21.04.1975

TV-SHOWSWeiche Nuß

„Schnickschnack“. Erste Folge der Unterhaltungsserie der ARD.
Der wienernde Herr Wildbolz, er hat offenbar mehr Zähne als andere Leute und läßt sie darum dauernd blitzen, erklärte, nach einem "Recht schönen, herzlichen, guten Abend!", das neue Spiel so:
Wenn er sage: "Ohne Schnickschnack kann man doch kein Mädchen verführen", dann müsse Schnickschnack durch ein anderes Wort ersetzt werden; und wenn den Spielkameraden, zwei "Kandidaten" und sechs "Prominente", dafür zufälligerweise dasselbe Wort einfällt, kriegen die Kandidaten Punkte und Pinke.
So begann, zur schönsten Sendezeit, ein Abend, der alles weit hinter sich ließ, was da "Dalli Dalli" heißt oder "Was bin ich?". Umtost vom Frohsinn der Prominenten Caterina Valente, sie kann lachen wie eine Hyäne" nahm sich eine Anstalt das öffentliche Recht auf Schwachsinn.
Zielgruppe des "Schnickschnack"-Spiels, weitere Folgen sind nicht abzuwenden, sind eindeutig Primaten. Die wollen erstens, wie man weiß, immer nur Prominente begaffen, und zweitens haben sie einen steilen Hang zu Zweideutigkeiten.
Dem Hange kam der Spielführer Wildbolz mit seinen "Schnickschnack"Sprüchen voll entgegen. Etwa: Der griechische Meergott Poseidon habe "mit seinem Schnickschnack ganz
* Mit Senta Berger.
schöne Wellen gemacht". Oder: Bei einem neuen Modetanz klatscht man in die Hände, "und dann greift man zum Schnickschnack".
Hui, lachte die Prominente Valente da ihren Hyänen-Jodler, aber das Ersatz-Wort mußte dann natürlich koscher sein. Und just aus der Verklemmung zieht "Schnickschnack", getreu dem amerikanischen Vorbild, seinen unnachahmlichen prickelnden Reiz.
Das US-Original heißt "Matchgame" und arbeitet bewußt mit der Kicher-Strategie, daß Four-letter-words im Fernsehen tabu sind. "Matchgame" ist ein Favorit in der gegenwärtigen Schwemme von "Game-Shows"; an guten Tagen kann man in den New Yorker TV-Kanälen 25 davon sehen.
Sie sind billig zu produzieren und transportieren ein Optimum an Werbung -- ihr wahrer Zweck. Sie laufen meist am hellen Tage und bleiben, durch Gebimmel und Gehupe, auch ohne hinzusehen verständlich; die Hausfrau kann daneben Karotten schaben oder Schnickschnack treiben.
Auch beim deutschen "Schnickschnack" wurde ganz fürchterlich gebimmelt und gehupt und durch allerlei Lichter-Flitter Las Vegas vorgetäuscht. Noch fürchterlicher freilich wirkte, was die Prominenten trieben.
Schon das familiäre Geduze und Getue der Schnickschnackeria war dazu angetan, daß einem so verhärmte Hagestolze wie Casdorff oder Stephan plötzlich lieb vorkamen. Aber die Soli der Prominenten übertrafen bei weitem die Ensemble-Leistung.
Neben der Valente spielten sich noch Senta Berger und Ortrud Beginnen auf, vor ihnen der Kabarettist Ernst Hilbich, der "Insterburger" Karl Dall und der Quiz-Professor Harald Scheerer; in Kyritz an der Knatter kann nicht doller chargiert worden sein.
Da warfen sich Kantinen-Komiker ins Geschirr, markierten goldige Frohnaturen, lagen dauernd auf der Kalauer, und über allem schwebte, nein, es war nicht die Lerche, der Savannen-Schrei der Caterina Valente.
Dann gab es noch, schwindelnder Höhepunkt, einen Intelligenz-Test für den Primaten daheim am Bildschirm. In einem Film-Titel: "Die harte Nuß" -- sollte er eingeschmuggelte "Fehler" feststellen. Subtilstes Beispiel: Der Filmheld schlürft aus einem Sektglas und, Schnitt, setzt ein Bierglas ab.
Wer die Hausaufgabe richtig löst, so verhieß der Herr Wildbolz (Anagramm für Witzbold?), bekommt einen Freifahrschein nach Stuttgart, wo "Schnickschnack" gemacht wird, und dort darf er "einen Tag mit den Prominenten im "Schnickschnack"-Studio" verbringen. Dort kann er dann sehen, wie das Fernsehen dabei ist, auf den "Schnickschnack" zu kommen. Fritz Rumler
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 17/1975
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