26.05.1975

ARCHÄOLOGIEHeitere Oase

Streik, ein Sitten-Krimi bei Hofe, Grabräuberei, Nacktballette auf bürgerlichen Partys -- so lebendig schildert eine Tübinger Ägyptologin erstmals den Alltag im Pharaonen-Reich.
Ich pflanzte im ganzen Land Bäume und Grünanlagen und ließ das Volk in ihrem Schatten ruhn", rühmte sich Ramses III.
"Wir sind hierhergekommen aus Hunger und von Durst getrieben", formulierte indes Schreiber Amonnacht den Protest der Arbeiter von Dêr el-Medina, "schickt zum Wesir, unserem Vorgesetzten, daß uns unser Lebensunterhalt gegeben werde!" Es war, notiert auf einem Papyrus des Jahres 1155 vor der Zeitenwende, wohl der erste Streik der Weltgeschichte.
Von solchen Extremen -- erhabene Gottkönige und fronende Fellachen -- ist noch immer die allgemeine Vorstellung Alt-Ägyptens geprägt. Die soziale Wirklichkeit des Nillandes freilich war meist entspannter.
Die in Nachkriegswirren aufständischen Werktätigen etwa, berichtet die Ägyptologin Emma Brunner-Traut, konnten sich in normalen Zeiten "Sklaven halten, sie hatten ihr Haus und mehr Wohnraum darin, als sozialer Wohnungsbau heute zumißt". Es sei "nicht von ungefähr", daß die Stämme der Bibel an den Nil zogen, um aus den sprichwörtlichen Fleischtöpfen zu schmausen.
Beispielhaft für die frühen Hochkulturen hat die Tübinger Professorin jetzt den Alltag rund um die Pyramiden rekonstruiert. Ihr Buch stützt sich auf bislang wenig beachtete Dokumente -- Briefe und Gerichtsurkunden, Handwerkerrechnungen, Handeisbelege und Schultexte, dazu eine Unmenge von Ostraka, handgroßen bekritzelten und bemalten Kalksteinscherben, die im Pharaonen-Reich als Notiz- und Skizzenblöcke, Witzblätter, Illustrierte und Bilderbücher dienten**.
Vor allem die Monumente und Schätze des höfischen Totenkults galten bislang als Schauseite Ägyptens. Dabei waren die Pharaonen keineswegs übermenschlich entrückt. Brunner-Traut:. Die Historie der Dynastien "ist durchzogen von Usurpationen, Verschwörungen, Haremsintrigen und selbst Königsmorden. Ein Kläger zur Zeit Pepis II. setzte gar, um zu seinem Recht zu kommen, einen Privatdetektiv auf den Herrscher an, der -- Beweis seiner Verderbtheit -- Unzucht mit einem General trieb.
Das Dasein der "Söhne Niemands", der gewöhnlichen Sterblichen, war be-
* Dêr el-Medina bei Theben.
** Emma Brunner-Traut: "Die Alten Ägypter". Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart; 272 Seiten; 78 Mark
stimmt von der agrarischen Struktur der Riesenoase an Strom und Delta. Die Viehsteuer war die wichtigste Staatseinnahme. Tiere, Sinnbilder göttlicher Kräfte, wurden ein Hauptbestandteil der Hieroglyphen und (mumifiziert) ein bedeutendes Opfer.
Das Gemeinwesen, zwei Jahrtausende eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Vormacht, war von Tradition geprägt. Die Jungen lernten anfangs ihr Handwerk und Allgemeinwissen beim Vater; seit dem Mittleren Reich wurden sie in einer Art Berufsschule von Meistern an deren Arbeitsplätzen ausgebildet.
Spielzeug wie Kreisel und Bälle, bewegliche Puppen mit echtem Haar, hölzerne Gespanne und Hampelmänner wurden aus dem Sand gegraben. Die 30 Felder eines Ur-Backgammon ritzten Torwächter und Tempelhüter sich auf das Pflaster. Rundlauf und Zielwerfen sind als Sportarten auf Friesen dargestellt wie Ringen und Stockfechten, Disziplinen sogar einer Vorform der Olympiade (Ägypten stach die internationale Konkurrenz aus).
Der Party-Service war hochentwickelt. "Damen und Herren gemeinsam, wenn auch -- bis zu Thuthmosis III. -- auf verschiedenen Seiten des Raumes sitzend, genossen die Leckerbissen der südlichen Natur, die der Wirt einem jeden Gast auf getrennten Tischchen serviert hatte, tranken aus Schalen Traubenwein, der nach Sorte und Jahrgang gelagert war; lauschten dem musikalischen Ensemble von Harfe, Laute, Flöte oder Leier und ergötzten sich an der Grazie nackter Tänzerinnen, die der Gastgeber für das Gelage gemietet hatte<", so schildert es Emma Brunner-Traut. "Um die Lust zu vervollkommnen, sogen die Sinnenfrohen den Duft von Zitronen und Lotosblüten ein."
Wenige Denkmäler künden unumwunden von Not und Krankheit wie die Stele eines von spinaler Kinderlähmung verkrüppelten Türhüters namens Rom. Erst Untersuchungen der Mumien haben auch eine Vielzahl schlimmer Gesundheitsschäden, von schlecht verheilten Brüchen bis zu Arteriosklerose und Krebs, nachgewiesen.
Aber die altägyptische Heilkunde, wenngleich immer von Zauberei und den Verordnungen der Drecksapotheke begleitet, gelangte schon in der Frühzeit zu wissenschaftlich anmutenden Diagnosen und Behandlungsmethoden.
Es gab Fachmediziner, die etwa gegen Nachtblindheit frische Leber verordneten, so wirksam wie moderne Vitamin-A-Präparate. Und überraschend erscheint auch, daß infizierte Wunden mit auf Holz oder Brot gewachsenem Schimmel kuriert wurden (Penicillin ist ein Schimmelpilz-Produkt). Zahnärzte konnten plombieren, Kiefereiterungen drainieren und lose Zähne mit Golddrahtbrücken sichern. Der Leibarzt des Königs wußte mit Rizinusöl und Klistier wohl umzugehen, wie sein Titel verrät: "Hüter des Afters des Pharao".
Über keinen Fund sind die Archäologen allerdings so gut unterrichtet wie über den Streik-Ort Dêr el-Medina. In den rund 70 zweistöckigen, unterkellerten Häusern von 90 Quadratmeter Grundfläche dieser Wüstensiedlung bei Theben lebten die Steinbruch-Arbeiter und Maurer, Bildhauer, Maler und Schreiber der königlichen Nekropole.
Jeweils etwa 60 Handwerker waren an einem Grab beschäftigt, acht Stunden täglich mit einer Essens- und Ruhepause am Mittag. Frei war zunächst jeder zehnte Tag. Große Wäsche zu Hause oder Prügel von der Frau waren überdies Entschuldigung genug, der Arbeit fernzubleiben.
Entlohnt wurden die königlichen Friedhofsangestellten monatlich im voraus, in der Regel mit Getreide. Fisch, Gemüse und Holz als Brennmaterial, gelegentlich mit Fett, Öl und Kleidung. Als Sonderzuteilung erhielten sie Wein, asiatisches Importbier, Fleisch, Salz und Natron, die Seife des Altertums.
Erst gegen Ende des Neuen Reichs, in einer Stagflation-Periode, konnten die Herrscher ihre Totengräber nicht mehr hinreichend versorgen -- und brachten sich damit um die Ausstattung für das Jenseits.
Ein Prozeßbericht aus der Zeit Ramses' IX. enthüllt, wie sich die ortskundigen Nekropolen-Arbeiter schadlos hielten: "Wir sind in den Gräbern gewesen, um nach unserer Gewohnheit zu stehlen", gestand etwa der Steinhauer Amon-panufer. "Wir rissen das Gold ab, das wir an der ehrwürdigen Mumie des Gottes fanden. Der Königin rissen wir ebenso alles ab und legten Feuer an ihre Särge."

DER SPIEGEL 22/1975
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