21.04.1975

Die Scheichs zu Hause

2. Fortsetzung und Schluß
Sobald es dunkel wurde über Maskat, verriegelten Soldaten die hölzernen Stadttore. Wer zur Nachtzeit in der Stadt unterwegs war, mußte stets eine brennende Sturmlaterne mit sich führen.
Reisen innerhalb des Landes waren nur nach vorheriger Anmeldung beim Herrscher gestattet, Auslandsreisen generell verboten. Nur ausgesuchte Getreue durften Auto fahren. Weit kamen sie ohnedies nicht -- im ganzen Land existierten nur zehn Kilometer asphaltierte Straßen.
Wer eine Brille tragen wollte, mußte vorher den Landesherrn fragen. Rauchen in der Öffentlichkeit war untersagt, ebenso die Reparatur von Häusern, denn, wenn die Mauern einstürzen, so sei dies der Wille Gottes. Dafür war erlaubt, was anderswo seit hundert Jahren verboten war: Sklaverei.
In so vorzeitlichen Verhältnissen lebten die 750 000 Einwohner eines Landes. das größer als Italien ist, noch bis vor fünf Jahren. Bis 1970 herrschte in Oman am Südostzipfel der Arabischen Halbinsel der Sultan Said Bin Teimur, ein mittelalterlicher Despot, unterstützt von britischen Soldaten. beraten von britischen Diplomaten.
Wie all seine Vorgänger lebte er in ständiger Angst vor Attentätern und Verschwörern. Stammeskriege waren jahrhundertelang omanischer Alltag, und auch Sultan Teimur mußte sich mit Partisanen in der Provinz Dhofar herumschlagen, die seit 1965 zum Kampf gegen die unhaltbaren Zustände im Land angetreten waren.
Um sich die Loyalität der wichtigsten Stämme zu sichern, hielt er in seiner Festung Salala, 1300 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, ein Dutzend Scheichsöhne als Geiseln. 1966 sperrte er seinen eigenen Sohn, Kabus Bin Said, dazu.
Kabus war in der britischen Militärakademie Sandhurst erzogen worden. Er hatte in Begleitung eines britischen Offiziers die Welt bereist und mit der Rheinarmee in Deutschland gedient. wo er zum begeisterten Skifahrer, Bach-Fan und BMW-Fahrer wurde.
Mit wachsender Verbitterung sah der Sohn, wie Vater Teimur das Land verkommen ließ: Ein Postamt gab es nur im britischen Generalkonsulat, Krankenhäuser durften nicht gebaut werden, weil der Herrscher dies als Einmischung in Allahs Pläne ansah. Auch von Schulen hielt der Alte nichts, da seiner Meinung nach Bildung nur Unruhe bringen würde. Da er niemandem vertraute, tippte der Herrscher seine Briefe selbst.
Im Juli 1970 rebelliert Kabus -- nachdem er vorher die Briten über seine Absichten informiert hatte. Eine britische Militärmaschine fliegt Teimur "zur medizinischen Behandlung" ins Exil nach London aus, wo er später starb. Kabus übernimmt die Macht im Steinzeitalter-Staat.
In einem Schwung will der Jung-Sultan die Berg-Nation nun ins Atomzeitalter katapultieren -- und er hat Grund zur Eile: Denn die "Stimme Omans", ein Freiheitssender in der benachbarten linken Republik Südjemen. schürt den Aufstand gegen das Regime in Maskat, die "Volksfront für die Befreiung Omans" dehnt mit Hilfe der südjemenitischen Regierung sowie sowjetischer Raketen und chinesischer Handfeuerwaffen und palästinensischer Ausbilder ihren Partisanenkrieg im Dhofar-Bergland immer weiter aus.
Dem bedrohten Sultan eilen Nachbarn zu Hilfe, die ihre eigenen Feudalstrukturen von den linken Rebellen gefährdet sehen: Kuweit suchte die Revolutionäre mit Geld zur Kampfeinstellung zu bewegen -- mit wenig Erfolg. Der Schah von Persien schickte nur allzugern 2000 Soldaten gegen die "Wilden" ans andere Ufer des Golfes -. und tauscht sie in raschem Turnus aus, um möglichst vielen Rekruten seiner hochgerüsteten Armee Gelegenheit zur Feuertaufe zu bieten.
