21.04.1975

Indochina: Peking übernimmt das Erbe

Kambodscha fiel erst den Kommunisten zu, nachdem die Amerikaner dort interveniert hatten. Washington hat mit seiner Bitte an den von Washington gestürzten Prinzen Sihanouk, zurückzukehren, mit dem Vietnam-Lift für Waisenkinder und Kollaborateure, mit den fahrigen Gesten sein Prestige in Asien verspielt. Doch auch die andere Weltmacht UdSSR ist nicht der Gewinner, sondern China -und China hat vor allem ein Problem dazugewonnen.
Sie gingen, wie sie gekommen waren: nach dem Faustrecht, im Stil eines billigen Westernfilms.
Vor fünf Jahren war das riesige Amerika über den Zwerg Kambodscha hergefallen, um ihn in seinen schmutzigen Krieg zu ziehen; vorletzte Woche, unmittelbar vor dem Fall von Pnom Penh, flüchteten die US-Riesen und überließen Kambodscha seinem längst voraussehbaren Schicksal: der Kapitulation vor den Roten Khmer.
Stillos, voller Widersprüche und ohne erkennbare Konzeption wie die Intervention 1970, wie ihre ganze Indochina-Politik, war auch die Flucht der Vereinigten Staaten von Amerika aus Kambodscha inszeniert.
Am Tag bevor auf einem Fußballplatz im Stadtzentrum von Pnom Penh 36 Hubschrauber landeten, um -- abgesichert durch 300 miteingeflogene Marinesoldaten -- die US-Botschaft samt Geheimakten und Spitzen-Kollaborateuren zu evakuieren, hatte Präsident Ford noch im US-Fernsehen davon gesprochen. wie notwendig es sei, "ein unabhängiges und neutrales Kambodscha zu unterstützen".
Und am Morgen des geheimgehaltenen Exodus, der auch Kambodschas Staatspräsidenten Saukam Khoy über die Grenze brachte, klingelte der amerikanische Missionschef in Peking den Prinzen Sihanouk aus dem Bett: Amerika sei bereit, die Rückkehr des von Amerika vertriebenen Kambodscha-Chefs nach PnomPenh zu sichern.
In Washington gedachte Kambodschas Botschafter Um Sim etwas spät der Anfänge des Debakels: "Man hat unsere Unerfahrenheit und Naivität ausgenutzt, als man uns in diesen Krieg führte." Der Sicherheitsoffizier der US-Botschaft in PnomPenh, Sidney Telford, dachte über das nicht weniger schändliche Ende nach: "Die Evakuierung klappte wie ein Uhrwerk, aber es war das jämmerlichste Uhrwerk, was man je sah."
Gemach: Im benachbarten Vietnam läuft die Uhr noch für die USA, und vieles spricht dafür, daß die schlechteste Note für Washingtons diplomatische Kunst erst in Saigon vergeben wird.
Ginge es nämlich nach der US-Regierung. so müßte Amerika eine Million Vietnamesen (Schätzung von Verteidigungsminister Schlesinger), mindestens aber 175 000 (Schätzung von Präsident Ford) evakuieren, die wegen Kollaboration durch den Sieg Hanois an Leib und Lehen gefährdet sind. Wenn die Flughäfen Saigons bereits ausgefallen sind, mußte die Navy laut Pentagon die Massenflucht über See organisieren, notfalls auch unter amerikanischem Feuerschutz.
Nur der richtige Zeitpunkt, so meditierten Ford und Kissinger letzte Woche. sei schwer zu bestimmen: Kommt die Aktion zu früh, wird der letzte Verteidigungswille des Thieu-Regimes zusammenbrechen, kommt sie zu spät, lassen sich die Freunde in Saigon womöglich nicht mehr vor der Meuterei der eigenen Truppen retten.
Der Kongreß zeigte für solche Denkspiele wenig Sinn, strich das Budget für die Flucht der Kollaborateure auf 200 Millionen Dollar zusammen und verordnete den schrittweisen, sofortigen Abzug der unmittelbar bedrohten Personen.
Die Mehrheit der US-Freunde in Saigon muß so wie in Kambodscha mit ihrem Schicksal allein fertig werden. Sie kann nur auf die Großmut der Sieger hoffen, die Schonung für alle Vietnamesen, "die ehrlich wieder ihr Brot verdienen wollen" (Radio Hanoi), zumindest versprochen haben.
Deutlicher als auf den sieglosen Truppenabzug vor zwei Jahren reagierte die übrige asiatische Welt auf das Versagen der amerikanischen Diplomatie. Ein ratloser Präsident, der sich weder im eigenen Kongreß noch beim bereits geschlagenen Alliierten durchzusetzen versteht, ein Außenminister Kissinger, der "mit dem Imponiergehabe eines zahnlosen Löwen" (so ein asiatischer Diplomat in Saigon) droht, in Richtung Hanoi, seit vorigen Donnerstag auch gegen Peking und Moskau: Amerika hat sein Gesicht verloren.
Der Anspruch dieser Supermacht auf die Rolle des Weltpolizisten scheint in Asien dahin. Thailand verlangt den Abzug der US-Truppen, denn Kambodscha und Vietnam seien eine "teure Lehre" für alle, die sieh auf die USA verlassen, schreibt die "Thai Rath". Selbst die Stimme der Konservativen in Australien, der "Sydney Morning Herald", kommt zu dem Schluß: "Die Illusion von der Allmacht der USA ist vom Wissen um die amerikanische Impotenz verdrängt worden."
Mehr denn je richtet sich die Aufmerksamkeit auch der nichtkommunistischen Asiaten nun auf Peking. Malaysia hat diplomatischen Kontakt zu China geknüpft, Thailand und die Philippinen bereiten ihn vor und wollen das rote Kambodscha anerkennen. Selbst der Außenminister des reichen Singapur, Rajaratnam, denkt an China in seinem Oraket: Er glaube nicht, daß der Indochinakonflikt in die Nachbarschaft überschwappe, "solange Interventionen von außerhalb der Region stehenden Mächten unterbleiben".
Außerhalb der Region bleibt freilich auch die zweite Supermacht Sowjet-Union. Moskaus Einfluß auf ein von Hanoi beherrschtes Indochina fürchten die asiatischen Nachbarn nicht weniger als eine Wiederholung der amerikanischen Schlappe. Vor allem als Puffer gegen die Sowjets, zumindest als Gegengewicht, ist China den Asiaten in der neuen Lage willkommen.
Peking hat seit den Großoffensiven in Vietnam und Kambodscha mehr Energie darauf verwendet, die Sowjet-Union eines "politischen Glückspiels" in Indochina zu zeihen, als die Amerikaner zu verurteilen: Erst beim Endkampf um PnomPenh versuchte Moskau eilends den Eindruck zu erwecken, es habe wie Peking in der Vergangenheit stets Sihanouks Exilregierung beigestanden. Erst am 28. März mußten Lon Nols Diplomaten in Moskau die Koffer packen. Die Vertreter der Roten Khmer in der Sowjet-Hauptstadt sind bis heute nicht akkreditiert.
Fast entschuldigend klang der Toast des Sowjetpremiers Kossygin zu seinem jugoslawischen Besucher Bijedic am 9. April: "Die Siege in Kambodscha und Vietnam sind unvermeidlich."
Vietnam, Kambodscha, später auch Laos fallen nach Moskauer Kalkül schließlich doch unter die Zuständigkeit eines Gegners. Ein sowjetischer Diplomat zum SPiEGEL: "Indochina. das wird das Jugoslawien Chinas. Damit ist Peking die nächsten fünf bis zehn Jahre voll beschäftigt."

