21.04.1975

„Uns bringen sie bestimmt um“

In Saigon ist alles klar für die Stunde Null. Die Eingeweihten wissen Bescheid, warten auf das Zeichen: Wenn, irgendwann in den nächsten Tagen, der Radiosender eine bestimmte Durchsage macht, wenn cm bestimmter amerikanischer Sänger anschließend ein bestimmtes amerikanisches Lied singt -- dann ist es soweit, dann rennen die, die sich nicht überrollen lassen wollen, zum verabredeten Treffpunkt, steigen in die Hubschrauber nach ihnen die Sintflut.
Die Solidarität der Weißen funktioniert, for members only. wer jetzt nicht Mitglied ist, wird"s nimmermehr. Gelassen geben sich die Amerikaner, die noch da sind, nehmen die Agonie des Landes kaum zur Kenntnis.
Zwei Manager aus Cleveland, Ohio, zockeln in ihren viel zu kurzen Hosen und mit ihren viel zu dicken Zigarren über den fleckigen Rasen vom "Saigon Golf Club". Am sechsten Loch unterhalten sie sich. ihre breiten, satten Stimmen wehen herüber in den Schatten einer Palme, unter der arbeitslose Caddies liegen, mischen sich mit dem dumpfen Wummern gar nicht mehr so ferner Artillerie-Duelle.
Wer nicht am Schwimmbad liegt, Golf oder Tennis spielt, macht letzte Einkäufe in den Antiquitätengeschäften.,. Wir kommen ja hier rauS", sagt der Fabrikant Thomas Garrity aus Los Angeles, "warum sollen wir uns aufregen"?"
Bei den Vietnamesen, die nicht zum exklusiven Kreis jener Bevorzugten gehören, die in letzter Stunde das Land verlassen können, wachsen Furcht und Erbitterung, vor allem aber Haß gegen die Amerikaner. Viele Vietnamesen sehen nun, daß sie für die falsche Seite gearbeitet haben.
"So ist das also", sagt Nguyen Quoc Cuong, Chef des Informationsbüros der Saigoner Regierung: "Ich stehe auf der schwarzen Liste, weil ich für meine Regierung arbeite, aber die läßt mich nicht raus. Uns bringen sie bestimmt um. Aber jeder kleine Chauffeur, der für die Amerikaner kutschiert, der soll auf einmal wegdürfen."
Das ist noch sehr fraglich. Lacy Wright, Erster Sekretär der US-Botschaft in Saigon, sieht die Lage nüchtern: "Wenn, es nicht doch noch zu einer politischen Lösung kommt, die uns Zeit gibt. dann können wir froh sein, wenn wir alle 4500 Amerikaner und die Europäer ohne Verluste rausbringen -- alles andere ist Nonsens."
Die Vietnamesen wissen das noch nicht. 17 000 arbeiten gegenwärtig für die Amerikaner, mit Familienmitgliedern sind es etwa 175 000. Vor der Konsularabteilung der US-Botschaft am Boulevard stehen sie zu Hunderten, von Tag zu Tag werden es mehr. US-Marines in Tropenhemd und blauen Hosen teilen Nummern aus. Wer heute nicht drankommt, muß morgen wieder anstehen, auf eine bessere Nummer warten -- das Große Los wird täglich neu gezogen.
"Die letzten 48 Stunden werden schlimm, da wird abgerechnet". sagt der deutsche Botschafter Heinz Dröge. Die Stimmung ist schon jetzt geladen. Die US-Armeezeitung "Stars and Stripes" verbreitet, das "Vietnamese-American Crisis Committee", Sitz Chicago, rechne mit der Ermordung von einer Million Vietnamesen durch die Kommunisten. Ho Van Phu, 58 und seit sechs Jahren Fahrer bei U. S. Aid, erklärt denn auch mit einem vietnamesischen Sprichwort, warum er weg will: "Es gibt viele Möglichkeiten zu überleben. die Flucht ist die sicherste."
Phu hat wie die meisten seiner Landsleute ohnehin nie begriffen. worum das alles ging, hat gearbeitet, ist bezahlt worden. Den Vietnamesen ist Amerika fremd geblieben. Oberflächliches haftet -- einige Brocken Englisch, Ketchup. Kaugummi, Jeans und Jeeps. Die einzige Überzeugung, die Amerika den Vietnamesen ins Bewußtsein pflanzte -- daß Amerika nie verlieren könne -, war falsch. Die Sieger sind auf der anderen Seite.
So mancher, der sich an die Franzosen erinnert, hätte sie jetzt gerne wieder hier: Die sind dageblieben. auch als die französische Staatsmacht geschlagen war, wie Süchtige; fasziniert von Vietnam. Zu Tausenden leben sie in der Stadt, haben französische Pässe, denken nicht an Flucht -- sie sind längst selbst Vietnamesen geworden.
Die Amerikaner, so empfinden es wohl die meisten Vietnamesen, haben ja nur Politik gemacht, ihre eigene, blutige, die scherte sich kaum um Vietnam, nicht um das Volk. Phung Thi Lien, Schauspielerin einer Volksbühne: "Die haben sich für uns nie interessiert."
Von Börries Gallasch

DER SPIEGEL 17/1975
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