21.04.1975

ARCHÄOLOGIEIkarus mit Kamera

Was Touristen nur mehr als Ruinen sehen, zeigt wieder grandioses Ebenmaß: Aus der Vogelschau hat ein US-Archäologe erstmals alle bedeutenden Stätten Alt-Griechenlands aufgenommen.
Aus Himmelshöhen fuhr der Jesuit auf den heidnischen Götterthron nieder. Halb aus der Türluke der klapprigen DC-3 Dakota hängend, schoß er -- Belichtung: eine fünfhundertstel Sekunde -- mit der Kleinbildkamera jene schroff gewölbte Kalksteinwand, von der Zeus seine Donnerkeile schleuderte, wenn er nicht irdischen Mädchen nachstellte.
So abenteuerlich, auf insgesamt 13 Flug-Expeditionen, hat Raymond V. Schoder S. J. mehr als 15 000 Vogelschau-Aufnahmen klassischer Orte gesammelt. Mit einem Seil festgezurrt. vom Wind gebeutelt und "wegen des dauernden Fluglagenwechsels schwindelig". raste er auf die Athener Akropolis zu wie auf Olympias Stadion.
Die Ausbeute des Ikarus der Archäologie. der eine Professur an der Loyola University von Chicago innehat, wurde nun in England und Deutschland veröffentlicht: "Das antike Griechenland aus der Luft" bietet erstmals im Farbdruck Überblicke von nahezu hundert Kult-. Wohn- und Kampfstätten der homerischen Welt*.
Bildungsreisende und auch Fachleute auf den Spuren von Herkules und Helena gewahren oft nur, durch Staub, Geröll und Bewuchs stapfend. einen Wirrwarr von Ruinen und Säulenstümpfen. Und von vielen Plätzen der heroischen Zeit blieb, wie etwa von Sparta, kaum mehr als überwucherte Grundmauern abseits der Touristenwege. Die Luftbilder jedoch enthüllen nun wieder Größe. Ebenmaß und grandioses Konzept der Anlagen.
Mit Hilfe der griechischen Luftwaffe und nach zehnjährigem Quellenstudium hat der Gelehrte ein Kompendium aller bedeutenden Hellas-Fundstätten aus minoischer bis römischer Zeit zusammengebracht. Weit augenfälliger als Planskizzen vermitteln seine Schnappschüsse (durch Grundrisse ergänzt) Einblick beispielsweise in den labyrinthischen Palast von Knossos, aus dem Sagenheld "Theseus nur an Ariadnes Faden entlangtastend wieder her-
* Raymond V. Schoder S. J.: "Das antike Griechenland aus der Luft", Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach: 256 Seiten: 45 Mark.
ausfand, oder in das Orakel-Heiligtum von Delphi, das mit Tempel. Schatzhäusern, Stadion und Gymnasion hoch in den Nordhang der Pleistosschlucht gebaut worden war.
Als geometrisch exakte Muschel wird das schönste antike Theater, das von Epidauros, überschaubar. Als trutziges Wehrdorf. eng in die massiven bronzezeitlichen Mauern geschachtelt. erscheint noch einmal Hagia Eirene, von dem am Boden nur mehr Fundamente und Keller zu sehen sind.
Der fliegende Professor lichtete unzugängliche und entlegene Altertümer
ab, so Athens befestigten Außenposten
Phyle und den Apollon-Tempel von Bassae, der zwischen jäh abstürzenden Schluchten des Kotilion-Massivs aufragt. Er steuerte moderne Städte wie Chalkis, Piräus und Theben an, unter deren Straßen und Häusern nur die Luftschau noch die Restformen antiker Bebauung kenntlich werden läßt. Aus luftiger Höhe sind abgesunkene Hafenanlagen wie die von Kenchreai und Thasos wieder auszumachen. Und von den historischen Schlachtfeldern gibt Schoder bessere Übersicht, als je
von einem Feldherrnhügel zu gewinnen war: von Marathon mit seinem Totenhügel, dem Thermopylen-Engpaß, den das Perser-Heer durch Verrat erobern konnte, und der Bucht von Salamis. in der Persiens Flotte sank.
"Meine Anweisungen gab ich dem Piloten bisweilen durch Handsignal", schildert Schoder seine Exkursionen, "später auch über Sprechfunk, obwohl ich dann neben der Kamera und dem Belichtungsmesser auch noch dieses Gerät zu halten hatte und es wegen des Motorenlärms und des Fahrtwindes kaum Verständigung gab."
Gepeinigt "von der unbequemen Haltung stundenlang auf dem Kabinenboden oder einer Bank. vom endlosen Knien bis hin zu Muskelkrämpfen und vom Luftdruck- und Sauerstoffmangel hoch über den Bergen", verschaffte Archäologe Schoder gleichwohl -- so das Ziel aller Mühen -- seinen Lesern "ein einzigartiges Vorrecht": Sie sehen Griechenland, "wie es die alten Götter sahen, wenn sie vom Olymp herabstiegen".

DER SPIEGEL 17/1975
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