21.04.1975

MESSENBergman im Gepäck

Mit strikten Auflagen und ungewöhnlichen Bedingungen überraschten die Chinesen Westdeutschlands Industrielle, die im September in Peking eine eigene Messe aufziehen wollen.
Zweihunderttausend Chinesen wollen tausend deutsche Manager und Techniker aushorchen -- nach eigenem Ritual und in eigener Regie.
Wenn Wirtschaftsminister Hans Friderichs Anfang September die Pekinger Industrieschau feierlich eröffnet, werden selbst erfahrene Messeprofis wehmütig an frühere Ost-Präsentationen wie Posen, Brünn oder Moskau zurückdenken. Friderichs-Messereferent Winfried Wachendorfer: "Alles wird diesmal anders."
Als im Oktober 1972 der damalige Außenminister Walter Scheel in Peking die Schau vereinbarte, dachten Politiker und Bosse noch an eine der handelsüblichen Darbietungen deutschen Industriefleißes. Doch bald mußten sie erkennen, daß sie an ihre Gastgeber nur ihr technisches Know-how abzuliefern haben. Jürgen Burand, Peking-Planer beim Oberhausener Maschinenbaukonzern GHH, fürchtet: "Die werden uns bis aufs Hemd ausziehen."
Doch derlei Aussichten schreckten deutsche Unternehmer nicht: Über 900 Firmen drängelten sich, im Pekinger Ausstellungspalast, einem Geschenk der Russen, mit dabei zu sein. Schon frühzeitig ließen sich führende Top-Manager wie Thyssen-Chef Dieter Spethmann, Salzgitter-Boß Hans Birnbaum und die Vorstände Heinz Schmidt (Daimler-Benz) und Hans Leibkutsch (Deutsche Bank) auf die Reiseliste setzen. Auch daß einer der beiden Topstars von Krupp, Berthold Beitz und Ernst Wolf Mommsen, mit von der Partie sein wird, gilt als ausgemacht.
Selbst die Creme der deutschen Industrie konnte nicht verhindern, daß die Chinesen selbstbewußt bestimmten. was sie zu sehen wünschten und was nicht. So strichen sie das aus ursprünglich 36 Industriegruppen bestehende Ausstellungsprogramm kurzerhand auf 22 Komplexe zusammen. Kein Interesse hatten sie etwa für Anlagen für die Hüttenindustrie: Vor einem Jahr waren sie mit der Gruppe Gutehoffnungshütte (GHH)-Demag über ein Walzwerk handelseinig geworden, das den Westdeutschen Aufträge im Wert von einer halben Milliarde Mark sichert.
Auch Firmen mit langjährigem China-Geschäft übten auf die Pekinger Industrieplaner keinen Reiz mehr aus. Günter Graf, Geschäftsführer der von Bonn mit der Organisation der Ausstellung betrauten Münchner Fachfirma Imag: "Die sind konsterniert, daß sie nicht erwünscht sind."
Vor den kritischen Chinesen bestand nicht einmal die Hälfte aller Peking-Aspiranten: Nur 350 Firmen werden zugelassen.
Und diese Auserwählten müssen sich auf einiges gefaßt machen. Denn anstelle des sonst gewohnten Messe-Publikums, in der Mehrheit schaulustige Laien, müssen die Industrie-Repräsentanten aus der Bundesrepublik den Ansturm abkommandierter Expertentrupps gewärtigen. Die Chinesen untersagten kurzerhand jede Besucherwerbung und versprachen, für die Teilnahme von 200 000 bis 250 000 Fachleuten zu sorgen.
Mit dem Besucherheer müssen selbst in den Pavillons der Großkonzerne Mini-Crews fertig werden. Denn nur 11 000 Visa ließen sich die Chinesen von den deutschen Organisatoren abtrotzen, nachdem sie zunächst sogar nur 600 bewilligen wollten. Referent Wachendorfer: "Ein irrsinniges Entgegenkommen, das noch niemandem zuteil wurde." Nach einem an die Standfläche gebundenen Verteilungsschlüssel können selbst Großaussteller höchstens elf Mann nach Peking schicken.
Auch sonst geht es spartanisch zu. So untersagten Chinas Ausstellungsfunktionäre den Deutschen in den Pavillons die sonst üblichen Besprechungskabinen und verwiesen sie statt dessen auf allgemein zugängliche Konferenzräume. Lange beharrten die mißtrauischen Unterhändler sogar darauf, daß jeder einzelne Prospekt numeriert sein müsse; nach langem Zaudern gaben sie sich schließlich mit der Numerierung des Prospekt-Typs zufrieden.
* v. r.: Alfred Herrhausen (Deutsche Bank), Heinz Hufnagel (Mannesmann AG), Peter Zinkann (Mielewerke). Rolf Audouard (Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten).
Auf wenig Verständnis stießen die Deutschen auch mit ihrem Ansinnen, die Industrie-Expo wie vor kurzem in Moskau mit Extras wie Modenschauen, Trachtenkapellen und Spezialitäten-Restaurants aufzulockern. Peking-Unterhändler Graf: "Das haben die strikt abgelehnt." Auch vorsichtige Versuche, den Gastgebern die Erlaubnis zum Verteilen von Gastgeschenken abzuluchsen, scheiterten bereits im Ansatz. Kühl forderten die Chinesen: "Entweder Geschenke für alle oder keinen."
Auch bei der Vorbereitung der parallel zur Ausstellung veranstalteten Symposien ließen sich die Pekinger nicht dreinreden. Anstatt der gemeldeten über 800 Referate werden die Deutschen allenfalls 167 Vorträge halten dürfen -- und selbst das ist noch nicht sicher. Mannesmann-Manager Heinz Hufnagel: "Es steht noch gar nicht fest, ob die Referate überhaupt gehalten werden oder ob nach einer schriftlichen Kurzfassung nicht sofort diskutiert wird."
Ob sie reden dürfen oder nicht -- die Referenten werden nicht auf das Visa-Kontingent angerechnet und verhelfen den Ausstellern so zu einer Einsatzreserve. Ein für die Peking-Reise gebuchter Top-Manager: "Wir können dann wenigstens mal den einen oder anderen für zwei Tage zur Erholung nach Hongkong schicken."
Um die abgeschlaffte Deutschen-Truppe an tristen Pekinger Sommerabenden mit einem "bißchen heimeliger Atmosphäre" zu versorgen, will Imag-Organisator Graf eine kleine Hand-Bibliothek mitführen, Schachbretter ausgeben und Kassetten-Filme, darunter Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe", vorführen.

