31.03.1975

Gespielt, getäuscht, gemogelt

Um Risiken und Verluste zu verschleiern, war den Herstatt-Managern fast jeder Trick recht. Wider alle Regeln des Gewerbes manipulierten sie die Jahresbilanz und frisierten durch komplizierte Dreiecksgeschäfte ihren Finanzstatus so zurecht, daß Wirtschaftsprüfer und staatliche Kontrolleure nur schwer Verdächtiges fanden.
Die Devisenhändler sind immer die ersten, die fristlos gefeuert werden, wenn größere Spekulationsverluste einer Bank publik werden. Das war 1974 bei der Schweizerischen Bankgesellschaft so, bei der Banque de Bruxelles und auch bei der Westdeutschen Landesbank, die 1973 durch einen "Betriebsunfall" (Bank-Chef Ludwig Poullain) im Devisenhandel 270 Millionen Mark verlor.
In der Kölner Herstatt-Bank wurden im Sommer 1974 die sieben Devisen-Händler binnen weniger Tage aus ihren Verträgen mit der fallierten Bank entlassen, der Chef-Devisenhändler fristlos. Die Öffentlichkeit bekam den -- eigentlichen oder vermeintlichen -- Hauptschuldigen präsentiert: Dany Dattel.
Herstatt-Großaktionär Hans Gerling sprach bereits am 5. August 1974 aus
* Tischrunde von links: Händler Röhrig, Sekretärin Schreiner, Händler Roth, Dattel, Winkler, Schnock, Mansky, Daendliker.
(SPIEGEL 32/1974), was allen Beteiligten am günstigsten und Außenstehenden plausibel schien: Dany Dattel habe die Bank ruiniert. Wenn der Chef-Devisenhändler -- so Gerling -- die "Zettel" über die getätigten Geschäfte unterschlägt, "dann gibt es kein Mittel, den Betrug zu verhindern".
Gerlings Zetteltheorie, die auch Graf von der Goltz und Iwan Herstatt unterstützen, hat ihre Lücken. Der Haupteinwand: Bei den Notizen auf den "Zetteln" ging es immer um zweiseitige Geschäfte, das heißt, es gab Partner -- andere Banken -, die diese Geschäfte selbst verbuchten und bestätigten.
Im Devisenhandel des Bankhauses Herstatt, der "Station Orion" (Herstatt-Jargon), arbeiteten neben Chef-Devisenhändler Dattel sechs Händler. Hinzu kamen sechs Arbeitskräfte für die Devisenabwicklung und andere nachfolgende Bürotätigkeiten. Verantwortlicher Direktor war der Leiter der Auslandsabteilung, Heinz Hedderich; dessen unmittelbarer Vorgesetzter war der Generalbevollmächtigte Bernhard Graf von der Goltz, der auch für den Geldhandel zuständig war.
Dattel stieg Anfang 1974 zum stellvertretenden Direktor auf. An Sitzungen des Managements nahm er kaum teil. ebensowenig an den täglichen Frühkonferenzen (Postbesprechungen). Dattel selbst sah sich als "Titulardirektor" ohne entscheidende Kompetenzen.
Der Chef-Devisenhändler und seine Mitarbeiter notierten noch während des Telephongespräches mit ihrem jeweiligen Partner in den anderen Banken auf Vordrucken, Händlerzettel genannt. die Bedingungen des Geschäftes, also etwa den Verkauf einer halben Million US-Dollar an die Moscow Narodny Bank zu einem bestimmten Kurs und einem bestimmten Termin.
Die Händlerzettel waren die Grundlage für maschinen-geschriebene Bestätigungen und die Verbuchung der Geschäfte. Wollte ein Devisenhändler auf eigene Faust bestimmte Geschäfte verheimlichen, so mußte er die Zettel beseitigen, ehe die Bestätigungen geschrieben und die Kontrakte vom Computer erfaßt waren.
Überdies mußte er beizeiten die Bestätigung der Partner abfangen. Denn seine Manipulation würde spätestens dann auffallen, wenn die Gegenseite ihren Teil des Handels bestätigt.
Die Herstatt-Devisengeschäfte wurden täglich zusammengestellt, getrennt in Kassa- und Termingeschäfte. In den Terminlisten wurden die über den Computer gebuchten Terminabschlüsse erfaßt, wobei für jeden Fälligkeitstag die gehandelten Gesamtbeträge in den einzelnen Währungen (Dollar, Gulden, Pfund, Franken) und die Durchschnittskurse aufgeführt wurden.
