21.04.1975

FERNSEHENBis das Auge bricht

Um der „Verödung menschlicher Kontakte“ entgegenzuwirken, ist eine ARD-Reihe „Auf der Suche nach der heilen Welt“. Erstes Fundstück: ein Feuerwehrverein.
Die Welt ist aus den Fugen. "Alte, gewachsene Bindungen" lösen sich auf, die "Isolierung des einzelnen" schreitet fort. Und zu dieser "Verödung menschlicher Kontakte". sagt der Südwestfunk-Programmchef Dieter Stolte. "hat auch das Fernsehen beigetragen".
Als "kleinkariert und spießig" seien auf dem Bildschirm oft genug "Vereine, Familien und Bürgerinitiativen abgetan" worden. Stolte gab das Kommando zum "Gegensteuern"; der Südwestfunk begab sich auf die "Suche nach der heilen Welt".
Das erste Fundstück dieser Reihe, der Report "Die Freiwillige Feuerwehr von Tönisvorst", soll kommenden Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten Programm gezeigt werden -- sofern die ARD von der Live-Übertragung des Europacup-Spiels Bayern München gegen St. Etienne Abstand nimmt. Es folgen Beobachtungen in "Vier Kirchengemeinden", beim "Sportverein VfL Höhr-Grenzhausen" und in diversen "Bürgerinitiativen".
Intaktes "soziales Bindegewebe" (SWF-Redakteur Gustav-Adolf Bahr) haben die Fernsehteams vor allem in der Provinz aufgespürt, zum Beispiel im niederrheinischen Städtchen Tönisvorst" bei den Männern der Freiwilligen Feuerwehr.
Dort ist, beteuern die Bürger, "die Welt in Ordnung" und die Feuerwehr "ein Stück Sinn des Lebens"; dort singt der Feuerwehr-Chor das Lied der "treuen Kameraden", die zusammenhalten "in Feuer und in Flammen, bis uns das Auge bricht". Und selbst die Frauen, die Männer-Kumpanei doch meist nur störrisch dulden, sind der Feuerwehr, dieser "großen Familie", zugetan. Wenn die Sirene zur (extra für das Fernsehen abgehaltenen) Katastrophen-Übung ruft, treibt die Hausfrau zur Eile: "Komm, spring in die Hose."
Immerhin sind den TV-Kundschaftern auch " feine Risse" (Bahr) aufgefallen. Ein Löschzug-Führer gilt als "zu autoritär", und mancher junge Tönisvorster -- wie etwa der Sohn des Feuerwehr-Chefs -- verweigert sich den Freiwilligen beharrlich, weil "irgendwann Schluß sein muß mit der Tradition". Kleinlaut sagt die Mutter: "Unser Walter bindet sich nicht gern"
In Bayern, wo ein SWF-Team "Vier Kirchengemeinden" heimgesucht hat. halten die Jungen mehr von Überliefertem. Befriedigt konstatiert ein Geistlicher, die Jugend frage wieder: "Was bedeutet mir Jesus?" Doch ist den Pfarrern auch bewußt, daß viele unter "Betonkoller" leidende Städter, die den Gottesdiensten normalerweise fernbleiben, in der Gemeinde zuvörderst soziale Kontakte und Hilfe suchen.
So friedvolle Bilder, so schöne Harmonie hat das deutsche Fernsehen selten zu bieten; selten ist die "heile Welt" allerdings auch so unkritisch und verklärt gezeigt worden. Und darüber wird sich zumindest einer freuen: der "Heile Welt"-Apostel und Intendant des Schwarzwald-Senders. Helmut Hammerschmidt.
Von Helmut Hammerschmidt

DER SPIEGEL 17/1975
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