21.04.1975

KAPITALANLAGEKollekte aus Küsnacht

Nach einem ungewöhnlichen Finanzpoker mit der schleswig-holsteinischen Landesregierung will eine Schweizer Finanzgruppe das Schleswiger Renommier-Objekt Port Wiking übernehmen.
Auf Deutschlands nördlichster Großbauruine, dem Schleswiger "Freizeit- und Tagungszentrum Port Wiking", kraxelte eine Gruppe eidgenössischer Geschäftsleute über Steingerümpel und Betonquader. Die inkognito angereisten Herren schwitzten und mäkelten, fühlten sich nach einer Besichtigung des 85 Meter hohen Apartmentturms der Anlage aber so stimuliert, daß sie sich zu einer Rettungsaktion entschlossen.
Die Turmenthusiasten, hinter denen mehrere Schweizer Banker und Gastronomieunternehmer stehen, wollen für das 53-Millionen-Projekt an der Schlei 16,5 Millionen Mark Eigengeld bereitstellen und die seit eineinhalb Jahren ruhenden Bauarbeiten wieder ankurbeln. Gleichzeitig soll zwischen Küsnacht und Schleswig eine Kapitalgasse geschlagen werden, in die sie bis zum Jahresende 12 Millionen Mark Kommanditistengelder locken wollen. Mit der Übernahme von Port Wiking, für die die Schweizer eine neue Kommanditgesellschaft vorbereiten, wagen sich die eidgenössischen Finanziers an ein Terrain, auf dem Bauherr Horst-Günther Hisam einen Schuldenberg von bislang 32 Millionen Mark anhäufte.
Dabei hatte sich der ehemalige SPD-Bürgermeister von List, der die Sylter Dünenlandschaft Anfang der sechziger Jahre mit 230 meist reetgedeckten Luxuskaten zierte und so ein Vermögen verdiente, gerade in Schleswig das lukrativste Geschäft seines Lebens ausgerechnet. Jachtbesitzer Hisam glaubte nämlich, an der Schlei, einer seenartigen Förde von 40 km Länge, das deutsche Wassersportrevier der Zukunft entdeckt zu haben.
Wie die Betonburgenmanager der weißen Ferienindustrie an der Ostseeküste wollte der gelernte Jurist und Dozent der Bad Harzburger "Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft" mit Geld nicht zu sparsam umgehen. Auf den Reißbrettern seiner Architekten durften weder Hotel noch Kongreßhalle, weder Appartementanlage noch Jachthafen oder Fitnesscenter fehlen.
Ermuntert zu dem Wiking-Abenteuer wurde Hisam vor allem von CDU-Politikern, die sich von seinen Millionen im strukturschwachen Landesteil Schleswig belebende Impulse versprachen. Die Landesregierung, für die das Projekt als "volkswirtschaftlich besonders förderungswürdig" galt, stellte sogar mehrere Millionen Mark Landesbürgschaften in Aussicht.
Dann jedoch begann es in der Baubranche zu kriseln, und Hisam konnte weder Kommanditisten noch die eingeplanten Eigentumswohnungskäufer finden. Am 4. Juli 1973 mußten die Bauarbeiten an Port Wiking eingestellt werden.
In seiner Not versuchte Hisam, die Landesregierung "wegen nicht eingehaltener Kredit- und Bürgschaftszusagen" auf 40 Millionen Mark Schadenersatz zu verklagen. Dem Landgericht Kiel schien der mit einem amtlichen Armenrechtszeugnis begonnene Rechtsstreit jedoch so aussichtslos, daß es einen Armenrechtsprozeß ablehnte.
Der abgeschmetterte Baulöwe bemühte sich daraufhin, ausländische Kapitalgeber an die Schlei zu locken. in Chur (Graubünden) versuchte er zum Beispiel mit dem Nachfahren eines der ältesten russischen Adelsgeschlechter. Fürst Nikolai von Kropotkin. ins Geschäft zu kommen, der in der Schweiz Hotels, Appartements. Chalets und Sportanlagen baut. Zuletzt verhandelte er mit einer "Euro-Afro-Asiatic-Trust reg. Finanzierungsgesellschaft" in Schaan, die unter anderem von dem Fürstenhaus-Mitglied Prinz Emanuel von und zu Liechtenstein kommandiert wird. Das Unternehmen handelt mit Versicherungsmillionen, anlagesuchenden Sektengeldern und neuerdings vor allem mit Petrodollars.
Durch die Kollekte in der Schweiz kamen schließlich über ein Dutzend Hotelfinanziers zusammen, die sich unter Führung des Küsnachter Nationalrates Werner Reich zu einem Engagement an der Schlei entschlossen, wo sie nach Vollendung von Port Wiking auch das Hotelmanagement übernehmen wollen.
Uneigennützig war die Hilfe freilich nicht, denn in einem außergerichtlichen Vergleich sollten die Landesbank (Forderung 19 Millionen Mark) zuvor auf acht Millionen Mark, die Bauunternehmer (Forderung 13 Millionen Mark) auf neun Millionen Mark verzichten.
Als die Schweizer, die an der Schlei in den nächsten Jahren einen neuen Tourismus-Boom wittern, obendrein mehrere Millionen Mark Landesbürgschaften verlangten, drohte die Hilfsaktion zu platzen. Das Kieler Wirtschaftsministerium lehnte nämlich erneut ab, weil Vergleiche mit anderen Ferienobjekten gezeigt hätten, "daß die der Rentabilitätsberechnung zugrunde gelegten Belegungszahlen nach den Erfahrungen des Ministeriums nicht erreichbar sind".
Am meisten aber ärgerten sich die Ministerialbeamten darüber, daß Verhandlungsführer Reich die Namen seiner Auftraggeber nicht preisgeben wollte und dabei immer wieder auf das Schweizer Bankgeheimnis pochte. Ein Kieler Regierungsbeamter: "Der hat hier eine unheimliche Schau abgezogen.
Seit den schleswig-holsteinischen Landtagswahlen wollen Hisam und sein republikanischer Nationalrat allerdings nicht mehr weiterpokern. Reich in der vergangenen Woche: "In vier bis acht Wochen werden wir Port Wiking mit oder ohne Landesbürgschaft übernehmen. 16,5 Millionen Mark liegen schon abrufbereit auf dem Konto."

DER SPIEGEL 17/1975
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