Als erste wurden die Russen ungeduldig.
Diese Liste wies also zumindest theoretisch -- Tag für Tag das gesamte Termin-Engagement der Bank aus, das mit den Händlerzetteln in den Computer gegeben worden war. Überdies konnten aus dieser Aufstellung -- wie eine Expertenkommission in ihrem Bericht für Herstatt-Abwickler Karl Friedrich Woeste schrieb -- "ohne große Schwierigkeiten die jeweiligen Nettopositionen errechnet werden".
Das ist bedeutsam, denn nur die Nettoposition bestimmt das Risiko, das die betreffende Bank im Devisengeschäft eingeht. Wenn man alle Verkäufe
auf einer einheitlichen Basis, etwa in US-Dollar -- gegen alle Käufe aufrechnet, dann bleibt zumeist eine Differenz, nämlich der Betrag, der nicht durch entsprechende Gegengeschäfte gesichert ist.
Hat eine Bank per Termin mehr US-Dollar gekauft als per Termin verkauft, so ist sie in einer Plus-Position. Das kann ihr gefährlich werden, wenn der Dollarkurs sinkt: Jeder Dollar, der zu einem ursprünglich höheren Kurs gekauft wurde, ohne durch ein Gegengeschäft -- einen Verkauf zum gleichen Termin -- gedeckt zu sein, vergrößert dann den Verlust; er muß an dem vereinbarten Termin für mehr D-Mark abgenommen werden, als bei seinem Verkauf erzielt werden kann.
Umgekehrt bedeutet eine hohe Dollar-Minus-Position (mehr Termin-Dollar verkauft als angekauft) ein Risiko bei steigendem Kurs. Dann nämlich muß die Bank am Fälligkeitstermin Dollars zu einem Preis abgeben, zu dem sie sieh auf dem Markt die Valuta nicht beschaffen kann: Sie muß die Spanne aus den eigenen Reserven oder über Kredite schließen.
Über Risiko und Ertragssituation des Devisenhandels hätte sich das Herstatt-Management täglich informieren können. Die Terminlisten standen zur Verfügung. Direktor Hedderich hat sie regelmäßig eingesehen, Graf von der Goltz häufig.
Darüber hinaus ließen sich die täglichen Umsätze im Termingeschäft aus der Tagesbilanz ablesen, die von der EDV-Anlage ausgedruckt wurde und von der Geschäftsleitung geprüft werden konnte.
Den Herren Hedderich, von der Goltz und Herstatt standen also Mechanismen zur Kontrolle des Geschehens in der Devisenabteilung zur Verfügung. Denkbar jedoch wäre, daß dem Management bestimmte Informationen vorenthalten wurden, daß es Devisengeschäfte gab, die nicht in den vorgelegten Listen auftauchten. Und eben das behauptete die Geschäftsleitung nach der Schließung der Bank. Einer der Herstatt-Handelspartner, die sowjetische Moscow Narodny Bank in London, bat Herstatt Köln in einem Schreiben vom 21. 1. 74 um Bestätigung aller zwischen beiden Instituten noch schwebenden Devisengeschäfte. Als die Hausrevision in Köln daraufhin die Bücher des Bankhauses überprüfte, entdeckte sie, daß neun Termingeschäfte mit der Narodny-Bank Gesamtvolumen 997,4 Millionen US-Dollar -- bei Herstatt nicht ordnungsgemäß erfaßt waren.
Hausrevisor Laa ff unterrichtete sofort -- mit einer streng vertraulichen Notiz vom 25. 1. 74 -- die Geschäftsleitung. Zuvor hatte Laaff mit dem verantwortlichen Direktor, Hedderich, und Chef-Devisenhändler Dattel über die unterlassenen Buchungen gesprochen. Beide -- so Laaff -- waren nicht überrascht: "Herr Hedderich und Herr Dattel begründeten diese Entscheidung mit der Absicht, das Gesamtvolumen der Devisenterminengagements von der Optik her zu reduzieren."
