21.04.1975

AFFÄRENFromme Gesten

Münchens Bau-Millionär Johann Holzmüller, der CSU verbunden, will aus renditeschwachen Sozialwohnungen Kapital schlagen: durch Verkauf an die eigenen, meist mittellosen Mieter.
"Eigentum macht frei", verkündeten Münchner CSU-Abgeordnete jüngst in einer Flugschrift an Mieter im Süden der Stadt. Die Aktion sollte einem Freund der Partei helfen: Johann Holzmüller, 49, Metzgergeselle und Konsul, vor allem aber Bauunternehmer.
Jedoch die Freiheiten, wie sie Holzmüller und sein christlich-sozialer Anhang verstehen, stießen selbst bei dem sonst
wohlgesonnenen CSU-Freistaat auf Widerstand. Denn der Konsul ist drauf und dran, einen kapitalen Coup auf Kosten schwacher Bürger zu landen.
Johann Holzmüller ist unter anderem Herr über 1080 Sozialwohnungen in der Münchner Trabantenstadt Fürstenried. Mit einem minimalen Aufwand an Eigenkapital, aber mit
überdurchschnittlicher Unterstützung durch die öffentliche Hand hatte er die Wohnungen Anfang der sechziger Jahre errichtet.
Die SPD-regierte Landeshauptstadt stellte (nach einer 30 000-Mark-Spende Holzmüllers) geeigneten Baugrund zur Verfügung. Über seine politischen Beziehungen (Strauß-Intimus und CSU-MdB Friedrich Zimmermann ist Holzmüllers Vetter) machte der Konsul zusätzliche Förderungsgelder aus Bonn locker. Am Ende hatte er das Baugeld von insgesamt 36 Millionen Mark "zusammengestöpselt aus allen möglichen öffentlichen Quellen, (so Dr. Otto Stadler, Leiter der Wohnungsbauabteilung im bayrischen Innenministerium).
Nachdem Holzmüller -- der in seinen City-Bürohäusern sonst eher potente Mieter wie die Illustrierte "Quick", den deutschen "Playboy" oder das drei Jahre nach den Spielen immer noch aktive "Deutsche Olympiazentrum" (DOZ) des TV-Berufe-Raters Robert Lembke schätzt -- nun alle öffentlichen Gelder für sein Sozialwerk kassiert und alle steuerlichen Vorteile ausgenutzt hat, will er seine Armen-Häuser loswerden -- an die eigenen Mieter, die einst vom Wohnungsamt gerade wegen ihrer Einkommensschwäche eingewiesen wurden. Die Vertreter der Holzmüllersehen
"Wohnungs-Treuhand" luden ihre Fürstenrieder Mieter einzeln vor und versuchten sie kaufwillig zu machen -- oft mit falschen Behauptungen ("Die Wohnungen können auch an Dritte verkauft werden") und mit massiven Drohungen: "Die Erwerber können auf Räumung bestehen."
Verbittert klagte eine Mietergemeinschaft in einem Brief an den Chef der städtischen Wohnungsbehörde über diese "Seelenmassage", das "unwürdige Spiel" und die "besondere Bearbeitung der alten Leute". Die Petenten: "Es ist schlimm, wenn man Männer sieht, denen die Tränen in den Augen stehen."
Der Versuch des Münchner Millionärs, auf diese Weise seine unter normalen Bedingungen unverkäuflichen Sozialwohnungen abzustoßen, ist nach Methode und Umfang einmalig in der Bundesrepublik. Behördenchef Stadler: "Als tüchtiger Geschäftsmann will er halt sein Zeug verscheppern." Doch: "Wenn das Schule machen würde, dann müßte man gesetzlich etwas dagegen unternehmen."
Obschon der von Holzmüller geforderte Kaufpreis von 830 Mark pro Quadratmeter (Herstellungspreis 1962: 350 Mark) dem Vergleich mit Neubaupreisen (bis zu 2000 Mark) standhält, können die Käufer, die laut Stadler wegen des Mieterschutzes ohnehin "bombenfest bis zum Jüngsten Tag" sitzen, bei dem Geschäft nur verlieren. Stadler, der die Transaktion zuerst durch einen amtlichen Verkaufsstopp blockieren wollte, dann aber nach Pressionen durch CSU-Mittelsmänner das Geschäft freigeben mußte: "Wenn man alles genau durchrechnet, ist doch für den Mieter nichts drin." Allerhand
* In seiner Wohnung mit dem Industriellen Friedrich Karl Flick, Rudolf Neumeister, Antiquitätenhändler und Konsul von Jordanien, und Bayern-Ministerpräsident Alfons Goppel.
drin wäre allenfalls für Holzmüller. Bei einem geschätzten Eigenaufwand von 3,6 Millionen Mark würde er bei einem Verkauf sämtlicher 1080 Wohnungen, die dann ihrem sozialen Zweck entzogen würden, brutto an die 60 Millionen Mark kassieren. Nach den Berechnungen der Wohnungsbehörde wäre das -- neben der schon kassierten Rendite und den Steuererleichterungen -- ein zusätzlicher Netto-Erlös von "mindestens 20 Millionen".
Und daß er auch diese Erträge möglichst ungeschoren vom Finanzamt einstecken kann, dafür hat der tüchtige Unternehmer bereits gesorgt -- durch ein öffentlich gefördertes und überdimensional abschreibungsfähiges Bauprojekt in Berlin: das 800-Betten-Hotel "Schweizer Hof".
Für den zuweilen etwas wunderlichen Millionär (vor Geschäftsfreunden brüstet er sich gelegentlich als "Wirtschaftsberater des Heiligen Stuhls" oder gar als "Befehlshaber des Nordabschnitts der Israeli-Front") wäre das Sozialgeschäft der Höhepunkt seiner geschäftlichen Karriere. Sein Aufstieg hatte, wie bei vielen, mit dem Kriegsende begonnen. Nachdem der junge Metzgersohn für den Leibarzt Hitlers, Morell, Frischprodukte zur Herstellung von Hormonpräparaten gesammelt hatte, führte er sich bei den amerikanischen Besatzern durch Sprünge ins Schwimmbecken ein in voller Kleidung.
Die neuen Herren belohnten den Showmaster mit Sonderlizenzen, die ihn zu Vieheinfuhren aus Jugoslawien und Ungarn ermächtigten. Und bald schmückte sich der wohlhabende Fleischhändler mit dem Titel eines Konsuls von Libanon, der ihm mittels Fürsprache seines Vetters Zimmermann verliehen wurde.
Der neuernannte Konsul -- der sich zwischendurch als Teilhaber des rasch gescheiterten Magazins "Aktuell" auch verlegerisch versuchte -- feierte die Etappen seines Aufstiegs mit Geschäfts- und Parteifreunden wie dem CSU-Chef Franz Josef Strauß in seinen eigenen "Bürgerstuben". Und er gewann immer mehr Freunde, zum Beispiel den Erzbischof von Jerusalem, Hilarion Capucci, der alle seine Neubauten einweihen durfte. Seit 1974 ist der Konsul freilich ohne diesen geistlichen Beistand: Capucci wurde in Israel wegen Waffenschiebereien verhaftet und verurteilt.
Die fromme Geste aber ist dem rechten Mann geblieben. Als er in der Wohnungsbehörde mit gefalteten Händen beteuerte, mit seinem Verkaufsplan wolle er sich doch eigentlich "schützend vor alle sozial Schwachen stellen", erwiderte ihm ein hoher Beamter gelassen: "Es geht hier nicht um Ihre Heiligsprechung, sondern um das Schicksal Ihrer Mieter."

DER SPIEGEL 17/1975
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