21.04.1975

Rock-Film „Tommy": „Ich bin eine Sensation“

„Tommy“, die legendäre Rockoper der englischen Popgruppe „Who“, ist jetzt auch als monumentales Filmspektakel der Hit englischer und amerikanischer Jugendlicher. Inszeniert wurde die Kinoversion vom englischen Regie-Anarchisten Ken Russell mit den Rock-Stars Pete Townshend, Eric Clapton, Elton John und Tina Turner.
"Vulgär, pervers, sadistisch", entrüstete sich der britische Kritiker Felix Barker, als er dem Bild- und Klangpandämonium der Film-Rockoper "Tommy" entkommen war, für die gegenwärtig in London und New York die Kinogänger Schlange stehen.
"Tommy"-Regisseur Ken Russell, Englands oft verdammter Filmrebell. meint dagegen, seine monumentale, laute und wüste Kino-Inszenierung der von ihm erhofften Götterdämmerung in der Pop- und Jugendkultur sei "das größte Kunstwerk des 20. Jahrhunderts".
Zunächst einmal ist Russelis symbolstarke Jung-Tommy-Saga, die auf einer Oper der englischen Rockgruppe "The Who" basiert, ein ästhetisches und technologisches Monstrum. Um seinem Credo "Kommunikation ist das Wichtigste" gerecht zu werden, ist dem zum Katholizismus konvertierten Kunstanarchisten und D.-H.-Lawrence-Verehrer jedes Mittel recht.
Mit extremen visuellen und akustischen Effekten erzählt Russell die ordinäre und brutale Kindheit und Jugend des nach dem Tod des Vaters und Ehevergehen der Mutter blind, stumm und taub gewordenen Nachkriegskindes Tommy (Roger Daltrey) und den Prozeß seiner Heilung. Der erwachsene Tommy flieht schließlich, von Gewalt überrascht, aus seinem korrupten Show- und Guru-Business-Leben in die Natur-Einsamkeit.
Das von Kommunikationsschwierigkeiten ("See me, feel me, touch me, heal me") und Größenwahn ("I'm a sensation") heimgesuchte Muttersöhnchen und narzißtische Jugendidol Tommy, das Russell als übermenschlichen, vatersuchenden Hermaphroditen präsentiert. klettert im pathetischen Finale auf den rauhen Berg zurück, auf dem es zu Beginn des Films unter einem Wasserfall ekstatisch gezeugt wurde. Nietzsche und ähnliche Tiefdenker lassen in Russells komischer Oper der Trivial-Archetypen oft grüßen.
So finden sich in der bizzaren Filmmusik der "Who", die mittels eines neuartigen Tonsystems namens "Quintophonic" in den Kinosaal flutet, gelegentlich "Also sprach Zarathustra"-Zitate von Richard Strauss. Zur Verstärkung des ohrenbetäubenden Klanglärms, der Russells in perfektem TV-Show-Stil inszenierte "Tommy"-Episoden aufputscht, sind zusätzlich zu den Kinolautsprechern in allen vier Ecken des Saals noch meterhohe Hi-Fi-Lautsprechertürme errichtet worden.
Keine Szene im Film-"Tommy" ist frei von Musik, selbst die Geräusche sind orchestral hergestellt, und jedes auf der Kinoleinwand geäußerte Wort wird gesungen. So dilettiert "Chinatown"-Darsteller Jack Nicholson in einer Nebenrolle als singender Arzt neben dem Gesangslaien Oliver Reed und den Rockprofis Eile Clapton, Elton John, Keith Moon und Pete Townshend.
Soul-Sängerin Tina Turner versucht als Drogenkönigin, Hure und bluttransfusionierende Stahl-und-Glas-Madonna, aus Tommy einen Mann zu machen. Das aber gelingt erst der ständig ihn umbuhlenden Mutter (Las-Vegas-Star Ann-Margret), der Tommy seinerseits einen vulgär inszenierten Kolossalorgasmus verschafft, via Farbfernseher, aus dem Sekt und Bohnensuppe ins mondäne mütterliche Schlafgemach explodieren. Ebenso genüßlich und zynisch dehnt Russell eine religiöse Orgie aus, die zur Erweckung von Tommy und ähnlich verkrüppelten Jugendlichen eine Rockband mit Whisky und Drogen in einem Marilyn-Monroe-Tempel veranstaltet.
Durch das "Tommy"-Spektakel ist Ken Russell, dessen vorhergehende Kinofilme wie "Liebende Frauen", "Tschaikowski", "Die Teufel", "Savage Messiah" und "Mahler" Kritiker "zwischen Brillanz und Geschmacklosigkeit" ansiedelten, vom exzentrischen Außenseiter plötzlich zum internationalen Star-Regisseur avanciert.
Ken Russell, 48, früher Illustrierten-Photograph, dann Regisseur von umstrittenen BBC-TV-Filmen über Bartók, Debussy, Richard Strauss, Rousseau, Isadora Duncan, Gabriel Rossetti, Cranko und Weill, will mit seinen Filmen die schädliche gesellschaftliche und kommerzielle Verstrickung des Künstlers, die mit den romantischen Genies begonnen habe, bloßlegen.
Dieser Kommunikations-Mystiker. der seine Nostalgie fürs 19. Jahrhundert total auslebt, wurde vom US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" kürzlich zum "britischen Meister des romantischen Exzesses" mit "Wagner-Sensibilität" erklärt. Der englische Schriftsteller und Angry-young-men-Veteran Colin Wilson schreibt in seinem soeben veröffentlichten und sofort ausverkauften Ken-Russell-Pamphlet mit dem Titel "A Direetor In Search Of A Hero": "Er könnte der bedeutendste Filmregisseur überhaupt sein." Darob vergaß Russell alle Scheu vor Publizität: "Einfach das Beste, was je über mich geschrieben wurde."

DER SPIEGEL 17/1975
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