24.03.1975

Gespielt, getäuscht, gemogelt

Die Topmanager spekulierten mit Millionenbeträgen, Sekretärinnen jonglierten mit Hunderttausenden: Lange bevor Herstatt einging, war die Kölner Bank zur Spielbank geworden, Warnungen des Revisors dienten nur der Erheiterung. Auch Versicherungs-Gesellschaften des Herstatt-Hauptaktionärs machten beim Millionenspiel mit.
Das "Gespenst des Chaos" sah Amerikas Wirtschaftsmagazin "Business Week" heraufziehen, Frankreichs "Le Monde" registrierte ein "Klima ernster Sorge", und Englands "Economist" fand die Banker der Welt in Untergangsstimmung vor: "Knietief in Trübsinn und Schicksalsergebenheit".
Heute, ein dreiviertel Jahr danach, haben die internationalen Finanzmärkte sich noch immer nicht vollständig von dem Schock erholt, den ihnen der Kollaps der Kölner Herstatt-Bank versetzte. Zu nachhaltig störte die Bankpleite das feine Netz des Welt-Geldhandels, zu deutlich machte der Zusammenbruch die immensen Risiken des Handels mit Gold und Devisen, Geld und Kapital.
Nebenbei veränderte der Abgang des Kölner Instituts die westdeutsche Bankenlandschaft. Selbst renommierte Privatbanken werden seither im internationalen Geldgeschäft nicht mehr als Partner akzeptiert, mindestens zwölf kleinere Institute gaben auf oder überlebten nur mit neuen, zahlungskräftigen Partnern.
Der folgenschwerste Bankenkrach der Nachkriegszeit, den Staatsanwälte und Beamte der staatlichen Aufsichtsbehörden -- bislang erfolglos -- aufzuklären suchen, brach in einer mittelgroßen deutschen Privatbank aus, dem Bankhaus I. D. Herstatt in Köln. Das Institut -- an 35. Stelle in der Banken-Rangliste, Bilanzsumme zwei Milliarden Mark -- war am 26. Juni 1974 wegen totaler Überschuldung von der Bankenaufsicht geschlossen worden.
"Gigantische Devisenspekulationen hatten die Bank in einen Verlust getrieben, der schließlich das Zehnfache des haftenden Kapitals erreichte: Bei einem Eigenkapital von 77 Millionen Mark verloren die Herstatt-Banker eine dreiviertel Milliarde Mark -- durch krasse Managerfehler, zweifelhafte Geschäfte und grobes Versagen der Aufsichtsgremien.
Bis zu jenem 26. Juni, als Iwan David Herstatt bleich und wortlos durch die Hintertür sein Bankhaus verließ, war die Bank, der er den Namen gab. eines der risiko- und spekulationsfreudigsten Institute der Welt. Es gab Monate, da wurden Tag für Tag mehrere hundert Millionen Dollar hin- und hergeschoben. 1973 setzten die sieben Devisenhändler der Bank 63,8 Milliarden Mark in Dollar, Pfund, Gulden und Schweizer Franken um. Im ordentlichen Bankgeschäft war nichts mehr verdient worden (14 Millionen Mark Verlust in 1973), nur wegen der hohen außerordentlichen Erträge (in diesem Falle: Gewinne aus spekulativen Eigengeschäften der Bank) in Höhe von 48 Millionen Mark konnte Herstatt in seinem letzten vollen Geschäftsjahr noch Gewinn ausweisen.
Dennoch will Iwan Herstatt seine Mitarbeiter schon 1973 vor den Gefahren des Devisenhandeis gewarnt haben: "Wir beabsichtigten", schrieb er fünf Tage nach dem jähen Ende seiner Bankierskarriere an den Kölner Staatsanwalt, "den Abbau so voranzutreiben, daß wir Ende 1974 generell aus diesem Geschäft ausgestiegen sein wollten."
