07.04.1975

Gespielt, getäuscht, gemogelt

Keiner der zuständigen Kontrollinstanzen der Herstatt-Bank fiel auf, was Außenseiter längst wußten: Seit Frühjahr 1974 schwebte die Bank in Lebensgefahr. Weder Wirtschaftsprüfer noch Verwaltungsrat, weder Hausrevision noch Bankenaufsicht griffen hart genug ein, als Devisenspekulationen das Institut aushöhlten.
Hat Herstatt wirklich die Bank geleitet, oder war es Gertings Bank? Hat die Hausrevision sich korrekt verhalten? Haben die Wirtschaftsprüfer versagt? Was konnte das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BAK) tun?
Großaktionär Gerling, der zunächst allein Dany Dattel für die Überschuldung der Bank verantwortlich gemacht hatte, korrigierte sich später: Er fühlte sich von der Geschäftsleitung getäuscht. Von Mißmanagement und Manipulationen will er keine Kenntnis gehabt haben -- obgleich ihn Satzung und Gesetz zur Beherrschung der Bank mit einer großen Machtfülle ausgestattet hatten.
Als Vorsitzender des Verwaltungs- und des Aufsichtsrates sowie als Hauptaktionär der Bank konnte Gerling
* jederzeit in der Hauptversammlung über Eintritt und Ausscheiden eines persönlich haftenden Gesellschafters entscheiden (Paragraph 7 der Satzung),
* den persönlich haftenden Gesellschafter in allen Geschäftszweigen beraten und "allgemeine und besondere Weisungen für die Geschäftsführung" erlassen (Paragraph 27).
Für Iwan Herstatt blieb -- zumindest formal -- allenfalls die Funktion eines leitenden Angestellten, kaum die eines Geschäftsführers. Theoretisch konnte Gerling die Bank in allen Fragen dirigieren und kontrollieren. Theoretisch aber ist auch nicht auszuschließen, daß Topmanager seiner Bank -- Herstatt, von der Goltz und andere -- ihn getäuscht haben, so wie diese angeblich von Dattel getäuscht wurden.
Hat Gerling seine Bank mit der Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmannes überwacht? Ab wann konnte und mußte der Versicherungs-Konzern-Chef von dem lebensgefährlichen Umfang der Devisengeschäfte seiner Bank wissen?
Daß der Chef der Gerling-Versicherungsgruppe schon vor dem Juni 1974 über die ernste Situation im Herstatt-Devisenhandel offiziell informiert wurde, werden weder Iwan Herstatt noch Graf Goltz behaupten wollen -- sie selbst wußten angeblich erst sehr spät und nicht vollkommen Bescheid.
Auch nachdem Innenrevisor Laaff im Januar 1974 aufgedeckt hatte, daß verschiedene Devisen-Großgeschäfte entgegen der Vorschrift nicht in jenem Zeitraum gebucht wurden, in dem sie abgewickelt wurden, erfuhr Gerling nichts. Die "gemeinsame Sitzung von Verwaltungsrat und Aufsichtsrat vom 19. 3. 1974 war reine Routinesache: Der Aufsichtsrat sei "regelmäßig über Lage und Entwicklung der Bank sowie über Geschäftsvorfälle von besonderer Bedeutung unterrichtet" worden. Er habe anhand dieser Berichte und in Gesprächen mit Iwan Herstatt die Geschäftsführung der Bank überwacht.
Wie diese Kontrolle aussah, verrät Punkt 7 der Tagesordnung. Da wurden die beiden brisantesten Probleme in zwei kurzen Sätzen von Iwan Herstatt beschrieben: Die "unbefriedigende Zinsspanne" werde "weiterhin stark umkämpft sein". Und: "Wir sind daher bemüht, auch im Jahre 74 einen Ausgleich durch unsere weiterhin erfreulichen Umsätze im Renten- und Devisengeschäft auszugleichen."
Das Wichtige geht im Zahlenbrei unter.
Im Klartext hieß das: Nur durch hochriskante Devisenspekulationen konnte die Bank überhaupt noch Gewinn machen. Das klassische Kreditgeschäft brachte nur Verluste.
Doch was jeden Kleinaktionär hätte beunruhigen müssen, ließ den Großaktionär kalt. Er nahm Herstatts Floskel lediglich zur Kenntnis.
Kläglich auch blieben die Rollen, die die Hausrevision und die Wirtschaftsprüfer spielten. Revisor Laaff hat zwar nachweislich die Geschäftsleitung häufig über Mißstände im Devisenhandel informiert; nicht einmal aber wagte er es, seinen Verwaltungsratschef Gerling oder die Bankenaufsicht zu informieren, wenn er auf gravierende Mißstände gestoßen war und seine Vorgesetzten die Mahnungen ignorierten.