DER SPIEGEL 17/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Indochina: Peking übernimmt das Erbe

Video 00:45

Warschau Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt

  • Video "Jungfernflug in Kanada: Erstes E-Verkehrsflugzeug hebt ab" Video 01:16
    Jungfernflug in Kanada: Erstes E-Verkehrsflugzeug hebt ab
  • Video "Dartford bei London: Der Wahlkreis, der immer recht hat" Video 02:56
    Dartford bei London: Der Wahlkreis, der immer recht hat
  • Video "Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt" Video 01:30
    Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: "Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt"
  • Video "Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa" Video 00:38
    Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa
  • Video "Frust vor Großbritannien-Wahl: Keiner von denen sagt die Wahrheit" Video 01:24
    Frust vor Großbritannien-Wahl: "Keiner von denen sagt die Wahrheit"
  • Video "Greta Thunberg beim Klimagipfel: Man rennt sofort los und rettet das Kind" Video 01:52
    Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • Video "Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: Ich war ein Idiot" Video 01:25
    Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: "Ich war ein Idiot"
  • Video "Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung" Video 01:26
    Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung
  • Video "Vertikale Stadt: Öko-Wohnzylinder fürs Emirat" Video 02:00
    "Vertikale Stadt": Öko-Wohnzylinder fürs Emirat
  • Video "Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug" Video 00:50
    Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug
  • Video "Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?" Video 02:06
    Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?
  • Video "Nach Vulkanausbruch auf White Island: Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt" Video 02:10
    Nach Vulkanausbruch auf White Island: "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"
  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit" Video 01:41
    Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit
  • Video "Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus" Video 01:27
    Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus
  • Video "Warschau: Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt" Video 00:45
    Warschau: Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt