10.03.1975

LITERATURWiener Lösung

Conan Doyles Baker Street hat immer Boom. Allein im letzten Halbjahr erschienen in Amerika sechs neue Sherlock-Holmes-Bücher -- darunter ein Roman, in dem der geniale Detektiv von Freud analysiert wird.
Als Arthur Conan Doyle seines großen Detektivs überdrüssig war. schickte er ihn in den Tod: Bei verzweifeltem Zweikampf, so ließ er den braven Dr. Watson in der Geschichte vom "Letzten Problem" berichten, sei Sherlock Holmes mit seinem "Erzfeind" Moriarty 1891 in den Schlund der Reichenbach-Fälle gestürzt.
Doch drei Jahre später war Holmes dann, von einer protestierenden Leserschaft zurückgefordert, wiederaufgetaucht -- der Meister, behauptete Watson, sei auf wunderbare Weise errettet worden und habe anschließend Europa, Afrika und Indien durchwandert.
Nun soll auch diese Version nicht mehr stimmen. Im hohen Alter nämlich habe Watson seine beiden Reichenbacher Märchen widerrufen und die "wahre Geschichte" des Falles Holmes/Moriarty zu Protokoll gegeben
so zumindest beteuert ein Nicholas Meyer aus Los Angeles, der die lang verschollene Watson-"Reminiszenz" jetzt unter dem Titel "Die Sieben-Prozent-Lösung" veröffentlicht hat*.
Denn unverwüstlich sprießt der Baker-Street-Mythos, der nun schon viele Hunderte von Studien hervorgebracht hat. Allein im letzten Halbjahr sind sechs brandneue Holmesiana in Amerika erschienen, darunter eine "World Bibliography of Sherlock Holmes and Dr. Watson". Und im "Guardian" entbrannte unlängst ein Leserbriefstreit über die Frage, ob der Weiberfeind Holmes nicht eine Frau gewesen sein könnte.
Nun stiftet Meyers Watson abermals böse Verwirrung. Denn Professor Moriarty. so informiert er, sei nie jener diabolische "Napoleon des Verbrechens" gewesen, sondern ein harmloser Lehrer, der früher einmal den jungen Master Sherlock unterrichtet habe; und seine Untaten, mit denen er angeblich "die westliche Welt" heimsuchte -- sie hätten als Ausgeburten eines delirierenden Gehirns zu gelten, das durch mörderischen Kokain-Konsum schon unheilbar zerrüttet schien.
Nun ist ja bekannt, daß der große Exzentriker ein Gelegenheits-Kokser war, der sich bisweilen eine Sieben-Prozent-Lösung spritzte. Laut Meyer-Watson jedoch hat es schon so schlimm um ihn gestanden, daß er nach Wien gelockt werden mußte, zum einzigen, der da noch helfen konnte, zum jungen Dr. Sigmund Freud.
Erst Freud, versichert die postume Schrift, habe den von Höllenqualen geschüttelten Holmes von der Droge heilen können und eine tief verdrängte Wahrheit ans Licht geholt: Die Mutter von Sherlock Holmes. entdeckte der Analytiker, hatte seinen Vater betrogen, der Vater daraufhin die Mutter umgebracht, und Lehrer Moriarty hatte dem Jungen alles erzählt daher rühre Sherlocks Haß auf den Professor, seine Aversion gegen Frauen, die Flucht ins Rauschgift und auch die fanatische Gerechtigkeitsliebe.
Natürlich, so Watson à la Meyer. habe der genesende Detektiv bald erkannt, auf welch verblüffende Weise der Wiener Nervenarzt die Holmes'sche "Methode der Beobachtung und Schlußfolgerung" für seine Zwecke usurpierte; er soll sogar neidlos zugegeben haben, daß er das Freudsche System der analytischen Erkundungen auf die Dauer für sehr viel fruchtbarer hielte als sein eigenes.
Dabei aber habe er dem großen Geistesverwandten doch noch eine Lektion erteilt. Er konnte ihm nachweisen, daß die Hysterie einer Freud-Patientin nur auf ein abscheuliches Verbrechen zurückzuführen war -- und auf eine deutsch-österreichische Verschwö* Nicholas Meyer: "The Seven-Per-Cent Solution" verlag E. P. Dutton, New York; 256 Seiten: 6,95 Dollar.
rung. die Europa in einen ersten Weltkrieg zu stürzen drohte.
Und so geschah es (nach Meyers Watson), daß die beiden größten Detektive aller Zeit sich gemeinsam auf eine wilde Verfolgungsjagd machten: Auf einer requirierten Lokomotive hetzten sie dem Sonderzug des skrupellosen Barons von Leinsdorf nach, Hoimes stellte Weichen, Professor Freud und Dr. Watson schaufelten Kohlen. zuletzt wurde noch ein ganzer Waggon verheizt, bis der Held aus der Baker Street den Schurken zur Strecke brachte.
Eine gute Geschichte, an der aber nachdenklich stimmt, daß noch kein Freud-Biograph dem herzlichen Verhältnis der beiden genialen Männer die geringste Anmerkung gegönnt hat. Höchst verwunderlich ist auch, daß Freud lange vor der Jahrhundertwende so berühmte Fälle wie den des "Rattenmanns" und des "Wolfsmanns" erwähnt haben soll -- beide Patienten sind ja um einiges später von ihm psychoanalysiert worden.
Damit jedoch wird eines zur Gewißheit: Die "Sieben-Prozent-Lösung" ist eine hundertprozentige Fälschung, mit finsteren Absichten in die Welt gesetzt -- selbst die wilde Jagd auf den Baron entpuppt sich als übles Pasquill.
Das alles ist derart raffiniert in Szene gesetzt -- man denke nur an die Verhöhnung des angeblich von Drogen zerfressenen Holmes, an die Verunglimpfung seiner verstorbenen Eltern. andererseits an die Verharmlosung des Professors -, daß nur einer der Autor sein kann: nicht Meyer, nicht Watson, nicht Meyer-Watson, sondern der alte "Erzfeind" selbst -- Professor Moriarty.

DER SPIEGEL 11/1975
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