21.04.1975

„Rumhorchen, wer rummotzt und randaliert“

Am frühen Abend des 13. März reiste Dieter Fink*, 26, mit einem Visum für die Leipziger Messe am Grenzübergang Herleshausen wieder in das Land ein, das ihn knapp einen Monat zuvor ausgebürgert hatte.
Der Grenzgänger, der rasch mal seine Angehörigen besuchen wollte, machte sich den Umstand zunutze, daß Messe-Visa von den DDR-Behörden ohne das sonst übliche Prüfungsverfahren ausgestellt werden. Noch in der Nacht fuhr Fink zu seinen Eltern ("Die waren natürlich völlig von den Socken") in Wallendorf bei Merseburg. Am nächsten Morgen wählte er die Merseburger Nummer 31 30, meldete sich unter dem Namen "Donner" und verlangte Plietsch.
Wenig später wurde Fink, so sein Bericht, in einem weißen Kleinwagen Trabant 601, Kennzeichen VL 02-24, abgeholt -- am Steuer Plietsch, Mitarbeiter des DDR-Staatssicherheitsdienstes im Range eines Leutnants, im Fond Stasi-Kollege Bersing, beides alte Bekannte Finks und von dessen plötzlichem Wiederauftauchen nicht minder überrascht als zuvor die Wallendorfer Verwandtschaft.
Über Burgliebenau und Ammendorf fuhr das Trio nach Halle, wo Fink im Devisenladen des Interhotels für die Staatssicherer Zigaretten, Dortmunder Bier, Kaugummi, Parfüm und Süßigkeiten besorgte. Unterwegs und später, kurz vor Schkopau, an einem kleinen Waldweg mit Blick auf die "dreck'sche Saale", mußte der DDR-Besucher von seiner Übersiedlung berichten: was die westdeutschen Behörden im Notaufnahmelager Gießen alles wissen woll-
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.
ten, wie das Lager aussieht, wo der Verfassungsschurz in Gießen residiert, ob Republikflüchtlinge im Lager über ihren Fluchtweg geplaudert haben und vieles andere mehr -- teils Kontrollfragen, teils wirkliche Informationen. Bersing nahm alles auf Tonband.
Zurück in Wallendorf -- von den Stasi-Leuten hatte er sich in Merseburg getrennt -- erlebte Dieter Fink eine böse Überraschung. In der Gaststätte "Zum goldenen Anker" kontrollierte Gerhard Weinert, Unterleutnant und Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei, die Papiere des einstigen Gemeindemitglieds ("Da hat mich wohl einer angeschwärzt"). Weil der Messebesucher keine Aufenthaltsgenehmigung für den Bezirk Halle hatte, sollte er auf dem Volkspolizeikreisamt in Merseburg wegen Verstoßes gegen das Paßgesetz 300 Mark Strafe entrichten.
Da kreuzte Stasi-Bersing, offenbar wegen der Besonderheit des Falles kontaktiert, bei der Vopo auf. Er bedeutete Fink "mit einem unauffälligen Kopfschütteln, daß ich ihn nicht kennen soll". Nach kurzer Verhandlung in Abwesenheit des Paßsünders wurden schließlich 100 Mark kassiert, dann mußte Fink (Interzonenzug ab Leipzig 22.24 Uhr) die DDR wieder verlassen -- es blieb nicht einmal Zeit zum Abschied von den Angehörigen.
Der Trip war, das scheint sicher, auf absehbare Zeit seine letzte Reise in die alte Heimat. Denn nachdem sich Dieter Fink, nach eigenen Angaben acht Jahre lang in Spitzeldiensten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), dem SPIEGEL und dem westdeutschen Verfassungsschutz offenbart hat, droht ihm bei einer künftigen Einreise wohl mehr als eine Geldstrafe wegen einer Ordnungswidrigkeit.
Die Verstrickung des gelernten Zimmermanns in das DDR-Spitzelsystem und -- beinahe -- auch das deutschdeutsche Spionagespiel begann im Frühjahr 1966. Damals hatte Fink zweimal Kontakt mit Angehörigen der Potsdamer US-Militärmission: "Die standen mit ihrem Straßenkreuzer gleich hinter Wallendorf und beobachteten die Einflugschneise des sowjetischen Militärflughafens Merseburg -- ich hab" mich mit denen unterhalten und ein paar Zigaretten abgestaubt."
Offenbar blieb die Zigarettenpause am Straßenrand nicht unbeobachtet, denn wenig später erhielt Fink, so berichtet er, Besuch von dem Merseburger MfS-Leutnant Wilhelm Wendung. Der Staatssicherer sprach zunächst von Spionageverdacht, kam aber dann zur Sache: Der Kontakt zu den Amerikanern werde ohne Folgen bleiben, wenn Fink sich schriftlich zur Mitarbeit verpflichte. Um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, aber auch wegen der Aussicht auf ein kleines Zubrot, unterschrieb der damalige Anlagenfahrer des VEB Vereinigte Zellstoff- und Papierfabriken Merseburg.
