21.04.1975

TSCHADDämonen raus

Staatschef Tombalbaye verordnete seinem Kabinett brutale Mannbarkeits-Riten. Er wurde gestürzt.
Weinselig verkündete Tschad-Staatschef Tombalbaye noch im März vor Höflingen, er gedenke, dieses Jahr den zehnten gescheiterten Umsturzversuch gegen seine Regierung zu feiern. Doch der scheiterte nicht.
François alias Ngarta Tombalbaye, 56, hatte in den vergangenen drei Jahren ein Schreckensregiment entfaltet: Opponenten ließ er in Wüstenverliesen bei lebendigem Leibe verdorren, öffentlich mit Knüppeln erschlagen oder Krokodilen im Tschad-See vorwerfen.
Der breitschultrige, narbengesichtige Religionslehrer a. D. fühlte sich seit langem eingekreist: Unterstützt von Libyens panislamischem Scharfmacher Gaddafi, führte die mohammedanische "Nationale Befreiungsfront" einen Verschleißkrieg gegen die von Christen dominierte Zentralregierung in Ndjamena.
"die ständige Krisensituation" erklärte sich Tombalbaye 1971 mit dem "ungeheuren Rassismus und den teuflischen Intrigen Oberst Gaddafis, der das Tschad-Volk unterwerfen will". Auch die Hilfe französischer Truppen half wenig: Ein Expeditionskorps verlor 39 Mann.
Vor einem Jahr nahmen Aufständische vom Stamm der Tubu nahe der libyschen Grenze einen Neffen von Altbundespräsident Heinemann, den deutschen Arzt Christoph Staewen, und zwei Franzosen gefangen. Bonn zahlte ein Lösegeld von zwei Millionen Mark und ließ auf Wunsch der Entführer über die Deutsche Welle einen gegen die Regierung gerichteten Appell ausstrahlen.
Tombalbayes Regierung brach die Beziehungen zu Bonn ab. Als die Bundesregierung großzügig für die Opfer der Dürrekatastrophe im Tschad spendete, konnte das Auswärtige Amt im November melden, "die Mißverständnisse zwischen den zwei Regierungen" seien behoben.
Das zurückkehrende Personal der westdeutschen Botschaft erlebte den Höhepunkt einer "Kulturrevolution". mit der Tombalbaye Christen wie Moslems seines Volkes zu Kultur und Tradition der Väter zurückführen wollte. Christliche Vornamen wurden abgeschafft, Tombalbaye selbst nannte sich fortan "Ngarta" (Großer Häuptling).
Die Hauptstadt Fort-Lamy wurde in Ndjamena umbenannt, was soviel bedeutet wie "Laßt uns in Ruhe". Das Nostalgie-Programm ("Tchaditude") kulminierte in der "Yondo"-Zeremonie, einem fast vergessenen Mannbarkeits-Ritual des Sara-Stamms.
Tombalbaye hatte als Jüngling in einem Yondo-Härte-Test seine Schmisse erhalten, die er später in Paris mit einer (mißlungenen) Schönheitsoperation beseitigen lassen wollte. Der französische Ethnologe Robert Jaulin hat früher einmal zu Studienzwecken an einem Yondo-Ritual teilgenommen:
Er mußte zunächst Hühnerkot schlürfen, um dann leichter "die bösen Dämonen, die im Leib hausen", zu erbrechen. Yondo-Zuchtmeister schlugen mit Knüppeln auf die Probanden ein und schnitzten ihnen mit Messern Wunden in Stirn und Wangen. Beim Finale mußten Jaulin und seine schwarzen Leidensgenossen sich in einem Termitenhaufen nackt begraben lassen.
Solchen Exerzitien mußten sich auch die Minister des Tschad unterziehen: Um dem Volk ein Vorbild zu geben, ließ Tombalbaye sein gesamtes Kabinett in ein Yondo-Camp bei Sarh verfrachten. Anschließend schickte er tausend Staatsbeamte in eine "Yondo"-Zuchtanstalt.
Das war zuviel. Am vorletzten Sonntagmorgen umzingelten Soldaten den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Ndjamena. Nach kurzem MP- und Artillerie-Feuer lief die Palastwache zu den Aufständischen über. Radio Tschad in den ersten Frühnachrichten: "Die Leiden des Volkes haben ein Ende gefunden. Tombalbaye ist tot." Alle politischen Parteien wurden für verboten erklärt, die Verfassung aufgehoben.
Seitdem hören die dreieinhalb Millionen Bauern und Nomaden im Tschad wie fast dreiviertel aller Afrikaner zwischen Sahara und Sambesi auf das Kommando von Militärs: Neuer Staatschef wurde -- nach seiner Befreiung aus dem Gefängnis -- Felix Malloum, bis zum (achten) Putsch 1973 Armeechef unter Tombalbaye.

DER SPIEGEL 17/1975
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