21.04.1975

Alaska: Ölrausch in der Eiswüste

Weder technisch noch finanziell gibt es in der Wirtschaftsgeschichte der Welt für die Alaska-Pipeline ein Vorbild. Das 10-Milliarden-Dollar-Projekt in der Eiswüste Nordamerikas forderte bei den Amerikanern alten Pioniergeist heraus.
Der Pakt mit dem Unmöglichen wurde am 28. März 1975 Wahrheit.
An diesem Tage legten die Kräne der Alyeska Pipeline Service Company bei der Prudhoe-Bay am Nördlichen Eismeer die ersten Rohre des Jahrhundertwerks der Ölindustrie: Die Achthundert-Meilen-Pipeline vom ewigen Eis bis zum offenen Hafen Valdez am Golf von Alaska.
Im 200. Jahr seit der Gründung der Vereinigten Staaten steckt das Land der Rancher und der Eisenbahn-Könige, der Western-Trecks und des Goldrausches seine New Frontiers noch einmal nach vorn: Brennstoff aus dem ewigen Eis zu fördern und über einen Kontinent zu transportieren, der unbewohnbar ist.
Die Alaska-Ölleitung, 1285 Kilometer lang, die halbe Strecke unterirdisch, die andere auf Stelzen, ist das größte und aufwendigste, das teuerste und schwierigste Industrie-Projekt, das die Privatwirtschaft des Westens je anfaßte. 20 000 ziehen dieses Jahr in den 49. Staat der USA, um zwischen Wölfen im Winter und Moskitos im Sommer das große Geld zu machen.
Schon 1977, in knapp zwei Jahren, sollen die ersten Tonnen Prudhoe-Öl quer über die Tundren des jungen US-Staates fließen -- 60 Millionen Tonnen im Jahr. Sie fließen über Eis und Flüsse, über arktische Gebirgspässe und winddurchfegte Ebenen. Sie werden von 12 Pumpstationen auf elf Stundenkilometer Tempo gebracht. Sie erreichen den Ölhafen Valdez dann nach vier Tagen, 20 Stunden und 49 Minuten.
Im menschenleeren Staat Alaska -- 330 000 Einwohner, auf 4,6 Quadratkilometer einer -- bauten sich die Söldner der Mineralölindustrie ihre Welt zwischen Jack London und John Wayne. "Crazy Horse" und "Franklin Bluffs", "Old Man" und "Five Mile" sind die Top-, Pop- und Western-Namen ihrer Camps.
Die Camps mit dem Western-Touch liegen nördlich der Goldgräberstadt Fairbanks und des Yukon-Flusses, wo der ausgebaute Alaska-Highway aufhört. Nur eine Schotterstraße führt weiter nach Norden. Die Frontiersmen leben auf Pfahlbauten über Eis und Schlamm -- oft bis zu 100 Meilen von der nächsten Behausung, 400 von höherer Zivilisation -- tödlich für jeden, der außer Sicht gerät.
Die Weitraumstationen im Eis stehen unter dem Gesetz der Pioniere. Ihre Bewohner haben sich der Monopolgesellschaft Alyeska Pipeline Service Company verdungen wie Kap-Hoorn-Fahrer oder Fremdenlegionäre. "Wir können", verdeutlicht Alyeska-Spreeher Bob Miller die Gesetze der Eisprärie, "unsere Zeit nicht als soziale Anstalt vertun."
Die Monopolveranstaltung Alyeska bezieht ihr Personal von den mächtigen Trade Unions der USA. Die Gewerkschaften sammeln Bewerbungen Pipeline-Williger, und sie allein führen die Warte- und die Klassifizierungslisten. Sie allein bestimmen, wer und für welches Geld er bei der Alyeska anfangen kann. Damit indessen endet die Kompetenz der Arbeitervereine.
Die Manager der Alyeska nämlich schlossen mit den Gewerkschaften einen Generalvertrag, der ihnen gegen viel Geld jedes Risiko sozialer Auseinandersetzung abkauft. Die Ölgesellschaften setzen exotische Löhne gegen Arbeitsfrieden -- an der Pipeline darf nicht gestreikt und nicht gemuckt werden, in den Camps herrscht der Boß wie Captain Bligh von der Bounty.