Ähnlich leicht nahm es Karl Christoph von der Essener Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Karoli. Laut einem späten Aktenvermerk (vom 24. Juli 1974) will er zwar den Generalbevollmächtigten der Bank, Bernhard Graf von der Goltz, darauf aufmerksam gemacht haben, daß die Buchungsmanipulationen dem Aufsichtsrat bekanntgegeben werden müßten. Als dies jedoch -- einer undementierten Erklärung des Gerling-Konzerns zufolge -- unterblieb, war es Christoph auch recht.
Auch von dem überraschenden Auftrag zur verschärften Prüfung der Herstatt-Devisengeschäfte, den Wirtschaftsprüfer Karoli Ende Februar 1974 von der Berliner Bankenaufsicht erhielt, erfuhr Gerling offenbar nichts -- und das, obwohl Karoli auch als Aufsichtsrat in Gerlings Global-Bank gute Kontakte zum Konzernchef pflegte.
Seit dem Sommer 1973 hatte das Bundesaufsichtsamt die Kölner Privatbank mehrfach auf die Gerüchte um den Herstatt-Devisenhandel angesprochen. Doch stets war es Iwan Herstatt gelungen, die Beamten zu beruhigen.
Anfang 1974 -- die Gerüchte über Herstatts gewagte Devisen-Transaktionen waren immer dichter geworden -- schaltete sich die Hauptstelle Köln der Landeszentralbank (LZB) ein. Telephonisch erkundeten die Beamten die Situation im Bankhaus Herstatt. Iwan Herstatt erklärte ungerührt. der Devisenhandel bringe nach wie vor nur Gewinne.
Die LZB ist nicht beruhigt. Am 25. Januar bittet sie das Bundesaufsichtsamt, den Abschlußprüfer anzuweisen, bei der Prüfung des Jahresabschlusses die Risiken aus Termingeschäften zu untersuchen.
Einen Monat später bittet Ludwig Stauch vorn BAK Wirtschaftsprüfer Karoli, in die Herstatt-Abschlußprüfung "schwerpunktmäßig" Angaben über den Devisenhandel aufzunehmen. "Hierbei interessiert besonders, welche Risiken (offene Positionen) eingegangen wurden, welche Umsätze getätigt wurden und insbesondere, ob die Organisation der technischen Abwicklung und die bestehenden Kontrolleinrichtungen gewährleisten, daß die Geschäftsleitung der Bank über Umfang und Höhe der eingegangenen Engagements und die damit verbundenen Risiken stets umfassend unterrichtet sein konnte und war."
Inzwischen ist auch Bundesbankpräsident Karl Klasen alarmiert. Am Rande einer Sitzung der Notenbank-Gouverneure in Basel wird er am 11./12. Februar 1974 von ausländischen Kollegen auf den voluminösen Herstatt-Devisenhandel angesprochen. Klasen informiert das Aufsichtsamt.
Genau vier Wochen später warnt Klasen öffentlich. In seiner Rede auf dem Deutschen Bankentag mahnt er, hei Devisenspekulationen vorsichtiger zu sein. Nach der Rede fragt ein Beamter des BAK den nachdenklichen Herstatt, wen Klasen wohl gemeint habe. Iwan Herstatt zeigt sich ahnungslos und tut verblüfft, als der Beamte ihm eröffnet, nur er, Herstatt, sei von Klasen ins Visier genommen worden. Der Bankier sagt schließlich zu, die Probleme im Aufsichtsamt zu erörtern.
Die endgültige Bestätigung aller Gerüchte über Herstatts Devisenroulette hätte das BAK schließlich im Prüfungsbericht der Karoli-Wirtschaftsprüfung GmbH nachlesen können -- wäre er beizeiten abgeschickt worden.
Dieser Bericht -- datiert vom 11. März 1974, mit dem uneingeschränkten Bestätigungsvermerk für den Jahresabschluß 1973 -- geht bei der Berliner Aufsichtsbehörde am 18. Juni, zusammen mit Schreiben der Herstatt Bank vom 11. Juni, ein. Die LZB Hauptstelle Köln muß ihr Exemplar erst anmahnen, sie erhält es am 19. Juni.
Obwohl das Aufsichtsamt den Wirtschaftsprüfer eigens angewiesen hat, besonders Herstatts Devisenhandel zu untersuchen, also offensichtlich eine kritische Entwicklung zumindest nicht für ausgeschlossen hielt, vergehen drei Monate, ehe das vorliegende Ergebnis von Karoli zum Reichpietschufer in Berlin kommt. Die Aufsichtsbeamten haben nicht nachgefragt, Wirtschaftsprüfer Christoph hat sie nicht vorab unterrichtet.
