21.04.1975

BERUFLICHESMichele Sindona

Michele Sindona, 54, italo-amerikanischer Spekulant und Bankrotteur, belehrt US-Studenten über internationale Währungspolitik. Vergangene Woche hielt der gebürtige Sizilianer. der jahrelang als Spezialist für geheimnisvolle Millionengeschäfte galt, dessen italienisches Finanzimperium aber 1974 zusammenbrach, einen Vortrag an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia. Ein Dozent stellte den in New York lebenden Sindona nur als "Finanzexperten- vor: daß die Mailänder Staatsanwaltschaft 1974 Haftbefehl wegen betrügerischen Bankrotts gegen Sindona erlassen hatte und daß Italien deshalb die Auslieferung des Geschäftemachers von den USA begehrt, blieb unerwähnt. Sindona beteuert seine Unschuld, er sieht sieh als Opfer eines römischen "Komplotts". In seinen Erinnerungen (Titel: "Money. Money, Money"), die er jetzt in New York fertigstellte, bezichtigt er dagegen den Notenbankchef Carli sowie den Schatzminister Colombo rundheraus des Betruges.
Helga Schuchardt, 35, FDP-Bundestagsabgeordnete und Lufthansa-Ingenieurin, wurde überraschend vom Hamburger FDP-Parteitag zur neuen Landesvorsitzenden gewählt: erstmals leitet damit eine Frau einen Partei-Landesverband. Der bisherige Hamburger FDP-Chef, Rechtsanwalt Herman F. Arning, 63, schied bereits im ersten Wahlgang aus, in dem er nur 37 von 137 Delegierten-Stimmen erhielt. Die Polit-Karriere der Ingenieurin begann vor zehn Jahren, bereits 1970 wurde sie Abgeordnete in der Hamburger Bürgerschaft, 1972 gelang ihr der Sprung in den Bundestag, wo sie sich den FDP-Progressiven anschloß, die sich um den Professor Maihofer geschart hatten. Ihre Wahl zur Parteichefin legt Spekulationen nahe, daß die Hamburger FDP jetzt noch weiter als bisher nach links abdriftet, wenn auch Frau Schuchardt widersprach: "Ich mache liberale Politik." Was immer darunter zu verstehen ist -- die FDP-Progressive ist jedenfalls nicht sonderlich anfällig für Konzessionen. Sie engagierte sich derart energisch für die Reform des Paragraphen 218, daß der Hamburger SPD-Bürgermeister Klose die Koalitionsfreundin glaubte bremsen zu müssen und dafür prompt angepfiffen wurde. Frau Schuchardt verbat sich solchen "schulmeisterhaften Appell" und erklärte öffentlich, daß sie sich "von niemandem, auch nicht von einem Mitglied der Landesregierung vorschreiben lasse, in welcher Art und Weise ich in der Öffentlichkeit diskutiere". Sie war die erste Frau, die es wagte, in langen Hosen zur Bürgerschaftssitzung zu erscheinen, und in Hosen trat sie jetzt auch vor den Landesvorstand. Befragt. ob sie sich mittels der Beinkleider Respekt verschaffe, konterte die eloquente Blonde: "Die Hosen hätte ich auch angehabt, wenn ich einen Rock getragen hätte."

DER SPIEGEL 17/1975
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