21.04.1975

SCHULENSexta für Hessen

In Hessen will eine Bürgerinitiative die umstrittene Schulreform unterlaufen: Eltern schicken ihre Kinder auf rheinland-pfälzische Gymnasien.
Besorgt erkundigte sich eine Mutter aus dem hessischen Groß-Gerau, ob es in Rheinland-Pfalz "noch Gymnasien für Andersdenkende gibt". Ein Familienvater aus Nauheim beklagte sich über "die in Hessen praktizierte Form der Gesamtschule mit Förderstufen". Sein Wunsch: "Ich möchte meinem Sohn in Rheinland-Pfalz eine bessere Schulausbildung angedeihen lassen."
Seit- der hessische Kultusminister Hans Krollmann (SPD) das Vermächtnis seines Vorgängers Ludwig von Friedeburg vollzieht und Städten und Landkreisen Gesamtschulen und obligatorische Förderstufen vorschreibt, häufen sich Bittbriefe banger Eltern bei seinem Mainzer Amtskollegen Bernhard Vogel (CDU).
Immer mehr Anhänger konservativer gymnasialer Bildung suchen ihre Sprößlinge dem neuen System, das nicht mehr zwischen Sextanern und Volksschülern unterscheidet und soziale Unterschiede ausgleichen will, durch die Flucht nach Rheinland-Pfalz zu entziehen. "Wir müssen", prahlt Oberregierungsrat Jürgen Doetz vom rheinland-pfälzischen Kultusministerium, "bald ein eigenes Gymnasium für die vielen Hessen-Flüchtlinge bauen."
Einerseits sinkt die Sextaner-Quote in den Gymnasien an Rhein und Mosel, andererseits wird der Zustrom der Gastschüler ständig stärker. Für das neue Schuljahr bewarben sich bislang schon 250 Hessen um einen Sitzplatz in Rheinland-Pfalz -- 100 mehr als noch vor einem Jahr. Allein 70 angehende Sextaner kommen aus Rüsselsheim, wo Minister Krollmann am 20. März die Einrichtung der Förderstufe proklamierte.
Nachdem sich auch der Stadt-Elternbeirat mit Mehrheit für den Ministerbeschluß ausgesprochen hatte, schlossen sich in der Opel-Stadt 100 standesbewußte Elternpaare zusammen, um die auf Chancengleichheit ausgerichtete hessische Bildungsreform am Ort zu unterlaufen. "Wir lassen
"tönt Rechtsanwalt Werner Krüger, Sprecher der "Elterninitiative gegen die Einführung der Förderstufe", "von Herrn Krollmann nichts widerrechtlich aufzwingen."
Um dem neuen Unterrichtssystem zu entgehen, sollen ab 1. August knapp 70 Rüsselsheimer Pennäler nach dem Willen ihrer Eltern außer Landes lernen. Mit Bussen und Fähren sollen sie allmorgendlich ins 20 Kilometer entfernte Oppenheim jenseits des Rheins übersetzen, wo der oberste rheinlandpfälzische Schulherr Bernhard Vogel ("Wer in unseren Schulen lernen will, soll kommen") den Überläufern am Neusprachlichen Gymnasium eine Sexta eigens für die Hessen eingeplant hat.
Dort sind die Jung-Gymnasiasten auch dann noch vor der Reform sicher, wenn die Förderstufe im nächsten Jahr in allen Bundesländern obligatorisch wird. Denn in den meisten CDU-Domänen bleibt die Trennung von Haupt-, Realschülern und Gymnasiasten in den fünften und sechsten Klassen erhalten; Förderstufen soll es nur dem Namen nach geben.
Ganz ohne Kampf mögen freilich die Anhänger gymnasialer Traditionen das Schul-Terrain auch in Hessen, wo gegenwärtig bereits 50 000 Kinder in der Förderstufe unterrichtet werden, nicht räumen. Mit einer Normenkontrollklage wollen sie die Regierung zwingen, die Verordnung zur Einführung der Förderstufe zurückzunehmen. Begründung: Die gesetzlich vorgeschriebenen sachlichen, personellen und schulorganisatorischen Voraussetzungen seien nicht gegeben, da der Etat für das kommende Schuljahr noch nicht verabschiedet sei.
Zudem habe man die neue Schulreform, so Kläger Krüger, erst am 20. März angeordnet -- ein Zeitpunkt, an dem Anmeldefristen für andere Schulen schon abgelaufen waren. Damit habe Minister Krollmann das den Eltern sogar vom Bundesverfassungsgericht zugestandene Recht der freien Schulwahl unterlaufen.
Für Schulrat Manfred Welke im hessischen Kultusministerium sind dagegen "alle Bedingungen für die Förderstufe erfüllt". Die 100 Elternpaare aus Rüsselsheim rechnet er zu einer "elitären Minderheit", die "nur das Gymnasium retten" will,
In der Tat muten die wahren Motive der klagenden Eltern -- zum großen Teil Akademiker -- seltsam an. Mutter Heike Manzeschke beispielsweise mag ihren "sehr begabten Sohn" Lars nicht in eine "völlig konzeptionslose Förderstufe" schicken. Grund: "Da kommt er sich ja gegenüber Gymnasiasten irgendwie diskriminiert vor."
Sollten sich freilich die Rüsselsheimer Eltern beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof durchsetzen, steht Minister Krollmann und seinem Schulsystem Schlimmes ins Haus: "Das hebt das ganze pädagogische Konzept aus den Angeln."

DER SPIEGEL 17/1975
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