12.05.1975

AFFÄRENTeuer und peinlich

Die US-Börsenaufsicht deckte Geheimfonds auf, aus denen Konzerne Schmiergelder an in- und ausländische Politiker und Berater zahlten.
Eli M. Black, Chef des US-Nahrungsmittel-Multis United Brands, schloß sorgfältig die Tür seines Büros im 44. Stock des New Yorker Pan Am Buildings von innen ah. Mit seinem Aktenkoffer zertrümmerte er die Scheibe des fest eingebauten Fensters und stürzte sich auf die belebte Park Avenue.
Der Selbstmord des 53jährigen Top-Managers am Morgen des 3. Februar schien der Familie, den Freunden und Geschäftspartnern unerklärlich. Verwandte und Bekannte des zum Rabbiner ausgebildeten Black tippten schließlich auf einen Anfall geistiger Umnachtung als Ursache des rätselhaften Suizids.
Nur aus Routine -- wie in jedem Fall eines Selbstmords von Repräsentanten des Big Business -- leitete Washingtons Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exehange Commission (SEC) eine Untersuchung des mysteriösen Fenstersturzes ein.
Doch überraschend entdeckten die Börsenaufpasser, die auf die Einhaltung aller Wertpapiergesetze in Amerikas Effektenmärkten und Unternehmen zu achten haben, was wohl den Selbstmord des Selfmademan ausgelöst hatte: United Brands, größter Bananenproduzent und -händler der Welt (Marken-Name "Chiquita") mit riesigen Plantagen in Mittelamerika, hatte -- wie die SEC in einer Klage gegen die Firma Mitte April enthüllte -- ausländische Politiker und Beamte mit zwei Millionen Dollar bestochen, um günstigere Konditionen im Bananengeschäft zu erhalten.
Den mutmaßlichen Haupt-Empfänger der Firmen-Spenden. Staatspräsident Oswaldo López Arellano von Honduras. der für eine Halbierung der Bananen-Exportsteuer 1,25 Millionen Dollar kassiert haben soll, jagten daraufhin die Militärs der mittelamerikanischen Bananen-Republik durch einen unblutigen Pusch davon.
War auch das Ende für Geber und Nehmer von Schmiergeldern im United-Brands-Fall höchst ungewöhnlich -- Geheimfonds, aus denen US-Konzerne in- und ausländischen Politikern, Beamten und sogenannten Beratern Millionen zahlten, spürte die SEC in den vergangenen Wochen und Monaten gleich im Dutzend auf.
Auf ihrer Suche nach verborgenen Kanälen, durch die Unternehmen illegal Geld aus der Firmenkasse in die Taschen aufgeschlossener Politiker lenkten. wurden die SEC-Fahnder etwa bei den Ölgesellschaften Gulf Oil und Phillips Petroleum, dem Chemiekonzern 3M Co., der Werft American Shipbuilding Corp. sowie dem Luftfahrt-Unternehmen Northrop fündig.
Mit der Zahl der in Schmiergeld-Skandale verwickelten Firmen nahm auch die Summe zu, die von der SEC beklagte Unternehmen jeweils gespendet hatten: Hatte zunächst Phillips Petroleum mit 2,8 Millionen Dollar die Geschenk-Liste angeführt, so gestand Gulf-Chef B. R. Dorsey im April, aus dem Schmiergeld-Topf des Ölmultis von über 10 Millionen Dollar allein 4,2 Millionen Dollar an eine ausländische Partei gezahlt zu haben.
Noch großzügiger gingen die Manager des auf den Bau von Düsenjägern ("F-5") spezialisierten Rüstungskonzerns Northrop zu Werke. Laut Klageschrift der SEC zahlte das Unternehmen mindestens 476 000 Dollar illegaler Wahlkampf-Beiträge in den USA. Darüber hinaus schüttete Northrop von 1971 bis 1973 weitere 30 Millionen Dollar an verschiedene "Berater, Vermittler Lind andere" aus, ohne die Zahlungen korrekt zu verbuchen oder sicherzustellen, daß diese tatsächlich für den angegebenen Verwendungszweck erfolgten.
"Diese Fälle haben uns in jeder Beziehung zu einem privaten Äquivalent von Watergate geführt", ordnete ein SEC-Beamter die Fahndungs-Erfolge seiner Behörde ein. "wir sprechen von Korruption in einem verblüffenden Maßstab."