Britische Offiziere drillen und kommandieren die in wenigen Jahren von 4000 auf 14 000 Mann vergrößerte Armee, in der auch südafrikanische und rhodesische Söldner Dienst tun. Die Engländer schießen aber auch selber mit: Anti-Guerilla-Kämpfer des "SAS" ("Special Air Service") und Piloten von Hubschraubern und Kampfflugzeugen -im März fielen in Oman vier Briten-Offiziere.
Hilfstruppen schickten auch Jordaniens König Hussein, Amateur-Funk-Partner von Sultan Kabus, sowie die benachbarten Vereinigten Arabischen Emirate. Die Polizei der VAE lieferte im letzten Jahr 54 Partisanen und Sympathisanten an den Sultan aus.
In der Wüste werden Barrikaden gebaut -- mit Stacheldraht, Minen, elektronischen Warnanlagen, von Helikopter-Patrouillen überwacht -, Zäune wie jene, mit denen sich auch die Israelis an der Grenze gegen die palästinensischen Terroristen schützen wollen. In Oman sollen sie die Kamelkarawanen daran hindern, die Aufständischen mit Nachschub zu erreichen.
Die Guerillas, kaum mehr als 2000 Mann, geraten nunmehr zunehmend in Bedrängnis. "Es kann nicht mehr lange dauern", meint ein Onkel des Sultans. mit einer deutschen Lehrerin verheiratet, und es könnte sein, daß er recht hat: Schon im Januar richtete die Volksfront einen Hilferuf an die arabischen Staatsführer, die "Liquidation der Dhofar-Revolution zu verhindern".
200 Rennpferde in klimatisierten Ställen.
Im Land selbst können sich die Partisanen nicht mehr in dem Maß wie zu Beginn ihres Kampfes auf die Bevölkerung stützen: Sultan Kabus führt nicht nur Krieg; er gibt das Öl-Geld, zur Zeit rund sieben Millionen Mark täglich, noch schneller als es hereinkommt, wieder für die Modernisierung des Landes aus. Nach den Soldaten marschieren Lehrer und Mediziner in das früher völlig vernachlässigte Partisanen-Gebiet.
Ingenieure der deutschen Strabag legen im Eiltempo Straßen in einem Land, in dem bis zu Kabus, Machtübernahme nur etwa vier Prozent der Landbevölkerung für die Verwaltung zugänglich waren. Flugplätze, Häfen. Hotels, Banken. Schulen, Krankenhäuser schießen überall aus dem Boden -- 70 Schulhäuser in 30 Monaten.
Kabus' erster Fünf-Jahres-Plan enthält ein vollautomatisches Telephonnetz, Kraftwerke, Bewässerungsanlagen, eine Industrie, die noch unerschlossene Magnesium-, Kupfer- und Asbestlager im Land ausbeuten soll.
Nicht zuletzt freilich denkt der bärtige Kabus, 34, der als Herrscher eine ordengeschmückte Uniform zur Schau trägt, in seiner Freizeit arabische Gedichte schreibt, an sich selbst: Seine 200 Rennpferde stehen in klimatisierten Ställen. Er baute sich mehrere Paläste und kaufte -- für angeblich zehn Millionen Mark -- das Hotel "Almhütte" bei Garmisch. 30 Millionen Dollar will er für einen Luxusdampfer ausgeben, der als schwimmendes Hotel im Hafen von Maskat ankern soll.
Obwohl er in diesem Jahr 2,6 Milliarden Mark für sein Öl einnehmen wird, hat sich der Oman-Herrscher mit Krieg, der etwa die Hälfte seiner Einnahmen verschlingt, Aufbau und persönlichem Luxus übernommen: Seine Finanzberater sind auf der Suche nach einem Bank-Kredit von 250 Millionen Dollar, der Geld-Mangel des Sultanats überwinden soll.