In dem Vermerk, aus dem dieses Zitat stammt, bat Laaff die Geschäftsleitung um eine "kurze Stellungnahme". Sie fiel sehr kurz aus, handschriftlich, in großen Buchstaben, direkt auf dem Geheimvermerk neben der Unterschrift des Revisors: "Unmöglich! Sofort nachbuchen. Herstatt". Das Blatt wurde Graf Goltz sowie den Herren Hedderich und Dattel zur Kenntnisnahme vorgelegt.
Die Geschäfte mit der Narodny-Bank wurden indes zunächst keineswegs "nachgebucht", das heißt: in die Abrechnung für 1973 übernommen. Sie wurden auf neue Rechnung verbucht. Dem Hausrevisor war diese Tatsache bekannt.
Konsequenzen wurden nicht gezogen, weder organisatorisch noch personell. Weder Graf Goltz noch Iwan Herstatt spürten dem "unmöglichen" Vorgang weiter nach. Dany Dattel, der angeblich -- einer späteren Aussage des Generalbevollmächtigten zufolge -- entlassen werden sollte, blieb Chef-Devisenhändler und stellvertretender Direktor.
"Erhebliche Geschäfte waren nicht eingebucht"
Von den unterlassenen und falsch gebuchten Geschäften wurde erst im März wieder gesprochen, als Karl Christoph von der Wirtschaftsprüfer-Gesellschaft Karoli im Hause Unter Sachsenhausen 6 war.
Christoph bat nach Abschluß seiner Prüfung für den Geschäftsbericht 1973 den Chef der Revisionsabteilung um eine schriftliche Erklärung. daß ihm im Rahmen seiner Revisionstätigkeit keine Unregelmäßigkeiten bekannt geworden seien. Diese Erklärung wollte ihm Laaff nicht geben.
Der Hausrevisor berichtete dem Wirtschaftsprüfer (WP) schließlich von den zunächst unterlassenen und dann im Januar 1974 nachgebuchten Devisenkontrakten. Laaff -- so Christoph -- wies darauf hin, "daß er von der Geschäftsleitung hinsichtlich dieser Vorfälle zu Stillschweigen verpflichtet worden sei. Er befürchtete, daß ihm aus seiner Information an mich Nachteile erwachsen könnten, und er sprach in diesem Zusammenhang sogar von einer möglichen Entlassung."
WP Christoph fand daraufhin bei seinen Nachprüfungen heraus, daß nicht nur die neun Geschäfte mit der Sowjet-Bank in London, sondern 80 weitere Termingeschäfte mit einer Gesamtsumme von etwa 1,2 Milliarden US-Dollar zu spät -- also in 1974 statt 1973 -- erfaßt worden waren.
Der Prüfer setzte schließlich beim Herstatt-Management durch, daß die zunächst nicht zum 31. 12. 73 ausgewiesenen Devisengeschäfte doch noch auf alte Rechnung gebucht wurden. Laut Christoph blieb auch danach noch ein "erheblicher Gewinnsaldo" aus Devisengeschäften 1973, obwohl die zunächst nicht gebuchten Kontrakte Verluste brachten -- nach dem Woeste-Bericht 44,6 Millionen Mark.
Das Gefährliche jedoch war nicht ein verringerter Gewinn, sondern die Risiko-Position: Durch die Nachbuchungen ergab sich statt ursprünglich 25 Millionen Dollar eine Netto-Plusposition von 711 Millionen Dollar.
Hermann Karolis Mitarbeiter fertigte dann einen Aktenvermerk über die brisanten Vorgänge an -- am 24. Juli. vier Monate nach dem Anlaß, vier Wochen nach dem Zusammenbruch der Bank.
Ganz nebenbei unterstützte dieser Aktenvermerk in einem Satz Gerlings Schuldthese. Christoph will Gerlings Finanzchef Anton Weiler, Mitglied des Aufsichts- und des Verwaltungsrates der Herstatt-Bank, in einer mehrstündigen Unterredung am 15. 5. 1974 -- zwei Monate nach seinen frappierenden Funden im Bankhaus Herstatt -- unterrichtet haben, daß die Bank ein zu großes Devisenrad drehe "und daß erhebliche Termingeschäfte von Herrn Dattel per 31. 12. 1973 nicht eingebucht worden waren".
