31.03.1975

BRANCHENTöter als tot

Westdeutschlands Druckmaschinenhersteller -- weltweit die größten des Gewerbes -- geraten unter Druck.
Die ersten Symptome des bevorstehenden Schwächeanfalls zeigten sich im Spätsommer: "August schlecht, na gut, war Ferienmonat", erinnert sich Wolfgang Zimmermann, Vorstandsmitglied der Heidelberger Druckmaschinen AG, seiner ersten Fehldiagnose, "September weiter mies, es läuft halt schlecht an. Im Oktober kam das große Erwachen."
Wachgerüttelt wurde eine Branche, die jahrelang mit langen Lieferzeiten und ansehnlichen Spannen verwöhnt wurde. Die deutsche Druckmaschinenindustrie, mit ihren rund 117 000 Beschäftigten Nummer eins in der Welt, geriet unversehens in eine existenzgefährdende Flaute.
"Alle sind am Schnaufen und gehen auf dem Zahnfleisch", findet etwa Rolf Seißer, Geschäftsführer der Fachgemeinschaft Druckmaschinen. Im ungewohnten Krisenmanagement übt sich derweil der Vorstandssprecher des zweitgrößten Herstellers, Roland Offset AG in Offenbach, Rudolf Thiels und erlebt dabei "ein völlig neues Gefühl".
Schon zur Jahreswende waren die Auftragspolster ausgedünnt. Der Orderbestand ging um 15 Prozent, der Auftragseingang deutscher Abnehmer gar um fast die Hälfte zurück Töter als tot" lautet Seißers Diagnose für den deutschen Markt.
Innerhalb weniger Monate feuerte Roland -- in Krisenzeiten für die Offenbacher Wirtschaft bislang "ein Fels in der Brandung" (so Friederich Feldhausen, Leiter des Arbeitsamtes) -- 500 Arbeitnehmer und verordnete den Verbliebenen wochenlang Kurzarbeit.
"Dreimal nach unten gerechnet", so Thiels" wurden bei Roland die Geschäftserwartungen für das laufende Jahr. Branchenkenner rechnen bei dem Offset-Riesen mit einem Umsatzminus von 30 Prozent. "Gefangene haben es besser als Roland-Arbeiter", agitieren Linke vor den Werkstoren, denn "sie wissen, wann sie entlassen werden."
Überlange Weihnachtsferien mußten die fast 7000 Heidelberger Druckmaschinenbauer einlegen, die auch nach Ostern die Montagebänder einige Tage länger ruhen lassen müssen. Die Druckmaschinen-Aktiengesellschaft Albert-Frankenthal, 1933 schon mal pleite und von den Belegschaftsmitgliedern in Eigeninitiative und durch Lohnverzicht gerettet, baute ihre Stammbesetzung von 1900 auf rund 1600 ab.
Auf bessere Zeiten können Beschäftigte und Manager einstweilen nicht hoffen. Zwar registrieren die Hersteller, daß in den letzten Wochen, stimuliert durch die Investitionszulage und sinkende Zinsen, die Verkaufsgespräche wieder flotter anlaufen. Doch das Geschäft mit dem Ausland blieb flau -und gerade das ernährt die Branche.
Über 80 Prozent der Produktion, und das seit Jahren, werden jenseits der Grenzen abgesetzt. Jahr für Jahr exportierte die deutsche Druckmaschinenindustrie ebensoviel wie die fünf Hauptkonkurrenten USA, Großbritannien, Schweiz, Italien und Frankreich zusammen, vor allem in die USA, nach Frankreich und Japan. Genau diese Hauptkunden aber sind auf die Maschinen aus Westdeutschland nicht mehr scharf, sei es wegen der Rezession im eigenen Land oder weil sie sich eingedeckt haben.
In den USA, Frankreich, Großbritannien und Italien drücken Zahlungsbilanzschwierigkeiten die Importe. So versucht der amerikanische Generalhändler der Roland AG aus seinem Vertrag herauszukommen, mit dem er sich verpflichtete, 40 Prozent des im Vorjahr erzielten US-Exports den Offenbachern unbesehen abzunehmen. "Aus allen Ecken kommen Hiobsbotschaften", registriert Verbandschef Seißer. Spanien, das mit seiner hochentwickelten Druckindustrie guter Kunde deutscher Hersteller war, erschwerte die Importe von Investitionsgütern, Brasilien strich die Zollvergünstigung von 30 bis 40 Prozent auch für Druckmaschinen.
Neue Abnehmer sieht die Industrie erst in ferner Zukunft. Zwar lieferte Heidelberg 85 Maschinen nach Rotchina und steigerte den Export in Opec-Länder um 300 Prozent. Doch fragt sich Vorstand Zimmermann -- bislang vergeblich -, "was sollen Nomaden mit Druckmaschinen?"
Westdeutschlands Druckereien können den Exportausfall nicht wettmachen. Die rund 10 000 Betriebe, darunter 6000 Kleinfirmen, sind schlecht beschäftigt und entließen im letzten Jahr etwa 9000 Facharbeiter und Angestellte. Allenfalls Rationalisierungsinvestitionen fallen für die Maschinenhersteller ab, vielleicht auch etliche wegen Bonns Investitionszulage vorgezogene Aufträge. Aber "das schmiert das Loch jetzt nur zu und reißt später wieder auf", befürchtet ein Hersteller. Zudem registrieren die Fabrikanten besorgt einen wachsenden Handel mit gebrauchten Maschinen, eine Folge der Pleitewelle im Druckgewerbe.
Mit Zukunftsprognosen macht derweil Seißer seinen gebeutelten Mitgliederfirmen Hoffnung. Unverdrossen erinnert er daran, daß es "schon in den 30er Jahren häßlichere Zeiten" zu bestehen galt. Er hofft auf die Bildungswelle in der Dritten Welt. Selbst in der Bundesrepublik liege der Verbrauch an größtenteils bedruckter Pappe und an solchem Papier bei nur 129 Kilo pro Kopf gegenüber 279 Kilo in den USA. Im Weltdurchschnitt würden sogar nur 38 Kilo verbraucht.
Doch auf den Termin der Zeitenwende mag sich auch Seißer nicht festlegen. Er weiß nur: "Gegenwärtige Lage noch Zero."

DER SPIEGEL 14/1975
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