Gerüchte über Liquiditätsschwierigkeiten deprimierten im März vorübergehend auch Abu Dhabi, das Öl-Zentrum der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE)*. Abu-Dhabi-Herr Said selbst klagte in einem SPIEGEL-Interview, sein Land verfüge über keine Überschüsse. Doch selbst wenn es so wäre, hätte Abu Dhabi wohl kaum Schwierigkeiten, annähernd jeden Kredit auf dieser Welt zu bekommen.
Etwa so groß wie Österreich. mit etwa soviel Einwohnern wie Mannheim, nahmen die Emirate 1974 etwa 5,2 Milliarden Dollar an Öl-Geldern ein, über 4 Milliarden davon Abu Dhabi allein. Dort, im Zentrum des Golfs, ist die Entwicklung am augenfälligsten, scheint die Fata Morgana einer arabi?
* Zur VAE haben sich 1972 folgende Emirate zusammengeschlossen: Abu Dhabi, Dubai, Schardscha, Adschman, Ras al-Chaima, Umm al-Kaiwain und Fudschaira.
schen Renaissance am ehesten Realität zu werden. Die Stadt Abu Dhabi, auf einer flachen Sandinsel gelegen, war noch vor einem Jahrzehnt ein ärmliches Dorf an der Küste mit ein paar Lehmhütten um ein altes Fort mit rissigen Mauern, von denen das Weiß abblätterte. Die Menschen lebten von Fischfang, von den Datteln in den spärlichen Oasen, als wandernde Beduinen von ihren Kamelherden, einige machten Geschäfte mit Perlen, die anderen noch mit Sklaven, als schon Amerikas Ölkonzerne dabei waren, den schwarzen Saft aus der Wüste zu holen.
Es waren die Nachfahren gefürchteter Seeräuber, die im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dieser "Piratenküste" aus Englands Indien-Seglern das Lehen schwermachten, bis britische Strafexpeditionen Schiffe der Piraten-Scheichs versenkten und sie mit sehr einseitigen Verträgen an sich zwangen.
Die Briten hatten zwar die Kriegslust der Golf-Anrainer zur See gedämpft, mischten sich aber nur selten ein, wenn ihre Schützlinge in der Wüste übereinander herfielen.
Die Nachfolge unter Söhnen, Brüdern, Onkeln wurde meist mit Messer oder Gift geregelt. Beides bis in heutige Tage: Noch nach dem Zweiten Weltkrieg prallten die Kamelreiter-Scharen von Abu Dhabi und Dubai aufeinander; noch 1972 versuchte Scheich Sakr Bin Sultan, selbst erst 1965 abgesetzt. seinen Cousin auf dem Thron von Schardscha zu stürzen. Er konnte zwar den Palast des Emirs stürmen und den Herrscher ermorden, wurde dann aber selbst von Emirats-Truppen überwältigt.
Oftmals war es nicht der Öl-Reichtum, der lockte. Die Scheichs von Adschman, Ras al-Chaima, Umm al-Kaiwain und Fudschaira etwa, Mini-Emirate mit Ministerposten in den Vereinigten Arabischen Emiraten, vermehrten ihre kargen Einnahmen durch den Druck bunter Briefmarkenbögen. Einige Scheichs verkauften auch Reisepässe an Leute, die es nötig hatten. In Ras al-Chaima ließ der Herrscher ein Spielkasino errichten --
für Fremde. Manch einer der Tanker-Schiffer mußte den Landgang in die Wüste mit der Heuer büßen.
Die Emirats-Regierung finanziert Straßen und Hospitäler, Schulen und die Lehrer jener, die vom Fischfang und den Datteln existieren müssen. Noch vor Jahren wußten manche Herrscher mit den Öl-Millionen, die plötzlich die Wüstenstaaten überfluteten, wenig anzufangen -- wie etwa Alt-Scheich Schachbut Al-Nahajjan von Abu Dhabi: Von Schachbut erzählt die unterdessen am Golf berühmte Legende, er habe die Pfundnoten in Kisten unter seinem Bett gestapelt, bis die Ratten sie zernagten. Schachbut, so berichtete der Arabien-Experte K. G. Fenelon, "haßte den Wandel und hätte es vorgezogen, wenn die Piratenküste das vergessene Land geblieben wäre".
