21.04.1975

KRIMINALITÄTHund frißt Hund

Bestimmte Menschen ziehen Verbrecher geradezu an, Betrüger werden selbst leicht betrogen -- Ergebnisse neuer kriminologischer Studien über die Beziehung zwischen Tätern und Opfern.
Zum ersten Mal wurde der Musiklehrer Martin Zerner* in Kopenhagen zusammengeschlagen; ein Haufen randalierender junger Leute fiel über ihn her, als er gegen Abend an einem Park entlangschlenderte. Das zweite Mal wurde er ein Opfer Hamburger Rocker, die ihn, am hellichten Tag, in der Nähe eines S-Bahnhofes anrempelten und, als er davonzulaufen versuchte, so zu Boden stießen, daß sein Nasenbein zerbrach.
* Name von der Redaktion geändert.
** Hans Joachim Schneider: "Viktimologie -- Wissenschaft vom Verbrechensopfer". Verlag J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen: 211 Seiten: 19,80 Mark.
Das dritte Mal ereilte ihn die Straßenbrutalität, als er nach einem Musikabend das Pfarrhaus verließ. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle stellten sich ihm "ein paar Typen, die ich gar nicht erkennen konnte", entgegen und drängten ihn gegen einen Gartenzaun. Seitdem läßt der verängstigte Lehrer. wenn er spätabends nach Hause will, stets ein Taxi bis unmittelbar vors Haus kommen.
So abwegig scheint die kostspielige Vorsichtsmaßnahme nicht. Denn was wie Zufall anmutet, ist womöglich gar keiner: Wer einmal bestohlen, beraubt oder zusammengeschlagen worden ist, dem kann nach Erkenntnis der Kriminologen das gleiche Ungemach leicht noch einmal widerfahren. Es gibt Opfer, die den Täter nachgerade anziehen.
Amerikanische Wissenschaftler haben das verblüffende Phänomen in zwei Industrie-Städten -- Dayton, Ohio, und San Jose, Kalifornien -- untersucht und Eindeutiges ermittelt. Von den Bewohnern über 16 Jahre wurden vier Prozent einmal Opfer von Einbruch, Raub oder Körperverletzung und jeder sechste, dem dies passierte. erlebte innerhalb von zwölf Monaten ein zweites Mal einen Angriff auf Person oder Eigentum.
Mehr noch: Von denen, die nunmehr zweimal beraubt oder zusammengeschlagen worden waren, wurde wiederum jeder dritte erneut Opfer eines Verbrechens. Und mit jedem weiteren Mal wurde das Risiko für die bereits gebeutelten oder geprügelten Bürger von Dayton und San Jose nachweislich größer -- eine auf den ersten Blick rätselhafte Ereigniskette, die zunehmend die Wissenschaft beschäftigt.
Das Interesse der Kriminologen, das sich schon im vergangenen Jahrhundert den Tätern zuwandte, gilt nun auch den Opfern -- erst den Kains. nun den Abels der Gesellschaft. Der Frage, warum die einen Opfer eines Verbrechens werden und die anderen nicht, hat sich eigens eine wissenschaftliche Disziplin angenommen: die Viktimologie.
Die Bezeichnung, abgeleitet aus dem lateinischen Wort für Opfer (victima), wurde erst letztes Jahr in das Fremdwörterbuch des Großen Duden aufgenommen; sie definiert ein "Teilgebiet der Kriminologie. das die Beziehung zwischen Verbrecher und Verbrechensopfer untersucht".
Eingeführt bei der Duden-Redaktion hatte den Begriff ein Fachmann, der Münsteraner Kriminologie-Professor Hans Joachim Schneider. der in der letzten Woche auch das erste deutsche Wissenschaftsbuch über Viktimologie vorlegte**. Schneider hat die einschlägigen internationalen Forschungsergebnisse gesichtet und daraufhin überprüft. welcher Menschentypus unter welchen Bedingungen leichter Verbrechens-Opfer werden kann als ein anderer.
Zwar besagt auch das Schneider-Werk: Sicher ist keiner. Aber zu dieser ebenso grundlegenden wie banalen Erkenntnis fügt sich die wissenschaftlich ergiebige Variante: Bei manchen ist die Wahrscheinlichkeit größer, "viktimisiert" zu werden.
Dabei ist, wie der Autor nachweist. die Schichtzugehörigkeit von Bedeutung: Angehörige der Unterschicht haben überproportional unter Gewalttaten zu leiden. Der bessergestellte Bürger hat zwar in aller Regel mehr Angst vor dem Gewaltverbrechen, trägt aber ein weit geringeres Risiko -- nur wird er, umgekehrt, leichter bestohlen.
