21.04.1975

„Hallo Partner, danke schön“

Vor zwei Jahrzehnten schien es, als seien die Geschlechtskrankheiten besiegt. Doch die Hoffnung trog: Nicht nur die klassischen Erkrankungen im Genitalbereich haben sich behauptet, hinzu kam eine ganze Gruppe neuartiger Leiden, deren Erreger beim Sexualkontakt übertragen werden. „Die drei großen P“ -- Promiskuität, zunehmende Permissivität und Pille -- haben, nach Meinung der Mediziner, den Vormarsch der Lustseuchen begünstigt.
In der "Beratungsstelle für Geschlechtskranke", Berlin-Wedding, Nazarethkirchstraße 49a, wo das Liebesleid der unteren Sozialschichten gratis kuriert wird, tröstet ein deutscher Optimist seinen melancholischen Nachbarn: "Hast du Tripper oder Schanker, bist noch lange du kein Kranker." Der Nachbar, ein schnauzbärtiger Türke, glaubt das nicht: "Ich Tripper, ich krank. War eine so saubere Frau. Ich versteh' das nicht."
Da ist er nicht der einzige. Auch den Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt der Tripper Rätsel auf. Weltweit, so schätzen sie, werden in diesem Jahr mindestens 70 Millionen Menschen an Tripper ("Gonorrhöe") erkranken -- und das, obwohl es wirksame Arzneimittel, teure Aufklärungskampagnen, interkontinentale Zusammenarbeit, Meldepflicht und Behandlungszwang gibt.
In nahezu jedem Land der Erde -- ausgenommen die Volksrepublik China -gilt die Seuchenlage als "besorgniserregend" (WHO-Einschätzung). Immer häufiger werden Geschlechtskrankheiten bei immer jüngeren Patienten diagnostiziert. Nur mit Wehmut erinnern sich die Experten, daß Gonorrhöe ("Go") und Syphilis ("Lues" oder "L") vor zwei Jahrzehnten als besiegt galten.
Heute leidet jede dritte Frau, die einen Gynäkologen aufsucht, an Ausfluß, den infektiöse Keime verursachen. Die Mikroben schwimmen, so scheint es, auf der Sexwelle ganz oben. Einige Arten, vor allem der Tripper-Erreger ("Gonokokkus"), erweisen sich gegenüber herkömmlicher Penicillin-Behandlung als zunehmend unempfindlich. Schon ist die Chance eines heranwachsenden Amerikaners, vor seinem 25. Lebensjahr an Gonorrhöe oder Syphilis zu erkranken, größer als 50 Prozent.
Auch in der Bundesrepublik sind die delikaten Leiden mittlerweile häufiger als Diphtherie, Polio, Mumps und Tuberkulose zusammengenommen. "Epidemische Ausmaße" diagnostizierte das Ärzteblatt "Medical Tribune", und die "Ärztliche Praxis" sagte ihren Lesern, mit welcher Art von Erfolg sie rechnen können: "Pyrrhussiege", mehr nicht.
Sogar der Generalsekretär der "Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten", der Freiburger Hautarzt Professor Hans-Joachim Heite, macht sich kaum Hoffnungen: "Noch zunehmen" werde ein Dutzend "venerischer Erkrankungen" -- so genannt nach Venus. der römischen Göttin der Liebe -, und Tripper sei weder die schlimmste noch die hartnäckigste Infektion. Rätsel aber auch für Hautarzt Heite, den professionellen Tripperfeind: "Was Geschlechtskrankheiten eigentlich sind, das wissen nur noch die Juristen."
In der Tat ist mit der althergebrachten Definition der sogenannten "G-Krankheiten" nicht mehr viel anzufangen. Vor nunmehr 48 Jahren hatte der Deutsche Reichstag kraft Gesetzes dekretiert, daß
* Syphilis (auch "harter Schanker" genannt),
* Gonorrhöe ("Tripper"),
* Ulcus molle ("Weicher Schanker")
und
* Schlafraum einer dänischen Kommune.
* Lymphogranuloma inguinale ("venerische Lymphknotenentzündung") "Geschlechtskrankheiten" seien und sonst gar nichts.
