21.04.1975

Zwischen Maas und Memel

Gemeinsamkeit zwischen BRD und DDR klappt am besten als Lotteriespiel. Jetzt bestimmte das Los die Handballer beider Staaten zu Olympiarivalen.
Mehr als 100 Männer starrten auf ein kleines Mädchen. Zaghaft griff Katharina Wenzel, 13, auf Dortmunds "Rosenterrassen" in den Silberpokal. "Ich fresse einen Besen, wenn sie jetzt unser Los greift", stieß Handballpräsident Werner Thiele aus Bremen hervor. Sekunden später antwortete sein Nachbar: "Guten Appetit."
Das Los hat die Mannschaft von Thiele getroffen. Unter dem Schild "Deutsche Demokratische Republik" in Gruppe 5 prangte die Plakette "Bundesrepublik Deutschland". UdSSR-Trainer Anatolij Jewtuschenko atmete auf: "Ich möchte in dieser Gruppe nicht dabeisein." Der westdeutsche Nationalspieler Heiner Möller zweifelt an der Olympia-Zukunft: "In Montreal wird ohne uns Handball gespielt."
Drei Stunden später wurde die Skepsis Realität. DDR-Meister Vorwärts Frankfurt/Oder gewann gegen Jugoslawiens Meister den Europapokal. Eine Runde zuvor hatten die Frankfurter von der Oder den bundesdeutschen Pokalverteidiger VfL Gummersbach ausgeschaltet.
Nur einer bewahrte die Ruhe: Siegfried Perrey, 58. "Wir brauchen nicht zu kapitulieren", meinte "Mister Olympia", der noch 1972 die olympische Eröffnungsfeier organisiert hatte. "die DDR ist doch bekannt für ihre nervöse Truppenführung." Perrey kämpft gegen die Resignation der bundesdeutschen Handballfunktionäre an. "Die DDR-Kameraden haben doch viel mehr zu verlieren, weil sie Favoriten sind. Die müssen doch bei Honecker Männchen machen, wenn sie uns nicht ausbooten."
Das schwere deutsch-deutsche Qualifikations-Los der letzten Jahre "schafft" indes auch den frohgemuten Perrey. Jährlich müssen Sportler aus der DDR und BRD gegeneinander die Kräfte messen. "Die Schlachten an Oder und Spree", so Perrey, "wollen kein Ende nehmen."
Während sich die Sportbünde aus Ost und West jahrelang um karge Rahmenprogramme gestritten hatten, reibte das Los eine innerdeutsche Partie an die andere. Bei der Handballweltmeisterschaft 1970 in Orléans waren die DDR-Werfer den Westathleten um ein Tor voraus. Beim olympischen Fußballturnier 1972 spitzelten die Fußballer-Ost den Bundeskickern die Bronzemedaille weg. Und im verregneten Juni 1974 hetzte sie das Los bei der Fußball-WM im Hamburger Volksparkstadion wieder aufeinander.
Damals siegte zwar die DDR über die Schön-Spieler des Deutschen Fußball-Bundes durch ein Sparwasser-Tor 1:0, aber die Bundesdeutschen wurden Fußballweltmeister. Die DDR-Equipe indes gewann seitdem nur noch ein Länderspiel gegen Polen, was DDR-Fernsehreporter Oertel spotten ließ: "Von dem Schock des Sieges haben wir uns bis heute nicht erholt."
Als nächstes vermasselte die DDR im Eishockey den Bundesdeutschen den Wiederaufstieg in das von Russen und Tschechoslowaken beherrschte Oberhaus bei der Weltmeisterschaft. Und nun in Dortmund fingerte ein ahnungsloses Waisenkind wiederum die Lose der Bundeselite und des Vizeweltmeisters im Handball, die DDR, zusammen.
Derart ausgiebigen und bei der Vergabe von Titeln und Medaillen entscheidenden Sportverkehr" wie ihn das Los vermittelte, hatten sich die Sportfunktionäre vor allem in der DDR nie gewünscht. Seit 1965 durften sie zu Olympia und fast allen Weltmeisterschaften eigene Mannschaften entsenden -- zum Arger nichtdeutscher Sportverbände, die sich nun einer doppelten deutschen Konkurrenz gegenübersahen. Miteinander -- in Freundschaft --spielten die Deutschen fast nie.
Erst 1974 beschlossen beide Verbände einen kleinen Grenzverkehr. Für 1974 machten sie insgesamt 41 Sportwettkämpfe aus, von denen 40 zustande kamen. 1975 sollen höchstens 62 Begegnungen stattfinden.
Weitaus freizügiger als der rationierte Sportverkehr zwischen den Deutschen verläuft der per Los angesetzte Wettkampf. 1973 mußte Bayern München auf dem Weg ins Europacup-Endspiel erst Dynamo Dresden, 1974 den 1. FC Magdeburg ausschalten. Gleichzeitig spielte Fortuna Düsseldorf gegen Lokomotive Leipzig und der Hamburger SV wieder gegen Dynamo Dresden. Im Handball vereinte das Los in den letzten sieben Jahren die Equipen aus BRD und DDR gleich fünfmal, dreimal gewann das Team der DDR, zweimal die Bundesmannschaft.
Daß nun auch vor Olympia 1976 einer dem anderen weichen muß, hing bei der letzten Weltmeisterschaft von einem einzigen Tor ab. Im Februar 1974 verlor die Bundesrepublik gegen Außenseiter Dänemark 11:12. Schon ein Unentschieden hätte gereicht, um statt der Dänen den achten Rang einzunehmen und für das Qualifikations-Turnier zum Olympia 1976 in Montreal wie die DDR gesetzt zu sein und von vornherein in eine andere Gruppe einrangiert zu werden.
Die DDR-Funktionäre, deren Mannschaft Vizeweltmeister geworden war und so zu den gesetzten für Olympia zählte, ahnten das neue Los-Unheil. Sie forderten auf, in Dortmund aufs Auslosen zu verzichten und nach den Ergebnissen der letzten Handball-WM die Gruppen einzuteilen. Eine Begegnung DDR gegen BRD wäre so vermieden worden. Der Antrag fiel durch.
Bundestrainer Vlado Stenzel, den die Westdeutschen extra für Olympia 1976 vom Goldmedaillengewinner 1972. Jugoslawien. geholt hatten, jammerte: "Schlimmer hätte es nicht kommen können." Doch der optimistische Ostpreuße Perrey rüstet moralisch auf: "Früher wurde auch nur der Deutscher Meister, der besser war als alle anderen zwischen Maas und Memel.

DER SPIEGEL 17/1975
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