Christoph ist auf den Kern des Herstatt-Desasters gestoßen, als er die unterlassenen Buchungen entdeckt. Er läßt auf alte Rechnung nachbuchen, dabei ergibt sich per 31. 12. 73 die gewaltige Nettoposition von 711 Millionen US-Dollar, das 28fache des von Herstatt gesetzten Limits, das 23fache des haftenden Eigenkapitals. Doch im Prüfungsbericht verharmlost Christoph: "Gegenüber der offenen Plusposition am 31. 12. 73 von US-Dollar 711,3 Mio hatte die Bank am 8. 2. 74 eine Devisenterminposition von plus US-Dollar 679,3 Mio. und eine Gesamtminusposition in der Kasse von US-Dollar 599,0 Mio. so daß der Saldo noch plus US-Dollar 80,3 Mio. betrug."
Obwohl auch diese 80 Millionen ja weit über Herstatts angeblichem Limit liegen und obwohl Dany Dattel im März bereits schwere Verluste in Kauf nehmen muß, sieht der Prüfer keine Anhaltspunkte, die auf eine "Schieflage der Bank schließen lassen". Er stellt einen "erheblichen Gewinnsaldo" fest. "Rückstellungen für drohende Verluste waren deshalb nicht erforderlich."
Auskünfte erhält Christoph vor allem von der Geschäftsleitung. Er sieht keine Veranlassung, den Hauptaktionär Gerling auf die absurd hohen Risikopositionen seiner Bank aufmerksam zu machen.
So geht Gerling dann zusammen mit seinem Finanzchef Anton Weiler offenbar ahnungslos in die gemeinsame Sitzung des Verwaltungsrates und des Aufsichtsrates am 19, März 1974, wo Iwan Herstatt Routinearbeit leistet: ein paar Zahlen aus jedem Bereich der Bank, spärliche Erläuterungen -- die dürftige Art von Bericht also, die Banken üblicherweise der Presse präsentieren.
Als Herstatt dann wirklich etwas Wichtiges sagt, geht es im Zahlenbrei unter. Der Bankier weist auf den stolzen Jahresüberschuß von 10,03 Millionen Mark hin (plus 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Und dann deutet er ganz vorsichtig an, wie es wirklich um sein Haus steht:
"Dies erfreuliche Ergebnis darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß es ausschließlich im außerordentlichen Geschäft durch taktisch richtige Maßnahmen bei Einschätzung der Entwicklung der Devisenmärkte erzielt wurde."
Selten ist massive Spekulation so elegant umschrieben worden. Zugleich jedoch zeigt Herstatt, daß er die gefährliche Lage erkannt hat. Von den Erträgen im ordentlichen Geschäft (Zinsen und Provisionen) kann Herstatt Köln nicht mehr existieren. Der Bank-Chef verspricht verstärkte Bemühungen um ein positives Betriebsergebnis, "weil die Beurteilung der Bank durch Dritte allein hiervon abhängt".
Hans Gerling hätte aufhorchen müssen. Aber er faßt, ebenso wie sein Finanzchef Anton Weiler, nicht hart genug nach. Herstatt und von der Goltz verschweigen einmal mehr -- und diesmal in einem entscheidenden Augenblick -- die Erkenntnise, die ihnen ihre Hausrevision vermittelt hat.
Verwaltungsrat und Aufsichtsrat haben keine Einwendungen gegen den Geschäftsbericht und Herstatts Erläuterungen. Einstimmig beschließen sie: "Die Geschäftsleitung hat den Aufsichtsrat regelmäßig über Lage und Entwicklung der Bank sowie über Geschäftsvorfälle von besonderer Bedeutung unterrichtet."
Inzwischen stehen Herstatts Devisenhändler längst mit dem Rücken an der Wand. Die Spekulation auf einen im Gefolge der Ölkrise unaufhaltsam steigenden Dollar ist nicht aufgegangen. Seit der vierten Januar-Woche (1 US-Dollar gleich 2,85 Mark) fällt der Kurs wieder.
Und Dattel findet keine Partner mehr, um die gefährlich hohe Plusposition abzubauen. Er bittet Herstatt und von der Goltz, zu reisen und neue Kontakte anzuknüpfen. Vergeblich.
Am 18. 3. 74 -- also einen Tag vor der Bilanzsitzung des Verwaltungs- und des Aufsichtsrates -- ist das Gesamtergebnis des Devisenhandels negativ: minus 250 Millionen Mark.