Nur: Bruder Said, der in der Wüsten-Oase El-Ain für die Beduinen-Stämme sorgte, hatte "bereits seit Jahren Pläne konzipiert", so sagt er heute selbst, wie er eines Tages "das Volk aus der Misere führen wollte".
Ermorden wollte er seinen Bruder nicht; nachdem beinahe alle Vorgänger des Abu-Dhabi-Scheichs ermordet worden waren, hatte Mutter Salama ihre Söhne unter Eid genommen, sich gegenseitig nicht umzubringen. Die Neuzeit brach in Abu Dhabi 1966 an, nachdem Said seinen Bruder zwang, von seinem Posten zurückzutreten.
Der neue Führer, jubelt Scheich-Intimus Ali Schurafa, der Generaldirektor des Palastes, in morgenländischem Überschwang, sei durchaus mit "Hitler, Chopin und Beethoven zu vergleichen, ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der auszog, um Geniales, Großartiges zu leisten".
Tatsächlich hatte Said als Scheich von El-Am viel Geschick, Mut und Standfestigkeit bewiesen. Er hatte die blühende Oase in der rotsandigen Wüste am Fuß der Oman-Berge gegen Überfälle der saudisch-omanischen Nachbarn verteidigt und auch verlockenden Geldangeboten der Ölgesellschaften widerstanden. Nun nützte er die Öl-Millionen, die von 1966 an überreich flossen, für eine dramatische Umwandlung seines Emirats.
Beschleunigt wurde die Entwicklung noch, als 1971 die Briten aus ihren "Trucial States" am Golf abzogen und die sieben Emirate sich binnen weniger Monate zusammenschlossen.
Drei Millionen Uhren für 100 000 Einwohner?
Möglich war die Vereinigung vor allem durch die Einigung zwischen Said und dem Scheich des Nachbar-Emirats Dubai, Raschid, geworden -- zweifellos zwei der bedeutendsten Führer am Golf. Beide tief in ihrer Beduinen-Tradition verwurzelt, beherrschen die wichtigste Kunst des Beduinen-Führers perfekt: die richtigen Männer auf die richtigen Posten zu setzen.
Dabei hatte Raschid schon sehr viel früher kaufmännisches Gespür bewiesen -- weshalb Dubai, ölärmer als Abu Dhabi, auch schon früher reich wurde: Die Stadt am "Creek", einem Meeresarm, die viel Ähnlichkeit mit Venedig hatte und neuerdings eher wie Miami aussieht, gedieh in den fünfziger und sechziger Jahren durch Gold, das in Indien illegal eingeführt wurde.
1966 importierte Dubai aus London mehr Gold als jede andere Nation der Welt -- mit Ausnahme Frankreichs und der Schweiz, insgesamt ein Zehntel des in nicht-kommunistischen Staaten geförderten Goldes. Es bezahlte 35 Dollar die Unze -- und verlangte in Indien 68 Dollar. Neuerdings, da Gold für die Inder zu teuer geworden ist, gedeiht der Schmuggel in Uhren, Radios, optischen Geräten.
Drei Millionen Schweizer Uhren importierte das Scheichtum im letzten Jahr -- bei 100 000 Einwohnern. "Gold und andere Güter werden legal eingeführt", befand der Herrscher, "die Fracht verläßt den Hafen legal. Was mit diesen Sachen dann passiert, ist nicht unsere Angelegenheit."
Den Handel Dubais organisierte jener Mann, den Scheich Raschid zu einer Art Generalbevollmächtigten erkoren hatte, obwohl er weder zu Raschids Familie zählt noch Bürger der Emirate war -- eine der geheimnisvollsten, interessantesten und umstrittensten Figuren am Golf, der es gelassen hinnimmt, als der reichste Mann der Welt angesprochen zu werden: Mohammed Mahdi el-Tadschir, 44.
