27.01.1975

THEATERAb ins Tal

„Auf dem Chimborazo“. Stück von Tankred Dorst. Berliner Schloßpark-Theater; Regie: Dieter Dorn. Als Humboldt den Chimborazo bestieg, war die Luft so dünn, daß er nicht mehr ohne Brille lesen konnte. Professor Galletti
Dergleichen tröpfelt gern, als Hörspiel, aus dem Radio: Leute, die ohne Plot und Sinn reden, familiäre Miseren aufdeckend, die Lebensschwäche als Schweiß auf der Stirn, die Lebenslüge als Schaum vor dem Mund.
Im Theater ist man ihnen schonungsloser ausgesetzt, da kein gnädiger Knopf da ist, mit dem sich"s zu UKW II weitergleiten läßt. Sonst aber macht die optische Präsenz diese Pappkameraden des Familienmiefs und Abziehbilder der Bürger-Endzeit um keine Spur interessanter, lebendiger. Sie sind flach und zur Leblosigkeit ausgelatscht wie Werbeträger, obwohl sie statt des Dufts der großen weiten den Mief der kleinen engen Welt verbreiten wollen, obwohl bei ihnen, wenn der Tag geht, nicht Johnnie Walker, sondern das plappernde Elend kommt.
Die Rede ist von Tankred Dorsts neuem Bühnenstück, betitelt "Auf dem Chimborazo". Der Autor selbst hat es als Neben-, Abfallprodukt einer anderen dramatischen Arbeit bezeichnet. Trotzdem wurde die Uraufführung am Berliner Schloßpark-Theater in der Erwartung zum "Theaterereignis" hochstilisiert.
Einmal, weil Tankred Dorst seit seinem "Toller" und seit seinem Hamsun-Lebensbogen "Eiszeit" sich als klimafeste Oase in allgemeiner Stücke-Dürre bewährt hat. Zum anderen, weil es mit neuen Stücken eben so ist, wie es ist: Unter Blinden ist das Hörspiel König.
Jetzt also "Auf dem Chimborazo": Eine Mutter, ihre zwei Söhne, Versager, ihre schwerhörige Freundin und ein plumpes Mauerblümchen, das vom älteren Sohn, der hinkt, schüchtern geliebt und zur Heirat begehrt wird, besteigen einen Berg an der Grenze zur DDR, welche sie, Flüchtlinge, die sie sind, "Zone" nennen. Sie wollen da, sichtbar für ihre alte, grenznahe Heimat, ein Feuer entzünden. Schon die Erwartung und Vorbereitung läßt sie in ihrer eigenen Vergangenheit wühlen. Da das Mädchen nur dazu auf die Bühne tritt, um des hinkenden Sohnes (er arbeitet, obwohl Ingenieur, nur halbtags beim TÜV) schwächliche Abhängigkeit von der Mutter zu demonstrieren, wird sie rasch abserviert: Ihre Sohle bricht, schnell schickt sie. der Autor ab ins Tal.
Jetzt sind Mutter, Söhne, altjüngferliche Freundin unter sich (an die Zuschauer denken sie leider nicht) und dürfen sich erinnern. Weißt du noch ... Vater hat immer ... Wir spielten als Kinder gerne nach Indien fahren ... Unser Garten war verwildert ...
Dorsts Technik dabei ist (Motto: Handlung ist Lüge), sie einfach vom Hundertsten ins Tausendste kommen zu lassen. Zur dramatischen Aufmunterung läßt er die ältere Dame Ameisen in ihrem Apfelkompott finden -- Dorsts dramaturgische Redlichkeit kennt keine Grenzen.
Die Satire auf westdeutsche Selbstgefälligkeit und Provinzialität im Angesicht der Grenze (wie gehabt) wollte Dorst nicht schreiben. Gut. Das Familien-Ohnsorg wollte er, trotz Apfelmus, nicht veranstalten. Auch gut. Was er aber eigentlich wollte, hat er "Auf dem Chimborazo" redselig verschwiegen.
Denn es kann doch nicht sein Ernst gewesen sein, den Zuschauer in aufrichtigster Enthaltsamkeit fünf Papiergestalten aufs Maul schauen zu lassen, die dann auch irgendwie zeigen, daß die bürgerlichen Fassaden Fassaden sind.
Die ältliche Freundin hatte ein armes Leben und ist"s dennoch zufrieden, obwohl sie von der Sohnes-Mutter im-
* Mit Marianne Hoppe und Friedheim Ptok.
mer noch geschurigelt wird. Mutter verstand sich mit Vater nicht, vergoldet daher ihre Vergangenheit. Sie ist stolz auf ihre Söhne, verklärt deren Berufsleben (O'Neill, hilf! Tennessee Williams, steh uns bei!). Der eine, ältere läßt sich von ihr triezen, wahrscheinlich, weil er die "Glasmenagerie" gesehen hat. Der Jüngere begehrt schon mal auf, vermutlich, weil er gerade aus den "Gespenstern" oder der "Wildente" kommt.
Da Dorsts Figuren-Sprache hier vom Alltagsstenogramm durch dichterische Ziele, von der Satire durch Freundlichkeit und von den dichterischen Zielen durch Alltagsstenogramme getrennt ist, klingt das Ganze wie Tschechow geteilt durch Friederike Kempner. Wenn die Bergbesteiger sich zaghaft angiften, wirkt das wie ein Strindberg von Neckermann, wenn sie ihre sinnlose Nichtigkeit anblinzeln, ersteht die Vision eines Karstadt-Beckett, Weltschmerz, im Dutzend billiger, haltbar, unschädlich, harmlos.
Dieter Dorns Berliner Inszenierung glückte geradezu der Beweis, daß das deutsche Theater, auf seiner Höhe, auch vor Adreßbüchern nicht zurückschrecken müßte. Das Bühnenbild tönte auf die Liedfrage "Wer hat dich, du schöner Wald," aufgebaut so hoch da droben?" die klare, mit echten Tannen belegte Antwort: Wilfried Minks. Marianne Hoppe machte aus der Mutter, die bessere Tage erlebt hat, das faszinierende Wrack einer Salondame: wo sie hinsingt, wächst kein Zweifel mehr. Und Johanna Hofer hatte stille, rührende, unsentimentale Momente, die einen vermuten ließen, hier habe sich eine verhalten große Schauspielerin aus einem Theaterstück auf den Chimborazo verlaufen.
Den Söhnen jedoch konnte kein Dieler Dorn aus der plappernden Funkstille helfen. Da der ältere (Peter Herzog) immer verschreckt weghumpeln darf. wenn"s brenzlig wird, hatte er den undankbareren, also dankbareren Part. Friedhelm Ptok dagegen mußte in seiner Rolle unvermittelt Monologe über Dichterekel vor der Sprache, Illusion der sogenannten freien Berufswahl, Monotonie eines Bibliothekarsdaseins, Anmerkungen zur deutschen Teilung sowie ein Sonett von Andreas Gryphius über der Menschen sinnloses Treiben anbringen. Und das tat er denn auch.
Fazit: Vom Glauben wußte man, daß er Berge versetzen kann. Von Dorst weiß man jetzt, daß der Chimborazo nach wie vor in Südamerika steht.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 5/1975
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