Mit Watergate hatten denn auch die peinlichen Enthüllungen für viele US-Unternehmen angefangen. Als damals Watergate-Sonderfahnder nach Nixons heimlichen Geldgebern spürten, entdeckten sie rund Zwei Millionen Dollar gesetzlich verbotener Firmen-Spenden (in den USA dürfen Unternehmen Politiker und Parteien nicht finanziell unterstützen). Für ihre Freigebigkeit hatten fast zwei Dutzend Unternehmen und ihre Top-Angestellten geringe Geldstrafen zu zahlen. Dann schien die Watergate-Episode für Wahlkampf-Kontributoren wie Gulf, Northrop und 3M Co. abgeschlossen.
Doch statt der Watergate-Späher des Justizministeriums begannen nun Steuerfahnder und SEC-Experten, die Spenden-Praktiken der Konzerne auszuforschen. Denn mit ihren heimlichen Polit-Beiträgen hatten die Finanzmanager der Unternehmen gegen die Publizitätsvorschriften des amerikanischen Wertpapier- Rechts verstoßen. Und soweit sie ihre Geld-Geschenke in den Büchern als reguläre Betriebsausgaben getarnt hatten. hinterzogen sie darüber hinaus noch Steuern
Die mit allen Buchhaltungs-Tricks vertrauten SEC-Beamten entdeckten. daß US-Multis nicht allein heimische Politiker schmierten, sondern auch in Übersee operierten -- mit Beträgen, gegen die die Watergate-Summen wie Kleingeld wirkten
So hatte Gulf. das siebtgrößte Unternehmen der USA, über die wohl nur zu Schmiergeldzwecken gegründete und inzwischen aufgelöste Tochtergesellschaft Bahamas Exploration Co. 54 Millionen Dollar in die Taschen amerikanischer Politiker und mindestens 4.9 Millionen Dollar ins Ausland gelenkt. Claude C. Wild jr. bis Anfang 1974 Gulf -Vizepräsident übernahm willig die Alleinschuld für den bahamesichen Geheimfonds. Zum Lohn stellten Gulfs Top-Manager ihren Ex-Vize nach dessen Rücktritt heimlich wieder als Berater für "Notfälle" ein.
Ein Schweizer Nummernkonto -- angeblich eröffnet, um Versicherungsprämien an europäische Tochtergesellschaften weiterzuleiten -- diente den 3M -Managern als Schmiergeld-Versteck. Aus dem getarnten Topf und über den Züricher Rechtsanwalt Ludwig Gutstein floß nach Angaben der Ermittlungsbeamten knapp eine halbe Million Dollar zurück in die USA.
Auch Militärflugzeug-Hersteller Northrop schob mit Hilfe eines im Ausland ansässigen Beraters 476 000 Dollar in die Vereinigten Staaten zurück: Die Firma zahlte dem Berater William Savy in Paris überhöhte Honorare. Während seiner US-Visiten lieferte Savy dann das zuviel gezahlte Geld meist in 10 000-Dollar-Päckchen bei dem bis Dezember 1974 aktiven Northrop-Vize Allen wieder ab.
Aus dem Index eines von der SEC bislang vertraulich behandelten Berichts der Northrop-Wirtschaftsprüfer Ernst & Ernst geht zudem hervor, daß noch weitere Firmengelder durch recht trübe Geschäfts-Kanäle Flossen. So wurden Northrop-Transaktionen als ungewöhnliche Zahlungen an dritte Parteien spezielle Zahlungen au iranischen Anwalt' und "spezielle Zahlung au libyschen Agenten" verbucht Libyen kaufte neun, Persien 228 "F-5"-Jäger).
Eine weitere Masche, Geld für illegale Fonds abzuzweigen. enthüllten Rechercheure der US-Luftfahrtbehörde Civil Aeronautics Board (CAB). die mit der SEC Schiebereien bei den Fluggesellschaften American Airlines und Braniff Airways untersuchen. Unter dem Druck der CAB-Ermittler gab Braniff zu, zwischen 1969 und 1973 mindestens 2600 Flugkarten im Werte von über 750 000 Dollar herausgegeben zu haben, ohne die Einnahmen ordnungsgemäß zu verbuchen.
Trotz der erfolgreichen Fahndungen haben Amerikas spendable Konzerne außer den Schlagzeilen in der US-Presse kaum etwas zu fürchten. Denn fast alle SEC-Klagen führen zu einem "consent decrcee" -- einer Einiegung zwischen Behörde und beklagtem Unternehmen, bei der die Firma den Anklagepunkten zwar nicht widerspricht. aber sich auch nicht als schuldig bekennen muß. Auf eine Strafe wird dabei meist verzichtet. Das Unternehmen hat lediglich zu geloben, künftig nicht mehr zu sündigen.
Erklärt SEC-Mitglied Irving Pollack den Zweck der Übung: "Wir versuchen, die Gesellschaften zumindest zu überzeugen, daß ein großer Teil der früheren Praxis ein schlechtes Geschäft ist, daß diese Praxis falsch ist und künftig teuer und peinlich für sie sein wird."

DER SPIEGEL 20/1975
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