Das Geschäft war einige Jahre gut gelaufen. Mit ausländischen Währungen hatte das Bankhaus Herstatt seit seinem Bestehen (1956) gehandelt, zunächst auf herkömmliche Art als reines Dienstleistungsgeschäft einer Bank: Ein Importeur, der französische Wagen für die Deutschen einkauft, braucht Franzosen-Franc zur Begleichung seiner Rechnungen; die. Bank beschafft sie ihm, entweder sofort (Kassageschäft) oder für einen späteren Termin zu jenem Umtauschkurs, der im Augenblick des Vertragsabschlusses gilt (Termingeschäft).
Solange die Wechselkurse der westlichen Industrieländer festgeschrieben waren und nur in bestimmten Bandbreiten schwanken konnten, war das Risiko im Devisengeschäft kalkulierbar. Für Spekulanten waren die geringfügigen Kursschwankungen kein Anreiz.
Als 1971 die wichtigsten europäischen Währungen -- darunter auch die Mark -- zu floaten begannen, ihr Wertverhältnis zum US-Dollar sich also frei einpendeln konnte, da wurden die Währungsspekulanten munter und die Devisenhändler in den Banken hektisch. Es wurde attraktiv, ein Devisengeschäft um des Devisengeschäfts willen zu machen, Dollar zu verkaufen, die man nicht hatte, Pfunde zu kaufen, die man nicht brauchte.
Das Spekulationsfieber steckte auch die anderen an.
Bei ständig steigenden Einsätzen hielt das Bankhaus Herstatt im internationalen Devisen-Roulett mit. Mehr noch: Binnen weniger Jahre wurde die Kölner Privatbank zu einer der besten Adressen auf dem Weltmarkt, erwarben sich Herstatts junge Devisenhändler den Ruf fixer Superprofis der ersten Garnitur. Chase Manhattan in New York wußte die Kölner ebenso zu schätzen wie die sowjetische Moscow Narodny Bank in London, der Schweizerische Bankverein, die Zentralsparkasse Wien oder die Westdeutsche Landesbank.
Iwan Herstatt war stolz auf seine Devisenhändler, die acht Stunden am Tag mit Partnern in aller Welt telephonierten, täglich bis zu 600 Kontrakte über Devisenverkäufe oder -käufe schlossen. Und häufig klopfte er anerkennend dem Mann auf die Schulter, der sein und seiner Leute Gehalt verdiente und den er dennoch später gern zum Alleinschuldigen des Bankenkrachs gemacht hätte: Chef-Devisenhändler Dany Dattel, verheiratet, Vater zweier Kinder, inzwischen 36 Jahre alt und arbeitslos.
Eigentlich hatte er zum Theater wollen. Daraus wurde nichts. Der Odenwald-Schüler ging als Stift zu Herstatt. Und auf der Bühne, die sich ihm dort auftat, zeigte Dany Dattel so viel Talent, daß er schon bald nach seiner Lehrzeit die Abteilung Noten- und Goldhandel übernahm. Systematisch baute Dattel -- unter der Verantwortung des Generalbevollmächtigten Bernhard von der Goltz -- zunächst den Gold- und dann auch den Devisenhandel zur wichtigsten Ertragsquelle der Herstatt-Bank aus. Während die
Zinsspanne -- die Differenz zwischen den für ausgeliehene Kredite eingenommenen und den an die Geldgeber gezahlten Zinsen -- immer kleiner wurde, machten Dattel und seine jungen Leute -- alle knapp über 20 -- sprunghaft steigende Gewinne im Handel mit Gold und Gulden, Dollar, Pfund und Franken
Ohne Stress allerdings ging das nicht. Während nach Dattels Einschätzung bei Herstatt sich allzu viele "Frühstücksdirektoren einen faulen Lenz" machten, schluckten die Währungshändler der Bank Tabletten, um den zerrütteten Kreislauf zu stabilisieren und akute Magengeschwüre zu besänftigen.
Im Jahr 1973 legten sie gar noch zu: Sie drehten -- so der Jargon der Branche -- ein großes (und immer schneller rotierendes) Rad.