Die Kenntnis der Geschäftsleitung ist aktenkundig.
Die Verluste sind von nun an nicht mehr zu übersehen. Selbst für Iwan Herstatt nicht, der am 27. Juni erklären wird, daß er bis zum 10. Juni keine Kenntnis von Verlusten aus Devisentermingeschäften hatte.
Denn am 22. 4. 1974 legt der Leiter der bankinternen Revisionsabteilung dem persönlich haftenden Gesellschafter Iwan Herstatt und dem Generalbevollmächtigten von der Goltz eine eindeutige Rechnung vor: Per 11. April ergibt sich aus dem Devisenhandel ein Verlust in der Kasse von 394,7 Millionen Mark. der durch zu erwartende Termingewinne in Höhe von 200 Millionen nur zur Hälfte ausgeglichen werden kann.
Graf Goltz zeichnet diesen Vermerk ab. Damit ist die Kenntnis der Geschäftsleitung aktenkundig: 22. April 1974.
Viel später wird Graf Goltz hierzu aussagen: Er habe per 16. 4. 1974 von dem Leiter der Auslandsabteilung, Direktor Hedderich, eine neue Bewertung aufstellen lassen, die per Saldo einen Gewinn von 4 Millionen Mark ergeben habe.
Hausrevisor Laaff weiß nichts von dieser Rechnung. Im Experten-Bericht für den Abwickler heißt es lakonisch: "Die von Herrn Hedderich aufgestellte Bewertung konnte nicht vorgelegt werden."
Am 25. April sitzt Iwan Herstatt im Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen. Er legt dem mißtrauisch gewordenen Regierungsdirektor Stauch eine frisierte Positionsmeldung vor: Seine Devisenhändler haben durch kurzfristige Abschlüsse das Risiko der Bank im Devisenhandel, die sogenannte Nettoposition*, optisch verkleinert -- für einen Tag.
Herstatt zu Stauch: "Wir haben im April schon die Dividende für das ganze Jahr verdient." Der Beamte mahnt Herstatt, "mehr Fett anzusetzen", die Reserven zu verstärken.
Anfang Mai werden Gerling und Weiler -- von mehreren Bankern auf die gefährliche Situation in der Herstatt-Bank angesprochen -- nervös. Weiler bespricht sich mit dem Konzernchef, schreibt dann unter dem Datum 17. Mai an Herstatt und bittet um Auskunft über die Situation des Devisenhandels.
Herstatt leitet den Brief "zuständigkeitshalber" an Graf von der Goltz weiter, der wenige Tage später bereits seinen Bericht abliefert. Daraufhin beruhigt Herstatt seinen Verwaltungsrat. Das Geschäft laufe normal, der Devisenhandel werfe einen Gewinn von voraussichtlich vier Millionen Mark ab.
Später, am 1. Juli, schreibt Iwan Herstatt an den Staatsanwalt: "Der Bericht von Graf von der Goltz basiert nicht nur auf dem letzten Prüfungsergebnis des Herrn Hedderich per 16. April 1974, sondern auf zusätzlichen Erklärungen des Herrn Dattel, daß sich
* Die Nettoposition ergibt sich als Saldo aller Käufe und Verkäufe auf einer einheitlichen Basis (Dollar). Sie stellt das eigentliche Risiko im Devisenhandel dar, weil in dieser Höhe Devisenkontrakte geschlossen wurden, die nicht durch entsprechende Gegengeschäfte gesichert sind.
seit dem Stichtag 16. April 1974 der Gewinn nicht geändert hätte."
Von diesen vier Millionen Gewinn, die Herstatt Weiler präsentiert, weiß Dattel jedoch nichts. Er kennt auch den Stichtag 16. April nicht -- ebensowenig wie Revisor Laaff.
Nach der Darstellung Dany Dattels geht es dann folgendermaßen weiter: Eines Morgens Ende Mai, als feststeht, daß die Bank 150 Millionen Mindestreserve nicht aufbringen kann, kommen Herstatt und Graf von der Goltz in den Devisenhändler-Raum. Sie nehmen Dany Dattel beiseite. Herstatt fragt ihn: "Wann kommt denn wieder etwas rein?"
Auf dieser Stehkonferenz erläutert Dattel bekannte Tatsachen: daß die Bank Verluste mache; bis zum Jahresende ließen sich nach Dattels Ansicht diese Verluste auf rund 100 Millionen herunterdrücken -- aber nur, wenn sich der Dollar wieder positiv entwickle.
Ein paar Tage später, Montag, 10. Juni, findet eine ähnliche Diskussion im Arbeitszimmer des Generalbevollmächtigten statt. Chef-Devisenhändler Dattel wiederholt seinen Standpunkt.
