21.04.1975

MODEBittere Schokolade

Die schöne Zeit der Beinfreiheit geht zu Ende. Die Frauen sollen wieder raus aus den weiten und rein in enge Röcke.
Nie wieder", so hatte, im befreienden Schlabber-Kleid, die Moderedakteurin der Londoner "Times" geschworen, werde sie sich in einen engen Rock zwängen. Jetzt änderte sie ihren Sinn:
"Ich kann kaum den Herbst erwarten", so fieberte Prudence Glynn, 38, vor ihren verwunderten Lesern, "um endlich wieder einen engen Rock zu tragen." Sie hat inzwischen, auf den Mode-Messen von Paris, Rom und Mailand. die engen Kleider des kommenden Winters gesehen.
Willige Mitläufer wie Prudence wird die ängstliche Modebranche bei ihrem neuesten Kehrtschwenk dringend brauchen. Denn der herrschende bequemweite Flatter-Look ist populär und verkauft sich gut.
Die Läden haben große Mengen der schlabbrigen Hänger eingelagert und hätten gern an dieser Mode noch ein bißchen weitergenäht. Aber wer wird noch weiter Weites kaufen, wenn er schon weiß, daß es bald nicht mehr modern ist?
In München, wo Pariser Trends am ehesten erspürt werden, hängt in den Avantgarde-Boutiquen kein Glockenrock mehr. Trendsetter Bernd Stockinger: "Wer Weites will, muß ins Kaufhaus gehen"
Mit der üblichen Verzögerung von einem halben Jahr wird der enge Rock wohl auch im großstädtischen Norden Furore machen. Boutiquen-Besitzerin Stefanie Bott in Hamburg: "Ein enger Rock ist doch der Traum jeder Frau -- falls sie hineinpaßt"
Das Signal zur Wiederkehr des fast schon vergessenen schlauchförmigen Rocks hatte vor drei Monaten Yves Saint-Laurent gegeben. Bei seiner Haute-Couture-Schau hatte er ein hautenges, geringeltes Strickkleid losgelassen, das Busen und Po kräftig modellierte, und damit die Modeindustrie fürchterlich verschreckt.
Natürlich ließen sich die Modemacher -- wenngleich manche widerwillig -- von Yves eilig in die neue Enge treiben. "Wer viel Milchschokolade gegessen hat", philosophierte die "Sunday Times", "will nun wohl bittere Schokolade."
Am engsten treiben es -- im Winter-Angebot -- die Lieferanten für die schnieke Jugend. Da spannen sieh die Röcke prall (bei Dorothée Bis und Christian Aujard), und hohe Schlitze geben möglichst vorne und hinten gleichzeitig den Blick auf die obersten Zwickel der Strumpfhosen preis. "Man kann nicht mal mehr", beklagt das New Yorker Textilblatt "Women's Wear Daily", "einen Pickel auf dem Popo haben."
Das Pickel-Verbot gilt auch für Jeans-Träger. Denn die modische Beinkleid-Verengung hat auch den zuletzt füllig um die Fesseln schwabbelnden Drillich radikal zusammenschnurren lassen.
Die neuen "Zigaretten-Jeans" oder "Ofenrohr-Jeans" kleben wie naß auf den Hüften und fallen eng und gerade auf die Knöchel, wo sie unbedingt fünf bis zehn Zentimeter umgeschlagen werden müssen.
Die Boutique "Western House" im Pariser Quartier Latin verkauft von den Modellen "Boogy Boy" und "Chicago" (135 Franc) rund 200 Stück pro Woche. Ganz neu ist der Stil von 1975 nicht: Die Firma Wrangler hat ihr Modell aus dem Jahre 1916 neu aufgelegt, Levi"s seines von 1850. Aber die meisten Hosen-Macher inspirieren sich an den knallengen Jeans aus den Fünfzigern -- den Elvis-Presley- und Boogie-Woogie-Jahren.
Gemächlicher folgen der neuen Modewendung die alten Hasen unter den Couturiers, wie Dior und Lanvin, die ja nicht nur für die schlanken, möglichst superschlanken Jungen schneidern: Sie gönnen ihren teuren Kundinnen kleine Seitenfalten, und auch unter Ungaros Dufflecoats ist Platz für zwei Gramm überflüssiges Fett. Die Altmeister ernten nun auch plötzlich wieder Lob von Mode-Reportern, die lange die Avantgarde bejubelten und ihre Salons schon gar nicht mehr betraten.
Nur vorsichtig macht sich auch Karl Lagerfeld, einer der Haupterfinder vom wabernden Schlabberlook für Damen und auch Herren, jetzt wieder dünn. Und wer vom Aufwiegler Samt-Laurent nur Superenges erwartet, der wird von ihm schnöde im Stich gelassen. So keß er als Haute-Couturier auftrat, so zahm fällt seine Konfektion aus: Er schnippelt zwar für den Winter von seinen Röcken und Jacken die Überfülle weg, aber hauteng spannt sich da nichts. Er wartet sogar mit wehenden Kutschermänteln auf und einem ärmellosen Lodengewand, das in den österreichischen Bergen als "Kotzen" bekannt ist.
"Ich bin nicht daran interessiert", verweist der Besitzer von über 80 Luxus-Boutiquen, "einen neuen Look zu machen." Er hat jetzt einen neuen Liebling, ein handgroßes Chihuahua-Hündchen namens Hazel -- von Fernseh-Antonia Hilke freundlich "seine Lebensgefährtin" genannt.
Sicher werden nicht alle modischen Voraus-Trupps bis zum Herbst warten wollen, um sich in enge Röcke zu zwängen. Für sie hat die "Times" schon einen Rat parat: "Stellen Sie dann die Uhr eine halbe Stunde vor. empfiehlt das Blatt, "denn es dauert in einem engen Rock eine halbe Stunde länger, irgendwohin zu gehen."

DER SPIEGEL 17/1975
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