Im Alyeska-Camp Galbraith nahe der Pumpstation wird laut Aushang für das Personal jeder gefeuert, der bei Alkohol erwischt wird oder sich ein paar Schritte zu weit vom Camp entfernt, vor allem aber, wer 60 läppische Meter vom gelandeten Flugzeug bis zum Lager läuft -- von der Landepiste bis zur ersten Baracke ist nur der Bus erlaubt.
Sicherheit und Disziplin ist oberstes Gebot im hohen Norden. Wo Betrunkene das Camp-Leben stören, ist das Überleben schon gefährdet -- nur die Heizung braucht auszufallen bei 60 Grad Frost, und die Crew ist am Rande der Existenz. Wo außerdem mit Feuer und Sprit nur läßlicher Leichtsinn ausbricht, kann schnell das ganze Camp in Flammen stehen.
Nach zwei Monaten kommt die "Camp-Happiness".
Im Februar dieses Jahres brannte im Camp Atigun bei tiefem Dauerfrost eine Baracke. Knalltrockene Luft und Wind jagten die Flammen hoch -- aber weder Schaumlöscher noch Feuerwehrschläuche konnten dagegenhalten -, augenblicklich war alles Wasser gefroren. Der Lagerchef ließ Bulldozzer anfahren, die brennende und gefährdete Baracken weit über den Rand des Lagers wegschoben -- hinein in die Eiswüste.
Die Legionäre im ewigen Eis, gescheiterte Akademiker und ehrgeizige Analphabeten, gezähmte Abenteurer und Profis des Ölgewerbes, auch einmal ein baltischer Adliger, der seinen Monteverdi-Sportwagen finanzieren will, stecken ein, was unerläßlich ist. Sie kommen nicht wegen Romantik. sondern wegen Geld.
1500 bis 2000 Dollar die Woche kassieren die Arbeiter im Camp. Ingenieure, die Technik und Anlagen überwachen, bringen es auf 3000 Dollar: bei 40 Wochen Arbeit im Jahr beinahe soviel wie ein Vorstandsmitglied der Esso AG in Hamburg, der drittgrößten Tochter des größten Ölmultis der Welt. Selbst Sekretärinnen, notwendig und selten im Camp, schaffen noch 120 000 Mark im Jahr, Kost und Logis inbegriffen.
Im Camp wohnen die Arbeiter zu zweit auf zwei mal drei Meter großen Buden. Manager dürfen dort alleine hausen und statt des zweiten Bettes einen Schreibtisch hereinnehmen. Privater Damenbesuch ist verboten.
Die Männer im Camp arbeiten täglich zwölf Stunden und sieben Tage in der Woche. Sie arbeiten zwei Monate hintereinander, und dann können sie -- viermal im Jahr -- für zwei, drei Wochen weg. Nach zwei Monaten spätestens nämlich befällt die Pipeline-Werker. was liebevoll "Camp-Happiness" genannt wird, in Wirklichkeit aber der Lager-Koller ist.
Dreißig Camps haben die Ölgesellschaften zwischen Eismeer und dem Golf von Alaska gebaut. Barackenstädte wie Winter-Biwaks, provisorische Festungen gegen Klima und Wetter, in denen auf 400 Männer 15 Frauen kommen.
Wo die Eiswüste aufhört, an der Prudhoe-Bay im Norden, in Valdez im Süden und in Fairbanks mitten dazwischen, schlägt Expeditionsstreß in Goldgräberstimmung um. Dort hauen die aus dem Norden ihr Geld auf den Kopf, sind die Kneipen und die Puffs, die Spielhöllen und die Pubs voll bis auf das letzte Polster. Und Fairbanks-Polizeichef Robert Sundberg weiß keinen Ort mehr, wo er Besoffene und Krakeeler noch einstecken kann, denn die Gefängnisse der Ortschaft fassen seine Klientel nicht.
Der große Ölrausch brachte das Geld in die neue Provinz und entwertete es, je reichlicher es floß: In der Ölrausch-Stadt Fairbanks kosten Steaks 20 Dollar und Damen 150, dort haben Motels die Preise des New York Hiltons, und ein klappriges Siedlungshaus kostet 500 Dollar Miete im Monat.
