21.04.1975

USADoppelt soviel Feinde

Die wahre Stärke des Vietcong, behauptet ein ehemaliger Agent der CIA, hätten die US-Militärs in Vietnam jahrelang verschwiegen.
Als sein Brief wochenlang unbeantwortet blieb, suchte der Verfasser danach und fand ihn schließlich im Safe seiner Chefs. des CIA-Leiters in Saigon. Der Brief trug den Hinweis "Indefinite Hold" -- nicht weiterleiten.
Dem Absender. CIA-Agent Samuel Adams, 40, schien das unverständlich. Denn der Brief war ein Memo, in dem er 1966 behauptete, daß die Amerikaner die Truppenstärke des Vietcong gewaltig unterschätzten: Nicht 299 000 seien es, sondern rund 600 000. Die einzige Schlußfolgerung damals laut Adams: "Einpacken oder eine ganze Menge Soldaten mehr schicken."
Adams, der 1973 im Ellsberg-Prozeß aussagte, kurz danach seinen Geheimdienst-Posten quittierte und seither in Virginia Kühe züchtet, enthüllt jetzt seine Erkenntnisse im amerikanischen Magazin "Harper's". Dem Autor, der im Auftrag der CIA vor Ort Stärke und Kampfmoral des Vietcong zu untersuchen hatte, waren als erstes anhand von eroberten Vietcong-Dokumenten die großen Verluste des Gegners aufgefallen: jährlich 150 000 bis 200 000 Mann. "Schwer vorstellbar" war da für Adams, wie eine Armee von vorgeblich nur 299 000 Kämpfern mehr als ein. zwei Jahre aushalten könne
Seit zwei Jahren schon, fand Adams heraus, hatte sich die offizielle CIA-Angabe über die Stärke des Vietcong nicht verändert. Die größte Ziffer in der Zusammenstellung -- 103 573 Mann Guerilla-Miliz -- stammte aus einer südvietnamesischen Schätzung, die von den Amerikanern ungeprüft übernommen worden sei; ein anderer Posten führte 39 175 Mitglieder von politischen Kadern auf -- in den Städten. Niemand hatte in Dörfern gezählt.
Im Bezirk Binh Dinh beispielsweise hatten Adams' Nachrichtendienstler 4500 Vietcong ausmachen können, nach erbeuteten Vietcong-Dokumenten waren es 50 000. "Hier sind wir mitten in einem Guerilla-Krieg", klagte Adams einem Kollegen, "und wir machen uns nicht mal die Mühe, die Guerrilleros zu zählen."
Als er mit seiner Zählung fertig war. hätten die CIA-Verantwortlichen in Saigon das Ergebnis gar nicht wissen wollen das sei "Westmorelands Sache". General Westmoreland aber habe es vorgezogen, bei seinen fiktiven Zahlen zu bleiben. Erhärtet wird der Adams-Bericht durch ein Telegramm Westmorelands an den damaligen CIA-Chef Helms, das der republikanische Kongreßabgeordnete Paul N. McCloskey dem SPIEGEL zur Verfügung gestellt hat. In dieser Botschaft unterstützt Westmoreland die These seiner Generale Abrams und Wheeler, daß man sich nicht auf die höheren Ziffern einlassen könne, da sie das Image vom kurz bevorstehenden Erfolg gefährden würden. McCloskey zum SPIEGEL: "Was Westmoreland da gemacht hat, ist praktisch Meineid (purgery)."
Erst nach der Tet-Offensive 1968 entschloß sich wenigstens das Weiße Haus, fortan mit 600 000 Vietcong zu rechnen. Adams bitter: "1000 amerikanische Soldaten sind in der Tet-Offensive umgekommen, weil die Generäle mit Zahlen Politik gespielt hatten."
Der Agent bohrte weiter und wurde wieder fündig: "Rund 3000 Vietcong-Agenten hatte das Saigoner CIA-Büro im südvietnamesischen Regierungsapparat ausmachen können, Adams kam auf rund 20 000. In manchen Gebieten hätten Vietcong-Agenten unerkannt amerikanische Vietnamisierungs-Projekte geleitet, in Da Nang habe ein als südvietnamesische Ordonnanz getarnter Vietcong Munition im Wert von 100 Millionen Dollar in die Luft gejagt.
Anfang der siebziger Jahre wurde Adams nach Kambodscha versetzt. Dort will er herausgefunden haben, daß die Roten Khmer nicht, wie die Amerikaner glaubten, 5000 bis 10 000 Soldaten hätten, sondern mindestens zehnmal soviel: 100 000 bis 150 000.

DER SPIEGEL 17/1975
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