Für Banker war es ein schwieriges, für Spekulanten ein faszinierendes Jahr: Die Bundesbank ließ 1973 das Geld knapper denn je werden, um die Inflationsrate zu drücken; die Banken mußten zum Teil scharfe Ertragseinbrüche hinnehmen, und der Kurs des US-Dollar stürzte zunächst sieben Monate unaufhaltsam (von 3,15 Mark auf 2,28 Mark), um sich dann den Rest des Jahres wieder stetig aufwärts zu entwickeln (2,70 Mark im Dezember).
Die Spekulation gegen den Dollar war zunächst in der ersten Jahreshälfte ein sicheres Geschäft. Und davon profitierten sowohl die Bank als auch die Angestellten, die sich bald -- entgegen allen Bankusancen -- immer hektischer an der Spekulation beteiligten. Die ersten Nutznießer waren die Devisenhändler selbst und die Herstatt-Manager, die auf eigene Rechnung Millionenkontrakte in Devisen abschlossen.
Dann steckte das Spekulationsfieber auch die anderen an. Ein 22jähriger Jungkaufmann fuhr im Porsche (den er sich leisten konnte) zur Arbeit bei Herstatt vor, ein Kollege ließ sich ein Eigenheim am Stadtrand bauen, von dem mancher Abteilungsleiter noch träumte. Dattel verspekulierte sich einige Millionen. Sekretärinnen wurden über Nacht um 100 000 Mark reicher.
Denn in Köln durften alle beim großen Millionenspiel mitmachen, vom Direktor bis zur Putzfrau. Eine minderjährige Bürokraft bewegte sechsstellige Beträge im Devisenhandel. Ein Angestellter verlor bei Termingeschäften 100 000, ein anderer 300 000 Mark -- die Bank war zur Spielbank geworden.
Was sich Chef Iwan Herstatt dabei dachte, wider alle guten Bräuche eines seriösen Bankiers seinen Angestellten die Devisenspekulation zu gestatten, blieb unklar. Sicher erscheint indes, daß seine Fehlentscheidung jene Tollhaus-Atmosphäre im Hause Unter Sachsenhausen 6 heraufbeschwor, in der schließlich alles möglich schien und möglich wurde.
Herstatt machte es seinen Mitarbeitern leicht, sich am Devisen-Spiel zu beteiligen. Der Einsatz war gering: Zehn Prozent der gehandelten Summe waren als Einschuß erforderlich, aber nicht einmal dieses Zehntel mußte in bar erbracht werden; es genügte, wenn der Klein-Spekulant bis zu dieser Summe kreditwürdig war.
Diese bescheidenen Erfordernisse hatte die Kreditabteilung zu überwachen. Doch nur ungenügend erfüllte diese Abteilung ihre Aufgabe.
Die Händler benutzten Strohmänner.
Einzelne Angestellte -- vor allem Devisenhändler -- hatten schon vorher intensiv Eigengeschäfte betrieben. Der Revisor der Bank, Heinz Laaff, hatte jedenfalls schon im Sommer 1971 kritisch auf diese Transaktionen hingewiesen. Reaktion des Herstatt-Managements: Zunächst geschah eine Weile gar nichts, dann wurden diese Angestellten-Geschäfte in einem hausinternen Schreiben von höchster Stelle sanktioniert.
Das Rundschreiben vom 5. 9. 1972, das die Bedingungen für Devisentermingeschäfte mit Privatkunden und Angestellten festlegte -- zehn Prozent des Kontraktwertes als Einschuß, Bestätigung durch die Kreditabteilung -, wurde von Iwan Herstatt und Graf Goltz abgezeichnet. Es löste die Spekulationswelle unter den Herstatt-Mitarbeitern aus.
Selbst Iwan Herstatt muß jedoch geahnt haben, daß die Geschäfte seiner Angestellten unvertretbar waren. So mahnte er seine fiebernden Sekretärinnen, Botenjungen, Kassierer und Händler zur Mäßigung; er setzte ihnen ein -- freilich abenteuerlich hohes -- Limit: Mehr als zehn Millionen Dollar auf einmal durften sie nicht kaufen oder abgeben.
