21.04.1975

„Eine Gallone Wasser für eine Gallone Öl“

Die Delegierten der ostafrikanischen Versammlung in Nairobi stampften mit den Füßen, trommelten auf die Tische und riefen: "Eine Gallone Wasser für eine Gallone Öl, Faß um Faß."
Die Forderung der nach den Öl-Preiserhöhungen um das wirtschaftliche Überleben ihrer Staaten besorgten Politiker: Arabiens Staaten sollten fortan für das Wasser des Nils ebenso Geld geben, "wie Afrika für das Öl zahlen muß". Ein Abgeordneter wollte Zusätzliches: die Gründung einer "Organisation der wasserexportierenden Staaten".
Der Präsident Zaires, Mobutu Sese Seko, klagte vor einer arabischen Wirtschaftsdelegation, er sei unzufrieden mit der arabischen Afrika-Politik. Das in "Banken von Industriestaaten deponierte arabische Kapital" solle vorrangig in Afrika investiert werden. Er wurde deutlich: Israel mühe sich wieder verstärkt um die Afrikaner. "Unter diesen Umständen würde es nicht überraschen, wenn bestimmte afrikanische Staaten ihre diplomatischen Beziehungen zu Israel wiederaufnehmen würden."
Doch wenn Mobutu auch behauptet, "die Araber haben die afrikanische Haltung nicht honoriert". in Wahrheit ist die Entwicklungshilfe der ölproduzierenden Staaten vergleichsweise größer als die aller anderen Länder.
Im letzten Jahr allein vergaben die Ölproduzenten am Golf zusammen mit Venezuela Entwicklungs- und Kapitalhilfe in Höhe von 9,6 Milliarden Dollar.
Etwa acht Prozent ihres Bruttosozialprodukts zahlen die Ölstaaten an die Dritte Welt, weit mehr als Amerikaner, Engländer und Deutsche, die jeweils nur 0,3 Prozent ihres Bruttosozialprodukts ausgeben. Mehr noch: Etwa 40 Prozent der arabischen Hilfe wird an die von der Uno als "Ärmsten der Armen" qualifizierten Staaten überwiesen; aus dem Westen erreichten diese Nationen acht Prozent.
Die Ölherren finanzieren einen Sonderfonds für Afrika und eine Düngemittelfabrik in Bangladesch, sie zahlen für die Islamische Entwicklungsbank. die keine Zinsen nimmt, und für Erdbebenopfer in Pakistan, sie bauten Schulen und Hospitäler in Ägypten. Ihre Schecks erreichen Ugandas General Amin und den Guerillaführer Jassir Arafat, die asiatische Entwicklungsbank und König Hussein.
Mögen diese Araber auch Moscheen bauen, Lastwagen und Lebensmittel beispielsweise in den Dürre-Staat Tschad entsenden, nicht allein in den USA, so ermittelten Meinungsforscher, werden die Wüstenscheichs immer noch als "selbstsüchtig, geizig und verantwortungslos" qualifiziert, das Bild der "erpresserischen Ölpreis-Politik" ("Die Welt") hat sich kaum verändert.
Wohl finanzieren die Araber mit den Öl-Einnahmen auch palästinensische Terroristen (nicht zuletzt, um die Palästinenser im eigenen Staat zu beschwichtigen), gewähren sie -- wie unlängst Katar mit einer 300-Millionen-Dollar-Spende an Jordanien -- den sogenannten Konfrontationsstaaten mit Israel (Ägypten, Syrien, Jordanien) besondere Unterstützung; sicher brachten sie durch die drastische Ölpreiserhöhung volkswirtschaftliche Konzeptionen durcheinander. Nur, so erklärte ein Ölminister: Kein Politiker des Westens mache sich Sorgen darum, daß etwa Indien mehr für westliche Industrieprodukte oder Weizen aus Amerika zahlen müsse.
Zu Unrecht attackiert fühlen sich die Araber durch Karikaturen, wie sie etwa auch in der "New York Times" und im Londoner "Evening Standard" erschienen: Geldsackbeladene Scheichs, gleich Dagobert Ducks aus Tausendundeiner Nacht, die sich nicht um die Hungernden dieser Welt bemühen.
Im letzten Jahr stellten die Scheichs 1,8 Milliarden Dollar für die Weltbank bereit, auch in diesem Jahr kehrte Bank-Präsident McNamara mit Kredit-Zusagen von einer Golf-Tour zurück. 3,4 Milliarden des Ölgeldes verbuchte der internationale Währungsfonds.
"Nur unser Image", so ein jordanischer Berater des Emirs von Katar" "verlauste, Hammelteig-kauende Egoisten zu sein, sitzt ungeheuer tief im Westen" -- derart fest, so scheint es, daß sich unlängst einer der spendabelsten Staaten der Welt, Kuweit, veranlaßt fühlte, durch eine ganzseitige Anzeige in der Londoner "Times" die arabische Auslandshilfe zu verteidigen: "Mit Vergnügen", argumentierte der 880 000-Einwohner-Staat, "akzeptieren wir Vergleiche zwischen unseren Hilfsleistungen und denen der reichsten Industrienationen."

DER SPIEGEL 17/1975
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