Der Alaska-Ölrausch begann 1969, gerade hundert Jahre, nachdem die Vereinigten Staaten -- 1867 -- das 1.5 Millionen Quadratkilometer große Eisland für 7,2 Millionen Dollar von den Russen gekauft hatten, die damals ihre Kasse für mögliche Kriegsabenteuer füllen wollten.
1959 schickte der britische Ölkonzern BP, dem seine persischen Ölfelder verloren gegangen waren, ein Team von Geologen in das "North Slope". das Land zwischen der Brooks-Gebirgskette und dem Eismeer.
Die Schatzsucher aus Britannien wußten, daß die US Navy zwischen 1944 und 1953 weiter im Südwesten schon mit über 80 Bohrungen ein großes Ölfeld erschlossen hatte und es als nationale Ölreserve liegen ließ. Nicht weit davon war auch die US-Ölgesellschaft Atlantic Richfield fündig geworden. Die Eiswüste an der Prudhoe-Bay, so schlossen die Geologen. müsse leben.
Ein Ölfeld kostete zehnmal soviel wie vor 100 Jahren ganz Alaska.
Aber der Start war ein Reinfall. 1963 zwar begannen BP-Trupps im North Slope zu bohren. 1965 kaufte der Londoner Konzern kühn den größten Teil der Konzessionsblöcke, 32 Blocks für jeweils 44 000 Dollar. Von 1963 bis 1967 steckten BP und andere Konzessionäre wie Sinclair, Humble Oil -- eine Exxon-Tochter -- und Atlantic Richfield rund 125 Millionen Dollar in die North-Slope-Blöcke -- aber die Eiswüste blieb tot: Ende 1967 brachen die Ölsucher ihre Camps ab.
Als Erinnerungsposten ließen sie die Bohrstation "Prudhoe Bay State No. 1" der Atlantic Richfield zurück. Am 15. Februar 1968 aber -- die Bohrarbeiter machten gelangweilt ihre tägliche hoffnungslose Routine -- schoß aus dem vereinsamten Bohrloch plötzlich Öl: Das größte Feld der Vereinigten Staaten war angestochen, 25 Prozent der US-Ölreserven von heute und ein Zehntel der Erdgas-Reservate.
BP und die anderen North-Slope-Flüchtigen kehrten überstürzt zurück. Am 13. März 1969, zehn Jahre nach dem ersten Besuch ihrer Geologen, wurden auch die Briten fündig -- in 2700 Meter Tiefe. Der Run auf die letzten Konzessionsblöcke begann, der Bundesstaat Alaska machte das Geschäft des Jahrhunderts.
Die Ölkonzessionen des volkarmen Landes wurden im Sommer 1969 in öffentlicher Sitzung vergeben -- durch Zuschlag für die Meistbietenden. Diese Chuzpe des Gouverneurs brachte bares Geld.
Die Abgesandten der Ölmultis gaben versiegelte Briefe mit ihren Geboten ab -und wer scharf bot, der wollte am Ende auch dabeisein: Statt der erwarteten 12 Millionen Dollar für sämtliche Konzessionsblöcke kassierte das Land mehr als 900 Millionen -- 2728 Dollar für jeden Einwohner Alaskas. Das höchste Gebot leisteten sich die Amerada Hess und die Getty Oil des in England residierenden Finanzphantoms Paul Getty: 72 Millionen Dollar für ein Feld von 1000 Hektar Größe zehnmal soviel, wie hundert Jahre zuvor ganz Alaska gekostet hatte.
Exotisch wie die Konzessionspreise geriet das ganze Alaska-Geschäft. Die Ölkonzerne, kaum daß sie fündig geworden waren, mußten ihr Petroleum auch abtransportieren. Aber weder Straßen, Schienen noch Schiffahrtswege verbanden die Prudhoe-Bay mit den Verbrauchergebieten im Süden.
Die Multi-Manager experimentierten zunächst mit dem Wasserweg. Den für 40 Millionen Dollar zum Eisbrecher umgebauten 115 000-Tonnen-Tanker "Manhattan" schickten sie über die gefährliche Nordwest-Passage von New York an den Nordkanadischen Inseln vorbei bis zur Prudhoe-Bay. Doch auch die "Manhattan" fror mehrmals fest.