Erst am 7. November 1973 wurde dieses Limit auf fünf Millionen Dollar gekürzt, am 20. Mai 1974, fünf Wochen vor Schließung der Bank, schließlich auf eine Million. Gleichzeitig wurde der Einschuß auf 20 Prozent erhöht.
Ende 1973 aber war die Devisen-Spekulation längst in gefährliche Größenordnungen ausgeufert. Die Dienstanweisungen wurden häufig nicht beachtet oder umgangen. Bei Schließung der Bank steckten einzelne Mitarbeiter noch mit mehr als 100 Millionen Mark in Devisenkontrakten.
Die Gunst der Märkte und die Toleranz des Managements hatten vor allem die Herstatt-Devisenhändler zu nutzen gewußt. Um ihr riesiges Eigengeschäft nicht allzu augenfällig werden zu lassen, benutzten sie Strohmänner und Ehefrauen.
Frau Dattel verkaufte noch am 22. Mai 1974 -- gut vier Wochen vor der Pleite -- ebenso wie ihr Gatte, der Chef-Devisenhändler, fünf Millionen US-Dollar. Das gleiche Geschäft mit je fünf Millionen Dollar machten am gleichen Tage Dattels Kollegen Roth und Winkler sowie deren Ehefrauen.
Bankrevisor Laaff, der Herstatt und den Grafen Goltz über diese Geschäfte unterrichtete, empörte sich am 31. 5. 1974 in einer Aktennotiz: "M. E. gibt es hier nur eine Konsequenz: Stornierung des gesamten Komplexes."
Mehrfach hatte Laaff zuvor die Geschäftsleitung vor den Praktiken in der Devisenabteilung gewarnt. Die durchweg als "streng vertraulich" gezeichneten Vermerke und Aktennotizen des Revisors waren für die Herstatt-Herren jedoch zumeist nur eine Quelle der Erheiterung im kleinen Kreis.
Am 23. August 1971 wollte Laaff wissen, in welcher Höhe die Devisenabteilung für Rechnung der Bank spekulieren sollte, ob dem Bankpersonal der Abschluß von Devisengeschäften gestattet sei, wenn ja, wem und in welcher Höhe.
"Die ersten Tränen sind bereits geflossen."
Schon damals argwöhnte Laaff, daß sich "Angestellte anderer Personen zur Abwicklung von Devisentermingeschäften bedienen", daß unsaubere Buchungsmethoden angewandt und "bei einigen Geschäften die Gewinne frisiert" wurden.
Laaff forderte die Geschäftsleitung zu einem "harten Gespräch" mit den einzelnen Mitarbeitern des Devisenhandels auf und schlug vor, den Angestellten "Devisengeschäfte zu Spekulationszwecken" grundsätzlich zu verbieten. Die bereits erzielten Gewinne sollten den hausinternen Spekulanten wieder abgenommen werden und wären "dem Weihnachtsgeld der gesamten Belegschaft zuzuschlagen".
Inzwischen sind Laaffs Mahnungen zu schwerwiegendem Belastungsmaterial für Iwan Herstatt und seine leitenden Angestellten geworden. Sie lassen zwei Schlußfolgerungen zu:
* Das Herstatt-Management hatte offensichtlich wenig oder kein Interesse, die gefährliche Spekulation seiner Mitarbeiter einzuschränken. > Schon 1973 hätte Iwan Herstatt, wäre er den Hinweisen seines Revisors nachgegangen, die Gefahren, die dem Institut durch den Devisenhandel drohten, entdecken müssen. Nachdem Herstatt seinen Angestellten -- entgegen der Laaff-Empfehlung -- ausdrücklich die Devisenspekulation gestattet hatte, fand die Revisionsabteilung immer häufiger Anlaß, die Geschäftsleitung an ihre eigenen Anweisungen zu erinnern. So bemängelte der Hausrevisor in seinem Bericht vom 5. 4. 73 das Fehlen schriftlicher Bestätigungen der Devisengeschäfte, beklagte die mangelhafte Einschaltung der Kreditabteilung vor Abschluß der Kontrakte sowie die vagen Angaben über hinterlegte Sicherheiten.