Auf zwei Milliarden Pfund -- über elf Milliarden Mark -- schätzt der Londoner "Observer" den Superreichen vom Golf. dessen einzige politische Funktion die eines Botschafters der Emirate in London -- vorerst für ganz Westeuropa -- ist. Sein Lebenslauf ist so interessant wie der des Aristoteles Onassis, nur ohne Maria Callas. Über die Hinterlassenschaft des Griechen können die Vertrauten Tadschirs nur lächeln, so als wollten sie sagen, das zieht unser Mann aus der linken Schublade.
In Bahrein geboren, im englischen Preston erzogen, begann der Milliardär in Dubai bescheiden als Zollbeamter für einige hundert Rupien im Monat -- die indische Rupie war damals noch am Golf gängiges Zahlungsmittel.
"Geschäfte mache ich nur mit Leuten, die ich mag."
Bald war er Chef der Zollbehörde und saß damit an der Quelle des Big Business. Als das Öl zu sprudeln begann, verließ er das Zollhaus und wandte sich dem noch lukrativeren Geschäft zu: Er handelte für Raschid die Öl-Verträge aus -- sehr vorteilhaft, und sein Schnitt war entsprechend.
Bald ging in Dubai nichts mehr ohne den Mann im Schatten der Scheich-Schatulle: Heute ist der Botschafter Direktor des "Petroleum Affairs Department". der "Dubai Petroleum Company", der "National Petroleum Co.". aber auch der Nationalbank. Den "Dubai Airlines", dem "Dubai Currency Board", dem "UAE Currency Board". der "Drilling Company" und der "Dry Dock Co." dient er als Aufsichtsratsvorsitzender.
Doch am Golf verbringt er höchstens ein Drittel seiner Zeit. Ihm gehören Wolkenkratzer in Beirut, Güter und ein Schloß in England, Grundbesitz in Frankreich, ein Anteil am "Park Tower Hotel" in London, insgesamt, berichten Freunde, 40 Immobilienkomplexe, verstreut über die ganze Welt. Er betreibt Bergwerke in Afrika, handelt mit Diamanten, beteiligt sich an Baugesellschaften.
Eine Beiruter Zeitschrift ernannte Tadschir zum "Mr. Computer" des Nahen Ostens, ein Beiruter Geschäftsmann sagt, halb bewundernd, halb neidisch: "In der arabischen Welt findet nichts statt, was Tadschir nicht weiß, wenig, wo er seine Finger nicht drin hat." Er selbst hat noch Prinzipien: "Geschäfte mache ich nur mit Leuten, die ich auch mag."
Seine Heimat-Villa liegt am Meer. nahe dem Gästepalast des Dubai-Scheichs (einen eigenen Palast läßt er eben für 25 Millionen Dollar im Norden von Dubai City bauen). In der Garage parken Rolls-Royce, Jaguar, US-Limousinen. Die Hausbar bietet -- von unten her -- Blick in das gläserne Schwimmbad. Den Boden bedecken Seidenteppiche im Dutzend, die Wände schmücken antike Gobelins.
Der Hausherr, der in Europa dunkle Anzüge bevorzugt, empfängt Gäste in der traditionellen Dischdascha, dem hemdartigen Oberkleid der Araber, um das weiße Kopftuch einen einfachen schwarzen Stirnreif, Agal, geschlungen. Diplomaten, Geschäftsleute, vornehmlich aus England und den USA, nähern sich dem einstigen Zöllner wie einer Majestät, der Favoritin, einer bildschönen jungen Engländerin, wie einer Prinzessin am Hofe.
Auch Emirats-Außenminister Suweidi, der in Tadschir, oft als der eigentliche Außenminister der VAE angesehen, einen unerbetenen Rivalen sieht, schlägt seine Einladungen nicht aus, obgleich das Image des Tycoons nicht ungetrübt ist: Im August 1974 gab es in England eine Affäre, als im Hafen von Liverpool Haschisch im Wert von über 16 Millionen Mark, aus Pakistan stammend, adressiert an die VAE-Botschaft in London, beschlagnahmt wurde.