Das schöne Juristendeutsch dieses "Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten" bindet Liebende noch heute: "Wer an einer Geschlechtskrankheit leidet und dies weiß oder den Umständen nach annehmen muß", so bestimmt Paragraph 3 im Stil des Falschgeldverbotes, "ist verpflichtet, sich unverzüglich von einem Arzt untersuchen und behandeln zu lassen."
Nur: Zwei der vier reichsdeutschen "G-Krankheiten" gibt es "eigentlich gar nicht mehr" (Heite), und die anderen beiden -- Syphilis und Gonorrhöe -- machen nur einen Bruchteil der Liebesleiden aus. Von immer größerer Bedeutung ist dagegen ein halbes Dutzend anderer Krankheiten, die allesamt durch intime Kontakte übertragen werden, offiziell aber nicht als Geschlechtskrankheiten gelten: Infektionen durch Urtierchen ("Protozoen") und Pilze, Viren und Bakterien. Ihr Sammelname: "STD"**.
Zu den STD-Molesten, Infektionskrankheiten des Intimbereichs, die allesamt ansteckend sind, gehören neben Tripper und hartem Schanker
* "Trichomoniasis und "Herpes simplex", scheinbar bizarre Leiden, die nicht einmal deutsche Namen haben,
* altbekannte Schmuddelkrankheiten wie Krätze und Filzläuse,
* Pilzinfektionen, die von der Pille begünstigt werden,
* Oben: Szene aus dem Film "Emmanuelle", unten: Werbung für Antibabypille.
** "STD" Abk. aus dem Englischen für "Sexually transmitted disease", WHO-Begriff für sexuell übertragbare Krankheiten.
* Entzündungen der Leber ("infektiöse Hepatitis") sowie
* ein ganzes Potpourri von Penis-Plagen und Scheiden-Schäden, Folgen der Mikroben-Invasion.
Einige der neu aufgeblühten venerischen Leiden sind nur lästig, andere schon gefährlicher, zwei stehen gar im Verdacht, auch Krebs zu erzeugen -- allen gemeinsam aber ist der Boom.
Über seine Dimension gibt es nur Vermutungen. Meldepflichtig sind lediglich die vier "klassischen" Geschlechtskrankheiten. Das komplizierte Meldeverfahren nennt G-Mann Heite einen "verwaltungstechnischen Unsinn". Es fordert den deutschen Ärzten überdies fast Unzumutbares ab. Heite: "Die Meldung wird nicht mal honoriert!" Ihrer Gesetzespflicht kommen jedenfalls "mit Sicherheit weniger als zehn Prozent, wahrscheinlich nur zwei bis drei Prozent der Ärzte" nach. Entsprechend kümmerlich sind die offiziellen Ziffern.
Im Jahre 1973 wurden in der Bundesrepublik
* 78 431 Fälle frische Tripper-Infektionen und
* 5847 Neuansteckungen mit Syphilis registriert.
Das ist nach einhelliger Experten-Meinung nur ein Bruchteil der wirklichen Zahlen. Doch selbst dann, wenn 500 Prozent für die Dunkelziffer aufgeschlagen werden, erreichen Gonorrhöe und Syphilis nicht mehr die hohen Werte der ersten Nachkriegsjahre -- aber erst recht nicht die Erkrankungsziffern der neuen STD-Seuchen.
Einzellige Geißeltierchen etwa, sogenannte "Trichomonaden", finden sich je nach Sorgfalt und Art der Untersuchung bei acht bis 45 Prozent aller Frauen. Stets siedeln sie auf den Schleimhäuten des Genitale: "Tatsache ist", lehrt der Bonner Parasitologe Professor Gerhard Piekarski. "daß Trichomonas vaginalis fast ausschließlich durch den Geschlechtsverkehr erworben beziehungsweise verschleppt wird."
Die kleinen Tierchen, liebevoll "Trichis" genannt, unterhalten eine Geschlechtskrankheit, von der allein in der Bundesrepublik mindestens drei Millionen Menschen betroffen sind. Nur -- "zugegeben" oder gar "ausgesprochen" wird das nicht. Piekarski: "Im Gegensatz zu den klassischen Geschlechtskrankheiten wird der Trichomonas-Infektion gleichsam ein besonderer Status zugebilligt."