Vor allem aber stießen Laaff wiederum die Termingeschäfte der Angestellten auf -- sowohl in Devisen als auch in Edelmetallen. Selbst Lehrlinge hätten sich an der Spekulation beteiligt, und einige unerfahrene Mitarbeiter bereits erhebliche Verluste gemacht. "Die ersten Tränen sind bereits geflossen."
Zumeist war der nörgelnde Revisor darauf bedacht, seinen Dienstherren nicht zu verprellen. In einem vertraulichen Vermerk vom 24. 4. 74 wurde Laaff jedoch deutlich: Wenn die Arbeit der Revisionsabteilung nicht zu einer Farce werden sollte, müßte die Geschäftsleitung bei den Devisenhändlern einmal hart durchgreifen.
Am Beispiel zweier Devisenhändler -- der Herren Daendliker und Röhrig -- belegte Laaff den Verdacht, daß Dattels Draufgänger über Strohmänner ihre Gewinne vervielfachten. "Es scheint einigen Mitarbeitern offensichtlich nicht zu genügen", klagte der Hauskontrolleur, "die Maximal-Klausel von US-Dollar fünf Millionen dadurch umgehen zu können, daß sie über die Konten ihrer Ehefrauen hohe, diese Summe noch übersteigende Zusatzabschlüsse tätigen."
In der Tat: Vielen Herstatt-Leuten genügten weder ihre Ehefrauen noch Strohmänner. Sie schafften sich Nummernkonten bei der Herstatt-Bank Luxemburg an und ließen ihre Geschäfte in Gold und Devisen dort verbuchen.
Fast alle leitenden Angestellten -- einschließlich Iwan Herstatt -- gingen den heimlichen Umweg über das Ausland. Vermutlich hatten alle den gleichen Grund wie Chef-Devisenhändler Dattel, der freimütig gesteht: "Ich wollte nicht immer im Rampenlicht stehen."
Die Aufträge der anonymen Konteninhaber wurden direkt an Herstatt Köln erteilt; Herstatt Luxemburg erfuhr von den Geschäften erst durch die aus Köln kommenden Bestätigungen. In vielen Fällen -- so fanden Devisenhandels-Experten nach Schließung der Bank heraus -- brachten derartige Geschäfte Verluste für Herstatt Köln.
Mit auf der Luxemburger Liste steht auch der Mann, den die Devisenhändler als den besten Kunden der Bank betrachteten, ein cleverer Kunde, der seine Insider-Information zu nutzen verstand: Bernhard von der Goltz, Generalbevollmächtigter des Bankhauses Herstatt.
Bereits kurz nach seinem Eintritt in die Bank begann Graf Goltz den Devisenhandel zu forcieren, was ihm mit Hilfe der ehrgeizigen Dattel-Crew glückte. Mit wachsendem Volumen des Herstatt-Devisenhandels erhöhte Topmanager Goltz auch seine eigenen Einsätze.
Besonders im bewegten Spekulantenjahr 1973 war Graf Goltz Monat für Monat mit mehreren Hunderttausend dabei. Manchmal wurde es ein bißchen mehr, im Juli etwa, als er auf eigene Rechnung insgesamt 1,6 Millionen Dollar verkaufte und 800 000 Dollar kaufte. Wenige Wochen vor der Schließung der Bank, im Mai 1974, wurden auf seinem Konto bei Herstatt Köln 3,9 Millionen Dollar bewegt, meist mit Gewinn.
An hektischen Tagen schickte der Generalbevollmächtigte -- verantwortlich für den Devisenhandel -- häufig seine Sekretärin Ute Henning in den Händlerraum, um den Stand des Dollars zu erkunden. Entsprechend rasch konnte der Bankmanager seine privaten Vermögensdispositionen treffen.
Die Gold- und Devisenspekulationen, die über sein Konto hei Herstatt Köln liefen, machten indes nur den kleineren Teil seiner geschäftlichen Aktivitäten aus. Die großen Beträge liefen vor allem über die Herstatt-Niederlassung in Luxemburg. Das Konto von der Goltz hatte die Nummer 27. Dany Dattel spekulierte über Nummernkonto 13, Iwan Herstatt über Nummer 12.