DER SPIEGEL 17/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MESSEN:
Bergman im Gepäck

Video 01:06

Auftritt in Iowa Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"

  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "Saskia Esken beim SPD-Parteitag: Raus aus dem Niedriglohnsektor" Video 02:24
    Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Neue SPD-Spitze macht Ansage an GroKo: Mehr Klima, mehr Mindestlohn" Video 01:19
    Neue SPD-Spitze macht Ansage an GroKo: "Mehr Klima, mehr Mindestlohn"
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Erster Filmtrailer: James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben" Video 02:41
    Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Generalstreik in Frankreich: Schwarzer Donnerstag legt Paris lahm" Video 01:20
    Generalstreik in Frankreich: "Schwarzer Donnerstag" legt Paris lahm
  • Video "Nato-Gipfel in London: Staatschefs witzeln offenbar über Trump" Video 00:46
    Nato-Gipfel in London: Staatschefs witzeln offenbar über Trump
  • Video "Anhörung im US-Kongress: Rechtsprofessoren halten Impeachment-Verfahren gegen Trump für gerechtfertigt" Video 01:36
    Anhörung im US-Kongress: Rechtsprofessoren halten Impeachment-Verfahren gegen Trump für gerechtfertigt
  • Video "World-Surf-League-Tour: Carissa Moore - Hawaiis beste Surferin" Video 01:19
    World-Surf-League-Tour: Carissa Moore - Hawaiis beste Surferin
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"