26.05.1975

FILMKRITIKWarmer Regen

"Lonny". Spielfilm von Bob Fosse. USA 1974; schwarzweiß; 111 Minuten.
Ein nackter Leichnam auf Toilettenfliesen, den rechten Arm abgeschnürt für den letzten Drogenschuß. neben sich noch die Spritze: Das war das Sujet einer Photoserie, die ein US-Polizeileutnant dem Plattenproduzenten Phil Spector im August 1966 "für ein superheißes Plattencover" und 5000 Dollar zum Kauf anbot. Spector akzeptierte damals; jetzt endet auch ein Film mit einem solchen Photo: Auf dem Boden liegt Dustin Hoffman in der Rolle des an Morphium und "einer Überdosis Polizei" (Spector) verendeten Satirikers Lenny Bruce.
Hoffman ("Die Reifeprüfung"), der die bittere, sarkastische und selbstzerstörerische One Man Show dieses bei seinem Tod vierzigjährigen Jonathan Swift des Underground nie gesehen hatte, ist -- soweit das geht -- überzeugend in dessen Haut geschlüpft. Aber es geht nicht überzeugend.
Gewiß, die Gags, die brillanten Obszönitäten, die hämmernden Wortkaskaden, mit denen Lenny Bruce einst in Nightclubs und Gerichtssälen die Moral der White Anglo-Saxon Protestants leckschlug, sind bis in Nuancen hinein authentisch (und treffsicher synchronisiert): Motherfucker, cunt, cocksucker, tits, pricks und deren deutsche Entsprechungen. Das besessene Fieber jedoch, das verzehrende Feuer seiner Auftritte kann auch der talentierteste Darsteller nicht noch einmal entfachen.
Bruce, Sohn einer jüdischen Tingeltangel-Comedienne aus Long Island. mit einer Stripperin verheiratet, war so lange ein kleines Licht auf amerikanischen Vaudeville-Bühnen, bis er um 1960 die schon halboffene Tür der Sexualmoral als Entree zur großen Karriere begriff. Aus der Kluft zwischen öffentlicher Meinung (im Nachtclub) und einer überalterten Justiz, die Umgangssprache aus erogenen Zonen tabuisierte, bezog seine Komik die Wirkung und sein Star-Image die Leuchtkraft.
Ständig von der Polizei observiert, in beinahe jeder Stadt in Handschellen vor den Kadi geschleppt, machte er schließlich die Szene zum Tribunal und umgekehrt. Er zelebrierte dem Richter seine verbale Porno-Show und verlas danach auf der Bühne die Gerichtsprotokolle. Daß er in diesem Spannungsfeld, überfordert, in den Drogentod schlittern mußte, wie es sein postumer Mythos und der Film nahelegen, ist wohl eine Simplifikation.
An den Schranken der Justiz mag Lenny Bruce als scharfzüngiger Ankläger gewachsen sein. Den Griff zur Droge, den im Film nur angedeuteten Damenverschleiß, die Bereitschaft zu Exzessen jeder Art erklären sich besser aus einem maßlosen Hunger nach dem totalen Kick. Bruce und seine heroinsüchtige, lesbischen Wonnen sehr aufgeschlossene und von ihm dazu ermunterte Frau Honey Harlow (Valerie Perrine) werden vom Regisseur Bob Fosse genauso romantisch geschönt und zu Opfern einer inhumanen Gesellschaft verharmlost wie das Mörderpaar Bonnie & Clyde durch Arthur Penn.
Fosse ("Cabaret") hat, nach einem zuvor am Broadway aufgeführten Bühnenstück von Julian Barry, für seine Bruce-Story die Form einer Schwarzweiß-Dokumentation gewählt und das Wesen seines Helden damit verfehlt. Eine brave Zelluloid-Biographie spult ab, unterbrochen durch fiktive Tonband-Interviews mit den Hinterbliebenen: Manager, Mutter und Frau.
So artifiziell ist einem Künstler nicht beizukommen, der die ästhetische Distanz zum Publikum, auf der die herkömmliche Theater- und Film-Dramaturgie beruht, derart gründlich zerstört hat wie Lenny Bruce. Eine Horde von Masochisten säße vor ihm, so meinte er immer, die es genössen, wenn er die Lichter löschen ließ und ankündigte: "Jetzt pisse ich euch ins Gesicht."
Bei Fosse wird aus dem warmen Regen ein Bildungstrip. Der Film erteilt über einen brisanten Komödianten, der verkrustete Gesellschaftsstrukturen vor zehn Jahren, aber noch heute spürbar, erschüttert hat, eine akzeptable Nachhilfe-Lektion. Lenny Bruce aber war persönlich differenzierter und sozial gefährlicher, als es Dustin Hofman ahnen läßt.
Von Siegfried Schmidt-Joos

DER SPIEGEL 22/1975
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