21.04.1975

ENERGIEKONFERENZWir kämpfen nicht

Kläglich scheiterte die vom französischen Staatspräsidenten Giscard d'Estaing inszenierte Pariser Energiekonferenz. Die Hauptgegner -- USA und Algerien -- waren sich keinen Schritt nähergekommen.
"Eines ist jetzt ganz klar", resümierte "Le Monde" den Ausgang der Pariser Energie-Konferenz, "zum erstenmal haben erdölkonsumierende und erdölproduzierende Länder miteinander diskutiert. Nun weiß jeder genau, was der andere unter "Dialog' versteht."
Neun Tage und fast neun Nächte lang hatten in Paris mehr als 130 Experten aus zehn Ländern über eine vom französischen Staatspräsidenten Giscard d'Estaing angeregte Energie-Konferenz gestritten. Dann war es klar, daß zwischen den Vereinigten Staaten (die zusammen mit Japan und der Europäischen Gemeinschaft die Industriestaaten repräsentierten) und Algerien (Wortführer der Ölproduzenten Iran. Saudi-Arabien und Venezuela, aber auch der Entwicklungsländer Brasilien. Indien und Zaire) nichts ging.
Staatschef Giscard wollte etwa Mitte des Jahres Vertreter erdölinteressierter Staaten in Paris zu einer Mammutkonferenz vereinigen, auf der neue Spielregeln im Erdöl-Krieg ausgearbeitet werden sollten. Das entspricht franzosischer Wirtschaftspraxis, in der sich die Partner häufig zu Planrunden treffen. Außerdem -- und vielleicht in erster Linie -- wollte sich der Elysee als diplomatischer Mittler herausputzen -- und auch das hat in Frankreich Tradition. Als "Energiscard" veräppelte denn auch der satirische "Canard enchaîné" den Staatschef.
Weder Amerikaner noch Algerier waren jedoch bereit, Giscards Spiel mitzuspielen. Die Amerikaner steuern ein Kartell der Erdölverbraucher an, das nach ihrer Meinung stark genug ist, den Ölpreis herunterzuhandeln. Die Algerier hingegen wollen ihre Stellung als Erdölproduzenten und Wortführer der Dritten Welt nutzen, um dem Ölkartell ein noch mächtigeres allgemeines Rohstoffkartell aufzupfropfen. Algeriens Delegationschef Aît Challal zu den Industriestaaten-Vertretern: "Ihr seid nicht mehr der Nabel der Welt."
Staatschef Giscard hatte versucht. die beiden Parteien auszutricksen. Den Amerikanern hatte er die Zusage zur Pariser Konferenz abgekauft, indem er Frankreichs Kooperation mit dem Konsumenten-Kartell in Aussicht stellte. Und die Algerier versuchte Giscard milde zu stimmen, indem er die Vorbereitungskonferenz wenige Tage vor einen seit langem geplanten Staatsbesuch in die Exkolonie legte -- den ersten seit Algeriens Unabhängigkeit.
Doch der Ausflug in die Weltpolitik scheiterte kläglich. Trotz aller Diplomatenkniffe einigten sich die Konferenzteilnehmer auf nahezu nichts. Während die Amerikaner nur über Energie sprechen wollten, bestanden die Algerier auf einem Palaver über Preise und Probleme aller Rohstoffe.
Selbst um den Namen der Konferenz führten die Delegationen einen erbitterten Streit. Schließlich tauften sie die in der Einladung "Vorbereitungstreffen zur Internationalen Konferenz über Energie und damit verbundene Probleme" genannte Runde in "Vorbereitungstreffen zur vom Staatspräsidenten der Französischen Republik vorgeschlagenen internationalen Konferenz" um. Das und die Einigung auf einen vergrößerten Teilnehmerkreis war dann auch schon alles, worauf sich die Delegierten einigen konnten.
Die Algerier warteten lediglich, bis Giscard von seinem Staatsbesuch in die französische Metropole zurückgekehrt war, um ihre Konferenzabneigung offen kundzutun. Algeriens Challal: "Die beiden antagonistischen Thesen bestanden doch von Anfang an." Und US-Unterhändler Thomas Enders bestätigte: "Die Differenzen waren viel stärker als wir dachten."
"Es war eine französische Idee. und wir kämpfen nicht für sie", verriet ein Mitglied der US-Delegation. Staatschef Giscard revanchierte sich bereits für die amerikanische Obstruktionspolitik: Prompt sagte er seine ursprünglich in Aussicht gestellte Teilnahme an einer großen Gipfelkonferenz des atlantischen Bündnisses ab. Denn für diese Tagung hatte sich US-Präsident Ford stark gemacht.

DER SPIEGEL 17/1975
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