. Auch Lobanowski holte Individualisten in die Mannschaft, so Konkow und Kusnetzow aus Moskau, aus Odessa kam Schepel. Oleg Blochin stammt aus dem Klubnachwuchs. Mit der Nummer 11, sonst für den Linksaußen vorgesehen, spielte Blochin auf jedem Posten. tauchte in der Abwehr auf, mal im Mittelfeld und plötzlich auch im Sturm.
"Ein Libero im Angriff", staunte der bundesdeutsche "Kicker" über Blochin, der auch gegen Eintracht Frankfurt beim Europacup zu den Torschützen zählte. Frankfurt schied gegen Kiew aus.
Bei anderen UdSSR-Klubs bemängelt Lobanowski die unzureichende Jugendarbeit. In einer für Dynamo Kiew reservierten Sportschule trimmen sechs Trainer derzeit 200 Jugendliche. Wer in der Schule jedoch schlecht ist, wird vom Fußballtraining ausgeschlossen. Tore wie im Westen schätzt Kiews Cheftrainer Lobanowski besonders. Die deutschen Europameister von 1972 und die Holländer bei der WM 1974 schossen laut Lobanowski "Tore wie im Lehrbuch".
Ob Dynamo Kiew allerdings lange als Nationalmannschaft der UdSSR antreten wird, bezweifelt sogar der Dynamo-Funktionär Jurij Plugin: "Es ist ein Experiment -- wie lange es dauert. wissen wir auch nicht."

DER SPIEGEL 22/1975
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