20.01.1975

„Ich will runter von der Liste“

SPIEGEL: Herr Staeck, auf Ihren Plakaten zeichnen Sie die "Konturen eines Amtsarsches" nach und stellen Franz Josef Strauß als einen Kastrierer dar. Ist es nicht naiv, Alarm zu schlagen, wenn sich dann wirklich mal einer auf Sie setzt oder mit dem Messer auf Sie losgeht?
STAECK: Es ist, glaube ich, mein gutes Recht, mich zu wehren. Ich würde meine eigene Arbeit verraten, wenn ich die Maßnahmen gegen mich einfach so hinnähme.
SPIEGEL: Sie rechnen damit, für Ausstellungen Ihrer Arbeiten keine Zuschüsse des Auswärtigen Amtes mehr zu bekommen, und sprechen deswegen von Zensur. Wollen Sie jede Verweigerung von Subventionen so nennen?
STAECK: Die Nichtgewährung von Zuschüssen, auf die zunächst einmal jeder Anspruch hat, ist die moderne Form von Zensur. Aber zum konkreten Fall: Wir waren von englischen Stellen eingeladen, die nur zum Schluß um einen relativ geringen deutschen Zuschuß baten. Ich hätte ja nichts machen können, wenn ich nur, als einer von vielen tausend Wartenden, nie eingeladen und nie unterstützt worden wäre. Erst die nachträglich verfügte Zensur macht den Fall so klar.
SPIEGEL: Wörtlich genommen, hat der Minister nur den Zuschuß ohne vorherige Prüfung mißbilligt.
STAECK: Es ist aber inzwischen authentisch interpretiert worden, daß in meinem Fall die Förderung nicht zulässig gewesen sei; und das ist eine ganz klare Handlungsweisung für die Bürokratie. Genscher hat pauschal gesagt: Diesen Mann nie wieder. Und wenn ich noch in einem der Goethe-Häuser irgendwo in der Welt ausstellen möchte. ziehen die doch einfach den Ukas aus dem Schreibtisch.
SPIEGEL: Bestreiten Sie, daß Politiker das Recht oder sogar die Pflicht haben, die Verwendung öffentlicher Subventionen zu überwachen?
STAECK: Selbstverständlich haben sie die Pflicht. Aber die Frage ist doch: Wo sind die Maßstäbe? Das ist in meinem Fall nie gesagt worden. Ich muß sogar noch "Bild am Sonntag" dankbar sein, daß ich überhaupt von der schriftlichen Anfrage des CSU-Abgeordneten Schulze-Vorberg erfahren habe und nachforschen konnte, was sich da abspielte. Sonst wäre über mich ein, wie ich es nenne, Ausstellungsverbot zunächst im Ausland verhängt worden, ohne daß ich davon Kenntnis erlangt hätte. Jetzt kommt aber bei der ganzen Diskussion so bruchstückhaft heraus, daß es vor allem um das Plakat "Entmannt alle Wüstlinge" geht.
SPIEGEL: Wundern Sie sich denn, daß Schulze-Vorberg daran Anstoß genommen hat?
STAECK: Das Problem ist nicht, daß hier jemand Anstoß genommen hat. Ich werde seit Jahren von der CDU/CSU als Verleumder, Hetzer, Linksradikaler diffamiert. Das Neue war, daß plötzlich ein Minister einer liberalen Partei diese CSU-Gedanken vollinhaltlich übernimmt.
SPIEGEL: Aber daß die Bundesregierung generell keine Anti-Strauß-Kampagnen im Ausland finanzieren sollte, ist doch ein ziemlich einleuchtender Standpunkt -- oder?
STAECK: Ja, Sie müssen nur bedenken, daß zu allen meinen Arbeiten eine Irritation, eine doppelte Lesbarkeit gehört. Immer stellt sich die Frage: Ist das Kunst oder politische Agitation? Meine Kunst besteht darin, diesen Streit hervorzurufen. Der Betrachter irrt sich, sobald er sich nur für eines entscheidet, und diesen Konflikt brauche ich, um zu einer Diskussion über gesellschaftliche Probleme zu führen. Die "normale" Kunst bringt das ja in der Rege] nicht fertig. Aber meine Arbeit ist keineswegs auf SPD-Propaganda zu reduzieren, ich habe auch nie ein Plakat im Auftrag der SPD gemacht.