An der Nobilitierung sind Ärzte und Patienten gleichermaßen interessiert. Noch immer gilt die Ansteckung mit Tripper oder Syphilis als Schande und die schmerzvolle Entzündung als verdiente Strafe an dem Glied, mit dem gesündigt wurde. Tripperkranke werden von den behandelnden Ärzten eher als andere Patienten geduzt, können -- kraft Gesetzes -- polizeilich festgenommen, vorgeführt, zwangsuntersucht, zwangsbehandelt und notfalls in geschlossene Abteilungen eingesperrt werden. Wer nur Trichis hat, dem kann das nicht passieren.
Die Patienten kommen spät und verschweigen die Partner.
Dabei sind die Symptome nicht minder gravierend. Trichomonaden attackieren, genau wie die Gonokokken, die Schleimhäute und entzünden sie. Juckreiz und Brennen sind die Folge. Ein dünnflüssiger, schaumiger Ausfluß ("Fluor") gibt den ersten Hinweis.
Langjährige Trichomonaden-Infektionen vervierfachen die Krebsanfälligkeit des Gebärmuttermundes. Deshalb sollten, so fordert der Bonner Frauenarzt Professor Wolfgang Korte, Krebsvorsorgeuntersuchungen "unbedingt" mit der Suche nach den Urtierchen kombiniert werden.
Die Mahnung wird selten beachtet. Denn sicher läßt sich der Verdacht nur durch eine mikroskopische Untersuchung beweisen. Sie zeigt, im Idealfall, birnenförmige Einzeller, die lebhaft mit ihren Geißeln schlagen. Solch ein "Frischpräparat" gelingt freilich nur dem Geübten. Die meisten Ärzte verlassen sich deshalb lieber auf ihren "klinischen Blick".
Der übersieht manches. "Mitunter", so räumt selbst das kritikschwache Ärztemagazin "Selecta" ein, "wird diese Erkrankung auch beim Arzt nicht erkannt." Die Folge: Unbehandelte Trichomonaden wandern von Schleimhaut zu Schleimhaut. Dabei produzieren Pharmafirmen wie Bayer und Pfizer seit Jahren wirksame Trichi-Gifte ("Clont" oder "Simplotan"). Eine Wochen-Kur mit diesen Medikamenten macht den Einzellern fast stets den Garaus. Ihre Wanderschaft hat ein Ende, wenn alle Partner die Medikamente synchron schlucken -- doch daran eben hapert es.
Die Trichomonaden lassen sich bei Männern häufig nicht nachweisen. Aber auch "ein negativer Befund bedeutet durchaus nicht, daß der Patient nicht infiziert ist" (Korte). In "jedem Fall" muß daher auch der Mann die Anti-Trichi-Tabletten schlucken. Das schmeckt vielen Männern gar nicht, zumal während der Pillen-Kur weder Bier noch gar Wein oder Schnaps erlaubt sind.
Die Situation der Trichi-Hatz ist symptomatisch: Geschlechtskrankheiten aller Art, alte und neue, banale und gefährliche, entziehen sich häufiger als andere Leiden dem therapeutischen Zugriff -- die Patienten kommen spät, verschweigen die Partner und versäumen die Nachkontrolle. Die Ärzte sind unzureichend informiert, schludern deshalb bei der Diagnose und verkehren die erfolgversprechende Devise des Panzergenerals Guderian -- "nicht kleckern, sondern klotzen!" -- in ihr Gegenteil: Keimtötende Medizin wird häufig unterdosiert und erlaubt so den Mikroben das Überleben.
Bis heute konnten sich Deutschlands Hautärzte nicht einmal auf Therapierichtlinien für die noch immer gefährlichste Geschlechtskrankheit, die Syphilis, einigen.
Dieses Leiden, das unbehandelt zu jahrelangem Siechtum, Knochenfraß und Verblödung führen kann, kam -- wie die Kartoffel und die Tabakpflanze -- aus der Neuen Welt. Die Seeleute des Kolumbus haben sie eingeschleppt: Jahrhundertelang wütete in Europa die "Lustseuche": "Schier jedermann", so schrieb Albrecht Dürer 1506, "war damit behaftet."