Dieses Gespräch kam nach Weilers Erinnerungen freilich eher zufällig zustande. Nach einem Essen habe Christoph beiläufig von den Buchungsmanipulationen erzählt. Kein Wort darüber, wie es möglich gewesen sein soll, daß ein Mann allein Geschäftsbelege über ein Handelsvolumen von gut zwei Milliarden US-Dollar -- fünftausend Millionen Mark -- verschwinden ließ.
Zu verheimlichen waren die Transaktionen auf längere Sicht nicht; sie sollten auf Dauer auch gar nicht verheimlicht werden. Die verzögerte Aufnahme in die Bücher hatte vielmehr ein anderes Ziel: Durch die zeitliche Verlagerung der Geschäfte mit Moscow Narodny und anderen sollte
das gewaltige Volumen des Devisenhandels und vor allem die bedrohliche Netto-Position verkleinert werden.
Wer hatte für dieses Manöver ein Motiv? Das Herstatt-Management und zunächst auch der Vorsitzende des Verwaltungs- sowie des Aufsichtsrates, Gerling, unterstellten, daß Devisenhändler Dattel große Verluste vertuschen wollte. Doch allzu plausibel ist diese These nicht.
* Mindestens Direktor Hedderich wußte, daß der Umfang des Devisenhandels 1973 -- wie Revisor Laaff in seiner Notiz vom 25. 1. 74 bestätigte -- "von der Optik her" durch Verschiebung der Buchungen verkleinert werden sollte.
* Spätestens seit diesem 25. 1. 74 wußte das gesamte Herstatt-Management von den verschleppten Termingeschäften. Spätestens an diesem Tag hätten die Herren ihren Devisenhändler feuern müssen, wenn sie ihm Verdunkelung unterstellt hätten.
* Das Herstatt-Management hat keine Saldenbestätigungen von anderen Banken angefordert, obwohl der Verdacht naheliegen mußte, daß vielleicht weitere Geschäfte nicht korrekt erfaßt worden waren.
* Die Belege der "Sondergeschäfte" -- so wurden die aufgeschobenen Devisenkontrakte zumindest von Hedderich und Dattel bezeichnet -- wurden von Dattel in einem Ordner gesammelt, der im Devisenhandelsraum stand.
Plausibler erscheint deshalb Dattels Geschichte der "Sondergeschäfte": Mitte 1973 -- der US-Dollar hatte den steilsten Sturz seit der Weltwirtschaftskrise hinter sich, Herstatt war für rund 20 Milliarden Mark im Devisengeschäft engagiert -- erörterte Graf Goltz mit seinem Chef-Devisenhändler und Direktor Hedderich die Situation. Goltz meinte, es wäre gut, wenn die Bank das Volumen ihrer Devisengeschäfte verkleinern könnte.
Dattel winkte ab: Er sähe keine Chance, den Umfang des Devisenhandels ohne massive Verluste rasch abzubauen. So blieb nur ein Ausweg, der Bank die stets gefürchtete Sonderprüfung zu ersparen. Goltz, Hedderich und Dattel einigten sich, eine Reihe von Devisenabschlüssen nicht in die Terminlisten zu nehmen.
Wie aber konnten überhaupt Devisentermingeschäfte aus dem
Rechenwerk herausgehalten werden? Auf ebenso einfache wie verläßliche Art: Durch Druck auf eine Abbruchtaste in der elektronischen Datenverarbeitungsanlage.
Bei einem ordentlichen Handel bekommt ein Kunde, der ein Devisengeschäft abschließt, eine schriftliche Bestätigung seiner Bank, bei Herstatt, ähnlich wie bei anderen Instituten, ein Blatt des Durchsehreibesatzes, der in Köln mit Hilfe einer Nixdorf-Kleincomputer-Anlage ausgefertigt wurde; die Einzelheiten des Geschäfts wurden dem Händlerzettel entnommen, den die Devisenhändler per Hand ausgefüllt hatten.
Durch Knopfdruck gab dann -- üblicherweise die Mitarbeiterin an der Nixdorf-Anlage die erforderlichen Buchungssätze auf einen Lochstreifen, der -- über eine Magnetplatte -- die betreffenden Informationen schließlich an die EDV-Anlage lieferte.
