26.05.1975

Film: Die Bürger Europas sind müde

Im "Martinez", einem der großen Hotels von Cannes, betrat am frühen Morgen ein älterer Produzent namens Robin von Joachim den Fahrstuhl und drückte ein Schwein an seine mit einem Hawaii-Hemd bekleidete Brust.
Das offensichtlich frisch gebadete Tier, das von dem Mann mit "mon petit" angesprochen wurde, spielte eine wichtige Rolle in dem Festivalbeitrag "Vase de Noces", bei dem es einigen Zuschauern schlecht wurde, In dem avantgardistischen Pornofilm, dessen "große Reinheit und Poesie" sein Regisseur Thierry Zeno betonte, hat ein junger Mann Geschlechtsverkehr mit einer riesigen Sau, sie bekommt von ihm drei Schweine-Kinder. Außerdem wird der Held dabei gezeigt, wie er seine eigenen Exkremente verspeist.
Kaputte Beziehungen von Menschen und überhaupt Mangel an menschlichen Kontakten, wofür dieser absurde Film ein perverses Symbol sein könnte, bestimmten viele Filme und Projekte, denen man bei diesem hysterischen Festival-Spektakel konfrontiert wurde. Der großen Kommunikationskrise und Humanitätsdepression auf der Leinwand entsprachen die Schwermut und Endzeitstimmung, die in den Äußerungen von Regisseuren wie Antonioni und Godard zum Ausdruck kamen.
Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre waren die bürgerlichen Filmintellektuellen voll damit beschäf-
* Mit Maria Schneider und Regisseur Antonioni (r.)
tigt, sich für die kulturrevolutionäre Destruktion der bürgerlichen Gesellschaft zu engagieren. Jetzt entdecken diese alt gewordenen Kulturkämpfer, daß mit der Auflösung der bürgerlichen Bande auch, wie es Marx voraussah. die traditionellen menschlichen Bindungen allmählich zerstört werden.
Der Slogan vom Untergang der westlichen Kulturwelt war oft zu hören, nicht ohne einen gewissen Beiklang von Sehnsucht. Mehrere Filme, die das metaphorisch oder symbolisch darstellen, werden uns bald zugemutet, und die Kinowünsche nach "göttlichem Wahnsinn" (Polanski), "absolutem Chaos" (Chabrol) und "Sodom und Skandal" (Bertolucci) sind die wieder zu Geld und Mut gekommenen Produzenten gerne bereit zu erfüllen.
Godard ließ in Cannes durchblicken, daß in seinen Augen fast die ganze Filmwelt faschistisch geworden sei. Finanzielle und sexuelle Korruption, das sehe man überall in Cannes, habe alles verdreht und vergiftet. Ein Revolutionär aber will auch er nicht mehr sein, sondern ein Analytiker und Handwerker, der "wieder das Bedürfnis nach Kommunikation" hat,
Einige Tage zuvor saß im mondänen "Carlton"-Hotel Godards ehemaliger Nouvelle-Vague-Mitstreiter und Freund Truffaut, jetzt als "Neubürger" verdammt, im Kreis junger Mädchen und sprach bitter-sentimental davon, daß er nur noch Filme über Frauen und Kinder machen werde.
Antonioni möchte möglichst bald im Amazonas-Dschungel drehen, weil ihm die europäische Welt nichts mehr sagt. Sein lakonischer Film "Beruf: Reporter" wirkte wie ein spätexistentialistischer Ausdruck totaler Lebensunfähigkeit und Lebensunlust bis in die Inszenierung und die Bilder hinein. Die Welt erschließt sich allein noch in Banalitäten, das Leben erstarrt in sinnloser Fortbewegung. Nichts tun, aber viel fühlen, wäre, so meint Antonioni, das wahre Glück. Vielleicht ein Film für Zen-Buddhisten.
Joseph Losey, ein anderer Veteran im Entblößen bürgerlicher Schwächen und Leiden, wollte mit seinem Film "The Romantic Englishwoman" zeigen. daß die "private Revolution" die einzige Möglichkeit sei, das Leben "wieder zu spüren, bis in alle Nerven und Glieder". Ein Traum, für den sein Film den Zuschauer kaum gewinnt, weil er eine literarische Idee bleibt.
Das europäische Kino, dieser Eindruck verstärkt sich immer mehr, macht gegenwärtig all das noch einmal. was die bürgerliche Krisenliteratur von der Jahrhundertwende bis in die dreißiger Jahre schon absolut genug formuliert hat. Die Einsicht, daß das Leben nun mal nicht mehr gelext wird, war einst tragisch, im Kino wird sie nun zur Farce. Der europäische Film dreht sich im Kreis, wird dabei immer langsamer und leerer. Kein Wunder, daß die Angst vor dem neuen Hollywoodfilm. der schon kurz in Cannes seine Zähne zeigte, wächst.
Hollywood ist gegenwärtig bereit, alles aus Europa aufzunehmen, was es nur irgendwie für sich einsetzen kann, und es hat sich vorgenommen, mit der Rückeroberung des europäischen Kinomarkts Ernst zu machen. Auf einem in Cannes von amerikanischen Filmleuten getragenen T-Shirt stand zu lesen: "Hallelujah Hollywood".
Von Siegfried Schober

DER SPIEGEL 22/1975
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