Eher in Gefahr gerät, wer im Sozialverhalten von der Norm abweicht: Jugendlicher Wagemut, Sorglosigkeit fordern Verbrechen ebenso heraus wie physische oder psychische Konditionsschwäche. "Einsame Depressive, alleinstehende Einzelgänger, sozial isolierte, realitätsferne Sonderlinge" zählen laut Schneider zu den "bevorzugten Opfern" ebenso wie sozial Engagierte, die potentielle Räuber oder Schläger durch ihre hilfreiche Tätigkeit aufmerksam machen.
Jeder, der auffällt also, ist eher gefährdet -- wer sich asozial verhält, wer einsam wohnt, wer geldgierig, bestechlich oder (wie der Tourist) fremd ist, der Kranke, Gebrechliche, auch der Homosexuelle und die Prostituierte, wie Analysen von 50 österreichischen Raubmorden und 679 Hamburger Überfällen belegen. Kein Wunder: Homosexuelle und Prostituierte begeben sich bei der Kontaktaufnahme. wie Schneider es formuliert, oft in "viktimogene" Situationen, etwa am späten Abend in einem verriegelten Auto auf einem abgelegenen Parkplatz.
Daß sich Handtaschenräuber vornehmlich an alte Damen heranmachen, paßt ebenso ins Bild wie die statistische Auswertung von Überfällen in Hamburger Läden und Geschäften: Von den Inhabern oder Verkäufern waren mehr als die Hälfte 50 Jahre oder älter; offenbar hatten die Täter weniger Gegenwehr vermutet als bei Jüngeren.
Schneiders Schulbeispiel für die "viktimogene" Situation eines Straßenraubes: "Eine alte, aber gutgekleidete Frau geht nachts allein im Slumviertel einer Großstadt mit einer gefüllten Einkaufstasche langsam über einen Bürgersteig. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie beraubt werden wird, ist sehr hoch."
Bei Gewalttaten" sei es Raub oder Mord, Notzucht oder Körperverletzung, kommt ein verstärkender Faktor hinzu: die "viktimogene Rolle" des Alkohols: "Er führt zum Verlust der Übersicht über das eigene Verhalten, zu Verkennung der Umgebung, zu Streitereien und Prahlereien, zu sexueller Erregbarkeit und zur Verminderung der Kritikfähigkeit des Opfers." Von den Hamburger Raubopfern waren 40 Prozent angetrunken oder betrunken; und alkoholisiert waren, nach einer sowjetischen Studie, sogar 55 Prozent der vergewaltigten Frauen.
Bei Vergewaltigungen kommt aber auch sexuellen Signalen ursächliche Bedeutung zu. Abenteuerlustige Frauen werden, scheinbar widersinnig, eher genotzüchtigt als biedere Mädchen. Vielfach lassen sich die Opfer von den späteren Tätern auf der Straße ansprechen, im Wagen mitnehmen oder in die Wohnung einladen. In vielen Fällen, meint Schneider, verhält sich die Frau so, daß es der Täter falsch verstehen kann: "Als unmittelbare Einladung zu sexuellen Beziehungen oder als Zeichen, daß sie für Sexkontakte verfügbar sein wird, wenn er weiterhin danach drängt".
20 Prozent der Vergewaltigungen, so schätzt der Kriminologe. werden so von den Frauen selbst herbeigeführt. Bevorzugte Opfer seien "Prostituierte. Streunerinnen. Fürsorgezöglinge. Fortläuferinnen und Trinkerinnen".
Die meisten Kinder, die Sexualstraftätern anheim fallen, sind nach Feststellungen Schneiders "ungewöhnlich an Sexualität interessiert), wirken dazu noch "charmant, attraktiv, unterwürfig und verführerisch". Sie stammen häufig aus sozial schwachen Familien, sind inkonsequent erzogen, vernachlässigt. Eine Untersuchung der Düsseldorfer Polizei ergab, daß sich 22 Prozent der mißbrauchten Kinder bereits bei der Kontaktaufnahme über die Absicht des Täters im klaren und einverstanden waren.
Falsch wie das Klischee von der "unschuldigen Naivität" manch eines Opfers ist laut Schneider mithin die Vorstellung, das anonyme Böse breche stets unvermittelt über friedfertige Bürger herein: "Fremder wird Gewaltverbrechen an mir verüben' ist ein weitverbreitetes Stereotyp." Aber es stimmt eben allzu häufig nicht. Oft droht das Unheil nicht von Fremden.
Nach einer schleswig-holsteinischen Analyse (9899 Verbrechen des Jahres 1973) bestand eine ausgesprochene Täter-Opfer-Beziehung bei 69 Prozent der Fälle von Mord und Totschlag: Umgebracht wurden Gatten und Geliebte. Kinder, Stiefkinder, Enkel, Eltern. Großeltern oder Schwiegereltern, andere Anverwandte oder Bekannte, Hausgenossen oder Arbeitskollegen. 48 Prozent der Kinder, an denen Sittlichkeitsdelikte verübt wurden, waren vertraut mit dem Täter. 38 Prozent der Frauen hatten ein verwandtschaftliches oder bekanntschaftliches Verhältnis zu dem Mann, von dem sie vergewaltigt wurden. Selbst bei Raub, der gemeinhin als typisches Delikt von Fremden an Fremden gilt, bestand in 24 Prozent der Fälle ein Sozial-Kontakt.