Dieser Informationsfluß wurde im Hause Herstatt nach Bedarf an einer bestimmten Stelle unterbrochen: Durch eine sogenannte Abbruchtaste konnte die Übernahme der Buchungsdaten von der Nixdorf-Anlage auf den Lochstreifen verhindert werden. Die Bestätigung für den Kontrahenten eines Termingeschäftes war dann zwar ordnungsgemäß geschrieben, aber das Geschäft wurde nicht an die EDV-Anlage gegeben und erschien nicht auf den täglichen Terminlisten.
Im Leitzordner aufbewahrt wurden die Blätter des Vordrucksatzes, die nicht als Bestätigung verschickt wurden.
Die Abbruchtaste -- ursprünglich für kurzfristige Termingeschäfte gedacht -- wurde bei Herstatt seit dem Frühjahr 1973 immer häufiger gedrückt, im Verlauf des Jahres dann zunehmend für Termingeschäfte mit Fristen von mehreren Monaten oder mehr als einem Jahr, eben jene Geschäfte, die für 1973 überhaupt nicht mehr verbucht werden sollten, Sie hießen auch "Sternchengeschäfte". Die Händler kennzeichneten diese Kontrakte durch einen Stern in der rechten oberen Ecke auf ihren Händlerzetteln. So erfuhr die Mitarbeiterin an der Nixdorf-Anlage, wann die Abbruchtaste auszulösen sei.
Nach Dattels Aussagen hatte die Geschäftsleitung volle Kenntnis von diesen Praktiken. Klar ist, daß zumindest Dattels unmittelbarer Vorgesetzter, Direktor Hedderich, den Mechanismus der Abbruchtaste kannte, den er mit den Nixdorf -Computerexperten abgesprochen hatte.
"Ich habe keine Linie mehr für euch."
Gescheitert ist das Bankhaus Herstatt letztlich nicht an den zunächst unterlassenen und dann nachvollzogenen Buchungen eines großen Teils der Devisengeschäfte aus 1973, sondern an dem, was dahinter stand: an dem zu großen und zu risikoreichen Eigengeschäft der Bank auf den Finanzmärkten, an der massiven Spekulation mit eigenen Mitteln.
Daß Iwan Herstatt sich der Gefahren bewußt war, läßt sich aus der Tatsache schließen, daß er selbst seit 1973 des öfteren von einem Limit sprach, das angeblich nicht überschritten werden durfte. Dieses Limit soll 25 Millionen Dollar für die Netto-Position -- den Saldo zwischen Terminkäufen und -verkäufen -- betragen haben.
Nach der Schließung der Bank, als einige Tausend Anleger, unter ihnen Neven Du Mont und Fernsehplauderer Werner Höfer, der Kardinal und der Kämmerer von Köln, Vermögen verloren hatten, behauptete Herstatt, er sei immer davon ausgegangen, daß seine Händler dieses Limit nie überschritten hätten.
Tatsächlich muß die Risikoposition 1973 in manchen Monaten weit über 25 Millionen Dollar gelegen haben. Anders wären auch die großen Verluste, die 1973 -- wie Vergleichsverwalter Walter Reiss später errechnete -- zeitweilig die haftenden Mittel der Bank um mehr als das Doppelte überschritten, nicht erklärbar.
Spätestens am 25. Januar 1974 erfuhr Herstatt durch seinen Revisor Laaff, daß die Netto-Position Ende 1973 das 28fache seines angeblichen Limits ausmachte. Was Herstatt nicht wußte oder nicht wissen wollte, war auf den internationalen Finanzmärkten zumindest als Gerücht längst bekannt.
Denn die sind, wie Dattel wußte, "sensibel und geschwätzig". Er sollte es bald zu spüren bekommen. Im Herbst 1973 geriet das Bankhaus in eine kritische Entwicklung, aus der es schließlich kein Entrinnen mehr gab.
Herstatt hatte immer gegen den Dollar spekuliert und bis Mitte November 1973 stets eine Dollar-Minusposition gehabt (Spekulation auffallenden Dollarkurs). Dann kam die Ölkrise. Dattel setzte auf eine Befestigung des US-Dollars. Er drehte die Position: Durch massive Ankäufe wurde aus der Minus-Position eine hohe Plus-Position.
Bis Mitte Januar 1974 lag Dany Dattel damit richtig. Dann sackte der Dollarkurs wieder ab. Wenn Dattel nicht erhebliche Verluste hinnehmen wollte, mußte er die Position wiederum drehen, also Dollar per Termin verkaufen. Und das mißlang.
