26.05.1975

URLAUBSo gemütlich

Die Miet-Boote auf Europas Flüssen und Seen, obwohl vielfach unbequem und teuer, sind ausverkauft, und die Deutschen sind die besten Kunden. Grund: Kapitän kann jeder werden -- ohne Vorkenntnisse und Führerschein.
An Warnungen fehlt es nicht. "Eine spezielle, gegen Insekten schützende Körperlotion" wird dringend angeraten; die Batterie soll ebenso sparsam benutzt werden wie das WC: "Vor allem tagsüber", so steht es in den "nützlichen Ratschlägen" für "Das Leben an Bord", "nutzen Sie die Natur!"
Trotz solcher Hinweise auf verminderte Hygiene und Null-Komfort zieht es die deutschen Urlauber mit Macht aufs Wasser. Ihre Zielgebiete sind freilich nicht die besseren Jacht-Gründe der Karibik oder Côte d'Azur, ihr Gefährt auch nicht das Segelschiff.
Wer dem Lockruf "Kapitän auf eigenem Boot" "in einem der populären Pauschalangebote großer Reiseunternehmen folgt, der gerät aufs Binnengewässer, in ein motorgetriebenes Wasserfahrzeug mit vier, sechs oder acht Betten, entweder Hausboot (Holland, Frankreich) oder Kabinenkreuzer (England, Irland).
Doch die sich da in die engen Kojen der Mietboote drängen, sind durchaus nicht die campinggehärteten Billigpreis-Touristen im Trainingsanzug. "Unsere Kunden", sagt Siegmar Heger von der "Destination France", die in der Bundesrepublik ein großes Programm französischer Hausboote anbietet, "sind ausgesprochene Individualisten und kommen ausnahmslos aus höheren Einkommensklassen."
Bei den Preisen der Bootsvermieter ist das nicht überraschend. Für eine Woche in der Hochsaison berechnet Heger eine Bootsmiete von 1045 Mark, auch in den anderen bevorzugten Revieren der Amateur-Schiffer -- Irland. England und Holland -- ist unter 800 Mark kaum ein Schiff zu chartern, allerdings gibt es dort mitunter mehr Komfort fürs Geld.
Hegers Hausboote in Burgund sind 6,50 Meter lang und 2,50 Meter breit und sollen Platz für vier Passagiere bieten, gedacht ist aber wohl zuvörderst an Pygmäen: Vier normalwüchsige Erwachsene, gar "ausgesprochene Individualisten aus höheren Einkommensklassen", lernen hier sehr schnell, daß ein Hausboot dieser Größe weder ein Haus noch ein Boot ist, sondern bestenfalls eine Gartenlaube auf einem notdürftig motorisierten Floß.
Die "Küche" an Bord ist ein zweiflammiger Propangaskocher, der versprochene Kühlschrank eine Kühlbox. die sanitären Einrichtungen bestehen aus einer winzigen Spüle und einem WC, das so klein ist, daß es nur bei offener Tür zu benutzen ist.
Angetrieben wird die Ferienhütte von einem laut quäkenden Außenborder mit neuneinhalb PS, der stromaufwärts gerade noch fünf bis sechs Stundenkilometer ermöglicht; bei stärkerem Wind öffnen erfahrenere Hausbooter alle Fenster, um durch Verringerung des Luftwiderstandes einen Rest von Manövrierfähigkeit zu bewahren.
Es geht, andernorts, auch anders: Auf den kanadischen und amerikanischen Seen verkehren Hausboote, die gut doppelt so groß sind; auf dem Sonnendeck stehen Liegestühle. für den Landausflug sind Fahrräder an Bord, und die Fahrzeuge sind so stark motorisiert, daß hinter ihnen Wasserski gelaufen werden kann. Bequeme Schiffsreisen über Hunderte von Kilometern, wie sie dort üblich sind, erlauben die langsamen Burgunder Boote natürlich nicht.
"Das ist ja gerade das Schöne daran", sagt ein deutscher Hausboot-Fan, der jedes Jahr abwechselnd die Wasserstraßen Burgunds oder der Bretagne befährt, "man dümpelt so gemütlich von Restaurant zu Restaurant und von Schleuse zu Schleuse. Das ist eben nostalgisch, genau wie Urlaub im Zigeunerwagen oder Wandern im Schwarzwald."
Und das Allerschönste ist, daß der Tourist das begehrte und propagierte Einmal-selber-Kapitän-Gefühl in der Regel ohne jede Kenntnis erwerben kann; Motorboot-Lizenzen sind, außerhalb der Bundesrepublik, fast nirgends vonnöten, selbst in England, wo auf den Norfolk Broads bis zu 15 Meter lange Schiffe mit Dieselantrieb. Dusche und Heizung zur Miete liegen, wird keinerlei Führerschein verlangt; eine kurze Einweisung und ein paar Blätter mit guten Ratschlägen ("Navigation: Eine sehr einfache Sache, wo Wasser ist, können Sie fahren; wo Ufer ist. kann angelegt werden") werden für ausreichend gehalten, sind es jedoch häufig nicht.
"Die meisten Leute, die hierher kommen", hat ein Bootsmann der Charterfirma "Nautic Voyage" im burgundischen Verdun-sur-le-Doubs beobachtet. "das sind welche, die eigentlich lieber segeln würden, aber zu blöd sind, das zu lernen. Die haben keine Ahnung. wollen sich aber auch nicht belehren lassen, und ruinieren uns dann die Schiffe."
Die Boote auf der Saône fahren mit rundumlaufendem Gummiwulst wie die Autoscooter auf dem Jahrmarkt, und so ähnlich werden sie häufig wohl auch gesteuert.
Zwanzig solcher träge schwimmenden Schrebergartenhäuschen vercharterte Heger 1974, in diesem Jahr sind es schon 80. In Irland. dem Lieblingsrevier großer deutscher Reiseunternehmer, ist inzwischen fast jeder zweite Kabinenkreuzer mit deutschen Freizeit-Skippern bemannt; rund 8000 Bundesrepublikaner machten im letzten Jahr auf dem Shannon Urlaub (und setzten dabei fast hundert Boote auf Grund).
Mit der englischen Norfolk-Flotte, die mit mehreren Tausend Schiffen immer noch die größte Europas ist, mit den schnell wachsenden Hausboot-Beständen Frankreichs und dem irischen Kontingent an Kabinenkreuzen" will neuerdings auch ein außereuropäischer Anbieter um die zahlungskräftigen deutschen Charter-Kapitäne konkurrieren.
"Wir haben hier in Ontario 250 000 Seen, die zwei Drittel so groß sind wie die Bundesrepublik", sagt Kanada-Propagandist und -Pionier Helmut R. Voss vom Frankfurter Reiseunternehmen "Inter-Air". "Wenn die deutschen Touristen erst mal merken, daß so ein Hausboot-Programm bei uns auch nur 300 Mark mehr kostet, dann können die in Europa mit ihren schmalen Flüßchen einpacken!"

DER SPIEGEL 22/1975
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