Der Bau einer Transalaska-Eisenbahn war zu aufwendig: Rund um die Uhr hätten alle 23 Minuten Züge mit jeweils 100 vierachsigen Tankwaggons durch die Eiswüste rollen müssen. Die Ölmultis entschlossen sich nun zur Pipeline als der unkompliziertesten und -- damals billigsten Lösung. Im Februar 1969 kalkulierten die Ölgesellschaften Arco, Humble und BP die -- damals -- auf 1270 Kilometer Länge konzipierte Pipeline auf 900 Millionen Dollar Gesamtkosten. Sie sollten sich irren.
Wenige Jahre später rechnete die 1970 gegründete Pipeline-Monopolfirma Alyeska* die Kosten auf genau 5,982 Milliarden Dollar. Im März 1975 wurden bei der Londoner BP bereits Werte um die sieben Milliarden gehandelt. Und in dem neuen Luxus-Camp der BP-Werker an der Prudhoe-Bay Baukosten: 21 Millionen Dollar-wissen Insider, daß es um die zehn Milliarden Dollar sein werden, die Alyeska bis 1977, wenn das Jahrhundertwerk fertig ist, ausgegeben hat -- elfmal soviel wie vor sechs Jahren veranschlagt. BP-Chef Sir Eric Drake mußte denn auch 1972 für seine weltweite Ölsuche die größte Anleihe aufnehmen, die sich je ein Konzern leistete: knapp eine Milliarde Dollar.
Im Sommer müssen die Fundamente künstlich eingefroren werden.
In der BP-Luxus-Herberge, zu dessen Eigenheiten neben dem Schwimmbad auch ein überdachter Fußballplatz gehört, sitzen die Manager des Pipeline-Abenteuers abends am Pool und sinnieren über die Risiken der Kalkulation nach. "Der Feind jeder Voraussa-
* Alyeska-Gesellschafter sind Sohio Pipe Line Company (33,34 Prozent), deren Großaktionär BP (15,84 Prozent), Arco Pipe Line Company (2l Prozent). Exxon Pipeline Comp. (2O Prozent). Mobil Alaska Pipeline Company (5,OO Prozent), Union Alaska, Phillips Petroleum, Amerada Hess Corp.
ge", resümiert ein Alyeska-Mann, "ist das Klima."
Die Tücken des Wetters an der Alaskatrasse hatten die Schatzsucher einst ebenso unterschätzt, wie sie die beamteten Umweitschützer ignorierten, denen es um eine heile Tundra mit ungestörter Tierwelt ging. Unterschätzt hatten die Ölmanager auch die Finessen des Trassenbaus selber.
Bevor noch ein einziges Rohr installiert werden konnte, mußten die Öl-Gesellschaften
* eine 580 Kilometer lange und 8,5 Meter breite Materialstraße zwischen der Prudhoe-Bay und dem Yukon River bauen, die über zwanzig Brücken führt;
* 29 Baucamps für 20 000 Alaska-Arbeiter einrichten -- mit Läden, Restaurants und Fluglandebahnen;
* einen Schottergrund für den über 600 Kilometer langen oberirdischen Teil der Pipeline schütten.
Zwischen Valdez und Fairbanks erwies sich der Pipeline-Bau als vergleichsweise harmlos. Auf dieser Strecke werden die gut 1,20 Meter dicken Rohre der Leitung in den Boden versenkt. Weiter nordwärts aber schießen die Kosten steil nach oben.
Dort, jenseits des Yukon, herrscht Dauerfrost. Selbst, wenn im Sommer die Temperaturen auf dreißig Grad und mehr klettern, taut nur die obere Bodenschicht auf und gibt, weil kein Schmelzwasser versickern kann, dauernden Matsch. In solchen Matsch können die Öl-Companies ihre Rohre nicht einbetten, spätestens mit dem ersten Frost würden sie platzen. Die Leitungen können aber auch nicht einfach auf den Boden gelegt werden -- im Sommer würden sie versinken. Im Winter wiederum würden die Rohre durch die Fließtemperatur des Öls -- rund sechzig Grad -- wie Heizungsrohre wirken und den Boden auftauen.