Bereits 1973 hatten viele Banken ihre Limits für den Handel mit Herstatt gekürzt. Anfang 1974 mußten sich Dattel und seine Devisenhändler am Telephon immer öfter von ihren bisherigen Partnern sagen lassen, daß sie mit Herstatt nur noch im begrenzten Umfang handeln könnten. Manche stellten sogar lakonisch fest: "Ich habe keine Linie mehr für euch" (das heißt: kann nicht mehr mit euch handeln).
Die Schweizerische Bankgesellschaft in Zürich, die vorher kein Limit für Geschäfte mit Herstatt hatte, schränkte gegen Ende 1973 den Handel drastisch ein, ebenso die drei Großbanken und eine Reihe anderer westdeutscher Institute. Die Zentralsparkasse Wien -- vorher unbegrenzt engagiert -- hatte ab Mitte 1973 nicht mehr mitgemacht.
Ein Kontrakt über 100 Millionen Dollar etwa, die Dattel im Dezember 1973 per Termin Mai 1974 zum Kurs von 2,70 Mark gekauft hatte, brachte bei Fälligkeit Verluste, wenn nicht gleichzeitig zu diesem Termin und dem damals geltenden Kurs 100 Millionen verkauft wurden. Denn bei Fälligkeit mußte Herstatt die 100 Millionen zu 2,70 Mark abnehmen; er wurde sie nur für 2,40 Mark wieder los -- die Differenz, 30 Millionen Mark, machte den Verlust aus.
Dattel konnte ab Ende Januar 1974 fast nur noch Kassa-Geschäfte abschließen. Anfang März fanden sich in der Kasse Verluste von über 200 Millionen, Ende April bereits über 600 Millionen Mark. Die zum Jahresbeginn noch anfallenden Gewinne aus Termingeschäften konnten spätestens ab Ende Februar die hohen Verluste in der Kasse nicht mehr ausgleichen.
Die Tarngeschäfte liefen seit März 1973.
Das Bankhaus Herstatt steckte in einem verhängnisvollen Kreislauf: Der Devisenhandel konnte seine Schieflage -- mangels potenter Partner -- nicht beseitigen, die unausweichlichen Verluste zwangen zur verstärkten Liquiditätsbeschaffung, diese wiederum brachte neue Verluste durch Zinsen und Provisionen.
Liquidität schaffte Herstatt überwiegend auf dem inländischen Geldmarkt an. Aber auch aus dem Ausland flossen Mittel. Und hier kam der Bank eine abenteuerliche Methode zugute, die bereits 1973 erfolgreich zur Kaschierung von zeitweiligen Verlusten in der Kasse praktiziert worden war.
Die grundlegende Idee -- Dattel behauptet, auch andere Banken seien darauf gekommen -- ist einfach: Durch Devisengeschäfte mit fiktiven Kursen wird ein Kredit hin- und herbewegt und als Gewinn oder Verlust ausgegeben. Wichtigste Voraussetzung ist, daß die Bank Partner findet, die bereit sind, bei solchen Manipulationen mitzumachen.
In der Praxis sah das bei Herstatt etwa so aus: Am 26. 3. 1974 verkauft Herstatt Köln der Econ-Bank in Zürich in mehreren Kassageschäften (per 28. 3. 74) 370 Millionen Dollar. Der Durchschnittskurs: 2,90 Mark; der tatsächliche amtliche Mittelkurs beträgt am 26. 3. jedoch 2,5475 Mark.
Ein schlechtes Geschäft für Econ, insbesondere, da Herstatt Köln am gleichen Tage ebenfalls per 28. 3. den gleichen Betrag von Econ zurückkauft, das allerdings zum Dollarkurs von 2,50 Mark. Herstatt Köln erhält also für die 370 Millionen Dollar circa 1075 Millionen Mark, bezahlt jedoch für die gleiche Summe nur rund 925 Millionen. Die Differenz ist ein "Gewinn" von 150 Millionen Mark für Herstatt Köln, ein "Verlust" in der gleichen Höhe für Econ -- auf einem bei Herstatt Köln geführten Konto.
