21.04.1975

Ein Regenbogen-Sozialismus?

SPIEGEL: Herr Admjral, Sie werden "der rote Admiral" genannt.
ROSA COUTINHO: ... dieser Spitzname stammt von General Spínola. Er glaubte. überall Kommunisten zu sehen, hinter jedem Baum, überall im Land. Er sprach noch die Sprache des Salazar- und Caetano-Regimes, wo jeder, der nicht mit der Regierung übereinstimmte, Kommunist geschimpft wurde. Und da ich in der Junta viele. viele Male nicht mit Spínola übereinstimmte, nannte er mich den "roten Admiral". Demokratisch gab er sich immer nur in seinen Schriften, nicht in der Praxis.
SPIEGEL: Warum hat ihn die Junta dann damals zum Präsidenten gemacht?
ROSA COUTINHO: Er wurde von uns ernannt, weil er der Mann war. dem sich der Diktator Caetano am 25. April ergeben hatte. Das und sein Buch "Portugal und die Zukunft" hatten ihn zum Nationalhelden gemacht. Aber er hat den Coup nicht geführt, er bekam von uns erst das Mandat. Das war unser Fehler. wir hätten einen anderen wählen sollen.
SPIEGEL: Tut es der MFA, der Bewegung der Streitkräfte, heute auch leid, daß sie nach dem 25. April politische Parteien zur Mitarbeit herangezogen hat?
ROSA COUTINHO: Keineswegs. Wir halten die Parteien für nötig. Wir brauchen ihre konstruktive Mitarbeit. Es stimmt, wir haben sie oft kritisier!. weil sie manchmal nicht mitarbeiten heim Aufbau eines neuen Portugal, weil sie manchmal zu sehr damit beschäftigt sind, sich untereinander zu streiten oder Wähler zu gewinnen.
SPIEGEL: Das ist nun einmal so in einer Demokratie.
ROSA COUTINHO: Wenn wir schon eine stabile Regierung hätten könnten wir uns das vielleicht leisten. Aber in der Krise, in der wir stecken. können wir keine Zeit damit verschwenden. Wir können uns nicht blockieren lassen. Wir müssen unsere Wirtschaft ummodeln, wir müssen neue Strukturen errichten. Da können wir uns den Luxus von Parteienstreit nicht leisten, wir brauchen Mitarbeit.
SPIEGEL: Vor allem die Mitarbeit der Kommunisten? Bei der",Dynam-sierungskampagne" sollen Offiziere empfohlen haben, die Kommunisten zu wählen.
ROSA COUTINHO: Das ist nicht wahr. Es mag sein, daß sie sagen: "Wählt nicht die faschistischen Parteien." Wir haben den Leuten, die nicht wissen, wen sie wählen sollen, empfohlen, daß sie dann lieber leere Stimmzettel abgeben sollen.
SPIEGEL: Das bringt den Kommunisten und den Sozialisten einen Vorteil, denn wahrscheinlich stehen die Unentschlossenen eher den gemäßigten Parteien nahe, etwa der liberalen PPD.
ROSA COUTINHO: Sollen wir denn sagen: "Wenn ihr nicht wißt, wen ihr wählen sollt, wählt PPD"?
SPIEGEL: Die MFA sollte vielleicht gar nichts sagen.
ROSA COUTINHO: Wir haben bei unseren Aufklärungskampagnen gemerkt, daß die Parteien noch nicht im Volk verankert sind. Die Sprache der Parteien -- und sie reden alle mehr oder weniger dasselbe -- macht es den Leuten schwer, zwischen ihnen zu unterscheiden. 50 Prozent der Wähler sind noch unentschlossen, und sie fragen uns oft, für welche Partei sie stimmen sollen. Die Dinge sind daher noch zu sehr im Fluß. Manche Parteien werden ganz verschwinden, andere neu gebildet werden. Wir haben zu viele Parteien in Portugal. Und diese Wahlen haben nur beschränkte Bedeutung.
SPIEGEL: Heißt das, Sie werden den Sieg der einen oder anderen Partei ignorieren?