SPIEGEL: Entschiedener als für eine Partei beziehen Sie gegen Parteien und Personen Stellung. Strauß, das Messer wetzend, ist das keine Agitation?
STAECK. Ja, aber in dem Sinne, daß ich den Betrachter auf ein bestimmtes Problem hinweise. Sie müssen auch sehen, daß dieses Plakat vor den Bundestagswahlen 1972 entstanden ist, als eine ganz bestimmte ordnungspolitische Hysterie in den Wahlkampf eindrang. Diese Parolen habe ich übersteigert und damit ad absurdum geführt, wobei sogar ein gewisser humoristischer Effekt entsteht.
SPIEGEL: Ist es nicht logisch, daß Sie in dem gleichen Maß, in dem Ihre Kunst politisch wird und aus dem Käfig des bloß Ästhetischen ausbricht, auch das Schutzdach der sogenannten Kunstfreiheit verlassen?
STAECK: Ich verlasse es nie völlig, erweitere aber den Kunstbegriff ganz bewußt. Außerdem gibt es immer noch das Recht der Meinungsfreiheit.
SPIEGEL: Das steht jedem zu. Es wird ja mittlerweile tatsächlich gefragt. warum nicht an Ihrer Stelle der rechte Karikaturist Hicks im Ausland repräsentieren und gefördert werden solle.
STAECK: Dazu gehört aber, daß Herr Hicks auch von jemandem eingeladen wird, auswärtige Kulturpolitik ist ja nicht nur ein Hinausschicken. Wenn jemand in London Interesse an der Kunst von Herrn Hicks hätte, bin ich überzeugt, daß er gefördert würde.
SPIEGEL: Hätte sich der ganze Vorgang Ihrer Meinung nach auch schon vor ein paar Jahren abspielen können?
STAECK: Nein, das war nicht möglich. Ich habe zum Beispiel noch vor einem Jahr eine Ausstellung im Goethe-Haus New York gezeigt und dort einen Vortrag gehalten, da hat kein Mensch Anstoß genommen. Daß sich jetzt der CSU-Geist, aus was für Gründen immer -- ich nenne sie opportunistische Gründe -, in einer liberalen Partei breitmacht, das war ein Signal nicht nur für mich, daß sich ganz Entscheidendes abgespielt hat.
SPIEGEL: Was?
STAECK: Zwei Tage vor der Eröffnung der Londoner Ausstellung haben Herr Strauß und Herr Dregger große Wahlsiege errungen; das sind Fakten, die das Klima weiter verändert haben.
SPIEGEL: Der "Fall Staeck" -- ein Zeichen der "Tendenzwende"?
STAECK: Ja, aber noch etwas mehr. Es ist eben eine Forderung meines Kunstbegriffs, daß der Künstler solche Veränderungen wie den Rechtsruck, den wir jetzt haben, erfahrbar macht. Hier geht es nicht einfach um ein Zeichen, sondern die Tiefe der politischen Veränderung wird ausgelotet.
SPIEGEL: Wie schwer würde Sie denn wirklich ein Boykott des Auswärtigen Amts treffen?
STAECK: Meine Arbeit würde dadurch eingeschränkt, aber sie hört nicht auf. Unser Kampf geht auch darum, daß ich von Herrn Genschers Liste wieder runterkomme; ich bin nicht der Meinung, daß dieser Staat so kaputt ist, daß nur auf revolutionärem Wege etwas geändert werden könnte.
SPIEGEL: Und unter einer absoluten CDU/CSU-Mehrheit?
STAECK: Wenn es so weitergeht wie bisher, weiß ich, was uns erwartet. Wenn alle Liberalen noch umfallen, wenn die engagierten Leute resignieren. wird es für mich keine Wirkungsmöglichkeit mehr geben. Aber im Augenblick ist es nicht nur meine Aufgabe, mich mit allen demokratischen Mitteln dafür einzusetzen, daß Herr Strauß nicht an die Macht kommt.

DER SPIEGEL 4/1975
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