21.04.1975

Wahlkampf: „Jede Woche ein viertel Prozent“„Es genügt schon, daß er da ist“

Kein blauer Himmel über Wupper und Ruhr, gar kein Himmel. Der Nebel hängt bis in die Straßen von Wuppertal und Solingen hinab, und Willy Brandt, der um halb fünf im saarländischen Ottweiler in den Hubschrauber geklettert ist, um auch seinen Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen beim Wahlkampf zu helfen, verspätet sich um mehr als eine Stunde.
Wie er endlich kommt, bricht ein Lärm los vor dem Wuppertaler Rathaus, als sei da einer erschienen, der bekanntgibt, daß Wuppertal nun doch nicht absteigt aus der Bundesliga; 6000 hatten im Regen gewartet.
Auch in Solingen, wo es um halb acht anfangen sollte und nun schon auf neun Uhr zugeht, sind die 3000 im Konzertsaal hörbar davon angetan, daß der Parteivorsitzende kein Wetter scheut, um nur, wie er dann selber sagt, "den Mitbürgerinnen und Mitbürgern zu begegnen".
Willy Brandt macht sich die Stimmung zunutze, erzählt, wie der Pilot kehrtmachen und weitab auf einer Wiese landen mußte und er, Willy der Eroberer, querfeldein in eine Kneipe namens "Hellas" gestiefelt ist und erst mal ein Bier getrunken hat, mit Gastarbeitern. Da nicken die Solinger Genossen einander zu, so ein Kerl ist das, woll.
Solch fast familiäres Einverständnis zu erzielen scheint überhaupt ein Zweck der Solidaritäts-Tour zu sein, auf der Willy Brandt anderntags in seinem Mercedes von Essen nach Marl und Iserlohn und Lüdenscheid und Siegen jagt. Wo immer er auf Plätzen und in Sälen ans Mikrophon tritt, da empfinden die Leute wohl Stärkung, wie beim Papst, wenn der die Stadt und den Erdkreis segnet. Er hat eben, wie ein sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter sagt, "eine ganz, ganz starke Phase in diesem Frühjahr.
"Es genügt schon, daß er da ist. formuliert es ein Juso in Lüdenscheid. Und es genügt, daß er in Marl dem Genossen Chemieobermeister Hans Lehmann für fünfzigjährige Mitgliedschaft die goldene Parteinadel ans Revers steckt und ihm mit einem zusammengekniffenen Gesicht, das Herzlichkeit ausdrücken soll, "alles Gute, alles Gute" wünscht -- da überlegen es sich womöglich ein paar von denen unten vor dem Rathaus anders und wählen nun doch wieder SPD. Derlei Rituale sind fast überall einprogrammiert. In Solingen etwa ist der Genosse Hesse gerade 90 geworden und hat beschlossen, am Abend mit seiner ganzen Geburtstagsgesellschaft in die Versammlung zu Willy Brandt zu kommen, und als der ihm einen mächtigen Strauß roter Nelken in den Arm schiebt, laufen dem Alten die Tränen übers Gesicht und hundert anderen auch. Ganz leise ertönt Musik: Brüder zur Sonne, zur Freiheit.
Das ist spürbar von Marl, wo schon mittags um zwei der Rathausplatz überfüllt ist, bis Siegen: Brandt ist wieder der von damals, als es allenthalben hieß, auf den Kanzler kommt es an. Daß es immer nur auf den Mann Willy Brandt angekommen ist, wird nun deutlich, da er nicht mehr Kanzler ist. "Willy!" rufen die Leute wie selbstverständlich -- wer ruft schon "Heinz", wenn Kuhn kommt, oder "Helmut".
Keine Spur von matt oder müde. Hinter dem Pult hämmert er den Rhythmus seiner Sätze mit dem Stiefelabsatz auf den Boden. Nichts von Resignation und Entrücktheit. Im Solinger Theaterrestaurant trinkt er nach der Rede noch drei Kölsch zur Schinkenstulle und fängt an, Witze zu erzählen, so daß der Zeitplan gänzlich durcheinander kommt.
Er redet keine dicken Töne, sondern genießt offenkundig "Das Vergnügen, anständig zu sein", so ein Pirandello-Stück, das in Solingen nebenan im Theater gerade auf dem Plan steht. Strauß erwähnt er, als "krachledernen Büttenredner", nur in einem Nebensatz, und was Strauß in Sonthofen gesagt hat, "das lass' ich mal beiseite, das lass' ich mal beiseite", alle wissen es ja auch.
Die Krise bei VW erläutert er ganz einfach: "So einfach ist das nicht mit den Autos." Die steigenden Börsenkurse sind für ihn "interessant, denn die Leute erwarten ja nicht, daß die Firmen Pleite machen, deren Papiere sie kaufen". Und "nein", sagt er, "wir stehen so schlecht nicht da".
Nun soll sich das nur noch herumsprechen" dafür zu sorgen ist er eigentlich gekommen. Das am Zaun den Nachbarn, am Arbeitsplatz den Kollegen so klarzumachen, wie er es jeweils seinem Publikum eintrichtert, ist ihm "hundertmal mehr wert als alle Plakate und Druckschriften". Und, vor allem: daß am 4. Mai in Nordrhein-Westfalen auch jeder zur Wahl geht: "Wer wegfährt, der soll bitte rechtzeitig wieder zurückkommen".

DER SPIEGEL 17/1975
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