Teil zwei der Transaktion läuft unter Beteiligung der Herstatt Bank in Luxemburg ab. Am 28. 3. stellt Luxemburg der Econ-Bank 150 Millionen als Geldmarktkredit zur Verfügung. Das Geschäft wird auf den Konten der beiden Banken bei Herstatt Köln gebucht. Das Econ-Konto ist damit wieder ausgeglichen. Herstatt Köln hat eine Forderung in Höhe von 150 Millionen Mark gegen Herstatt Luxemburg, weil der Kredit für Econ vom Konto der Herstatt Luxemburg in Köln abgebucht wird.
Teil drei: Da Econ den Kredit zurückzahlen muß, werden in mehreren, Geschäften per 1. 4. 74 insgesamt 350 Millionen Dollar bewegt -- wiederum zu willkürlichen Kursen. Herstatt Köln kauft für 2,93 Mark und verkauft für 2,49 Mark. Für Econ bleibt ein "Gewinn" von 150 Millionen Mark plus einer Provision -- die laut Dattel immerhin ein Viertel Prozent des Pseudogewinns ausmachte. Mit den 150 Millionen zahlt Econ den Kredit -- einschließlich Zinsen -- an Luxemburg zurück.
Für Herstatt Köln war diese ganze Transaktion wichtig, weil sie ihrem Devisenkonto einen "Gewinn" brachte" nur für ein paar Tage zwar (vom 28. 3. bis 1. 4.), aber eben über Monatsultimo hinweg. Zum letzten Geschäftstag des Monats mußte immer der Bilanzausweis für Bundesbank und Aufsichtsamt angefertigt werden. Durch die Dreiecksgeschäfte wurde also in erster Linie mit Hilfe künstlicher Kurse die Ertragsrechnung bei Herstatt Köln verschleiert.
Diese Tarngeschäfte mit fiktiven Wechselkursen betrieb das Bankhaus Herstatt zumindest seit März 1973. Partner waren vor allem die sowjetische Moscow Narodny Bank in London, die Zentralsparkasse Wien, der Schweizerische Bankverein in Basel, Albert de Bary in Amsterdam. Vielfach war Herstatt Luxemburg daran beteiligt, in einigen Fällen handelte es sich jedoch nur um zweiseitige Geschäfte, so etwa mit der Sowjet-Bank in London. Bisweilen liefen die Kaschierungsgeschäfte nicht nur über Tage, sondern über Monate. Nicht alle Transaktionen dieser Art wurden bei Herstatt Köln als Termingeschäfte für 1973 verbucht.
Wie sah unter diesen Umständen die Herstatt-Bilanz 1973 tatsächlich aus? Wenn die Herstatt-Devisengeschäfte mit fiktiven Kursen als, das angesehen werden, was sie wirklich waren -- getarnte Kreditgeschäfte -, und wenn entsprechende Scheingewinne und Scheinverluste aus der Ertragsrechnung des Devisenhandels herausgenommen werden, dann bleibt ein verblüffendes Ergebnis: Das Bankhaus Herstatt hätte in der Bilanz 1973 statt eines Gewinns einen Verlust ausweisen müssen. HerstattsTarageschäfte hat ein Experte des Bundesaufsichtsamtes als" Bilanzfälschung und Betrug, so etwas ähnliches wie Wechsel- und Scheckreiterei" bezeichnet. Wer waren die Reiter?
Kassierten manche Partner mehr als nur Gewinne?
In einer "Stellungnahme zu der bedauerlichen Insolvenz unseres Hauses" berichtet Iwan Herstatt von einem Gespräch über Devisenverluste der Bank, das er am 15. 6. 74 mit Graf von der Goltz, Herrn Hedderich und Herrn Dattel geführt habe. Herstatt wörtlich: "Auf unsere Frage, wie er den Verlust verbucht habe, gab Herr Dattel zu, daß in der Basta-Position per 31. 5. 74 "täglich fällige Ausleihungen an ausländische Kreditinstitute, in Höhe von 846 Millionen Mark etwa die Hälfte Verluste aus Devisen-Termingeschäften enthalten sei."
Doch auch an dieser Erklärung sind Zweifel angebracht: Dattel kann gar nicht "den Verlust verbucht" haben. Er hatte weder die erforderlichen Kenntnisse noch die Kompetenz.
Die Devisenhändler konnten zwar in gewissen Grenzen beeinflussen, wie manche Abschlüsse, etwa die "Sternchen-Geschäfte", verbucht werden sollten. Aber die Tarngeschäfte können Dattel und seine Gehilfen kaum allein durchgeführt haben.
