21.04.1975

WERBUNGRippen raus

Eine Untersuchung der Stiftung Warentest zeigt, daß die superleichten Zigaretten viel schädliches Kohlenmonoxid enthalten.
Deutschlands Zigaretten, befand Deutschlands Zigarettenindustrie, sind die leichtesten auf der Welt, und ihr Verband weiß auch, warum: "Ohne intensive Werbung", belehrte Verbandssprecher Helmut Schenzer, "wäre es nicht möglich gewesen. die modernen Zigaretten mit niedrigen Kondensat- und Nikotinwerten auf dem deutschen Markt durchzusetzen."
Mit den mäßigen Teer- und Nikotinanteilen treiben Westdeutschlands Tabakkonzerne, der Fernsehwerbung entwöhnt und von Medizinleuten beargwöhnt, Vorwärtsverteidigung. Schon vergangenen Herbst hatte ihr in Hamburg ansässiges "Forschungsinstitut der Cigarettenindustrie" (Chef: Professor Walter Dontenwill) sich der krebsfördernden Teer- und der kreislaufriskanten Nikotinbestandteile in Deutschlands Zigaretten angenommen und dabei vergleichsweise Angenehmes ergründet. Durch neutrale Institute ließen sich die Tabakherren ihre Ergebnisse dann absichern.
Die mit rund einem Viertel am Markt beteiligten leichten Sorten, verrieten die Abrauchmaschinen des Instituts, enthalten nur etwa halb soviel Teer und Nikotin wie die bei Protestrauchern zunehmend beliebten "Schwarzen". Besonders zufrieden mit der Arbeit des Instituts aber waren die Hamburger Branchen-Riesen Reemtsma (Markenanteil: 36 Prozent), BAT (30 Prozent) und Brinkmann (23 Prozent). Ihre als mild gepriesenen Sorten kamen beim Test unverhofft gut davon.
Reemtsma-Chef Manfred Emcke, der dem Familienkonzern die abhanden gekommenen Marktanteile zurückbringen soll, und BAT-Vorsteher Horst Stützer freuten sich vor allem über die Abrauchergebnisse bei ihren neuen "Nikotinfrei im Rauch"-Kreationen. Reemtsmas "California" und BATs "Auslese" nämlich zeigten sich nahezu ungiftig. Beide enthalten nur ein Drittel des Teeres und rund ein Achtel des Nikotins etwa der "Camel-Filter".
Die "Camel" (Werbespruch: "Ich gehe meilenweit") wird bei der Kölner Zigarettenfabrik Haus Neuerburg, einer Tochter des US-Tabak-Multis Reynolds, produziert. Wie mit der in Deutschland wiederaufgelebten Ami-Marke standen die Kölner (Marktanteil: sechs Prozent) aber auch mit ihren anderen Marken ("Reyno", "Overstolz") eher am Ende der Skala.
Da kam ihnen ausgerechnet die Verbraucherschutz-Stiftung Warentest zur Hilfe. Das Berliner Institut ließ die Gift-Tests der Industrie wiederholen und urteilte in seiner Zeitschrift "Test" bündig: "Bei allen 37 Marken lagen die Teer- und Nikotinanteile über den von den Herstellern veröffentlichten Werten." Und: "Unsere Untersuchungen ergaben, daß in Zukunft auf Kondensat und Nikotin allein nicht mehr abgestellt werden kann."
Die Warentester nämlich hatten noch auf einen dritten Schädling im Tabakrauch abgestellt, auf das kreislaufgefährdende Kohlenmonoxid. Dieses Kohlenmonoxid verleiht den Zigaretten nach Meinung der Mediziner jene angenehm beruhigende Wirkung, die Rauchen erst schön macht -- freilich auch die Suchtgefahren erhöht.
Vor allem regelmäßiges Inhalieren des in massiven Mengen tödlichen Stoffs bringt chronische Arterienverengungen und -- so etwa die VDI-Kommission "Reinhaltung der Luft" -- "Minderungen der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit". Zudem wirkt Kohlenmonoxid nicht nur auf den Raucher selbst, es verbreitet durch Sauerstoffentzug auch in dessen Umgebung Gähnen und Kopfschmerzen.
Auf den Kohlenmonoxid-Listen der Berliner aber werden nun die Leichten plötzlich giftig und die Giftigen zahm. Von sämtlichen nach den Nikotin- und Teertests harmloseren Zigaretten erscheinen nur Reemtsmas "California" und BATs "Kim" wieder vorn. BATs nikotinfreie "Auslese" landet ganz unten -- mit dem zweitschlimmsten Kohlenmonoxidwert. Am wenigsten dagegen dünstet BATs "Orienta" aus -- die Zigarette mit dem drittstärksten Teergehalt.
Den Managern der Großen Drei, die Millionen in ihre Werbung mit den Leichten gesteckt haben, gefällt das plötzliche Patt zwischen den Schadenswerten gar nicht. Für die Verbraucher, so fürchten sie jetzt, ist nun wieder jede Zigarette gleich.
Hochstimmung dagegen zog im Management der Reynolds-Tochter Haus Neuerburg ein, deren Sorten beim Teer- und Nikotintest nicht gerade im ersten Rang gewesen waren. Sie fanden alle drei Neuerburg-Marken -- "Reyno", "Camel" und sogar die filterlose "Overstolz" -- unter den sieben Harmlosesten im Test. "Camel-Filter" (Teergehalt 20,5, Nikotin 1,31 Milligramm) gibt nur 3,75 Prozent Kohlenmonoxid ab.
Solche Gunst der Stunde wollen die Kölner Rauch-Manager nun auch nicht ohne Vorteil verrinnen lassen. Gegenwärtig überlegen sie, wie weit sie die Werbung mit der Leichten durch eine Kampagne mit den mäßigen Kohlenmonoxidwerten unterlaufen können. Welchem Umstand sie ihr neues Glück verdanken, wollen die Kölner noch nicht verraten. "Es könnte daran liegen", orakelt Marketing-Chef Josef Sichert, "daß wir bei unseren Tabakblättern die Rippen rausschneiden."

DER SPIEGEL 17/1975
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