Betrüger hingegen schädigten fast immer (91 Prozent) Unbekannte, aber auch hier konstatiert Schneider merkwürdige Beziehungen. Täter und Opfer des Betrugs weisen in ihrer Persönlichkeitsstruktur Ahnlichkeiten auf. Schneider: "Man ist nie so nahe daran, getäuscht zu werden. als wenn man täuschen will."
Treffen, so gesehen, zwei potentielle Betrüger aufeinander, spiele das Opfer "zunächst die Rolle des Täters, aber der Täter seinerseits ist klüger und tüchtiger als das Opfer". Nahezu "austauschbar" seien unlautere Hasardeure: "Derjenige, der falschspielen will, unterliegt ganz besonders der Gefahr, von einem noch geschickteren Falschspieler betrogen zu werden." Auch wenn bei Wirtshausschlägereien am Ende einer verletzt oder gar getötet wird, "verschwimmen Unterscheidungen zwischen Täter und Opfer zumeist".
Mord und Totschlag werden denn auch den Opfern selten von ungefähr zuteil. Drei amerikanische Analysen (588 Fälle in Philadelphia, 438 im texanischen Houston und 459 in Chicago) lassen laut Schneider den Schluß zu. das Opfer sei eine "zum Getötetwerden neigende Person": weil es sich selbst in Situationen begebe oder aber bringen lasse, die gewaltsame Angriffe erleichtern. Schneider interpretiert die Ergebnisse seiner US-Kollegen so: "Man kann davon sprechen, daß häufig zwei potentielle Täter in einer Tötungssituation zusammenkommen und daß es nur dem Zufall überlassen bleibt, wer von beiden Täter oder Opfer wird."
26 Prozent der Tötungsverbrechen in Philadelphia waren sogar vom Opfer selbst provoziert worden. Beispiel: "Ein betrunkener Ehemann, der seine Frau in der Küche schlug, gab ihr ein Schlachtermesser in die Hand und forderte sie heraus, ihn damit zu erstechen. Sie warnte ihn, es nicht noch einmal zu wagen, sie zu schlagen. Daraufhin schlug er ihr erneut ins Gesicht. und sie erstach ihn."
Zwar sei das einst vom Dichter Franz Werfel zitierte Sprichwort "Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig" eine krasse Überzeichnung, schreibt Schneider, gleichwohl nehme "manches Opfer manchem Täter einen Teil des Schuldigwerdens ab". Und wie es häufig angezeigt sei, den Täter zu therapieren, so sei es auch erforderlich, das Opfer zu heilen,
Der Wissenschaftler plädiert rundherum für Therapie der Opfer auf Staatskosten zum einen, damit "ihr viktimogenes Verhalten" geändert werden könnte, zum anderen, damit sie "ihre Krisen" überwinden könnten.
In Familien, die eines ihrer Mitglieder durch Mord verloren, kommt es häufig zu psychischen Zusammenbrüchen. Jungen oder Mädchen. die von Erwachsenen sexuell mißbraucht wurden, sind mit einem Male "die am wenigsten geschätzten Kinder der Gemeinschaft" (Schneider). Nach einer israelischen Untersuchung leiden Raubopfer leicht unter Verfolgungswahn: Sie fürchten Rache oder glauben, alle schauten sie so seltsam an. Manche ziehen um und werden ihre Ängste doch nicht los, machen sich durch ihr Verhalten nur wieder auffällig, locken womöglich erneut einen Täter an -- wenn sie nicht gar selber zuschlagen.
Denn wie leicht sich das Opfer zum Täter wandeln kann, sei es aus Rache oder freigesetzter krimineller Energie, verdeutlicht eine alarmierende Analyse in Amerika. In der Millionenstadt Philadelphia gab es danach unter 567 Straftätern des Geburtenjahrganges 1945 keinen einzigen, der nicht wenigstens einmal selber Opfer einer Straftat geworden war: Die Täter waren selber in 6213 Fällen Opfer gewesen, jedenfalls nach eigenen Angaben.
Es zeigte sich: Wer häufig verhaftet wurde, war auch oft Opfer gewesen. "Dog-eat-dog" -- die in den USA sprichwörtliche Volksmeinung, daß es im kriminellen Milieu kaum wundernimmt, wenn ein Hund den anderen frißt, wurde indes nicht bestätigt. Die meisten jungen Leute waren erst Opfer, dann Täter geworden.
Womöglich pflanzt sich Kriminalität über den passiven Prozeß des Erlebens, Erleidens und Erlernens fort und gebiert neue Kriminelle. Schneider: "Es spricht vieles dafür."

DER SPIEGEL 17/1975
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