Im Gespräch mit dem SPIEGEL gibt sich Tadschir mit der Gelassenheit, die etliche Milliarden Mark verleihen mögen. Sein Glaubensbekenntnis ist das Primat des Handels über Politik und alles andere eher sinnlose Tun. Er will aus Dubai "ein Hongkong, ein Singapur machen, nur gewaltiger". Denn: "Die moderne Welt bedeutet Handel, Handel bedeutet Macht, mehr als militärische, die ist altmodisch."
Klagen der Industrieländer über den vervierfachten Ölpreis, amerikanische Interventionsdrohungen tut Tadschir mit einer Handbewegung ab:
* "Wir sind nicht so dumm, eine Intervention zu provozieren, und unterdessen haben wohl auch die Europäer etwas Vernunft in die Gehirne der amerikanischen Cowboys getrichtert, so daß ihnen solche Ideen vergehen werden; außerdem wären sie im Ernst gar nicht in der Lage, uns zu besetzen."
* "Wer ist jemals über die Amerikaner hergefallen, wenn sie Getreide, Kaffee verbrannten, Kälber schlachteten, um die Preise hochzutreiben, während anderswo in der Welt die Menschen verhungerten? Wir verbrennen kein Öl, und das Geld, das wir dafür bekommen, investieren wir, um für euch neue
Märkte in der Dritten Welt zu schaffen. Ich finde, das Öl sollte zu eurem Nutzen noch teurer werden!"
Dem Geschäftsmann Tadschir mißfällt auch sichtlich, daß -- so seine Argumente -- die großen Ölgesellschaften und die europäischen Staaten durch ihre Mineralölsteuern noch immer mehr aus dem Erdöl erlösen als die Araber. Er plant, zusammen mit anderen Reichen Arabiens, den Markt bis zum Endverbraucher für die Araber zu erschließen: Arabisches Erdöl, in Arabien raffiniert, auf arabischen Tankern nach Europa transportiert, soll über arabische Tankstellen verkauft werden.
Und da die Pläne vom einflußreichsten Geschäftsmann der arabischen Welt stammen, sollten sie ernster genommen werden als etwa von der britischen Esso, die überheblich kommentierte: "Sollen es die Araber doch mal versuchen." Sie versuchen und sie realisieren vieles bereits: Port Raschid, der Hafen von Dubai, ursprünglich auf vier Anlegeplätze berechnet, wird am Ende 45 haben und der größte künstlich angelegte Hafen der Welt sein. Vor dem Port entsteht der größte und technisch perfekteste Schiffsreparatur-Komplex der Welt -- mit einem Trockendock, das Schiffe bis zu einer Million Tonnen aufnehmen kann (der derzeit größte Tanker hat 484 000 Tonnen Tragfähigkeit).
Noch 1965 hatten die Emirate keine befestigte Straße, heute führt eine meist vierspurige Autobahn die Küste entlang. Am derzeitigen Endpunkt, bei Schams, fast an der Meerenge von Honnus, stoßen alt und neu plastisch wie auf einer Bühne zusammen: Von den Dünen aus bietet sieh nach Süden das Bild einer modernen Kleinstadt mit neuen Siedlungshäusern, elektrischen Leitungen, asphaltierten Wegen. Links, gen Norden, ist Steppe, mit einigen verfallenen Lehmhütten und Ziehbrunnen.
Das Tempo der Entwicklung ist derart hoch, die Masse der Güter, die benötigt werden, so groß, daß der Transport nicht nachkommt. Er ist neben Fachkräftemangel das eigentliche Problem der Entwicklung des Golfes
verständlich, wenn man erfährt, daß Abu Dhabi seit 1974 allein mit der deutschen Industrie Abschlüsse in Höhe von über einer halben Milliarde Mark getätigt hat.
