21.04.1975

Wahlkampf: „Jede Woche ein viertel Prozent“„Ich bin nicht Willi Weyer“

"Oh", sagt er mit leidlich gespieltem Erstaunen und fördert, wenn die Reporter hinschauen, aus seiner Manteltasche einen Schlagring, "ich sehe gerade, ich bin bewaffnet." Dabei ist er das immer; der Schlagring hat ihm bei der Abtasterei auf Flughäfen schon viel Ärger eingetragen. Vorn rechts im Fußraum seines silbergrauen Dienst-Mercedes steckt im eigens angebrachten Halfter. geladen und gesichert, eine Pistole.
Sicherer wird Horst-Ludwig Riemer dadurch bestenfalls äußerlich. Seine innere Sicherheit kann selbst Polizeischutz nicht gewährleisten -- offenbar auch nicht die sachbezogene Kompetenz, die er unter Kundigen zu demonstrieren versteht. Da fehlt was anderes. Horst-Ludwig Riemer kommt auf die Bühne, aber nicht über die Rampe. Seine Auftritte wirken, auch live und vor Publikum, wie gefilmt und obendrein ein bißchen asynchron. Er weiß wohl, wovon er redet, aber die Kommunikation hat er nicht erfunden.
Ein Mann von 42 Jahren, promovierter Jurist. seit fünf Jahren Minister für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr des größten Bundeslandes. seit drei Jahren auch Landesvorsitzender der nordrhein-westfälischen FDP -- und doch eigentümlich unfertig, auch physiognomisch. kantenlos und wohlgerundet wie ein Polstermöbel. Er kann öffentlich dasitzen, fast versunken in Kontemplation, und aussehen wie Buddha junior in Nadelstreifen, mit viel Brille und noch mehr Haupthaar. Ein Mann ohne Leidenschaften.
Ausgenommen seine "heimliche Leidenschaft": die Philosophie. Zu ihr hat der Lehrerssohn, der ursprünglich Chemiker (zum Beispiel Raketenbauer) werden wollte, auf dem Umweg über den Naturwissenschaftler und Philosophen Leibniz gefunden -- nämlich hin zu Hegel und Thomas von Aquin (den er lateinisch liest). Ihn faszinieren "Polaritäten", und das nicht nur in der Philosophie, auch in der Wirtschaft, ja sogar in der Musik: Da schätzt er besonders Gregorianische Choräle -und James Last.
Die These drängt sich auf, daß "Polaritäten" auch in der Politik das große Faszinosum des Horst-Ludwig Riemer seien, wenn man bedenkt, daß er deutlicher als manche anderen führenden Freidemokraten eine "Strategie der Abgrenzung" gegenüber dem sozialdemokratischen Koalitionspartner betrieben und die FDP als "im höheren Sinne offen" für eine Koalition mit der CDU bezeichnet, sich dann aber doch ganz eindeutig auf die Fortsetzung der sozialliberalen Koalition in Düsseldorf (und 1976 auch in Bonn) festgelegt hat. Nur ist bei Riemer die Abgrenzung gegenüber der SPD zumindest verbal stets viel drastischer ausgefallen als die Absage an die CDU.
Ob also die Abgrenzung ihm Herzenssache, die Koalitionsaussage aber nur Pflichtübung sei -- das nennt Riemer immerhin eine "gute Frage", die er nach einigem Zögern dann verneint: nicht Pflichtübung, sondern "politische Notwendigkeit". Es lebe der kleine Unterschied!
Er persönlich, der sich nicht erinnnern kann, je "irgendwelche Theorien vertreten zu haben, die links sind", könnte auch anders; "könnte auch sagen: Wirtschaftsminister unter einem (CDU-Ministerpräsidenten) Köppler zu sein wäre eine gute Sache, insofern man frei schalten und walten könnte. Der sollte mir mal was sagen!" Aber "diese Partei in ihrer Bewußtseinslage da war eine solche Koalition (mit der CDU) nicht möglich, im Augenblick nicht möglich". Riemer soll das recht sein. Hauptsache. die Partei bleibt "eigenständig".
Er selber ist es nämlich nicht. Das ist sein wahres Problem. Drei Jahre nachdem er als erklärter Kronprinz Willi Weyers aus dessen Händen den Landesvorsitz übernommen hat. ist er immer noch nicht "eigenständig", sondern notorischer Nachfolger eines Vorgängers, der, sozusagen als Meßlatte, weiterhin präsent ist und an dem Riemer auch gemessen wird, obwohl ihn so gut wie alles von "Big Willi" unterscheidet.
"Ich bin nicht Willi Weyer". hat der Nachfolger den Delegierten des Landesparteitags 1972 in Duisburg nach seiner Wahl gesagt, "ich bin Horst-Ludwig Riemer. Genau das nehmen viele in diesem Landesverband ihm nachgerade übel: so dezidiert anders zu sein, so separiert, so vergleichsweise kalt und verschlossen, so wenig raumfüllend und so weit weg vom Tresen.
Riemer wiederum, vom Vorgänger nie gelobt, selten gestützt, oft verunsichert, sieht in der "Aufgabe. die ich habe in dieser Partei, hier den Übergang zu schaffen", eine "große Schwierigkeit". die "sehr. sehr viel Nerven" kostet -- mindestens solange der "Große Ehrenvorsitzende" Weyer weiterhin ex cathedra für die Partei spricht und als Innenminister im Kabinett aktiv ist -- ja gelegentlich sogar androht, dort um der inneren Sicherheit willen auch zu bleiben.
Bliebe Weyer wirklich, so wäre es um Horst-Ludwig Riemers innere Sicherheit gänzlich geschehen Denn was da fehlt, ist ein spezifisches Erfolgserlebnis: die Wahlen ohne Weyer zu gewinnen und ohne Weyer weiter zu regieren.
Daß ihm dies tatsächlich gelingen werde, will der Spitzenkandidat Riemer nicht ernsthaft angezweifelt wissen. Einmal nur, unterwegs im Wahlkampf, rutscht ihm ein verräterischer Scherz heraus -- als nämlich ein Reporter witzelt, wenn Riemer jetzt einen Autounfall hätte. käme gewiß Willi Weyer persönlich im Hubschrauber angeflogen. "Ja", sagt der Nachfolger, "und dann würde er sofort erklären, daß er nun im Amt bleiben müsse.

DER SPIEGEL 17/1975
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