Im Gegensatz zu Dattels Darstellung behaupten Herstatt und von der Goltz heute, den Verlust in Höhe von 100 Millionen habe Herr Hedderich entdeckt, als er in ihrem Auftrag die Ertragslage per 31. Mai untersucht habe.
An diesem 10. Juni nimmt Iwan Herstatt an einer Aufsichtsratssitzung im Hause Henkell in Wiesbaden teil. Graf Goltz ruft ihn dort an und teilt ihm das Ergebnis der Diskussion in der Bank mit.
Im schwarzen Koffer: Wertpapiere für 70 Millionen Mark.
Herstatt kehrt nach Köln zurück. Goltz und Hedderich haben inzwischen die angeblichen 100 Millionen Verlust im Devisengeschäft auf 64 heruntergerechnet, indem sie Gewinne aus schwebenden Goldgeschäften mit einbeziehen.
Am Mittwoch, 12. Juni, zieht Iwan Herstatt mit diesem Ergebnis zu Konzern-Chef Gerling. Der erklärt sich bereit, für den Verlust aufzukommen. Nach der Rückkehr aus dem Konzern sagt Herstatt zu seinen Mitarbeitern: "Jetzt habe ich aber meine Prügel gekriegt."
Am Freitag, 14. Juni, sitzt Devisenhändler Dattel bei Freunden, um sich ein Spiel der Fullball-Weltmeisterschaft anzusehen. Er ruft von dort Direktor Hedderich an, nachdem er von seiner Frau hörte, daß der Chef der Auslandsabteilung ihn suche. Hedderich bittet ihn im Auftrag des Grafen Goltz für den nächsten Tag zu einer Sondersitzung in die Bank.
Später am Abend ruft ein offenbar besorgter Graf Goltz bei Dattel an, um zu erkunden, ob der Verlust nicht doch ein wenig kleiner gehalten werden könne. Dattel bedeutet ihm seiner eigenen Schilderung zufolge: "Graf Goltz, Sie wissen so gut wie ich: Wenn der Dollar nicht wieder steigt, dann bleiben wir bei den 400 bis 500 Millionen Verlust zum Jahresende."
An dem gleichen Freitag geht von der LZB-Hauptstelle Köln ein Schreiben an die Herstatt-Bank ab:
"Sehr geehrte Herren! Bei Durchsicht Ihrer Monatsausweise fällt auf, daß die täglich fälligen Forderungen an ausländische Kreditinstitute im April d. 1. um 283 auf 589 und im Mai d. J. weiter um 257 auf 846 Millionen Mark angestiegen sind; sie erreichen damit gut ein Drittel der Bilanzsumme ..." Die LZB bittet um Erläuterung des ungewöhnlich hohen Anstiegs.
Wie zuvor Wirtschaftsprüfer Christoph ist auch die Aufsichtsbehörde dem Kern der Herstatt-Affäre nahegekommen. Doch das Bundesaufsichtsamt in Berlin glaubt, Herstatt Luxemburg sei in Schwierigkeiten und brauche Geld. Regierungsdirektor Stauch ruft ebenfalls am 14. Juni Iwan Herstatt an und mahnt ihn, der Herstatt-Bank Luxemburg mehr Liquidität zuzuführen.
Daraufhin läßt Herstatt wenige Tage vor der Schließung seiner Kölner Bank in einem schwarzen Koffer aus Luxemburg Wertpapiere im Werte von 70 Millionen Mark abholen. Die Papiere werden teilweise verkauft. Der volle Gegenwert in Höhe von 70 Millionen Mark wird der Herstatt Bank Luxemburg am 18. 6. 74 überwiesen -- auf ein Konto bei Herstatt Köln.
Dann geht alles sehr schnell, innerhalb weniger Minuten.
Dabei geht es in Wahrheit nicht um Liquiditätsprobleme bei Herstatt Luxemburg. Vielmehr verbergen sich hinter der unverfänglichen Rubrik "Forderungen an ausländische Kreditinstitute" die hohen Verluste. die Herstatt Köln über Pseudo-Devisengeschäfte in Forderungen an Herstatt Luxemburg verwandelt hat.
Am Sonntagvormittag, 16. Juni, findet im Gerling-Konzern -- nach einem weiteren Sonnabend-Gespräch in der Bank -- eine neue Konferenz statt. Teilnehmer: vom Konzern die Herren Weiler, Frotz, Hoffmann; von der Bank die Herren Herstatt, von der Goltz, Hedderich, Dattel.
Hier wird zum erstenmal über einen Verlust in Höhe von 470 Millionen Mark diskutiert -- ruhig, nüchtern, ohne Kritik an irgend jemand.