An den Nahtstellen nach Nahost stauen sich Tausende Güterwaggons, die Türkei muß zuweilen für Wochen den Transit sperren. Auf den Wüstenpisten hinunter zum Golf ziehen Kolonnen von Schwerlastern bis hin nach Oman. (Siehe S. 116)
Am Pier von Abu Dhabi lagern Tausende von rosa und blauen Klosetts, "Phantaflor"-Düngetorf, Ventilatoren (Marke "Hotpoint"), verrotten Teppiche der Abtransport ist nicht zu schaffen. Vieles, was gestern geplant wurde, ist heute zu klein. Abu Dhabi fürchtet für diesen Sommer, wenn wieder einige zehntausend Klimaanlagen mehr surren, den Zusammenbruch der Stromversorgung. Zu schnell selbst für die großzügige Planung explodiert die Stadt. In Dubai werden Telephon-Anschlüsse auf dem Schwarzen Markt gehandelt. Die Schmuggler sind seit dem Versiegen der Gold-Quellen auf lebende Fracht umgestiegen -- sie bringen neue Arbeitskräfte aus dem Osten, Pakistanis und Afghanen.
Und trotz ihres Zusammenschlusses wetteifern die Scheichs der einzelnen Emirate untereinander: Baut Said eine Brücke über seinen Creek, untertunnelt Raschid den seinen, an Dubais Uferstraße sind die Bauten prächtiger, doch Abu Dhabis "Corniche" ist um vieles länger. Einem Uhrturm in Dubai folgt einer in Abu Dhabi, nur ein Bauwerk hat Raschid noch exklusiv: ein Erdöl-Denkmal zur Erinnerung an die ersten Öl-Funde in Dubai anno 1969.
Selbst das Scheichtum Schardscha verfügt über eine 250 Mann umfassende Armee, der Herrscher von Abu Dhabi rüstet mit Mirage, sein Kollege in Dubai läßt Piloten in Italien trainieren. In der Raschid-Streitmacht, 2000 Mann stark, dienen meist einheimische Beduinen, während Inder und Pakistanis schneidern und kochen. In Abu Dhabi stehen vor allem Omanis im Sold der Scheichs.
Die britischen Militär-Berater drängen die Herrscher, ihre Truppen zu vereinen, als separate Verbände wenn nötig, doch noch, so ein britischer Offizier, "überwiegt die Eifersucht unter den Stämmen die Vernunft".
Die Zukunft auf Briefmarken.
Katar etwa, eine von 60 000 Einheimischen und über 100 000 Fremden bewohnte Ausbuchtung der arabischen Halbinsel, weigerte sich nach dem Abzug der Briten, der Emirats-Vereinigung beizutreten.
1972 übernahm Emir Chalifa Bin Hamad Al Thani die Macht im Staat (sein Vetter, Herrscher Ahmed, jagte währenddessen mit Falken in Persien) mit dem Versprechen, "Fortschritt und Modernisierung" zu fördern.
Zunächst befriedigte der Scheich dringende Bedürfnisse -- er baute, wie seine Kollegen, Schulen, Krankenhäuser, Hotels -, doch dann legte er eine Pause ein und ließ die Zukunft genauestens planen. Um die Hauptstadt Doha wurde zuerst die Infrastruktur angelegt -- Straßen, Elektrizität, Wasser, Kanalisierung -, dann erst die genau geplante Bebauung freigegeben.
Auf Briefmarken, die eben zum dritten Jahrestag der Machtübernahme Chalifas erschienen, wird die Zukunft des Staates dargestellt: ein Superland auf Öl und Gas. Ein neuer Fluplatz, eine Universität, Kraftwerke, Satelliten-Stationen sollen entstehen, obgleich auch hier Fachkräfte fehlen und eigentlich ungewiß ist, wer diese Betriebe managen soll.
Doch der Emir, von saudiarabischen Privatlehrern erzogen, fürchtet die bei der Industrialisierung entstehenden Probleme nicht: "Man hört mit dem Essen nicht auf, nur weil man Magenschmerzen hat." Als erster Staat am Golf will Katar. unterstützt von zwei japanischen Konzernen, alsbald mit der Stahlproduktion beginnen.
Überstürzen freilich will der Emir dennoch nichts. Anfang dieses Monats ordnete er eine Reduzierung der Ölförderung an, weil sein Land derzeit keine Möglichkeit habe, das Geld sinnvoll anzulegen.
