21.04.1975

POPMUSIKAlles zu spät?

Auf einer Deutschlandtournee sucht Joy Fleming ihre Niederlage beim Schlagerwettstreit in Stockholm wettzumachen. Die Plattenpreis-Jury der Deutschen Phono-Akademie empfiehlt sie als „beste Popsängerin“.
Mit dem Song-Sieger "Waterloo" vom letztjährigen Grand Prix Eurovision hatte Joy Flemings Lied kaum etwas gemein. Ihr Waterloo in Stockholm erinnerte lediglich an Napoleon: totale Niederlage auf dem 17., dem drittletzten Platz. Die schwedische Zeitung "Dagens Nyheter" rief ihr, wenig schmeichelhaft, "singende Brünnhilde" hinterher; Londons "Melody Maker" verglich sie mit der Oldie-Matrone Sophie Tucker; der deutsche "Show" -- Pressedienst erklärte sie kurzerhand für "gestorben".
Eine solche Hypothek abzutragen ist nicht leicht, zumal wenn man, bei aller zur Schau getragenen Chuzpe, ein derartiges Sensibelchen ist. Aber das pummelige Mannheimer Beatkellerkind Erna Strube ist schließlich von Anfang an unter der Devise "Trotzdem" angetreten, hat wider alle Vorurteile mit dem Neckarbrücken-Song Blues und Mundart in die deutschen Hitlisten gezwungen -- nun stellt sich Joy-Erna mit einem trotzigen "Verdammt noch mal" erst recht dem Publikum.
Auf dieser Deutschlandtournee begibt sich Erstaunliches. Da erklimmt, vorletzten Freitag in Hamburg, mitten im Konzert ein Jeans-Mädchen die Bühne und erklärt übers Mikrophon: "Du hast uns bewiesen, daß du nicht auf Platz 17 gehörst." Jede bekannte Melodie wird stürmisch beklatscht, Zwischenbeifall unterbricht immer wieder die Darbietung, der Schlußapplaus nimmt auch nach drei Zugaben kein Ende -- Mitleid mit dem Underdog oder der Anti-Star als Kultfigur? Sie scheut sich nicht, selbst vor hartgekochten Rockfans die ganze erste Konzerthälfte in deutscher Sprache zu bestreiten, hauptsächlich mit den Sozialmoritaten ihrer eben erschienenen LP "Menschenskind". Kein bißchen Make-up liegt auf den Liedern; von griechischen Gastarbeitern ist die Rede und -- in ihrem besten neuen Blues -- von einem Arbeitslosen: "Am meisten schimpft er über die Regierung: daß er die mal gewählt hat, tut ihm in der Seele weh."
Dann, nach der Pause. das Lied von Stockholm. Sie singt es wie dort im Abendkleid und wie bei der Frankfurter Vorentscheidung zum Playback-Tonband, deutlich herausgehoben aus dem Konzertablauf und dennoch ein tragender Teil davon, eine seltsame Mischung von Distanzierung und Identifikation. Als Brücke zum Auslandserfolg einer deutschen Blues- und Rocksängerin war dieses Lied von vornherein untauglich; nur elf von 31 vorab befragten deutschen Show-Journalisten erwarteten es in Stockholm unter den ersten fünf.
Solange der "Grand Prix Eurovision de la Chanson" besteht, mithin seit 1956, hat die deutsche Auswahlkommission Flops ins internationale Schlager-Derby geschickt. Je ein Unterhaltungschef, ein Journalist und ein Teenager von den ARD-Sendern saßen dieses Jahr in der Jury, also entweder Laien oder Funk-Funktionäre von der Art des verantwortlichen Redakteurs Gotthard Welker, der noch nicht einmal wußte, für welche Plattenfirma Joy Fleming singt.
"Ein Lied kann eine Brücke sein" war maßgeschneidert für diese Jury. deren zweifelhaftem Urteil die Plattenindustrie ihre etablierten Stars schon lange nicht mehr aussetzen mag. Westdeutschlands Schlagerinterpreten sind gewiß nicht die Größten, doch sie müssen noch schrumpfen, um sich durch die enge Provinzpforte dieser Vorentscheidung zum Grand Prix zu quälen.
"Ein halbes Dutzend Helfer" habe in wochenlanger Vorbereitung alles Mögliche für Joy Flemings Sieg in Stockholm getan, berichtete "Hörzu". Aber weder ihr Plattenproduzent Peter Kirsten noch der Frankfurter TV-Programmdirektor Hans-Otto Grünefeldt war in der Lage, der vollschlanken Komödiantin ein zum Typ passendes Kleid anzumessen.
Als der Songkomponist Rainer Pietsch dann vor dem Orchester und 600 Millionen TV-Zuschauern seine zwei Zentner Lebendgewicht in die Luft wuchtete und mit dem Fuß stampfte, als gelte es, einer Bundeswehrkapelle Dixieland beizubringen, war schon alles zu spät. Auch wenn man Joy Fleming nicht das Mikrophon zugedreht hätte und die Stimme hundert- statt 50prozentig zu hören gewesen wäre, hätte der Gesamteindruck nicht jene "deutsche Forderung" (Orchesterchef Kurt Edelhagen) an Unterhaltung erfüllt: "Text mindestens Goethe, Musik möglichst Beethoven und damit Erfolg wie beim Millowitsch."
Das ist nicht Joy Flemings Welt und für ihre Art zu singen wohl auch nicht der richtige Maßstab. bei ihr wirkt das Abendkleid wie eine Maskerade. Ihre Chance in Stockholm hätte in einer Alternative gelegen. Sie hätte ihren Fähigkeiten entsprechend klarmachen müssen, daß die Grand-Prix-Trivialshow Entertainment von vorgestern ist.
Gerade im Nicht-Genormten, im riskanten Außenseitertum liegt Joy Flemings Stärke. Sie scheitert auf der Tournee beim Versuch. das Publikum zum Mitsingen zu bewegen. sie steigt aus den Stiefeln und knabbert mal eben an den Nägeln. aber billig wirkt es nie. Mit einem clownesken Augenzwinkern beherrscht sie die Szene und triumphiert mit ganz frisch interpretierten Pop-Klassikern wie "Bridge Over Troubled Water" oder dem alten Rock'n'Roll-Kriegsschrei "Wop-bop-alou-bop a-lop-bam-boom".
Das Pop-Original Joy aus der Mannheimer Kopernikusstraße ist kein Glamourgirl. die Sängerin Fleming neigt zu Manierismen wie einem zu starken und zu lang ausgehaltenen Vibrato. Aber auch Edith Piaf, Judy Garland und Barbra Streisand hätten kaum Schönheitswettbewerbe gewonnen, auch sie haben aus minimalen Interpretationsmängeln Wertmarken gemacht.
Joy Fleming wird am 15. Mai in Berlin als beste deutsche Popsängerin einen Schallplattenpreis der Deutschen Phono-Akademie erhalten. Westdeutschland hat in ihr einen Welt-Star, die Welt hatte nur noch keine Gelegenheit, es zu bemerken.
Siegfried Schmidt-Joos
Von Siegfried Schmidt-Joos

DER SPIEGEL 17/1975
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