21.04.1975

GESELLSCHAFTDie Throne wanken

Durch Londons „Clubland“ weht der Geist des Untergangs. Die Club-Komitees klagen über Inflation und Mitgliederschwund und sehen ein großes Sterben voraus.
Die Gentlemen kommen nur noch zum Lunch. Für anderthalb, zwei Stunden kommen sie aus ihren Ministerien, Banken und Büros und entschwinden dem ordinären Jahrhundert in die ehrwürdigen Clubs von Pall Mall und St. James's Street -- zum kargen Menü mit erlesenen Weinen, zum Gähnen unter Gleichgesinnten, zum Nickerchen hinter der "Times" am Kamin.
Wenn Big Ben die Mittagsstunde schlägt, scheint in "Clubland" die alte Welt noch in Ordnung. Doch es scheint bloß so: Am späteren Abend sind die Säulenhallen aus Marmor, Mosaik und Mahagoni verödet, und durch die riesigen Speiseräume. Rauchzimmer und Bibliotheken voll Stille und Staub weht der Geist des Untergangs -- der Inflation, der Verarmung und Verschuldung, der Vergreisung.
Londons traditionelle Westend-Clubs, seit langem schon finanziell bedrängt. haben bösere Sorgen als je zuvor. Ihre Konten sind weit überzogen, die Defizite wachsen. In den musealen Renaissance-Palästen und Herrensitzen, in Ehren ergraut, wenn nicht schwarz vor Alter, fehlt es an cleverem Management und Personal. Und da die Beiträge ständig steigen (beispielsweise um 30 Prozent auf 600 Mark pro Jahr), bleiben auch immer mehr Mitglieder fern. Denn der verarmte Mittelstand, auch der gehobene, ächzt unter der zunehmenden Teuerung und lädt seine früheren Clubgäste lieber ins eigene Heim; den Jüngeren aber gilt "clubbability", Clubfähigkeit, ohnedies nicht mehr so sehr als das wahre Ideal.
"Der große Sessel in einem vollen und angenehmen Club", so hat einst der illustre Dr. Samuel Johnson geschwärmt, sei "vielleicht der Thron menschlichen Glücks". Aber das ist nun schon zwei Jahrhunderte her.
In Londons ältesten und noch immer piekfeinen Clubs der St. James's Street, bei White's und Boodle's und Brooks, spielte und wettete damals die Tory- und Whig-Aristokratie zu strömendem Whisky im riesige Vermögen. Im bis heute berühmten Beefsteak Club beim Leicester Square (Motto: ... Rindfleisch und Freiheit") verschlang der Herzog von Norfolk an jedem Samstag fünf Pfund Braten und trank drei bis vier Flaschen alten Portwein dazu. Legendär ist auch jener alte Knabe von Adel, der an Regentagen gern am Clubfenster zusah, wie draußen "das verdammte Volk naß wird".
Ruhmreiche Tatze der Nobilität. Sie wurden aber auch fürs bessere Bürgertum recht glorios, als im 19. Jahrhundert, nach dem Sieg von Waterloo. die enormen Bauten von Pall Mall und Piccadilly entstanden etwa der Travellers ("Kantine des Foreign Officegenannt). der konservative Carlton und der liberale Reform Club, wo Jules Vernes Held Phileas Fogg seine " Reise um die Welt in achtzig Tagen" antrat.
Das Offizierskorps hatte seinen United Service. Army and Navy und Cavalry Club. die geistige und geistliche Welt zog sich in den Athenaeum zurück -- einem Kenner zufolge war er so vornehm, daß man schon "verdammt nahe mit dem lieben Gott verwandt sein mußte, um dort aufgenommen zu werden".
Für die fern von London wohnenden Grundbesitzer und Kolonial-Offiziere war damals der Club ein zweites Zuhause, in dem sie ihre Post erledigten, ihre Anwälte kontaktieren, ihre Theaterbesuche vorbereiten und ihre Gäste empfangen konnten. In diesen exklusiven Hallen der Diskretion und guten Manieren und unbehelligt von ihren Frauen, die keinen dieser Männlichkeitstempel entweihen durften. träumten Generationen schweigsamer. schnurrbärtiger Clublöwen in tiefen Ledersesseln den fernen Tagen von Eton und Oxford nach.
Dort planten sie ihr Empire, erlebten noch einmal den Sepoy-Aufstand, diskutierten Gladstone und Disreali und machten bis weit ins neue Jahrhundert hinein große Politik: Im Carlton wurde 1922 der Sturz der Koalitionsregierung Lloyd George beschlossen, bei White's 1940 Neville Chamberlains Rücktritt verlangt, im Reform 1954 der Plan fürs kommerzielle Fernsehen ausgeheckt.
