26.05.1975

Peter Wapnewski über Peter de Mendelssohn: „Der Zauberer“Ein gigantisches Beinhaus

Professor Peter Wapnewski, 52, lehrt deutsche Literatur an der Universität (TH) Karlsruhe. -- Peter de Mendelssohn, geboren 1908 in München, war der Familie Thomas Manns schon von Jugend an freundschaftlich verbunden. Seit kurzem ist er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Der Titel schon zeigt es an: Er verweist, behutsam, aber bestimmt. von dem einen Zauberer auf den anderen, von Thomas Mann auf den "Doktor Faustus" und seinen Untertitel: "Das Lehen des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde". Jetzt, 28 Jahre später, geht es um "Das Leben des deutschen Schriftstellers", des Wortsetzers. und in aller Deutlichkeit. wenngleich ungedruckt, steht auch der Zusatz Pate: "erzählt von einem Freunde".
Der Titel schon zeigt es an: Hier meldet sich der letzte Roman des großen Romanciers zu Wort, der, wie man wohl sagt, Roman seines Lebens. Freilich merkt man der Darstellung, um es gleich zu sagen, den Charakter des Spätwerks nur allzu deutlich an, der Gang des Erzählers wird gemächlich, der Eigensinn seiner Prosa selbstherrlich, und gleichgültig zeigt er sich gegen die Bedingungen von Raum und Zeit, schon gar gegen die des Lesers. Peter de Mendelssohn, selbst Autor von etwa 35 Büchern, widmet seinem Gegenstand (dem hier nun gewiß die poetische Würde des "Helden" zukommt) eine Monographie, die, wenn vollendet, als eines der umfangreichsten je einem deutschen Dichter gewidmeten Werke in die Bibliotheken eingehen wird.
Geist vom Geist also und Fleisch vom Fleisch seines Helden liegt hier vor, dessen Wegen er, registrierend und recherchierend, mit jenem Maß an Beharrlichkeit und Akribie nachgeht, das auch Thomas Mann ein Metronom war, dem "Leistungsethiker" (seine Prägung!), und dem Durchhalten zugeschworen sein Leben lang. Freilich, die serene Gelassenheit seines Biographen. die behagliche Jovialität seines Schilderers mit ihrem sonoren "wir" und den unermüdlich ermüdend eingeworfenen vorausdeutenden Momenten des "Wir werden sehen" und "Er wird uns wiederbegegnen": Solche Gemächlichkeit bleibt dem vorbehalten, der Getanes noch einmal tut. Er selbst, den seine Kinder, entzückt von einem Faschingskostüm, den Zauberer nannten. hat Form immer empfunden als das Produkt der (schließlich obsiegenden) Auseinandersetzung mit dem sich verzweifelt widersetzenden Stoff. Das lud seine Arbeiten mit hoher Spannung auf, in ihrem Innern.
Rund 1200 Seiten liegen hier also vor, das ist schon einiges, und wer die Mühsal des Schreibgeschäfts kennt, der wird solchem Ergebnis den Respekt nicht versagen, wird die Mühsal des Sammelns. Ordnens und Prüfens. die Leistung des Transports von Masse in Form achtungsvoll quittieren. Hier wird noch einmal ein Arsenal ausgeschritten, dessen Kenner selten werden: das des bürgerlichen 19. Jahrhunderts. aus dessen Mantel wir alle kommen (nur daß die meisten ihn meinen abschütteln zu können), und dem Mendelssohn durch Herkunft, Neigung lind Kenntnis innig verbunden ist.
Rund 1200 Seiten -- und sie schließen mit dem Ersten Weltkrieg, mit den fatalen "Betrachtungen eines Unpolitischen". Man fragt sich verstört, wie und wann das Ganze enden soll. Denn da warten auf den Erzähler und sein Publikum: der "Zauberberg"; der Joseph-Roman. "Lotte in Weimar", der "Doktor Faustus", der "Erwählte". "Felix Krull". Und das Leben, das sich in all diese Titel verwoben hatte, da Thomas Mann nie erfand, sondern immer fand, da er immer autobiographisch (nie aber privat) verfuhr: die Versöhnung mit dem Bruder: der Nobelpreis; die Universität Bonn. und wie sie sich ehrte und entehrte: das Exil; die Rückkehr, Ruhm und Verklärung -und unendlich viel mehr, was dieses den Nervenkrisen und Gesundheitsaffektationen, den Melancholien und der Vis inertiae, dem Kleinmut und der Verzagtheit abgerungene Werk als Lebensspur hinterlassen hat.
Es gibt eine "Chronik seines Lebens" (von Hans Bürgin und Hans-Otto Mayer). die, weniger als eine Biographie und mehr als nur Tabelle, sachlich und knapp die Phasen dieser Dichterexistenz registriert. Dem von Mendelssohn in seinem ersten Bande abgehandelten Part entsprechen die ersten 50 Seiten der "Chronik". Dort folgen bis zum Tode im Jahr 1955 noch 230 Seiten. Das aber heißt: Es ist bis 1918 wellig mehr abgetan als ein Sechstel. und das heißt weiter, einmal locker extrapoliert. Mendelssohn käme -- "bei Leben und Gesundheit" -- auf einen Gesamtumfang von 6000 bis 7000 Seiten.