Per Einstweiliger Verfügung möchte Graf Goltz sich heute bescheinigen lassen, daß er "zu keinem Zeitpunkt ein Devisen-Termingeschäft in einer Größenordnung von einer Million US-Dollar oder mehr getätigt" habe. Und über Luxemburg will er überhaupt keine privaten Devisen- oder Edelmetallkontrakte geschlossen haben.
Der Beweis wird ihm schwerfallen. Aus den Unterlagen des Bankhauses Herstatt geht hervor, daß der ehemalige Generalbevollmächtigte sehr wohl über Herstatt Luxemburg Devisen geordert bat, beispielsweise im Jahr 1973 für mindestens 24 Millionen US-Dollar. Selten waren Einzelgeschäfte unter einer Million dabei.
im Februar 1973 etwa wurde, so die Bankbestätigung, "w" (wegen) Graf Goltz über Herstatt Luxemburg eine Million Dollar gekauft, die wenig später wieder verkauft wurde -- beides per Termin 2. März. Das schnelle Geschäft brachte gut 300 000 Mark ein.
Am 3. April 1973 veranlaßte Goltz den Verkauf von zwei Millionen Dollar zum Kurs von 2,7630 Mark. Er ließ den gleichen Betrag -- am 5. April -- zum Kurs von 2,7403 zurückkaufen. Gewinn in zwei Tagen: 45 400 Mark.
Die Herstatt-Geschäftsunterlagen weisen ferner aus, daß Graf Goltz in erheblichem Umfang auch mit Edelmetallen -- vor allem Gold -- spekulierte, sei es auf eigene oder fremde Rechnung.
Mit mehreren Kontrakten im Zeitraum Februar bis Mai 1973 etwa ließ Graf Goltz über Herstatt Luxemburg 16 000 Unzen Gold per 31. 8. für insgesamt 3 922 033,81 Mark verkaufen. Im März orderte er über Herstatt Luxemburg ebenfalls 16 000 Unzen Gold per 31. 8., die 3 626 818,54 Mark kosteten. Gewinn: 295 215,27 Mark.
Heute bestreitet von der Goltz, diese Geschäfte für eigene Rechnung gemacht zu haben. Es habe sich lediglich um Kundenaufträge für Rechnung der Luxemburger Bank gehandelt, die er nach Köln weitergegeben habe. Schriftliche Bestätigungen sowie andere Herstatt-Dokumente lassen eher auf das Gegenteil schließen.
Intensiv betreute der Generalbevollmächtigte mehrere Mitglieder des weitverzweigten Clans derer von der Goltz -- so etwa seinen Bruder Hans Graf von der Goltz, zweiter Mann im Hause Quandt, der sowohl 1973 als auch 1974 für mehrere Millionen Dollar bei Herstatt Köln spekulierte. Er begnügte sich mit dem bescheidenen Gewinn von -- so Hans von der Goltz
"73 000 Mark nach Steuern", die er zum Ausgleich seiner Verluste bei ausländischen Wertpapieren einsetzte.
Etliche Freiherren von der Goltz aus Latein-Amerika zeigten ungewöhnliches Interesse an großformatiger Spekulation. So hatten sich Joaquin, Rüdiger und Rodrigo von der Goltz aus Guatemala City die Kölner Bank und ihre Luxemburger Dependance für Transaktionen ausgewählt. Dabei ging es oft in die Millionen Dollar. Per 19. November 1973 etwa kauften die drei Guatemala-Goltz zusammen zehn Millionen US-Dollar bei Herstatt Luxemburg. Kurs: 2,4230 Mark. Kurz darauf verkauften sie den gleichen Betrag zum Kurs von 2,4280 Mark. Gewinn in zwei Tagen: 50 000 Mark.
Im August 1973 wurden mehrere Von-der-Goltz-Spekulanten so aktiv, daß an einem Tag eine offene Devisen-Position (die Differenz zwischen Ankäufen und Verkäufen, die Summe dagegen macht das Volumen aus) von 40 Millionen Dollar erreicht wurde.