Dattel hält die Situation nicht für aussichtslos. Die Bank brauche eine Liquiditätsspritze und neue Partner, dann könnte das Vertrauen wiederhergestellt werden.
Am nächsten Tag trifft sich die gleiche Runde noch einmal in der Bank. Weiler erklärt, er arbeite an einem Rettungsplan für das Bankhaus. Er fragt, ob die Verluste von 470 bis 520 Millionen nun alles seien.
Gerling will einspringen. Am Abend ruft -- so Dattel -- Graf Goltz den Chef-Devisenhändler an. Herr Gerling lasse ausrichten: Er bezahlt alles, nicht verzagen, Ärmel hochkrempeln, weitermachen.
"Wir haben jetzt einen Finanzierungsplan für Herstatt", erklärt Frotz vom Gerling-Konzern bei einer neuen Sitzung am nächsten Sonntag, 23. Juni. "Damit wollen wir zunächst zu Bundesbankpräsident Klasen."
Hedderich kommt auf die Idee, es sollte doch jemand von der Bank mitfahren. Die Runde einigt sich auf Iwan Herstatt. Da dieser jedoch am Dienstag -- dem vorgesehenen Termin -- an einem Banker-Treffen teilnimmt, wird beschlossen, Klasen am Mittwoch aufzusuchen.
Aber Iwan Herstatt wird gar nicht gebraucht. Am gleichen Tage ist bereits Gerlings Finanzchef Weiler mit einem Freund des Hauses, Otto Wolff von Amerongen, nach Hamburg unterwegs, um mit Karl Klasen Möglichkeiten zur Rettung der Bank zu erörtern.
Am Nachmittag geht Weiler dann zur LZB Düsseldorf beichten. LZB-Präsident Ernst Fessler ruft den Präsidenten des Bundesaufsichtsamtes in Berlin, Günter Dürre, an. Beide Herren sind bereits von Bundesbankpräsident Klasen informiert.
Die Bank-Kontrolleure verabreden für den nächsten Tag eine Konferenz mit Gerling im Bonner Hotel Königshof. Gerling bietet dort an, den bis dahin bekannten Verlust der Bank zu übernehmen.
Aufsichts-Präside Günter Dürre verlangt von Gerling Sicherheiten oder Bürgen. Es taucht eine Reihe offener Fragen auf: Wer sagt, daß Gerling wirklich so viel wert ist? Wie soll -- wenn Gerlings Angebot akzeptiert wird -- die Verlustübernahme bilanziert werden -- einfach als Forderung gegen Gerling? Soll der Betrag verzinst werden? Wie soll die Tilgung aussehen?
Die Bankenaufsicht überläßt es Gerling, nach Bürgen zu suchen. Dessen Wahl fällt zunächst auf seinen Duzfreund "Francesco", den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Franz Heinrich Ulrich.
Ulrich möchte indes, als er am Dienstag in der Bundesbank mit Gerling verhandelt, das Risiko nicht allein tragen: Die halbe Milliarde Mark, die der Konzernchef zur Rettung der Bank zur Verfügung stellen und in 20 Jahren zurückzahlen will, sollten mehrere Institute aufbringen.
So verhandeln am Mittwochvormittag, 26. Juni, in Frankfurt -- wiederum in einem Saal der Bundesbank -- die Vertreter der drei Großbanken mit Gerling und Anton Weiler: Ulrich, Paul Lichtenberg (Commerzbank) und Cai Graf zu Rantzau (Dresdner). Bundesbankpräsident Klasen ist dabei, Iwan Herstatt nicht.
Am Nachmittag resümieren die Großbanker noch einmal in Anwesenheit des Aufsichtsamt-Präsidenten Dürre. Die Banker verlangen Sicherheiten von Gerling (Ulrich:" Hans, dann mußt du mir Aktien verpfänden"). Und vor allem wollen sie verbindlich wissen, wie hoch die Verluste schließlich seien. Mit beidem kann Gerling nicht dienen.
"Was soll Ihnen schon passieren?"
Dann geht alles sehr schnell, innerhalb von Minuten: Gerling zieht sein Angebot zurück. Dürre sieht nur eine Konsequenz: Die Bank muß sofort geschlossen werden.
Dürres Regierungsdirektor Stauch unterrichtet Iwan Herstatt telephonisch, daß sein Haus geschlossen wird und ein entsprechendes Fernschreiben folgen wird. Herstatt wartet das Fernschreiben nicht ab und verläßt wortlos die Bank.