Fortan war "Donner", so sein Deckname, regelmäßig für den Staatssicherheitsdienst unterwegs. Hauptaufgabe: bei Tanzveranstaltungen, zum Beispiel in der Merseburger Jugendgaststätte "Saalestrand". die Stimmung der Jungbürger zu erkunden -- "ob und wie über den Staat geredet wird, wer rummotzt und randaliert, möglichst mit Namen, mindestens aber mit Personenbeschreibung". Honorar: 20 bis 50 Mark
Doch schon nach wenigen Wochen waren die Staatssicherer ihren neuen Spitzel wieder los. Als nämlich seine Verlobung platzte ("Ich war ja abends häufig auf Achse"), unternahm Fink am 26. Juli 1966 einen Fluchtversuch in der Nähe des Grenzkontrollpunkts Juchhöh, wurde "kurz vorm Stacheldraht geschnappt" und nach dreimonatiger Untersuchungshaft vom Kreisgericht in Halle zu zehn Monaten Haft verurteilt, die er in Dessau "ganz ruhig im Küchenkommando" absaß.
Folgen hatte die mißglückte Republikflucht freilich auch für die Angehörigen: Der Vater, so die Darstellung Finks, verlor seinen Posten als Obermeister bei der Transportpolizei. Und der gänzlich unpolitische Sohn Dieter hatte seither "einen unheimlichen Haß auf den Staat", dem er doch zugleich auf seine Weise dienen mußte.
Etwa ein halbes Jahr nach der Entlassung sprach Stasi-Wendling seinen Wallendorfer Spitzel wieder an. Fink sollte, in Tollwitz bei Bad Dürrenberg. einen DDR-Bürger ausforschen, der im Verdacht stand. West-Kontakte und undurchsichtige Einkommensquellen zu haben. Mit den "üblichen Aufträgen" -- "rumhorchen" im Betrieb und bei Jugendtreffs -- ging es weiter.
1968 schließlich kam die große Stunde des kleinen Spitzels. Fink sollte sich um einen einst aus der Bundesrepublik übergesiedelten Wallendorfer Bürger kümmern, der den Geheimen durch das Mißverhältnis zwischen Arbeitseinkommen und Lebensstandard verdächtig erschien.
Kontaktschwierigkeiten gab es nicht: Ausforscher wie Objekt arbeiteten in der Merseburger Papierfabrik und hatten schon des öfteren in der "Bergschänke" zu Wallendorf (etwa 3000 Einwohner) beim Bier zusammengesessen. Zudem wollte der Mann, ein Hobby-Maler, "einen kleinen Kopier-Betrieb aufziehen, und ich sollte ihm ein bißchen helfen" (Fink).
Dabei kam die Rede auf ein Gemälde, das der Bespitzelte in der Wallendorfer Kornmühle entdeckt und einem dort Beschäftigten für 500 Mauersteine abgekauft haben wollte. Finks Bericht über das Bild, das nach sofort angestellten Ermittlungen aus einer Dresdner Galerie stammte, führte zu einer Durchsuchungsaktion, deren Ergebnis die Fahnder völlig überraschte: Unter den Bodendielen entdeckten sie ein Waffenlager -- "eingeölte Weltkrieg-II-Karabiner und "ne Menge Munition".
"Das hat wie "ne Bombe eingeschlagen", erinnert sich Fink. Wie die Affäre endete, weiß er nicht er selbst habe 100 Mark für seine Arbeit erhalten; wenig später sei Wilhelm Wendung zum Oberleutnant befördert und nach Halle versetzt worden.
Seinen nächsten Führungsmann lernte der Freizeit-Agent nur unter dem Namen "Hans" kennen -- anders als Wendung, den Fink auf Mitte 40 schätzt, ein "Typ so Ende 20". Was Fink besonders gefiel: "Hans war großzügiger mit Spesen, der hat gesagt, ein materieller Anreiz muß sein."
Und zunächst machte Fink dem MfS-Mann auch durchaus Freude -- so in einem Fall im Frühjahr 1969. Im "Goldenen Anker" traf Fink einen Wallendorfer, der westdeutsche Zigaretten rauchte und nach kurzem Gespräch erklärte, er habe noch mehr davon, die Schachtel für fünf Mark. Prompt meldete Fink die Sache seiner Dienststelle, der Mann wurde verhaftet -- er hatte zwei Tage zuvor bei einem Einbruch in Merseburg außer Zigaretten auch Kognak und andere West-Waren erbeutet.
Dann, im August 1971, geriet der Spitzel -- inzwischen war seine erste Ehe geschieden -- selbst wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Bei einer nächtlichen Auseinandersetzung vor dem Bahnhof Merseburg wurde Fink nach eigenen Angaben von einem Volkspolizisten geschlagen, was ihn zu einer wilden Schimpfkanonade auf die DDR veranlaßte: Das seien KZ-Methoden, das gäbe es nur hinter Mauer und Stacheldraht, er werde das auf der Leipziger Messe Westdeutschen erzählen, will Fink getobt haben. Die Folge war ein Verfahren wegen Staatsverleumdung, das im Februar vor dem Kreisgericht Merseburg mit einer weiteren Verurteilung zu zehn Monaten Haft endete, diesmal allerdings für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.