ROSA COUTINHO: Wir werden ihn anerkennen, aber nicht für die Zusammensetzung der Regierung. Die hat nichts mit diesen Wahlen für eine verfassunggebende Versammlung zu tun. So denken wir nun einmal, das haben wir beschlossen, und ich weiß nicht, was die Aufregung darüber soll.
SPIEGEL: Werten Sie leere Stimmzettel als Votum für die MFA?
ROSA COUTINHO: In manchen Fällen ja. Viele Leute sagen uns, sie würden gern die MFA wählen, aber die MFA ist keine Partei.
SPIEGEL: Aber Sie haben gerade empfohlen, daß die MFA eine Partei bilden sollte.
ROSA COUTINHO: Es muß nicht unbedingt eine Partei sein, es kann auch eine Parteien-Koalition sein. wenn auch nicht aller Parteien. Wir haben in der MFA ein breites ideologisches Spektrum, es geht in Richtung Sozialismus, aber noch sind wir uns
* Mit Lutz Bindernagel.
nicht darüber klar, welche Art von Sozialismus.
SPIEGEL: Wollen Sie sich mit einer MFA-Partei von der KP absetzen, die jetzt mit der MFA eng verbunden ist?
ROSA COUTINHO: Wir haben keine Angst vor den Kommunisten.
SPIEGEL: Dennoch könnten Sie die MFA-Partei als eine Art trojanisches Pferd benutzen.
ROSA COUTINHO: Das glaube ich nicht. Wir kennen unser Volk sehr gut. Wir sind ein lateinisches Volk, und in jedem freien lateinischen Land, zum Beispiel in Frankreich, in Italien, gibt es kommunistische Parteien, die stärker sind als in Portugal. Deshalb können wir auch nicht verstehen, wenn die Deutschen sagen: "Portugal wird kommunistisch."
SPIEGEL: Die KP weiß sicher, daß sie keine Mehrheit gewinnen kann; vielleicht ist sie gerade deshalb so sehr daran interessiert, daß die MFA in der Politik bleibt?
ROSA COUTINHO: Außer den Kommunisten haben auch noch sechs andere Parteien den Pakt mit der MFA unterzeichnet. Unsere Ketzerei gegenüber Europa besteht nur darin, daß wir glauben, die KP sei als einer der Baumeister für das neue Portugal unerläßlich. Wir schließen die Kommunisten nicht von vornherein aus, darin besteht unsere ganze Ketzerei.
SPIEGEL: Aber keine Partei unterstützt die MFA so rückhaltlos wie die kommunistische. Daraus läßt sich folgern, daß die Militärs die Politik der KP machen.
ROSA COUTINHO: Manchmal mag es in der Tat so aussehen. Aber es ist genau umgekehrt: Die Kommunisten tun, was die MFA empfiehlt. Sie waren in diesem Land der Regierung gegenüber bisher stets loyal, manche der anderen Parteien dagegen nicht.
SPIEGEL: Herr Admiral, Sie kennen die Muster aus anderen Ländern, wie die Kommunisten Schritt für Schritt eine Diktatur errichtet- haben, zum Beispiel in Prag 1948.
ROSA COUTINHO: Ja, aber die Tschechoslowakei liegt an der Grenze zur Sowjet-Union. Wir haben nicht diese Art von Nachbarn, hoffe ich.
SPIEGEL: Immerhin hat die portugiesische KP bereits zahlreiche Machtpositionen erobert, in den Gewerkschaften, in Zeitungen, im Rundfunk, im Fernsehen ...
ROSA COUTINHO: Jetzt sprechen Sie fast wie Spínola. Das mit der kommunistischen Machtergreifung ist eine fixe Idee. Dieser Eindruck mag durch den Streit der Parteien untereinander entstanden sein. Und ich habe in meinem Leben immer wieder gesehen: Wer am lautesten klagt, ist derjenige, der betrügen will. In diesem Land sind die Kommunisten nicht mehr die Bösewichte. Sie sind Portugiesen wie alle anderen auch. Und sie werden die Macht nicht erobern, das versichere ich Ihnen. Die Macht ist in den Händen der MFA. Wir wollen kein rotes Land werden, wir wollen einen Regenbogen-Sozialismus.