Der Krankheit fielen Kaiser und Könige, Philosophen und Dichter, Komponisten und Politiker zum Opfer. Auf der Strecke blieben der Frauenfreund Heinrich VIII. und Ludwig 11. von Bayern, ein Liebhaber des eigenen Geschlechts. Friedrich Nietzsche half es wenig, daß er beim Damenbesuch die Peitsche nicht vergaß, und Heinrich Heine fristete seine letzten Lebensjahre gelähmt in einer "Matratzengruft". "Früher", sagt Syphilisbekämpfer Heite, "gab es kein wirksames Medikament, aber genaue Behandlungsvorschriften. Heute ist es umgekehrt."
Seit es Penicillin gibt, seit gut drei Jahrzehnten, ist die Syphilis ohne Ausnahme heilbar. Trotzdem hat die Zahl der Frischinfizierten innerhalb der letzten Jahre in der Bundesrepublik wieder zugenommen. Freilich: Syphilis grassiert vor allem unter Homosexuellen. Wer den bohnengroßen "Primäraffekt" am "ehrwürdigen Symbol an sich" (Nietzsche über den Phallus) keimen sieht, der verdankt -- mit rund 70 Prozent Wahrscheinlichkeit -- den Defekt einem geliebten Freund.
Bei Infektionen mit "Trichis" droht der "Pingpong-Effekt".
Die weitgehende Beschränkung des alten Leidens auf die homosexuelle Subkultur wird von den meisten Epidemiologen mit Erleichterung registriert. Die vererbte, angeborene Syphilis ist eine medizinische Rarität geworden.
Viel bedrohlicher erscheint die diffuse Verbreitung des Trippers und der neuen "STD"-Krankheiten. "Da gibt es Infektketten", sagt Heite, "da kann man nur staunen." Innerhalb weniger Wochen überwinden die Keime Klassenschranken und Ländergrenzen, Eheverträge und Kirchenregeln oder infizieren ganze Schulklassen. Die graphische Darstellung solcher Mikroben-Ausbreitung gehört zu den Lieblingsillustrationen einschlägiger Fachzeitschriften (siehe Graphik Seite 77).
Wer sich daranmacht, die Trichomonaden-Infektion einer Patientin zu kurieren, der muß, mahnt der Kölner Frauenarzt Professor Herbert Brehm, auch an die "Behandlung des Partners. aller Partner oder der Partner des Partners" denken. Sonst trägt womöglich schon die nächste Liebesmühe die Trichis erneut ein: "Pingpong-Infektion"
Diese Spielregeln gelten für alle STD-Molesten. Im Gegensatz zu einigen ansteckenden Krankheiten der Kindheit -- Masern, Mumps, Röteln -- hinterlassen geheilte Geschlechtskrankheiten niemals Immunität: Tripper oder Trichis kann man stets aufs neue kriegen. "ich hab' mir schon wieder das Rohr verbogen" -- mit dieser immer gleichen Klage stürmt, so berichten Hautärzte des Berliner Klinikums Steglitz, ein Binnenschiffer bis zu sechsmal jährlich die Ambulanz. Dem Manne kann geholfen werden.
Schwieriger ist es, die Partnerin am Fortschritt teilhaben zu lassen. Gonorrhöe verläuft neuerdings bei rund 80 Prozent der Frauen so symptomarm, daß die Keimträgerinnen nicht auf die Idee kommen, sie könnten geschlechtskrank sein. Aus diesem Reservoir unbehandelter Kontaktpersonen flackert die Seuche ständig neu auf.
Syphilis und Tripper gelten als verdiente Strafen.
Ähnlich liegen die Verhältnisse bei anderen STD-Infektionen. Auf den Schleimhäuten des Genitaltrakts siedeln schon normalerweise Millionen Mikroben, unentbehrliche, überflüssige und solche, die "fakultativ pathogen" (möglicherweise krankheitserregend) sind. Besonders diese, so lehrt der Hamburger Hautarzt Johannes Meyer-Rohn, können jederzeit eine Entzündung hervorrufen. Aktiviert werden sie durch die Änderung ihres biologischen Milieus -- und die verbreitetste Methode, dem Milieu einen keimweckenden Kick zu geben, ist der Koitus.