Zwar glaubt Fink, daß er die relativ glimpfliche Bestrafung einer Intervention seiner geheimen Auftraggeber zu verdanken habe. Aber: "Die haben mir auch gesagt, wenn jetzt noch was passiert, geben wir für dich nichts mehr" -- und gingen auf Distanz zu ihrem Mann in Wallendorf.
Zwei Jahre lang bekam der mittlerweile bei Leuna als Chemiewerker schaffende Fink keine Aufträge, dann sorgte er indirekt selbst für die Wiederaufnahme der alten Verbindung: Mit seiner zweiten Frau auch schon wieder in Scheidung liegend, stellte der unstete Spitzel Ende Juni 1974 einen offiziellen Antrag auf Ausreise aus der DDR. Prompt meldete sich "Hans"-Nachfolger Plietsch: "Da wirst du kein Glück haben, so etwas geht grundsätzlich nur über unseren Tisch."
Unverdrossen stellte der Abtrünnige im September ein zweites Ausreise-Ersuchen, diesmal verbunden mit dem Antrag auf Aberkennung der Staatsbürgerschaft. Und wieder kam Plietsch, allerdings mit einer vergleichsweise positiven Nachricht: Die Ausreise könne -- nach der Scheidung -- klappen, so laut Fink der Staatssicherer, "unter der Bedingung, daß du auch drüben für uns arbeitest". Fink ergriff die Gelegenheit, seine verkorkste DDR-Existenz aufzugeben und, wenn auch unter dubiosem Vorzeichen, einen Neuanfang in Westdeutschland zu versuchen,
Fünf Monate später war es soweit. Am 17. Februar erhielt Dieter Fink zusammen mit zehn D-Mark Zehrgeld das Visum "gültig für eine Ausreise nach BRD -- zur Übersiedlung". Eine von DDR-Innenminister Friedrich Dickel unterzeichnete Urkunde bestätigte ihm, daß er "aus der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik entlassen" sei. --
Die Anweisung der MfS-Leute für ihren künftigen West-Agenten waren mehr technischer Natur: Im Notaufnahmelager, so berichtet Fink, sollte er, um von sich abzulenken, auf Übersiedler achten, die durch Lobessprüche auf die DDR sowie durch größere West-Barschaft auffielen -- und diese Personen dann den Lagerbehörden melden. Wenn er nach dem Aufnahmeverfahren eine Unterkunft gefunden habe, möge er -- jeweils zwischen dem 20. und 25. eines Monats -- eine kurze schriftliche Mitteilung an die Deckadresse "Frau Corina Kanietzki, X 42 Merseburg, hauptpostlagernd" schicken. Zu gegebener Zeit werde er dann "Besuch bekommen", von einer Person in einem roten VW-Käfer mit Hamburger Kennzeichen.
Am 19. Februar kreuzte Dieter Fink bei Gerstungen die deutsch-deutsche Grenze -- eine jener halb gescheiterten Existenzen, die dem DDR-Staatsapparat aufgrund ihres Lebenswandels und ihrer persönlichen wie politischen Unzuverlässigkeit entbehrlich sind, die aber allemal noch den Versuch wert erscheinen, als kleine West-Spitzel zu dem Mosaik-Bild beizutragen, das Ost-Berlins Aufklärer sich von der Bundesrepublik machen. "Vom Straßendreck bis zur Ministerialbürokratie", klagt ein westdeutscher Staatsschützer, "versuchen die, an alles ranzukommen."
Fälle wie der Finks, formuliert ein Kenner der Materie, "sind für den Verfassungsschutz durchaus keine Überraschung: Es kommt immer wieder vor, daß Leute, die die drüben aus unterschiedlichsten Gründen loswerden wollen, den Auftrag erhalten, in der Bundesrepublik Randerkenntnisse zu sammeln".
Dieter Fink gehört, kaum im Westen, zur kalkulierten Ausfallquote. Im Notaufnahmelager Gießen lief noch alles nach Plan, sogar den vom Genossen Plietsch avisierten Aufschneider gab es: "Ein junger Mann aus Aken. etwa 21, der wechselte in Gaststätten 50-Mark-Scheine und hob die DDR in den Himmel, daß sich alle fragten, warum der rüber ist." Bei seinen Vernehmungen machte Fink Meldung.
Nach Abschluß der Gießener Formalitäten erhielt Fink, nunmehr als Bundesbürger ausgewiesen, ein vorläufiges Quartier in einer hessischen Großstadt zugeteilt. Dann beschloß er, aus dem DDR-Unternehmen auszusteigen: "Ich bin hier wirklich anständig aufgenommen worden, so was kann man doch nicht mißbrauchen."
Er offenbarte sich dem hessischen Landesamt für Verfassungsschutz, das den Fall an die Justiz weiterreichte.
Jetzt wartet Dieter Fink, wie viele Bundesbürger, auf einen Job.

DER SPIEGEL 17/1975
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