Das Telex wird um 16.15 Uhr aus Berlin abgesandt. In der Herstatt-Devisenhandelsabteilung wird noch gearbeitet, als der Fernschreiber in Dattels Rücken die Eilmeldung mit lautem Klingeln ankündigt. Einer von Dattels Kollegen geht zum Fernschreiber, beginnt zu lesen und sagt zunächst nur: "Ach du Scheiße."
In dem Fernschreiben des Aufsichtsamtes, unterzeichnet von Präsident Dürre, wird Herstatt die Erlaubnis zum Betreiben von Bankgeschäften entzogen, der sofortige Schalterschluß und die Abwicklung der Gesellschaft verfügt.
Nicht nur Tausende von kleinen Sparern fühlen sich geprellt (Herstatt führte rund 36 000 Sparkonten). Die Badische Kommunale Landesbank hat noch einen Tag vor Schließung der Herstatt-Bank 20 Millionen Mark als Tagesgeld anvertraut. Die Stadt Köln fürchtet um 190 Millionen.
Banken in Übersee sind verärgert und drohen mit Konsequenzen für die bundesdeutsche Finanzwelt. Zahlreiche Geschäfte von Herstatt Köln mit US-Banken sind wegen des Zeitunterschiedes durchgeschnitten worden: Die Amerikaner haben ihren Teil der Geschäfte bereits erfüllt, erhalten jedoch keine Gegenleistungen mehr. Einige Banken gehen vor Gericht.
Herstatt Luxemburg wird drei Tage später geschlossen. Alle wichtigen Unterlagen über die Geschäfte des Luxemburger Instituts, das von Köln aus gesteuert wurde, werden erst nach der Schließung von Herstatt Köln nach Luxemburg gebracht. Ein Direktor der Bank, der in einer Maschine des Gerling-Konzerns mitfliegt, liefert die Dokumente ab.
Die 70 Millionen Mark, die Herstatt Luxemburg aus dem "Koffergeschäft" des Iwan Herstatt zustehen, sind Teil der Vergleichsmasse in Köln. Die Summe würde ausreichen, das Luxemburger Institut ohne Verlust abzuwickeln.
In Köln werden am Freitag, 28. Juni, Iwan Herstatt und Graf Goltz im Hause Unter Sachsenhausen 6 vom Staatsanwalt vernommen. Als Iwan Herstatt, nervös und deprimiert, vom Staatsanwalt kommt, sucht er seinen Chef-Devisenhändler Dattel zu überreden, die Schuld allein auf sich zu nehmen.
Herstatt -- laut Dattel -- zu Dattel: "Wenn Sie sagen, Goltz und ich hätten von den großen Devisengeschäften gewußt, dann kommt es zum Konkurs." Wenig später verteilt der gescheiterte Bankier im Devisenhändlerraum ein Papier, auf dem seine Version aufgezeichnet ist. Dattel protestiert, vor mehreren Zeugen. Darauf Herstatt: "Was soll Ihnen schon passieren?"
"Ich hätte viel mehr an meine Familie denken müssen."
Dattel und die übrigen Devisenhändler werden entlassen. Der Abwickler Karl Friedrich Woeste von der Deutschen Bank verklagt mehrere Händler auf 12,5 Millionen Mark Schadenersatz, weil sie vorsätzlich Verluste gemacht hätten. Dattels Goldmünzen -- Krüger-Rand -- im Safe der Bank und sein bei Herstatt liegendes Festgeld werden mit Arresten belegt.
Auch für Wirtschaftsprüfer Walter Reiss, Herstatt-Vergleichsverwalter, scheint die Schuldfrage geklärt. Er verzichtet darauf, Dattel zu befragen, und verläßt sich auf die Hilfe des Grafen von der Goltz, dessen Rolle bei den Spekulationen kaum weniger dubios ist. Gegen Fortzahlung seines Gehalts arbeitet der Graf an der Aufklärung des Geschehens im Hause Herstatt mit und erhält so Zugang zu allen Akten.
Auch die früheren Herstatt-Direktoren Hedderich und Wickel sowie Revisor Laaff stehen dem Vergleichsverwalter zur Verfügung. Die beiden Direktoren hatten einst kräftig mitspekuliert.
Währenddessen sucht die Kölner Staatsanwaltschaft die Rolle zu klären, die Hedderich, Wickel, Graf Goltz, Herstatt und Dattel im Wirtschaftskrimi Herstatt spielten. Sie ermittelt wegen Verdachis des Betruges und des Konkursvergehens. Staatsanwalt Manfred Willems sieht noch kein Ende seiner Ermittlungen. Ein dreiviertel Jahr nach Schließung der Bank hat er mit wichtigen Zeugen des Geschehens -- so etwa Wirtschaftsprüfer Christoph -- noch nicht gesprochen.