Wer nach vollbrachter Liebestat über Ausfluß und Schmerzen klagt, der hat sich, häufiger als gedacht, keine Gonokokken, sondern andere "Bakterien, Viren, Protozoen sowie Hefepilze" eingefangen. Professor Meyer-Rohn: "Praktisch kann jede Keimart zu einer Harnröhrenentzündung führen." Denn keimfreie Liebe gibt es nicht. Die Mikroben sind immer dabei.
Solange es sich nur um gewöhnliche bakterielle Eitererreger handelt, hält sich das Risiko in erträglichen Grenzen. Sehr viel bedenklicher scheint den Medizinern die Ausbreitung bestimmter Viruserkrankungen. So wird die gefürchtete ansteckende Gelbsucht ("Hepatitis infectiosa") offenbar nicht nur durch Blutstropfen, sondern auch durch Schleimhautkontakte übertragen. Ärzte der Baylor-University in Houston/Texas sicherten als erste eine Infektionskette, bei der ein Techniker, der eigentlich nur künstliche Nieren warten sollte, Zeit gefunden hatte, drei Krankenschwestern anzustecken.
Inzwischen ist der venerische Übertragungsmodus der Hepatitis durch Reihenuntersuchungen griechischer Freudenmädchen zweifelsfrei gesichert: In einer Gruppe von 300 Athener Prostituierten hatten 64 Prozent spezifische Abwehrstoffe ("Antikörper") gebildet, die eine Hepatitis-Infektion beweisen -- im Gegensatz zu nur 24 Prozent der Kontrollgruppe. Im biederen Schwabenland ermittelte das Hygiene-Institut der Universität Tübingen unlängst ähnliche Relationen: Nonnen hatten sehr viel seltener (13 Prozent) Hepatitis-Antikörper im Blut als Frauen vom Strich (31 Prozent).
Völlig unbeschwert bleiben die keuschen Frauen von einer anderen Virus-Plage, dem "Herpes simplex"*. Die stecknadelgroßen Bläschen, bislang meist auf den Lippen heimisch und für harmlos gehalten, siedeln sich zunehmend häufiger auf genitalen Schleimhäuten an. Die Virus-Invasion löst Juckreiz, Schmerzen und Lymphknotenschwellungen aus. Schlimmer noch: Das Risiko Herpes-infizierter Frauen. an einem Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, steigt drastisch an.
Siebenmal häufiger als Syphilis registrieren amerikanische Frauenärzte mittlerweile das Bläschenleiden -- ein gefährlicher Anstieg, der seine Ursache im "Wandel der Praktiken des Liebeslebens" ("Selecta") hat: "Moderner Sex hat es mit sich gebracht". genauer: "Der oral-genitale Kontakt gewinnt immer mehr Liebhaber."
Der Frankfurter Medizin-Professor Theodor Nasemann schätzt die Zahl der Herpes-kranken Bundesrepublikaner auf mehr als 200 000. Seit kurzem
* Herpes simplex griech./lat. einfaches Reizbläschen.
steht diesen Patienten ein von Nasemann entwickelter Impfstoff ("Lupidon") zur Verfügung. Die Spritze rottet die wandernden Viren freilich nicht aus. Regelmäßige Injektionen verhindern lediglich, daß die zwischen Unterleib und Oberlippe pendelnden Partikel zu sichtbaren Krankheitszeichen führen.
Keine therapeutischen Probleme bringt dagegen eine andere unerwünschte Folge der beliebten Mundart: "Rachen-Tripper", erläutert die März-Ausgabe der deutschen Fachzeitschrift "Sexualmedizin", sei zwar "klinisch einzigartig", verdiene deshalb "unsere besondere Aufmerksamkeit", aber 4,8 Millionen Einheiten Penicillin hätten ganz "ausgezeichnete Ergebnisse". Alle Schluckbeschwerden verschwinden, die Sprache kehrt zurück.
Von der Penicillinspritze mögen die Ärzte nicht lassen. Bei der
schmerzvollen Prozedur werden bis zu fünf Kubikzentimeter wässriger Arznei (etwa "Megacillin forte") "tief intramuskulär" injiziert -- beim Rachentripper nur einmal, bei einer Syphilis bis zu dreißigmal. Danach ist dem Kranken, als hätte ihn ein Pferd getreten. Die meisten Ärzte halten den "Hufschlag" (Klinikjargon) für eine günstige Nebenwirkung. Nur bei "besonders zuverlässigen Patienten", dazu zählen vor allem Kollegen und Privatzahler, wird von Strafe abgesehen: Sie bekommen das keimtötende Penicillin in Tablettenform. Das hat den gleichen Effekt.
