21.04.1975

REISENDrei Richtige

Mit 300 Passagieren, fast ausschließlich Männern, an Bord stach das amerikanische Schiff „Renaissance“ in See -- zu einer Karibik-Kreuzfahrt für Homosexuelle.
Matrosen des brasilianischen Frachters "Nina" ließen ihre Schrubber fallen und drängelten sich an die Reling, um das Spektakel auf dem Schiff, das nebenan im Hafen lag, zu verfolgen: Zu dröhnender Rockmusik tanzten auf dem B-Deck der "Renaissance" Knaben, oh, là, là!, mit Knaben.
Selbst wenn sie in ausreichender Zahl aufzutreiben gewesen wären, hätten die Jünglinge weibliche Tanzpartner kaum gewollt: Die "Renaissance" (im letzten Jahr übrigens noch als Neckermann-Dampfer unterwegs) war auf Homosexuelle-Kreuzfahrt, der ersten, die unter diesem Vorzeichen geplant und unternommen worden ist.
Sieben Tage lang kreuzten die Teilnehmer, etwa 300 Homosexuelle, fast ausschließlich Männer, von Fort Lauderdale im amerikanischen Bundesstaat Florida nach Mittelamerika und zurück. Kosten: zwischen 275 und 790 Dollar pro Kabine.
Daß diese Reise organisiert und ohne Aufsehen ablaufen konnte, ist Ausdruck einer neuen Libertinage. die Homosexuellen in den USA immer mehr öffentlichen Spielraum verschafft. So hatten sich erst kürzlich ein Senator im US-Bundesstaat Minnesota und zuvor schon mehrere hohe Beamte in New York öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannt. Und sechs wichtige amerikanische Firmen, darunter die zwei größten US-Banken und zwei Fluggesellschaften. haben in öffentlichen Erklärungen ihre Vorbehalte gegen homosexuelle Arbeitnehmer aufgegeben.
Die Kreuzfahrt der "Renaissance" zeigte freilich auch die immer noch spürbaren Grenzen des Freisinns. So wurde die Reise mit einem Maß an Vorsicht vorbereitet, das an Geheimniskrämerei grenzte. Ein PR-Mann wurde eingestellt, der Sensations-Reporter abwehren mußte; für den Fall, daß Kunde vom Unternehmen doch an eine breitere Öffentlichkeit dränge, wurde ein Psychologe nach den rechten Reaktionen befragt; und der Prospekt, der in 5000 Exemplaren verschickt wurde, gab zu verstehen, daß "Diskretion die bessere Hälfte von Frohsinn" sei.
Im Aussehen mieden die meisten Teilnehmer alle Extravaganz -- sie ist, seit sich auch heterosexuelle Männer parfümieren und zur Instant-Sonnenbräune greifen, sowieso "out".
Bombastisch aufgemachte Transvestiten-"Queens" fehlten ganz. "Die alte Garde der Schwulen-Welt". so mutmaßte der New Yorker Schriftsteller Cliff Jahr in der "New York Times", "ist höflich, aber entschieden ausgeschlossen worden." Die Kreuzfahrer traten vielmehr in unauffällig bequemer Alltagstracht auf -- kaum, daß mal an einem Ohrläppchen ein goldenes Ringlein baumelte.
Dennoch mußte in dieser Runde natürlich nicht so getan werden, als oh. Höhepunkt des Bordvergnügens: eine sadomasochistische Modeschau. auf der zwei männliche Mannequins als Sklave-Meister-Pärchen auftraten. Über den Lautsprecher kam dazu wildes Peitschenknallen und verzücktes Schmerzgeheul.
Ungeniert konnten sieh die Teilnehmer an der fast unbegrenzten Verfügbarkeit männlicher Schönheiten begeistern: "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll", seufzte einer überm morgendlichen Tequila, "schon vorm Mittag habe ich dreimal den Richtigen getroffen:"
Allgegenwärtig war allerdings auch das Gefühl, einer Art Stoßtrupp auf dem Gebiet sexueller Sonderinteressen anzugehören. "Was die zu Hause wohl sagen würden", war ständiges Gesprächsthema. Und als ein in den USA recht bekannter Schauspieler, Held vieler nachmittäglicher TV-Serien, beim Schönheitswettbewerb zum "Mr. Renaissance" gewählt wurde, "stockte ihm", bekannte er ins Mikrophon. "zuerst das Herz".
Es könnte das Ende seiner Karriere bedeuten, wenn die Geldgeber seiner Show von der Wahl erführen. Dann aber entschloß er sich doch, den Krönungsmantel anzunehmen, weil er "richtig stolz" sei, "Teilnehmer dieser Kreuzfahrt zu sein".

DER SPIEGEL 17/1975
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