Und den bedeutsamen Komplex der Herstatt-Geschäfte mit dem Ausland hat der Staatsanwalt noch nicht vor Ort geprüft. Gespräche mit der Luxemburger Bankaufsicht fanden bislang nicht statt. Laut Willems, weil die Luxemburger Beamten mauern, laut Albert Dondelinger, Chef des Aufsichtsamtes, weil zu seinem Erstaunen kein Kölner Ermittler bei ihm vorgesprochen habe.
Wer immer recht hat sicher scheint, daß Staatsanwalt Willems frühestens Ende 1975, also volle anderthalb Jahre nach der Pleite, seine Ermittlungen abgeschlossen haben wird. Derzeit beschäftigen sich die Kölner Ermittler mit der Analyse der letzten 80 000 Devisen-Termingeschäfte, die von Dattel und seiner Mannschaft geschlossen worden waren.
Die Untersuchung wird zusätzlich durch eine -- beabsichtigte oder fahrlässige -- Schlamperei der Devisenhändler erschwert: Entgegen allen Bankusancen war auf den Händlerzetteln das Datum des Geschäftsabschlusses nicht notiert, so daß eine zeitliche und sachliche Verknüpfung der Transaktionen kaum möglich ist.
Schwierigkeiten dieser Art möchte die Bankenaufsicht für die Zukunft vorbeugen. Die Berliner Behörde verlangt seit Beginn dieses Jahres, daß auf vornumerierten Händlerzetteln stets auch das Datum des Geschäftsabschlusses notiert wird.
Sehr genau prüfen die Bankenaufseher auch die monatlichen Meldungen, mit denen die Institute seit kurzem ihre Risiken im Devisenhandel -- für jeden einzelnen Geschäftstag, unterteilt nach Währungen -- darlegen müssen. Eine offene Position von mehr als 30 Prozent des haftenden Kapitals ist für das Aufsichtsamt Anlaß zum Eingreifen.
Die vier Herstatt- Hauptakteure wollen inzwischen nichts mehr voneinander wissen. Bank-Besitzer Gerling verschuldete sich inzwischen so hoch, daß er 51 Prozent seiner Versicherungsgruppe verkaufen, den Rest verpfänden mußte. Der einst absolute Herrscher über den drittgrößten westdeutschen Versicherungskonzern wurde in eine Nebenrolle gedrängt. Herren im Hause Gerling sind die Topmanager der Zürich-Versicherungsgruppe.
Bernhard Graf von der Goltz, bis zum Tag der Pleite Dattels Vorgesetzter und bis Ende Januar 1975 Helfer von Vergleichsverwalter Reiss, zog sich aus dem Kölner Klüngel zurück. Nach einem längeren Urlaub in Südamerika trat er Anfang letzter Woche einen neuen Job an: Er wurde Topmanager bei der Varta AG, einer Holding des Quandt-Konzerns. Der Großindustrielle, der einst fünf Prozent des Herstatt-Kapitals besaß, beschäftigt bereits den Bruder des glücklosen Bankiers, Hans Graf von der Goltz, als seine rechte Hand.
Derweil wartet Dany Dattel ab. Vorvergangene Woche bescheinigte ihm das Arbeitsgericht Köln, daß die fristlose Kündigung vom Juli letzten Jahres unwirksam war. Die Richter monierten, daß -- obwohl Dattel kein leitender Angestellter war -- Abwickler Woeste zuvor nicht den Betriebsrat gehört hatte.
Dattel baut darauf, daß die Arreste auf sein Vermögen von mindestens vier Millionen Mark aufgehoben werden. Dann will er Steuern zahlen und sich in Ruhe nach einem neuen Job umsehen. Einstweilen bedauert er nur, "daß ich mich zum Fachidioten habe machen lassen. Ich hätte viel mehr an meine Familie denken müssen".
Trostlos sieht es für Iwan Herstatt aus, Namensgeber, Kleinaktionär und persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses. Sollte er nicht über bislang unbekannte Reserven verfügen, so muß der einst lebensfrohe Bankier sich auf triste Zeiten gefaßt machen. Schon mußte er das Eigentum an seinem Haus abtreten. Wegen Steuerschulden von 900 000 Mark pfändete der Gerichtsvollzieher sein Mobiliar. "Ganze 3000 Mark" im Monat überweist ihm Vergleichsverwalter Reiss, damit der Ex-Bankier sich für Auskünfte bereithält.
Auf seine Bank, "praktisch mein Lebenswerk", will er noch immer nichts kommen lassen: "Eine reine Spielbank war sie nicht." Ende

DER SPIEGEL 15/1975
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