Die Neigung der Ärzte, Tugend und Moral durch peinvolle Prozeduren aufzuhelfen, beschränkt sich bisher allerdings auf die altbekannten G-Krankheiten. Syphilis und Gonorrhöe gelten weithin als verdiente Strafen für ein unmoralisches Leben. Ekel und die Furcht vor Ansteckung kennzeichnen, nach einer Sozio-Studie Erlanger Ärzte, auch die abschätzige Einstellung der Bevölkerung: Medizinisch völlig unbegründet werden Tripper und Schanker "zu den schwersten Krankheiten überhaupt" gezählt. Nur bei Pocken, Aussatz und Sucht ist die soziale Ablehnung ähnlich stark.
Der Ächtung anheim fallen allenfalls noch Krätzemilben und Filzläuse, zwei STD-Parasiten, die wieder stark im Kommen sind. "Außerordentlich angestiegen" ist nach den Erkenntnissen der Münchner Uni-Klinik die Zahl der Krätzekranken. "Die wenig zivilisierte Lebensweise vieler Jugendlicher", vor allem aber die "Promiskuität" gelten dem "Deutschen Ärzteblatt" als Ursache.
Die Promiskuität ist es auch, die den Boom der anderen STD-Leiden anheizt. Doch die hauptberuflichen Liebesdienerinnen sind weitgehend schuldlos. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen durch die Gesundheitsämter und das keimtötende Hygiene-Ritual der Professionellen vermindern die Infektionsgefahr. Wer den einen Fuß im Freudenhaus hat, hat den anderen nicht mehr im Hospital. Krankenhausreif wird eher jener Partner, der tagsüber als Chef, abends als Nachbar und nachts als Ehemann liebevoll tätig ist. Ihn treffen, "Hallo Partner, danke schön", die "drei P": Pille, Promiskuität, Permissivität. Die Trias umschreibt das Ursachenbündel, dem die STD-Beschwerden ihre rasche Expansion verdanken.
Im Verlauf der sexuellen Revolution hat sich zwar die Koitusfrequenz des Durchschnittsbürgers kaum erhöht. Mit der Liebe und und ihren Handreichungen wird aber im allgemeinen großzügiger umgegangen -- "Permissivität" -.- und früher begonnen: Deshalb steigt auch bei Adele Biedermann und Otto Normalverbraucher. über längere Zeiträume gerechnet, die Zahl der Geschlechtspartner -- "Promiskuität" -- und damit das Risiko, daß aus Lust auch auch mal Leid wird.
Die Pille tut dazu das ihre: Sie nimmt die Angst vor der Schwangerschaft und beseitigt damit den "hemmenden Faktor" lustvoller "Freizügigkeit" (WHO). Kirchen und Klerus haben das Nachsehen. Ihre Sexualfeindlichkeit verliert an realem Gewicht. Sie wird zum Papiertiger. Damit geht ein priesterliches Herrschaftsinstrument verloren, nämlich die "subtile Kunst", so der Wiener Philosoph Ernst Topitsch" Menschen durch Ausnutzung on eigens erzeugten Schuldgefühlen gefügig zu machen.
Trotzdem erfüllt die Pille der katholischen Kirche einen alten Wunsch. Die biochemischen Eigenschaften des Medikaments bringen es nämlich mit sich, daß seine Konsumentinnen häufiger geschlechtskrank werden als Frauen, die dem päpstlichen Pillen-Bann folgen. Empfängnisverhütende Hormongaben verändern das normalerweise saure Milieu einer gesunden Vagina zur alkalischen Seite hin und erhöhen überdies die Sekretproduktion. Die Folgen: Die Scheiden "verpilzen" häufiger und werden zum Ort unerwünschten Keimwuchses. Auch der "Gonokokkus" geht besser an.