SPIEGEL: Wie soll der denn aussehen? Wie in Kuba, wie in Peru?
ROSA COUTINHO: Das versuchen wir selbst noch herauszufinden. Der schwedische, der kubanische, der sowjetische Sozialismus mögen für die Psychologie und das wirtschaftliche Niveau dieser Völker richtig sein. Unsere Art Sozialismus muß unserem Volk und unserem ökonomischen Entwicklungsstand angepaßt sein.
Wir werden unser Volk experimentieren lassen. Kollektiveigentum an den Produktionsmitteln, zum Beispiel, kann auf verschiedene Weise verwirklicht werden. Wir werden Kooperative fördern, die Selbstverwaltung von Betrieben, die Mitbestimmung, die Verstaatlichung mancher Bereiche, um herauszufinden, was für unser Volk das Beste ist.
SPIEGEL: Experimentieren Sie auch mit einem Staatssozialismus wie in Osteuropa?
ROSA COUTINHO: Nein, diese monolithische Art des Sozialismus ist, glaube ich, für unser Volk nicht geeignet. Die Systeme in Kuba, Peru, Jugoslawien, Algerien kommen schon eher der Art Sozialismus nahe, die wir zu finden versuchen. Aber wir haben uns noch nicht festgelegt.
SPIEGEL: Es gibt im MFA-Revolutionsrat offenbar verschiedene Richtungen.
ROSA COUTINHO: Wir haben eben einen breiten ideologischen Rahmen, mit dem viele verschiedene Konzeptionen vereinbar sind. Es ist gut so, daß es im Revolutionsrat nicht nur eine Linie gibt.
SPIEGEL: Eine Richtung strebt ein sogenanntes Dritte-Welt-Modell an
ROSA COUTINHO: Portugal ist ein Land, das seit Jahrhunderten nach Übersee ausgerichtet war, das in allen Teilen der Welt vertreten war. Portugal könnte daher in der Zukunft eine natürliche Brücke zwischen Europa und der Dritten Welt bilden.
SPIEGEL: Welche Richtung ist im Revolutionsrat heute am stärksten?
ROSA COUTINHO: Keine ist am stärksten. Wir sind aufgeschlossene Leute ...
SPIEGEL: In den Streitkräften insgesamt, heißt es, seien die Gemäßigten in der Mehrheit.
ROSA COUTINHO: Das ist normal, in allen Streitkräften der Welt ist das so. Die MFA ist die Hefe, die anderen sind das Mehl. Für gutes Brot braucht man beides, und es ist keine Schande, Mehl zu sein.
SPIEGEL: Wie erklären Sie, daß sich das Ziel der MFA so rapide gewandelt hat, von einer pluralistischen Demokratie zur sozialistischen Revolution?
ROSA COUTINHO: Wir gehen auf einem pluralistischen Weg zum Sozialismus. Wir erlauben zwölf Parteien, sich an den Wahlen zu beteiligen.
SPIEGEL: Aber alle, sogar die Monarchisten, sprechen vom Sozialismus.
ROSA COUTINHO: Das ist gut so, das ist es, was wir brauchen, um die Mentalität der Leute zu verändern.
SPIEGEL: Und wenn sich eine Partei offen für eine kapitalistische Gesellschaft ausspräche?
ROSA COUTINHO: Sie kann noch immer kommen. Aber wir, die MFA, sind die Lokomotive des Zuges, für eine Übergangszeit von drei bis fünf Jahren. Wer einsteigen will bei uns, ist willkommen. Wer den Zug verpaßt, ist selber schuld.
SPIEGEL: Pluralismus heißt für Sie also, daß der Zug verschiedene Waggons hat, aber nicht, daß es mehrere Züge geben wird.
ROSA COUTINHO: So ist es, zumindest für diese drei bis fünf Jahre. Dann wird das Volk reifer sein. Wir sind heute stolz, Portugiesen zu sein. In der Vergangenheit hat man uns im Ausland und haben wir uns selbst als arm, unfähig und lächerlich betrachtet, Wir sind noch immer arm, und wir sind noch immer unfähig, aber wir sind nicht mehr lächerlich.

DER SPIEGEL 17/1975
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