Die Ölmultis entschlossen sich, die Pipeline auf hohe Stelzen zu stellen, die in einem dicken Kiesbett verankert sind. Damit nicht auch der Kies die Temperaturen der Leitung weitergibt. verlegt die Alyeska noch eine ganze Schicht des aus der Raumfahrt bekannten Wärme-Isolators Teflon unter den Kies. Die Stelzen wiederum, auf denen die Leitung steht, müssen im Sommer. wenn der Boden weich ist, künstlich eingefroren werden: 100 000 Kühlpumpen von der US-Firma McDonnell-Douglas besorgen das Geschäft.
Zuvor müssen die Gesellschaften mit dem kaum lösbaren Transportproblem fertig werden. Der Yukon-Fluß kann nur im Winter überquert werden über eine aus Eis gespritzte drei Meter dicke künstliche Brücke. Einen harten Job auch haben die Piloten der Air Alaska. Sie landen und starten auf den Eis- und Schotterpisten der großen Camps mit einer Spezialversion der in Deutschland als City-Jet bekannten Boeing 737, die zur Hälfte Fracht, zur anderen Menschen befördert.
Selbst das Öl der Pipeline-Camps kommt aus der Luft: Fünf Hercules-Turboprop-Tank-Maschinen verkehren im Dauereinsatz von Camp zu Camp. In einem der größten, in Galbraith, explodierte im Februar ein Hercules-Ölbomber und brachte das Lager an den Rand der Katastrophe: Die Maschine war durch plötzlichen Eisnebel ("Whiteout") vom Kurs gekommen.
Eis und Wind sind die schlimmsten Kostentreiber in den Camps. Die Ford- und Dodge-Gelände-Lastwagen mit sechssitzigem Führerhaus und Vierradantrieb haben vier Spezialheizungen, um Öl und Wasser im Motorraum auch während der Fahrt zu heizen, und drei Heizungen für den Fahrgastraum.
Das bloße Berühren von Metall gibt Frostbeulen.
Die Riesenbatterien der Fahrzeuge besitzen Steckeranschluß und können an den Häusern der Camps aufgeladen werden. Außerhalb der geheizten Garagen müssen die Motoren im Winter ständig laufen: Fahrzeuge, die liegenbleiben, sind so ausgekühlt, daß der Motor, bevor er wieder läuft, 24 Stunden mit einer Kunststoffhaut überzogen wird, unter die unentwegt heiße Luft geblasen werden muß.
Denn die Temperaturen im Winter sind schlimmer als das Thermometer zeigt. Der Nordwind wird durch natürliche Barrieren nicht gebremst. Zwischen Minusgraden und Windgeschwindigkeiten kombinieren die Leute in den Camps denn auch eine fiktive Temperatur, die alltäglich über Lautsprecher im Camp verkündet wird: Herrschen etwa 20 Grad Frost und vierzig Meilen Windgeschwindigkeit. rechnen die Camp-Leute einen Windfaktor von sechzig Prozent dazu und erreichen einen Wert von 32 Grad.
Bis zu siebzig Grad gehen die bis auf Augenlöcher dickvermummten Männer raus. Als Minusrekord des Jahres 1974 registrierte etwa das Galbraith-Camp 78 Grad unter Null plus 90 Prozent Windfaktor -- also 148 Grad.
Bloßes Berühren von Metall gibt schon Frostbeulen, an denen Monate zu laborieren ist. Ärzte freilich sind in den Lagern nicht, nur Sanitäter und Erste-Hilfe-Leute. Kommt es schlimm, stößt der Medizinmann mit dem Hubschrauber aus den Wolken.
Auch der Sommer allerdings bietet den vollen Trost nicht. Statt Frost und Wind sind es dann -- bei dreißig bis vierzig Grad Hitze -- Moskitos und Mücken, die das Lagerleben stören. Während die Camp-Bewohner aber gegen Wind und Kälte stets das gleiche Mittel einsetzen, nämlich warme Kleidung, gelingt ihnen solches bei den Insekten nicht: Dasselbe Mittel, das die Moskitos tötet, macht den Mücken nicht das geringste aus.
So kann auch der Sommer wieder nur in einer künstlichen Welt bestehen. Im neuen BP-Motel am Prudhoe-Lager speist die Crew neben einem riesigen Gewächshaus, wo drei Birken und eine Kiefer den Sinn dafür schärfen, was wahres Leben ist.

DER SPIEGEL 17/1975
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