Daß freilich ein paar Jahre zuvor Minister Aneurin Bevan in der Halle von White's einen aristokratischen Tritt in den Hintern erhielt, weil er als Labour-Mann und früherer Bergarbeiter wohl nicht richtig "clubbable" schien. war schon ein drastischer Symbolakt dafür, daß trübe Zeiten angebrochen waren: Die Männer der Macht sahen auf einmal so anders aus.
Fürs politische Establishment hatten die Clubs schon damals an Reiz verloren. Ein letzter großer Clubman war Tory-Premier Harold Macmillan, der begeistert dem Carlton, Athenaeum, Beefsteak, Pratt's, Buck's und Turf angehörte; Labour-Premier Harold Wilson dagegen begnügt sich mit dem Athenaeum, und selbst dort läßt er sich kaum blicken.
Statt dessen haben sich inzwischen, begünstigt vom pluralistischen Zeitgeist und dem Druck gleichmacherischer Not, die Geschäftsleute Einlaß in die Clubs verschafft -- im Rauchzimmer des National Liberal Club breiten sie sogar schon, ungeniert und ungestraft, ihre Bilanzen aus und reden lauthals vom Kommerz. Und längst auch dringen die Frauen in die Paläste ein, wenngleich bisher nur als Gäste oder "assoziierte Mitglieder" und vorwiegend nur durch Nebentüren, über Hintertreppen, in bestimmte Räume. Aber vielleicht ist die Zukunft gar nicht mehr so fern, daß sie, wenn sie nur wollen, sogar Vollmitglied sein dürfen -- schließlich ist ja auch die neue Tory-Führerin Mrs. Thatcher gerade erst, und zwar "ohne viel Diskussion" (so ein Club-Sprecher), mit allen Rechten in den Carlton aufgenommen worden.
Bei White's allerdings (1150 Mitglieder), wo Edmond de Rothschild und David Niven verkehren, gibt es so etwas nicht. "Wir sind", sagt der Club-Sekretär und einstige Marine-Offizier William West, "die letzte, männliche Bastion" -- und eine Bastion offenbar, die sogar jüngere Semester noch anzuziehen vermag. "Als ich vor zwölf Jahren beitrat", erinnert sich der Marquis von Dufferin and Ava, "waren etwa 80 Prozent der Mitglieder Greise -- jetzt sind es nur noch 64 Prozent."
Dennoch ist auch bei White's die Wartefrist in kurzer Zeit von zehn bis 15 auf bloße sieben Jahre zusammmengeschrumpft. Im Beefsteak (300 Mitglieder) beträgt sie nur noch sechs Monate. in den meisten anderen Clubs ist sie gänzlich abgeschafft. Und nur noch selten rollen mittlerweile auch die schwarzen Veto-Kügelchen. die einem Kandidaten die Aufnahme verweigern, in die Wahlurnen.
Von den etwa 100 Clubs, die es bei Kriegsende noch gab, sind etwa 40 übriggeblieben. Viele sind eingegangen, viele haben mit anderen fusioniert. Doch das große Sterben ist noch nicht zu Ende. "Wir leben", so klagte unlängst der Vorsitzende des Travellers' Club seinen Mitgliedern, "in einem Zustand seltsamer Isolation." Und er grübelte. ob nicht "die Londoner Clubs gleich den Public Schools und anderen Institutionen. die im 19. Jahrhundert florierten, vom Vormarsch der Geschichte zum Untergang verurteilt" seien." Wir können glücklich sein sagt Frederick Marsh vom United Service Club (der sich vor Jahren mit dem Royal Aero zusammengetan hat), "wenn wir um 1980 im Westend noch 15 Clubs haben."
Aber Marsh, Mitglied eines neuen Planungskomitees, läßt die Hoffnung noch nicht sinken. Er möchte seinen Club "modernisieren und ihn dem 20. Jahrhundert anpassen", er mochte die abends so trostlos leeren Säle "mit schwungvoller Aktivität erfüllen".
"Wir müssen", sagt er, "etwas anbieten, damit die jüngeren Leute ihre Frauen und Freundinnen und Schwestern und Töchter hereinbringen." Und er denkt dabei an große Dinner-Partys und rauschende Soireen" vielleicht auch an eine Diskothek im Keller. So, meint er, ließe sich die Zahl von gegenwärtig 4800 Mitgliedern vielleicht doch noch um 2000 erhöhen.
Nur, wo bleibt da die feine, alte Exklusivität, ohne die ein echter Club kein Club ist? Groucho Marx hat einmal gesagt: "Ich gebe mein gutes Geld doch nicht für einen Club aus, der Leute wie mich reinläßt."

DER SPIEGEL 17/1975
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