21.04.1975

ÖSTERREICHZopf ab

Nach einer Hochschulreform fürchten Professoren den Beginn von „Chaos und deutschen Zuständen“.
Nun weiß ich genau, was ich nicht machen werde", urteilte Osterreichs Wissenschaftsministerin, die Sozialdemokratin Hertha Firnberg, über die westdeutsche Hochschulreform. Das war nach einer Studienreise durch die Bundesrepublik vor vier Jahren.
Jetzt macht sie es doch. Das österreichische UOG (Universitäts-Organisationsgesetz), das Freitag vorvergangener Woche im parlamentarischen Alleingang der SPÖ gegen die vereinte konservativ-liberale Opposition verabschiedet wurde, mischt die deutschen Uni-Modelle wie ein Kartenspiel: ein wenig Bochum, ein wenig Berlin und Heidelberg, ein wenig von anderen.
"Beschimpft, verspottet, verhöhnt. bespuckt" fühlt sich Professor Günther Winkler, der als Staatsrechtler und Rektor der Universität Wien hart, aber vergeblich gegen diese "Mißgeburt von Reformversuch" gekämpft hat. "Die Frau Minister hat uns Professoren vier Jahre an der Nase herumgeführt."
Die Professoren hatten die Frau Minister vier Jahre lang falsch eingeschätzt ("Grande Dame", "Superfrau in Kreiskys Kabinett", "charmante Hertha". Der Alt-Sozialistin, die Modellkleider und exzentrischen Schmuck trägt und mit Magnifizenz Walzer tanzt, war es nach ihrem Amtsantritt 1970 auf Anhieb gelungen, das Hochschulbudget um 56 und die Zahl der Lehrstühle in Österreich um 25 Prozent zu erhöhen. Doch der Reformentwurf. den die Ministerin im Herbst 1972 präsentierte, schnitt zum Entsetzen der Professoren mit dem Zopf auch den Kopf der Universitäten ab. Die mächtigen Ordinarien wurden entmündigt.
"Spätere Generationen sollen uns nicht den Vorwurf machen können, daß wir geschwiegen haben, als noch Zeit zum Reden war". peitschte Professor Winkler seine Kollegen auf. Allenfalls 30 von den mehr als 1000 österreichischen Professoren schlugen sich vorsichtig auf die Firnberg-Seite. Alle übrigen, darunter viele SPÖ-Mitglieder, prophezeiten das Ende der Hochschulautonomie und des Abendlandes: Der sozialistische Entwurf bedeute eine Attacke des Staates auf die Freiheit der Lehre, eine "schrankenlose Verpolitisierung der Hochschulen" (Rektor Matscher, Salzburg), eine "Degradierung zu Staatsdienerfabriken" (Historiker Wandruszka).
"Warum einen Weg gehen, der sich in Deutschland bereits als Holzweg erwiesen hat?" verwies die "Presse" auf Rauchbomben, gesprengte Lehrveranstaltungen, Verwaltungshypertrophie, Linksterrorismus und eine zur Revolution umfunktionierte Wissenschaft".
Delegationen stürmten die Firnbergschen Amtszimmer am Wiener Minoritenplatz. Die elegante Ministerin, 65, lächelte einladend, lauschte gedankenvoll nickend und ließ sieh zum Abschied die beringte Hand küssen. Aber am Ende der zweieinhalbjährigen Offensive bemerkte Winkler: "Wir durften lediglich hier ein "und' einfügen und dort ein "aber' streichen. Im harten Kern ist die Frau Minister unnachgiebig geblieben." Der harte Kern in den 51 Druckseiten des UOG, das am 1. Oktober 1975 in Kraft treten wird,
* garantiert die "Vielfalt wissenschaftlicher Lehrmeinungen und Methoden" (also auch die Berufung marxistischer Professoren); > gibt Studenten und Assistenten Mitbestimmung per Drittel-Parität;
* installiert in jeder Universität einen "Universitätsdirektor", der Bibliotheken und EDV-Anlagen verwaltet und direkt dem Ministerium untersteht -- nach den Professoren "ein parteipolitischer Politruk" der die Hochschulautonomie von innen zerstören soll";
* verschmilzt die vielen kleinen Universitätsinstitute zu größeren Einheiten und beseitigt damit das Recht jedes einzelnen Lehrstuhlinhabers auf sein eigenes Institut und (leib-)eigene Assistenten.
"Woher soll denn das prophezeite Chaos kommen?" fragte die gelernte Statistikerin Firnberg in der stürmischen Parlamentsdebatte. Wenn erst -- wie in Berlin -- 200 bis 300 marxistische Studenten eine ganze Universität erschüttern können, hat Wien nichts zu fürchten: Dort gibt es 20 bis 30.

DER SPIEGEL 17/1975
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