Während das Risiko einer gesunden Frau, nach einmaligem Genitalkontakt mit einem tripperinfizierten Partner selbst krank zu werden, nur etwa 40 Prozent beträgt, wird die Ansteckung zur nahezu hundertprozentigen Gewißheit, sofern die Pille im Spiel ist. Das ist, nach päpstlicher Lehre, ganz im Sinne der "göttlichen Vorsehung".
Gott will nämlich, so hatte Leo XIII. gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts mitgeteilt, daß "der Sünder an dem Körperteil bestraft wird", mit dem er die Unzucht betrieben hat. Weil die Kondome den göttlichen Absichten "entgegenwirken", hatte Leo die Schutzhüllen ein für allemal verboten.
Die Seuchenbekämpfer in aller Welt setzen trotzdem auf das Kondom. In Schweden, das den Sex-Trends meist vorangeht, hat sich der Verbrauch in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt, die Zahl der Pillen-Konsumentinnen ging um ein Viertel zurück.
Ebenfalls in Skandinavien hat die WHO aber auch trübe Erfahrungen gemacht: Aufklärung und Gesundheitserziehung vermindern die venerischen Krankheiten nicht. Denn besonders häufig -- und immer wieder -- erkranken gut informierte Flugzeugbesatzungen, clevere Handelsreisende und die intelligenten Studentinnen. Nach der Triebtat lassen sie sich aber früher als andere behandeln, und das gilt allen Volksaufklärern, auch den deutschen, schon als schöner Erfolg.
Deshalb hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr 25 Millionen Streichholzschachteln mit der banalen Weisheit "Wer geschlechtskrank ist, muß zum Arzt" unters Volk gebracht. Unkonventionelle Wege wagte die Hamburger Gesundheitsbehörde. Sie ließ, "Bumsvallera", kesse Plakate drucken, die eine Männerfaust in eindeutiger Pose zeigen (siehe Seite 77) -- freilich in einer Auflage von nur 1000 Stück.
Ob damit die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten gesteuert wurde, steht dahin. Auf längere Sicht erwarten die Mediziner eher Hilfe von den Naturwissenschaftlern. In mehreren Forschungszentren ist man dabei, Impfstoffe gegen alte und neue Lustseuchen zu entwickeln.
"Der ganze Impfschutz steckt noch in den Anfängen."
Eine polnische Lues-Vakzine erwies sich im Tierversuch bereits als erfolgreich. Dagegen büßten 130 Matrosen des US-Flugzeugträgers "Hancock" unlängst ihr Vertrauen in die Wirksamkeit einer neuartigen Tripper-Schutzimpfung und in die Weitsicht des Bordarztes rasch ein. Beim Landgang im Philippinen-Städtchen Olongapo wurden sie -- befehlsgemäß -- erst schwach und dann krank, trotz Spritze.
"Der ganze Impfschutz", sagt G-Mann Heite, "steckt eben noch in den Anfängen." Ihn dauern vor allem die "Schleimhautschwächlinge" -- starke Männer, bei denen die Mikroben besonders gut gedeihen. Denen kann, ganz allgemein, nur geholfen werden, wenn sich die "Simultanbehandlung" stärker durchsetzt. Darunter versteht man die gleichzeitige Therapie aller Sexualpartner, auch jener, die nichts ahnen, keine Beschwerden haben, vielleicht nicht einmal erkrankt sind.
Die Simultanbehandlung, so wünschenswert sie sein mag, schließt freilich eine Stunde der Wahrheit ein: Wenigstens einer der Partner muß gestehen, daß ihm die Treue leerer Wahn war. Denn ohne einen Seitensprung, eine intime Berührung Schleimhaut zu Schleimhaut, gibt es kaum eine Geschlechtskrankheit.
Nur mit Liebe lassen sich Gonokokken übertragen -- da gibt es keine Ausnahme -, und die Erreger der Syphilis, zarte, sehr empfindliche Keime, nisten weder in Handtüchern noch auf Toilettenringen. Auch Trichis, die neuen Plagegeister, können sich in öffentlichen Schwimmbädern nicht am Leben erhalten. G-Mann Heite: "Zu einer Geschlechtskrankheit gehören mindestens drei Partner. Sonst gäbe es sie nicht."

DER SPIEGEL 17/1975
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