Bernhard Graf von der Goltz, inzwischen aussichtsreicher Anwärter auf einen Spitzenjob beim Arbeitgeber seines Bruders, der Quandt-Gruppe, will damit nichts zu tun haben. Zwar lauteten die Geschäfte der -- so die Düsseldorfer Kanzlei seines Vaters Rüdiger von der Goltz -- "wohlhabenden ausländischen Kunden der Herstatt Bank Luxemburg" gelegentlich auf den Namen von der Goltz. Dabei handele es sich jedoch lediglich "um einen fast gleichen Namen". Verwandt seien die Goltzens nicht.
Das Goltz-Vermögen liegt nicht unter Arrest im Safe.
Diese These mag formal richtig sein. Die von der Goltz aus Latein-Amerika nämlich stammen aus der Freiherren-Linie des Goltz-Clans, der Generalbevollmächtigte aber ist Graf.
Freiherren und Grafen führen freilich dasselbe Wappen, beide "Geschlechtsverbände" halten laut dem Genealogischen Handbuch des Adels alle zwei Jahre Familientage ab -- unter demselben Vorsitzenden.
Bernhard Graf Goltz war im August 1973 in Sizilien, und er will daher von den Super-Spekulationen derer von der Goltz nicht einmal gewußt haben. Fräulein Henning indes, seine Sekretärin, betreute damals auch diese Geschäfte, das heißt: Sie erkundigte sich fortlaufend bei den Devisenhändlern über die Entwicklung am Markt.
Da Bernhard Graf von der Goltz und andere Herstatt-Kunden mit Namen von der Goltz über die gleichen Insider-Informationen wie Dattel verfügten und im Gleichschritt mit ihm spekulieren konnten, hatten sie die Chance, außergewöhnliche Gewinne einzustreichen. Mit vermutlich sehr viel kleineren Einsätzen schaffte Dattel auf eigene Rechnung immerhin einige Millionen. Und das Vermögen derer von der Goltz liegt -- anders als die Dattel-Gelder -- nicht unter Arrest im Herstatt-Safe.
Herstatts Sekretärin spekulierte für mehrere Millionen Dollar.
Neben Graf Goltz war einer der größten Devisen-Spekulanten der Bank-Chef selbst. Auch Iwan Herstatt schloß seine Geschäfte sowohl in Köln als auch über Luxemburg ab. Der Kontraktwert lag selten unter einer Million Dollar.
Von Herstatts Kenntnissen wußte seine Sekretärin, Frau Hüttemann, zu profitieren. Sie spekulierte 1973/74 für mehrere Millionen Dollar.
Wie die Führungsspitze und die meisten Herstatt-Angestellten waren auch die Direktoren des Hauses im Devisen- und Goldgeschäft dabei. Dattels Vorgesetzter Hedderich (Ausland) spekulierte viel in Schweizer Franken sowie Gold und Silber, aber auch in Dollar -- bis zu fünf Millionen in einem Einzelgeschäft.
Direktor Wickel (Geldhandel) machte vor allem Dollargeschäfte, häufig auch über Beträge von einer Million und mehr. Er kaufte und verkaufte zudem mehrere tausend Unzen Gold. Nicht nur das Management der Bank, auch der Vorsitzende des Kontrollorgans Aufsichtsrat hatte mit Spekulieren Geld gemacht. Das Interesse Hans Gerlings, dem die Bank zu 81,4 Prozent gehörte (Quandt hielt fünf Prozent), galt vor allem dem Gold. Durch einen Bericht im WDR-Fernsehmagazin "Monitor" wurde einen Monat nach dem Ende der Bank ein Spekulationsgeschäft mit einer halben Tonne Gold bekannt, bei dem Gerling eine Million Mark gewann.
In einem Interview (SPIEGEL 32/1974) bekannte sich der Versicherungsboß stolz zu diesem Geschäft, das er als eine ganz normale Transaktion gewertet wissen wollte.
