21.04.1975

Kambodschas Moral

Der Verlag Ullstein hat das (im SPIEGEL vorabgedruckte) Buch der Gebrüder Marvin und Bernard Kalb über Henry Kissinger auf seinem Titelblatt "Die definitive Biographie" genannt. Aber immer noch gilt das Wort des Griechen Solon, niemand sei vor seinem Tode glücklich zu preisen.
Kissinger selbst hat plaudernderweise verlauten lassen, er sei "ein Gefallener dieses Krieges". Klar, er ist ein Gefallener. Aber welchen Krieges?
Die Vereinigten Staaten versuchten seit der Verzichterklärung des Präsidenten Lyndon B. Johnson vom 31. März 1968 auf eine weitere Kandidatur, ihre Truppen aus Südvietnam herauszumanövrieren. Im Wege waren Laos und Kambodscha, wo die "Roten" ihren Nachschub für den Kriegsschauplatz Südvietnam entlang und außerhalb der Grenzen Vietnams organisierten.
Was tun? Bomben. Prinz Sihanouk, der Chef Kambodschas, war ein Meister der Seil- und Eiertänzerei. Er protestierte weder gegen die roten Nachschubstraßen auf seinem östlichen Territorium noch gegen die amerikanischen Bombenangriffe auf eben diese Straßen.
Für Kissinger und Nixon, die sich doch "mit Anstand" aus Südvietnam zurückziehen wollten, wurde der neutralistische Prinz Sihanouk zu einem Problem. Gelöst wurde es ö la Prag oder im Geiste des Grafen Schlieffen. Kambodscha, das sich als neutralistische Seiltänzer-Provinz noch etliche Jahre hätte halten können, wurde in einen mörderischen Krieg hineingezogen, von Nixon und Kissinger, die eben das Engagement der USA in Indochina zu beenden fest entschlossen waren.
Kissingers "definitive Biographen" machen sieh gar keine Mühe, zu beweisen, daß Sihanouk 1970 nicht von der CIA gestürzt worden sei. Wer hat dann den Nachfolger Lon Nol installiert? Entweder die CIA ohne Wissen Kissingers und Nixons, das wäre die schlimmere Möglichkeit; oder Kissinger und Nixon selbst, was wahrscheinlicher ist. Ein Mann der Stunde und des Ausgleichs wurde gestürzt zugunsten eines Marionetten-Generals. Aber diese Marionette wurde nicht einmal informiert oder gar konsultiert, als die USA samt ihrem "Verbündeten" Südvietnam am 1. Mai 1970 in Kambodscha einfielen. Was haben die US-Führer sich dabei gedacht, ein neutralistisches Land zu überfallen, wohl wissend (oder wissen müssend), daß wechselseitige Schlächtereien zwischen Kambodschanern und Südvietnamesen unvermeidlich seien? Kissingers Biographen, die Bruder Kalb, halten eine Erklärung für Richard M. Nixon bereit: Er sah sich bereits auf der Traumstraße der Geschichte."
Aber wo sah sich dann der intellektuelle, der von den Nazis verfolgte Kissinger? Seinen ehemaligen Harvard-Kollegen, die gegen den offenbaren, schon damals offenbaren Unfug bei ihm protestierten. sagte er: "Angenommen, ich gehe zum Präsidenten und sage ihm, ich trete zurück. Wenn er dann womöglich einen Herzanfall bekommt, dann haben Sie Spiro Agnew als Präsidenten. Wollen Sie das? Nein? Dann hören Sie auf, von mir den Rücktritt zu verlangen."
Hier liegt Kissingers tödliche Schwäche offen zutage. Nixon wußte, was er wollte, nämlich Terror und Schrecken verbreiten, auch auf Kosten von 7 Millionen gelber Kambodschaner. Kissinger hingegen, der diese Politik als zweitverantwortlicher Mann führte, argumentierte wie der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß: Wie denn. wenn der Scharfmacher Bormann an die Macht käme?
Was immer Nixon getan hat, er wußte, was er (und daß er das Falsche) wollte; Kissinger hingegen mußte sich für die Macht oder für sein Gewissen entscheiden. Und hier geben uns seine Biographen eine erschütternde, ohne Zweifel ausreichende Erklärung: Er sah im kambodschanischen Einsatz der USA "kein Problem der Moral". Der Zweck heiligte die Mittel.
Graf Schlieffen, der Belgien ohne Rechtfertigung verheizen wollte. hatte in der Vorstellung dieses deutsch-jüdischen Historikers nie gelebt. Aus der Geschichte kann erst recht der Historiker, so er denn Politik machen soll, nichts lernen.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 17/1975
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