Wer soll, wer will, wer kann denn das lesen? Strafft und rafft Mendelssohn aber die noch zu bearbeitende Masse (was unumgänglich, aber um so schwerer sein wird, als ab August 1975 Thomas Manns Tagebücher 1933 bis 1955 frei sind), dann wird der erste Band, so wie er nun einmal ist, das ganze Werk buglastig machen und mit solcher Disproportion bei seinem mit der "Reißbrett-Akkuratesse eines genialen Kompositeurs" (Walter Jens) arbeitenden Helden wenig Ehre einlegen. "Mein Sinn für mathematische Klarheit stimmt dem zu" (1930) -- da meinte Thomas Mann die runden Zahlen, "die mein Leben beherrschen" und die in ihm jenes Wohlgefallen erwecken, "das ich an aller Ordnung und Stimmigkeit finde" (1950).
Auch das Jubiläums-Jahr 1975 ist das Produkt des für solches Ordnungsdenken verbindlichen Dezimalsystems. Eine Rechtfertigung, die keine ist. Vielmehr: "Das Scheinwerferlicht, mit dem der Gedenktag seine Figur erhellt. läßt Einzelzüge hervortreten, deren Modernität, deren Verwandtschaft mit Zügen einer uns nahen Geistigkeit in Erstaunen setzen könnte." So Thomas Mann 1929 zu Lessings Gedächtnis, und darum geht es: Modernität. Verwandtschaft mit unserer Geistigkeit -- oder Repräsentant einer abgebuchten Epoche?
Viele Amerikaner. so vermerkt Heinrich Mann, seien übereingekommen, "Thomas Mann den ersten Schriftsteller der Welt zu nennen. Wenn wir zurückdenken, hatten die meisten Deutschen dieselbe Meinung und waren nur unterschiedlich gehemmt, sie auszusprechen". Das ist vor 30 Jahren gesagt. Heute mag die Formel umgekehrt gelten: Die meisten Festredner sprechen diese Meinung ungehemmt aus aber "haben" die Deutschen sie?
Was bedeutet uns Thomas Mann heute? Die Frage, banal klingend, ist -- allgemein gewendet -- dennoch die Urfrage alles historischen Interesses, aller wahren, das heißt Geschichte als mögliche Gegenwärtigkeit verstehenden Geschichtsforschung. Diese Frage hat auch eine Dichter-Monographie zu stellen, auf sie eine Antwort zu suchen. sie wenigstens zu versuchen.
Thomas Mann. er hat vielleicht Freunde gesucht. aber er hat ja nicht eigentlich über die Gabe verfügt Freunde zu gewinnen. Viele Zeitgenossen, und gerade wenn sie seine Kollegen waren, haben ihn nicht gemocht. Brecht sowenig wie Musil oder Joseph Roth. Und 1975 hat in einer Umfrage eine nicht geringe Zahl jüngerer Schriftsteller ihre Distanz, ja Gleichgültigkeit ihm gegenüber zu Protokoll gegeben. Er naht uns also -- dieses Hamlet-Wort schätzte er -- in fragwürdiger Gestalt. Ihre Frag-Würdigkeit wäre darzustellen.
Nichts dergleichen jedoch in Mendelssohns mächtigem Buch. Es bietet sich dar als ein Lustgelände positivistischer Gartenarchitektur. Mit zärtlicher Akkuratesse, Umschreibung und Wiederholung nicht scheuend, schafft es zusammen, was die große schreibbesessene Familie an Erinnerungen niedergelegt hat, baut die vielen Briefe ein (rund 24 000 soll Thomas Mann in seinem Leben geschrieben haben), die Vermerke der Notizbücher, vor allem aber natürlich die autobiographischen Äußerungen des Helden selbst dessen Werk bereits Kommentar seines Lebens war, der dann geduldig in Reden und Aufsätzen den Kommentai des Kommentars lieferte, und nun schenkt uns der andere Serenus Zeitblom einen Kommentar zum Kommentar des Kommentars.
Gravitätisch waltet der Held der Erzählung und schöpft aus dem vollen, das heißt, er versetzt seine Darstellung mit langen Partien originaler Texte (man liest sie oft mit aufatmendem Entzücken) und reduziert so sein Amt gelegentlich auf die Komposition von lang atmenden Verbindungsstücken -- dann wiederum, wie ein Familienmitglied, eine behaglich aus Distanz und Nähe gefügte Plauderei einbauend. Da ist keine Postkarte zu belanglos, keine Anekdote zu schwach, kein Möbelstück zu leicht, keine Rechnung zu banal, da forschen fünfeinhalb Seiten auf nahezu rührende Weise der bangen Frage eines etwaigen früheren Paris-Besuchs nach, von dem niemand was weiß, auch Mendelssohn nicht und mit ihm auch nicht sein geduldiger Leser. Da werden die "Notizbücher" nach ihrem Format beschrieben und ihre Füllsel zu unserer Ermattung beharrlich ausgekehlt, die Partikel vorgezeigt, deren manche einmal zusammenschießen werden zum kleinen oder großen Werk: Materialhalden, aufgehäuft aus den Fragmenten ungezählter Schreibmassen, und nun zugänglich einer Generation von Doktoranden. (Freilich, wen es, wissenschaftlichem Brauch gemäß, nach dem Beleg für die vielen Zitate und Behauptungen verlangt, der wird auf die Zukunft verwiesen. Er wird die dringlich benötigten Anmerkungen also in einem zweiten schwergewichtigen Band aufschlagen müssen: das aber heißt: Lektüre mit Tisch.)
Eine unvermutete Wiedergeburt des materialgeschwollenen Positivismus. fast schon wieder imponierend inmitten einer Phase spekulativen Reflexionsrausches der Literaturwissenschaft, auf wunderliche Weise angesiedelt vor den Toren allen Problembewußtseins. Und das anläßlich einer Gestalt. die ihre und ihrer Zeit Probleme in so ungemeiner Fülle repräsentierte (ein Schlüsselwort, und auch da liegt wieder Problematik). Allenfalls wenn es um Thomas Manns merkwürdig ambivalente Haltung den Juden, dem Jüdischen gegenüber geht, rührt sich in Schilderers Milde auch der kritische Stachel.
Mendelssohn begehrt Unmögliches. das ehrt ihn. Er will das Ganze geben und glaubt es zu geben in der Addition der unzähligen Teile. So baut er ein gigantisches Beinhaus. und wer, bewegt von Neugier, Bewunderung oder Verehrung für den Dichter, das Studium dieses von alexandrinischem Eifer und Eckermannscher Hingabe errichteten Unternehmens auf sich nimmt, der wird nach der Lektüre nicht klug sein als wie zuvor, sondern eher verwirrt und entmutigt. Er halte sich besser an den "Lebensabriß" von 1930, an die autobiographischen Artikel in dem jüngst erschienenen Nachtragsband der Gesamtausgabe, halte sich an die drei von der Tochter Erika herausgegebenen und an die übrigen Briefbände.
Feiern können als eine Form der Einvernahme auch Ausdruck der Verlegenheit gegenüber dem zu Feiernden sein. Thomas Mann ist den heute lesenden Generationen der unbequeme Deutsche geblieben, der er -- Erfolg hin und Ehrung her -- zeit seines Lebens war. Da ist früher Ruhm, von den "Buddenbrooks" bis zum "Tod in Venedig". Da ist die intrikate Gestalt des politischen Unpolitischen, konservativer Eiferer, dann demokratischer Verkünder. Da ist das Geistgebirge des "Zauberbergs", erhoben mehr als gelesen. Da ist der Nobelpreis. da die Verstoßung: Deutschland und die Deutschen, es fällt ihnen, scheint es. nicht schwer, sich von ihren Nobelpreisträgern zu distanzieren, zu trennen. Schließlich die Rückkehr (immerhin in die Nachbarschaft) unter einigen Schmähliedern, vielen Hymnen. Eine Verlegenheit aber blieb der Dichter des "Doktor Faustus" doch.
Und heute? Die DDR macht es sich leicht, vereinnahmt den Dichter als Klassiker, konserviert ihn auf solche Weise und legt ihn ab. und vom Hundertsten ins Tausendste feiert sie ihn mit einem Film. Und hierzulande? Als ob die Festwochen und Preisverleihungen die Verlegenheit verbergen könnten, die daraus resultiert, daß hier einer noch gar nicht aufgenommen, noch nicht, in des Wortes mehrfacher Bedeutung, angekommen ist.
Schon aber meldet sich Gretchen mit der Frage, wie er"s denn halte mit der sozialen Religion. Eine berechtigte Frage, gewiß, und dieser im Tiefsten unpolitische Mensch in seinem bürgerlichen Aristokratismus wäre ihr heute nicht ausgewichen. Doch ist ja wohl die Erinnerung an den Umstand noch erlaubt, daß es von Homer und Wolfram von Eschenbach und Shakespeare und Goethe bis zu Hofmannsthal und Proust die soziale Frage nicht war, die dem Dichter auf den Nägeln brannte, und daß man sie besser wohl nicht zum einzigen oder wichtigsten Indikator für seine Bedeutung, seine Größe macht.
Mendelssohns Werk wird in all seiner Massigkeit und Detailverzückung von den im Jahre 1975 vermutlich bis an die Zahl 20 000 anwachsenden Titeln der Thomas-Mann-Sekundär-Literatur die meisten entbehrlich machen (sofern sie es nicht schon waren). Sein Buch ist ein Abschluß -- jedenfalls dieser erste Band. Es wäre indessen gut, wäre notwendig, daß es zugleich einen Anfang machte, Appell wäre und Stimulans, den Besitz gemäß seinem Wert zu erwerben.

DER SPIEGEL 22/1975
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