Das war es keineswegs. Am 28. Dezember 1973 hatte die Gerling Globale Rückversicherung -- eine der zahlreichen Gesellschaften des Konzerns -- 16 000 Unzen Feingold (eine halbe Tonne) für 1,9 Millionen Dollar bei Herstatt gekauft. Wenige Wochen später wurden laut Anton Weiler, Finanzchef der Gerling-Versicherungen und stellvertretender Verwaltungsratsvorsitzender, auf einer Sitzung der Top-Manager im Gerling-Konzern Zweifel laut, ob die Konzerngesellschaft derartige Spekulationsgeschäfte überhaupt abschließen dürfe. Hans Gerling beendete die Diskussion mit einer raschen Entscheidung: "Dann trete ich in das Geschäft ein."
Der Entschluß kann nicht schwergefallen sein. Schon damals warf dieser Edelmetall-Terminhandel eine Million Mark Gewinn ab. Die Bankbestätigung wurde auf den Namen "Herrn Generalkonsul Dr. Hans Gerling" umgeschrieben und auf den 28. Dezember 1973 rückdatiert.
Kurz nach der Aufdeckung des seltsamen Vorgangs hatte Gerling noch behauptet, die Verbuchung sei -- laut "Monitor" -- "irrtümlich in der Herstatt-Bank zu Lasten einer Rückversicherungsgesellschaft veranlaßt worden", die solche Geschäfte gar nicht vornehmen dürfe.
Rätselhaft sind auch die Umstände, die Weiler in den bösen Spekulationskreislauf hineingezogen haben. Telephonisch kaufte Direktor Weiler am 26. März 1974 eine halbe Million US-Dollar. Dabei habe er sich unklar ausdrücken müssen: Das Telephonat habe während einer Besprechung mit Geschäftspartnern stattgefunden, die den Auftrag nicht mitbekommen sollten.
Zwei Tage später fiel Weiler auf, daß die Herstatt-Buchhaltung ihn ins Obligo genommen hatte. Mit dem Vorsatz, den Irrtum zu korrigieren, deponierte er das Schriftstück auf seinem Schreibtisch, wo es -- so seine Erinnerung -- "zwei Monate lang" lag. Dann erst wurde das Geschäft -- rückdatiert auf den 26. März -- auf die Gerling-Konzern Allgemeine Versicherungs AG Vermögensverwaltung umgeschrieben. Diese Gesellschaft trug dann auch den Verlust von 40 000 Mark.
Dubios auch blieben die Goldspekulationen, auf die sich fünf Gerling-Gesellschaften einließen. Laut Auskunft von Gerling-Vorstandsmitgliedern hatte der Konzern-Chef seine Versicherungsgruppe in fünf Holdings neu organisieren wollen, die Gerling Speziale Gruppe KG, die Gerling Rück Pool Gruppe KG, die Gerling Allgemeine Reserve Gruppe KG, die Gerling Sach Gruppe Anlage KG, die Gerling Lebens-Gruppe Wertversicherung KG sowie die Gerling Lebensversicherung Gruppe Versicherung KG.
Diese Gesellschaften waren noch nicht einmal ins Handelsregister eingetragen, als Gerling ihnen ungewöhnliche Sonderaufgaben übertrug: Die fünf Holdings verkauften zum 8. Oktober 1974 bestimmte Mengen Gold -- alle zum gleichen Kurs von 175,70 Dollar je Feinunze, die sie, ebenfalls per 8. Oktober, zum Kurs von 168,50 kauften. Alle diese Geschäfte brachten deshalb Gewinn.
In seinem ersten Herstatt-Bericht vermutete der Vergleichsverwalter Walter Reiss im Herbst vergangenen Jahres, daß "der Bank auch durch besonders ungünstige Einzelgeschäfte Verluste aufgezwungen worden sind" -- ein Verdacht, der bis heute nicht aufgeklärt wurde und der die Frage aufwirft: Wer hatte die Macht, dem Bankhaus Herstatt Verluste aufzuzwingen?
Im nächsten Heft
Was wußte Herstatt? -- Obskure Dreiecksgeschäfte sollten die Riesenverluste verschleiern -- Eine Mafia der Devisenhändler?

DER SPIEGEL 13/1975
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