Er muß bei allem Fortschritt auch Rücksicht nehmen auf die Puritaner unter seinen Bürgern -- die wahhabitische Mehrheit, die sich gegen allzu Modernes sträubt. Deshalb existierten auch in Katar keine Nachtklubs, keine Kasinos wie in den VAE. Im "Gulf"-Hotel, in dem ausländische Gäste (und heimlich auch Einheimische) in der sogenannten "Dunkelkammer", einem Hinterstübchen des Restaurants, früher
auch ihren Scotch bestellen konnten, werden neuerdings wieder nur Obstsäfte und Mineralwasser serviert.
Staaten der Kontraste also, Atomkraftwerke und Alkoholverbote in einem. Frauen im Fernsehen. Mädchen auch in Oman. die noch in traditioneller Prozedur beschnitten werden. Blutrache und Chemie-Konzerne sind im Arabien der Scheichs -- noch -- kein Widerspruch, der zu gewalttätigen Konflikten führte.
Eine neue arabische Großmacht?
Auf lange Sicht werden sie der Region ebensowenig erspart bleiben wie allen anderen Gesellschaften auf der Welt. Und mit Sicherheit wird das Problem der unterprivilegierten fremden Arbeitskräfte. in einigen Staaten schon die Mehrheit der Bevölkerung, der gefährlichste Krisenherd sein. Mit herkömmlichen Feudal-Strukturen können diese Konflikte auf Dauer jedenfalls nicht gelöst werden, Parteien, Gewerkschaften oder andere politische Organisationen aber sind noch nicht vorhanden.
Ein anderes, weltpolitisches Problem ist das militärische Vakuum an der "Goldküste" Arabiens, das auf begehrliche Nachbarn ungeheuer versuchend wirken muß. Die Golf-Staaten sind sieh dessen bewußt -- das zeigt ihre Politik.
Mögen sieh auch Katar und Bahrein um die "Hawar"-Inseln streiten, unter denen Öl vermutet wird, müssen auch die VAF an Saudi-Arabien ein erhebliches Stück Land und damit einen Korridor zur Küste abgeben, der Öl-Boom hat die Staaten am Golf zusammengedrückt, sie gezwungen, nach einer gemeinsamen Politik zu suchen, Feinden gemeinsam gegenüberzutreten.
Auf den Landkarten in den Maschinen der "Middle East Airlines" wird Israel nicht mehr registriert, sondern nur noch Palästina. Und wer einen Brief an die Scheichs schreibt, sollte wissen: Auch der Persische Golf existiert für die Öl-Nationen diesseits der Wasserstraße nicht mehr, die Tankschiffe dieser Welt befahren für sie den Arabischen Golf.
Wohl behaupten die Staatschefs, sie fühlten sich durch die Luftkissen-Flotte des Schahs am gegenüberliegenden Ufer keineswegs bedroht, doch Bahrein mußte sich mittels einer Uno-Befragung gegen iranische Ansprüche wehren, um einige Inseln vor den VAE wird immer noch gestritten. Oman räumte dem mächtigen Nachbarn eine Schutzfunktion über beide Küsten an der Straße von Honnus -- dem Tor zum Öl-Golf -- ein. "Und wer", so fragen Minister, "sollte uns vor dem Schah wohl schützen?"
Schon spekulieren Politiker in den meisten Golfstaaten. daß gegen den zur Großmacht hochrüstenden Perser (dessen Gehabe die Araber mit dem Kaiser Wilhelms vor dem Ersten Weltkrieg in Europa vergleichen) nur eine Föderation aller Golfstaaten helfen könnte, statt fünf Uno-Mitglieder ein Staat auf Öl -- von Kuweit bis Oman, verbündet mit Saudi-Arabien.
Käme es dazu, hätte die Welt, wovon vor dem Milliardär Mahdi Tadschir schon der Prophet Mohammed träumte: wieder eine arabische Großmacht.
Ende

DER SPIEGEL 17/1975
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