21.04.1975

ADOPTIONENHeimlicher Lift

Bis zu 25 000 Dollar lassen sich US-Bürger die Adaption deutscher Babys kosten. Das Geschäft wird mit der Schwangeren perfekt gemacht: Geboren werden Amerikaner.
Christiane Köster*, 28, Sekretärin aus Hamburg und im achten Monat schwanger, wollte "das mit dem Kind so diskret wie möglich" regeln und ging noch vor Ostern auf die Reise. Nun, kurz vor ihrer Niederkunft in New York, hat sie "sehr gute ärztliche Betreuung" und "pro Woche zehn Dollar Taschengeld".
Doris Berger, 22, Studentin aus Niedersachsen, empfand ihre Schwangerschaft als "Unglücksfall", suchte vergeblich einen Arzt und nutzte die "günstige Gelegenheit": Vor vier Wochen flog sie in die USA, wohnt nun bei einer "netten Familie" in New York und wartet, bis es soweit ist.
Wie die beiden Norddeutschen fliegen immer häufiger schwangere Frauen in die USA, um ihre unerwünschten Kinder loszuwerden --
nicht in Abtreibungspraxen, sondern bei Adoptiveltern. Die heimliche Luftbrücke für Ungeborene verhilft US-Familien, neben dem neuen Kinder-Boom aus Vietnam, über graue und schwarze Märkte zu Wunschkindern.
Eine unbekannte Zahl werdender Mütter aus der Bundesrepublik und aus anderen europäischen Staaten hält den organisierten Baby-Lift, begünstigt durch Abtreibungsverbot und mangelhaftes Adoptionsrecht im Mutterland, auf Touren. Der Baby-Export ist nach deutschem Recht legal, verboten freilich ist die gewerbsmäßige Vermittlung.
Die neuen Eltern lassen sich den Nachwuchs immer etwas kosten. "10 000 Dollar pro Kind", manchmal auch bis zu 25 000 Dollar, weiß Joseph H. Reid, Direktor der Child Welfare League of America, "sind allmählich üblich". Und die Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ in Bonn empört sich über die "schmutzigen Tricks" der Vermittler, die "skrupellos nach Gewinn streben" und Kinder "zum Handelsobjekt" machten.
Die Arbeitsgemeinschaft brachte den Handel just letzte Woche an den Tag, als der Bonner Bundestag ein neues Adoptionsvermittlungsgesetz beriet. Es soll Adoptionen beschleunigen, die Elternauswahl verbessern und Mißbrauch verhindern. "Wir hoffen", so ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums, "daß damit der wilden Vermittlung ein Riegel vorgeschoben wird."
Ob die neue Handhabe den unerwünschten Exodus stoppen wird, ist zumindest zweifelhaft. Denn Amerikaner, denen Euro-Kinder, speziell aus
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.
Deutschland, seit Jahrzehnten willkommen sind, fanden bislang noch immer einen Weg zum fremden Kind. Schon kurz nach Kriegsende wurden deutsche Babys auf einem halblegalen Markt gehandelt, vornehmlich in US-Garnisonstädten zwischen Mannheim und München. Seinerzeit bevorzugtes Modell: Die adoptionswillige amerikanische Familie engagierte eine schwangere Deutsche als Hausgehilfin, zahlte stattlichen Lohn, übernahm alle Entbindungskosten und honorierte die Zeit im Wochenbett. Gegenleistung: Das Kind wurde überschrieben, Jugendämter vollzogen die Adoption.
Heute führt zumeist ein anderes Verfahren zum gleichen Ziel. Nach Angaben des Familienministeriums ist "die geschäftsmäßig betriebene, aber auch die "getarnte' gewerbsmäßige Vermittlung durch Ärzte, Hebammen, Krankenhauspersonal, Rechtsanwälte, Verwaltungsangestellte. Heimpersonal und sogar Makler nicht selten".
Das Abträgliche dieser Art von Baby-Beschaffung liegt nicht darin, daß Schwangere auf fremde Kosten niederkommen und die künftigen Eltern für den Nachwuchs zahlen. Der Schwangeren bleibt so eine Abtreibung erspart, dem Kind womöglich ein lebensschädlicher Heimaufenthalt.
Vielmehr taugt das Prinzip nicht: Während es bei der regulären Adoption darum geht, "für Kinder geeignete Eltern zu finden" (Familienminister Katharina Focke), ist es beim Baby-Lift genau umgekehrt. Eltern, die keinerlei Eignungsprüfung unterzogen werden. suchen sich das vermeintlich passende Baby, häufig mit Hilfe von Vermittlern, denen dieser Dienst keineswegs anrüchig erscheint.
Irene Doppler, 23, beispielsweise. Angestellte in einer norddeutschen Exportfirma, managt "so nebenher" einen Schwangeren-Swing: "Ich bin emanzipatorisch vorbelastet, will den Frauen helfen und nehme keinen Pfennig dafür." Zunächst geht sie mit der reisebereiten Schwangeren eine umfängliche Checkliste (deutsch/englisch) durch: Krankheiten und Verlauf der Schwangerschaft, Religionszugehörigkeit, Gesichts-, Haar- und Augenfarbe. Dann wird der Platz in den USA vermittelt, "alles kostenlos, in besten Quartieren und Kliniken, mit allem Drum und Dran"
Das Kind, in Amerika geboren, erhält in fast allen Bundesstaaten automatisch die US-Staatsbürgerschaft und kann dann von einem Anwalt, legal und privat. vermittelt werden. Erst der Verkauf eines Kindes ist ein Delikt. wie etwa in Los Angeles, wo gerade gegen einen Anwalt verhandelt wird, der angeblich schwangere Jugoslawinnen importieren und jedes Kind mit 4000 Mark honorieren wollte.
Ohne Chance, ein Elternhaus zu finden, sind dagegen rund 120 000 amerikanische Waisenkinder, häufig Farbige oder Behinderte. Denn weiß sollen die Kinder schon sein, dazu kerngesund und eben erst geboren.
Für solche Babys gibt es lange Wartelisten adoptionswilliger Familien. ausgelegt in Anwaltskanzleien. Und die Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe in Bonn spricht gar von gezielter Kindeszeugung für den Markt. Gewisse Anwälte hätten Männer und Frauen an der Hand, "die zur ständigen Verfügung stehen und in beliebigen Kombinationen Kinder in die Welt setzen". andere hielten sich an Prostituierte. "die in regelmäßigen Abständen Kinder zum Verkauf abliefern".
Für das Wohl der Eltern wird gesorgt. Die Arbeitsgemeinschaft weiß zu berichten, "defekte Kinder" könnten ausgetauscht werden.

DER SPIEGEL 17/1975
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