Wenn zum Beispiel bei dem Dreiecksgeschäft vom 26. 3. 74 Herstatt Luxemburg der Schweizer Econ-Bank einen Kredit von 150 Millionen Mark gab, so lag diese Entscheidung völlig außerhalb des Einflußbereiches von Dany Dattel. Sie lag in der Führungsetage der Bank.
In seiner Stellungnahme vom 27. 6. 74 erklärte Iwan Herstatt "ausdrücklich, daß ich bis zum 10. Juni 1974 keine Kenntnis von Verlusten aus Devisen-Termingeschäften hatte". Und:" Mir ist bis heute unverständlich, wie im Rahmen der von mir festgelegten Kompetenz Verluste in solcher Höhe entstehen konnten."
Aber: Iwan Herstatt hätte es wissen mussen:
* Ab März 1974 war aus den auch ihm vorgelegten Geldhandelslisten abzulesen, daß die Bank ständig mehr Geld aufnahm.
* In ihrem ersten Quartalsüberblick 1974 wies die Herstatt Hauptbuchhaltung auf den großen Umfang des Devisengeschäfts hin. Durch die zunehmende Geldbeschaffung zum Ausgleich der Verluste (gut 500 Millionen Mark) sei das Zinsergebnis "miserabel" geworden.
* Im Mai 1974 konnte die Herstatt-Bank die Mindestreserve bei der Bundesbank von 150 Millionen Mark nicht erbringen.
Diese Daten wurden auch dem Generalbevollmächtigten von der Goltz vorgelegt. Ob der Fall Herstatt nur eine Frage von Mismanagement oder mehr ist, sucht der Staatsanwalt zu klären.
Besonders untersuchenswert erscheint dem Kölner Fahnder Manfred Willems die Rolle der Frankfurter Devisenhandelsfirma "Intervalor Geld- und Devisenmakler GmbH & Co KG" der Herren Arden, Boos und Blaeser, die sich bester Beziehungen zur Herstatt-Bank erfreute. Blaeser hatte die Feinheiten des Handwerks einst bei Herstatt gelernt, Arden war laut Staatsanwalt Teilhaber der Econ-Bank. jenes Schweizer Instituts, das 1973 im Devisenhandel mit Herstatt nach Ansicht des Bank-Chefs nur Gewinne machte -- auf Kosten der Kölner.
Schon im August 1971 monierte Revisor Laaff, daß Arden, Blaeser und Boos lange vor der Eröffnung ihres Kontos Nr. 105734 Devisengeschäfte über Herstatt abgeschlossen hätten. "Bei anderen Banken" -- so Laaff "hätten diese Herren meines Erachtens solche Geschäfte nicht abwickeln können."
Bemerkenswert schien Laaff auch damals bereits, daß "diese Herren" außer ihren Gewinnen über das Konto 277412 der Firma Intervalor nicht nur die Courtage kassierten, sondern auch "Überschüsse aus dieser Geschäftssparte, die als Kursdifferenzen deklariert sind". Vier Jahre später fiel Staatsanwalt Willems auf, daß Händler Arden zeitweise riesige Herstatt-Geschäfte abgewickelt hatte. Vorsichtshalber bezog der Jurist den Frankfurter Makler in den Kreis jener ein, gegen die im Fall Herstatt ermittelt wird.
Nach wie vor auch wird die Staatsanwaltschaft den Verdacht nicht los, ein Teil der Verluste sei auf kriminelle Weise entstanden: Eine "Mafia der Devisenhändler" (so ein Staatsanwalt) könnte durch komplizierte Geld- und Devisenverschiebungen und Belegfälschungen sich zu Lasten der Banken bereichert haben -- etwa indem einem Institut Verluste aufgebürdet und die Gewinne anschließend unter den beteiligten Händlern verteilt wurden.
Belege, die diesen Verdacht stützen, liegen -- so die Staatsanwaltschaft -- inzwischen in Köln vor.
Im nächsten Heft
Haben die Kontrollinstanzen versagt? Der Wirtschaftsprüfer findet nichts Anstößiges -- Der Abwickler beschäftigt die falschen Hilfskräfte

DER SPIEGEL 14/1975
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